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Mythos Watzmann Ostwand - Ein Tourenbericht

02.11.2011

Mythos Watzmann Ostwand – Ein Tourenbericht

Um die Watzmann Ostwand ranken sich viele Mythen. Viel wurde geschrieben und erzählt über Erfolge, Rekorde und Tragödien. Sie ist mit ihren 1800 Metern Wandhöhe eine der größten Wände der Alpen und die größte der Ostalpen. Erstbestiegen wurde die sie 1881 durch Johann Grill, den „Kederbacher“, einen Berchtesgadener Bergführer. Seitdem wurde die Watzmann Ostwand über zahlreiche Routen in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden durchstiegen.

Bei Planung zur Watzmann Ostwand

Bei Planung zur Watzmann Ostwand

Als Normalweg wird heute der „Berchtesgadener Weg“ angesehen. Er ist mit dem oberen 3. Schwierigkeitsgrad der leichteste Anstieg durch die Wand. Ca. 2/3 der Ostwand Aspiranten steigen über diesen Weg zum Gipfel. Gefolgt vom „Kederbacher Weg“ (Schwierigkeitsgrad 4-) und dem „Salzburger Weg“ (Schwierigkeitsgrad  5) bilden diese drei Anstiege die bekanntesten. Die Schwierigkeiten in der Wand sind jedoch meistens nicht die großen technischen Anforderungen. Vielmehr die Länge der Tour die eine überdurchschnittliche Kondition erfordert, die hohe Steinschlaggefahr, das Wetter und vor allem die Wegfindung in der Wand, sind schon zahlreichen Bergsteigern zum Verhängnis geworden.

Aber genug Fakten! Viel interessanter ist es doch, wie es wirklich in der Watzmann Ostwand ausschaut. Wie schwer ist sie wirklich, wie schwer die Wegfindung und wie anspruchsvoll die konditionellen Anforderungen. Dies wollte ich genauer wissen.

Watzmann Ostwand über den Berchtesgadener Weg

Schon lange steht diese Wand über den „Berchtesgadener Weg“ zu besteigen ganz oben auf meiner Touren-Wunschliste. Ein paar Mal hatte ich sie auch schon geplant, doch immer wieder ist kurzfristig was dazwischen gekommen. Mal war es das Wetter, mal ist mein Tourenpartner abgesprungen. „Aber in diesem Herbst muss sie fallen“, das war klar! Ein mehrwöchiges stabiles Herbsthoch versprach super Verhältnisse in der Wand und der Christoph, mein Tourenpartner und ich waren nach einem sehr aktiven Bergsommer echt topfit, so stand einer Begehung wohl nichts mehr im Wege.

Am Gipfel des Watzmann

Am Gipfel des Watzmann

Wir nahmen uns zwei Tage Zeit für diese Unternehmung. Am  ersten Tag stand nur die Anreise mit dem Auto noch Schönau am Königsee und die Schifffahrt nach St. Bartholomä auf dem Programm. Etwas merkwürdig kam uns das schon vor, als wir zwischen den Touristenmassen eingepresst über den See geschippert wurden und der Bootsführer dann auch noch das berühmte Königssee Echo mit seinem Horn blies. „Und dabei wollten wir doch eigentlich zum bergsteigen!“ Am Nachmittag hatten wir noch genügend Zeit, und so erkundeten wir schon mal das erste Stück Weg  bis zur Eiskapelle, wo sich der Einstieg in die Wand befindet. Die knapp 2000Hm Fels, die sich über uns aufbauten, erschlugen uns förmlich. Wir saßen eine ganze Zeit lang da, studierten das Topo und die Wand, und waren einfach nur überwältigt. Die Ruhe um uns herum war „die Ruhe vor dem Sturm“.  Konditionell hatte ich keine Bedenken, auch das Wetter und die Verhältnisse konnten nicht besser sein.  Aber irgendwie hatte ich doch ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Die Watzmann Ostwand, von der ich schon so viel gehört hatte, in der sich schon so viele Tragödien abgespielt hatten beeindruckte mich schwer.

Der Königssee ist selten so ruhig

Am Königsee

Am Königsee

Wenn am Abend die Touristenmassen mit dem Boot zurück fahren und sogar der Wirt und der Fischer vom Königssee nachhause fahren, wird es ruhig auf St. Bartholomä, angenehm ruhig. Mann ist nun wirklich abgeschieden vom Rest der Welt und wir fühlten uns allmählich wieder wie richtige Abenteurer. Übernachten kann man im „Ostwandlager“, eine kleine Hütte mit ca. 40 Schlafplätzen direkt am Seeufer hinter der Kirche von Bartholomä. Den Schlüssel hierfür muss man sich zwischen 17.30 Uhr und 18.00 Uhr beim Wirt abholen. Reservieren kann man aber nicht. Wer zu spät kommt, hat eben Pech gehabt. An schönen Herbst Wochenenden sind oftmals 40-50 Bergsteiger in der Wand. Wir gingen deshalb unter der Woche, da war es mit ca.15 Aspiranten relativ ruhig.

Aufbruch zur Watzmann Ostwand

Als wir uns gegen 6.00 Uhr morgens auf den Weg machten war es noch stock dunkel. Nebel erfühlte das ganze Talbecken, ein Hauch von Abenteuer lag in der Luft. Pünktlich zur Dämmerung waren wir dann am Einstieg und ersparten uns so mühsames Wegsuchen im dunkeln.

Morgens beim Aufbruch zur Watzmann Ostwand

Morgens beim Aufbruch zur Watzmann Ostwand

Im unteren Teil der Watzmann Ostwand erleichtern Steigspuren die Wegfindung. Erst ab dem Schuttkar und spätestens ab der Wasserfallwand wird das Gelände unübersichtlich und man muss schon sehr genau nach dem Weiterweg suchen. Ein durchkommen ist in der Watzmann Ostwand zwar fast überall möglich, jedoch immer schwieriger, als auf der original Führe. In unserem Fall erleichterte die Wegfindung sehr, dass wir zwei anderen Bergsteigern, die die Wand schon mal gemacht hatten, den Vortritt ließen. Außerdem hatten wir ein gutes Topo einstecken, das wir uns ständig zur Hilfe nahmen. Nach dem leichten Gehgelände im unteren Teil, stellen die Platten im Bereich der Wasserfallwand  die erste größere technische Schwierigkeit dar (Bohrhaken). Danach folgt meist schöne, teils brüchige Kletterei in mäßiger Schwierigkeit, bis man die Biwakschachtel erreicht. Von dort geht es dann nochmal ca. eine Stunde hinauf bis zum Gipfel der Südspitze. In diesem Teilstück befindet sich auch die Schlüsselstelle, ein kurzer Steilaufschwung in dem aber zwei Bohrhaken stecken, wo eine Schlinge eingehängt ist. So konnten wir uns daran hinaufziehen, und das Seil blieb während der ganzen Tour im Rucksack. Ganz auf Seil, Expressen und Klemmkeile verzichten sollte man als Ostwand Neuling jedoch nicht. Vor allem im Falle einer Versteigung, kann dies das Leben retten.

Abstiegsmöglichkeiten vom Watzmann

Nach 6 Stunden in der Ostwand am Gipfel der Watzmann Südspitze

Nach 6 Stunden in der Ostwand am Gipfel der Watzmann Südspitze

Sechs Stunden nach unserem Aufbruch vom Ostwandlager standen wir auf dem Gipfel, wo wir uns erst mal eine ausgiebige Brotzeit gönnten. Es gibt nun zwei Möglichkeiten für den Abstieg. Der eine geht direkt von der Südspitze hinab zum Wimbachgries und über dieses hinaus zur Wimbachbrücke. Dies ist der schnellste Abstieg, aber ein fürchterlicher Hatscher und man muss dann erst mal mit dem Bus wieder zurück zum Auto kommen. Die zweite Variante ist die der Überschreitung. Man steigt über Mittelspitze und Hocheck hinunter zum Watzmannhaus und über die Kührointalm direkt hinunter nach Schönau am Königssee, wo das Auto steht. Wir entschieden uns für diesen Abstieg. Er ist zwar nochmal ein gutes Stück länger, wenn man aber noch genügend Kraft- und Trinkreserven hat eine lohnende Alternative. Die Überschreitung ist bestens mit Drahtseilen Versichert und bietet eine grandiose Aussicht aufs Umland. Ab dem Hocheck wird das Gelände leichter und ab dem Watzmannhaus einfach.  An der Kührointalm konnten wir uns noch mit einem kühlen Bier stärken und so erreichten wir nach 12 Stunden Gesamtzeit erschöpft aber glücklich unser Auto.

Watzmann Ostwand – Fazit der Bergtour

 

Belohnung muss sein!

Belohnung muss sein!

Die Watzmann Ostwand steht wohl auf der Wunschliste jeden Bergsteigers ganz oben und so war sie auch für mich ein ganz besonderes Highlight in diesem Jahr. Technisch ist sie nicht besonders schwer. Den oberen 3. Schwierigkeitsgrad sollte man aber seilfrei schon ‚beherschen‘. Wenn man hier außer an den Schlüsselstellen das sichern anfängt, wird man sich gleich auf ein Biwak einstellen können. Schwierig ist die Wegfindung in der Watzmann Ostwand allemal. Gutes Gespür für den richtigen Weg, alpine Erfahrung und ein gutes Topo sind Grundvoraussetzung, einen Ostwand-Kenner dabei zu haben sehr hilfreich. Mich hat die Wand vor allem durch ihre Dimensionen sehr beeindruckt. Eine wahre Heldentat wie sie früher vielleicht einmal war, ist diese Tour freilich schon lange nicht mehr, aber eine großartige Bergfahrt bleibt sie nach wie vor, denn der Mythos „Watzmann Ostwand“ lebt weiter.

4 Kommentare

  1. Ich teile deine Meinung voll !
    Habe sie eben (8. September 2012) mit einem Kumpel gemacht – auch in 6 Stunden; Abstieg über das Wimbachtal. Unsere Alternative war, dort vor der Bootsüberfahrt Fahrräder zu deponieren. So hatte der ganze Spass 10 1/2 Stunden bis Königssee gedauert.

  2. Glückwunsch zum guten Gelingen. Treffender Bericht – Kondition und Orientierung, zudem detaillierte Routenkenntnis (nicht jedes Topo auf A4 bildet die fast 2000m Wand gut ab – im Zweifel lieber mit Führer den ersten Anlauf), die einem auch erlaubt, die zahlreichen, breit getreteten Verhauerpfade als solche zu meiden… Weiterhin viel Erfolg und Freude am Berg!

  3. Ein toller Bericht, der zum Nachmachen einlädt! Leider erst wieder nächsten Sommer möglich…
    Ihr sprecht von einem tollen Topo für die Ostwand. Darf man nach einer Bezugsquelle dafür fragen?
    VG, Daniel

    • Hi Daniel, schön dass dir der Bericht gefällt, das Topo ist aus dem Kletterführer Genussklettern Österreich Mitte vom Alpinverlag. Gibts auch bei uns im Shop siehe Link. VG Flori

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