Alpin

14 Stunden im Januar - Ein Tourenbericht vom Jubiläumsgrat

21.12.2011

14 Stunden im Januar – Ein Tourenbericht vom Jubiläumsgrat

Es kommt vor, dass Bergtouren Anlass geben, das eigene alpine Tun und das eigene Wollen dahinter zu bedenken. Die Zeit am Berg verschafft uns elementare Erlebnisse. Erlebnis einer natürlichen Umgebung, Erlebnis auch unserer Selbst. Da ist Exposition gegenüber Wetter, gegenüber Höhe, gegenüber objektiven Gefahren wie Steinschlag, Lawinen und so fort. Da ist die Auseinandersetzung mit den subjektiven Faktoren und Limiten – Kondition, Technik, Willensstärke. In dieser Exposition, in dieser Auseinandersetzung verschiebt sich das zeitliche Empfinden, es verdichtet sich hin zum Moment. Gestern kollabiert, Morgen schrumpft in sich zusammen, die Gegenwart expandiert. Das intensiviert unser Erleben, macht uns achtsamer, lässt uns uns selbst tiefer und breiter erfahren, denn die gedehnte Gegenwart räumt unseren Sinnen mehr Platz ein. Zwar sind es keine weltbewegenden Entscheidungen, die wir treffen. Links den Turm umklettern oder rechts? Trauen wir dem Wetter? Einfahren in den Hang oder nicht? Doch wir haben in genau auf diese Entscheidungen verdichteten Momenten bewußte Autorität, wir handeln, tun, sehen die unmittelbaren Folgen, bestätigen uns physisch unmittelbar unserer Existenz in diesem komischen Universum. Diese Selbsterfahrung bleibt ein Verlangen. Solche Momente suchen wir immer wieder – und gehen dafür oft auf schmalem Grat.

Am Grat... Jubiläumsgrat, Blick nach Westen über Mittlere und Innere Höllentalspitze

Am Grat... Jubiläumsgrat, Blick nach Westen über Mittlere und Innere Höllentalspitze

Auf schmalem Grat

Das Gehen an die eigenen Grenzen ist ein wenig eine Cliché-Formulierung, eine heroische, natürlich. Können wir überhaupt feststellen, dass oder wie wir an Grenzen gehen? Ja. Einmal implizit, indem wir im Zeitverlauf Fortschritte machen – technisch, konditionell oder auch psychisch. Zum anderen explizit, indem wir Grenzen übertreten. Welches der geeignete Raum für das Ausloten, welches das rechte Maß dabei ist, damit man nicht dummerweise jenseits eigener Grenzen verbleibt, ist die Frage – und die Kunst der Abwägung. Jeder kennt Touren, die gefordert haben – und Touren, die überfordert haben. Der Grat ist oft schmal. “Bergtouren, die man unternimmt, sollte man nicht gewachsen, sondern überlegen sein.” steht bei Paul Preuss. Auch, dass das Können des Dürfens Maß sei, klingt oft in meinen Ohren. Wo und wie dürfen wir unser Können ausloten, die Reichweite unserer Überlegenheit kennenlernen? Eine Methode kann die Vorsicht sein, in kleinen Schritten vorzugehen.

Ich erinnere mich an einen ersten Kontakt mit dem Jubiläumsgrat zwischen Alpspitze und Zugspitze. Zu zweit wählten mein Spezl und ich – ganz defensiv – erstmal die Variante Seilbahnauffahrt zur Zugspitze und Abstieg über die Grieskarscharte und das Matheisenkar. Das war bei bestem, nicht zu heißem Spätherbstwetter fordernd genug. Trotz knapp 60 000 Höhenmetern Aufstieg in jenem Jahr in den Beinen und eigentlich sicherem Gefühl im Begehen brüchiger Karwendelpfade und schrofiger Kletterzustiege hatte ich an einigen Stellen doch weiche Haxen.

Jubiläumsgrat - bereits bei schneefreien, sommerlichen Idealbedingungen fordernd

Jubiläumsgrat - bereits bei schneefreien, sommerlichen Idealbedingungen fordernd

Auf teils bröseligem Material mit tiefen Blicken ins Höllental bzw. Reintal – welche stellenweise ja nur einige Zentimeter Tritt zwischen sich lassen – einigte ich mich mit meinem Spezl nach einigen Stunden auf: “Diesen exponierten Bröselmarathon – nie wieder.

Ein Bekannter von uns hatte den Grat im Winter begangen; wir erklärten ihn im Affekt, in der Grieskarscharte angekommen, mit trockenen Kehlen Liter 4 aus dem Rucksack kramend, für total Banane. Wir hatten unsere Grenze erfahren, auch wenn wir gut durchkamen, sogar rasch. Grenze war nicht die Kondition, nicht die Trittsicherheit – es war unsere Psyche. Wir hatten eine sportliche Exposition gesucht und eine psychische gefunden. Hier ist nicht Platz, die alpinen Schwierigkeiten und Gefahren des Jubiläumsgrates anzuführen, dazu gibt es einschlägige Literatur (und jeder, der sich vorher die Mühe macht, einige Berichte zu lesen, wird die typischen Fehler und Leichtsinnigkeiten zu vermeiden wissen). Nur soviel: Das Charakteristikum des Jubiläumsgrates ist das ständige, massive Winden, das Auf und Ab. Vor den Beinen ermüdet eigentlich der Kopf, jeder unvermutet neuerliche Aufschwung erscheint irgendwann als universale Watschn ins Antlitz des mit hochtrabenden Ambitionen anmarschierten Freizeitalpinisten. Erschöpfung und Zufriedenheit! Wir hatten uns in unserem Rahmen Grenzen genähert, sie erfüllend ausgeschöpft; aber wir hatten sie nicht überschritten.

Aber man reift ja langsam, Grenzen verschieben sich mit der Zeit. In der Langsamkeit liegt dabei auch die Chance der langfristigen Freude. Wer gleich über die Stränge schlägt beraubt sich vieler Etappen, vieler Freuden des Vorankommens. Unser “Nie wieder!” hielt im Anwachsen des Tourenbuchs nicht. Man soll “nie” eben vorsichtig gebrauchen. In der Folgezeit ging ich unter vielen ähnlichen Touren den Jubiläumsgrat wiederholt, von West nach Ost, von Ost nach West, in verschiedenen Varianten Auf- und Abstieg an einem Tag, mit Jauchzen in Sonnenstunden, mit Ehrfurcht allein im Nebel, ohne Biwak, mit Plan-Biwak und höchst einsamem, nächtlichem Vollmond-Gratgang… und eben auch im Winter, allein, im Aufstieg von Garmisch aus bis zur Zugspitze. Davon handelt dieser Bericht.

der Jubiläumsgrat, winterlich, von der Alpspitze aus gesehen

der Jubiläumsgrat, winterlich, von der Alpspitze aus gesehen

Angst und Sicherheit?

Ich erinnere ein Erschrecken darüber, als ich bemerkte, dass die Idee, den Jubiläumsgrat im Winter zu begehen, sich in meinen Kopf gesetzt hatte. “Ohne Angst stirbt man in den Bergen sehr rasch.” – auch dieses Zitat von Prof. Oelz in Messners Kletterhistorie “Vertikal” war verinnerlicht. Die Angst bestand, sie war gut. Sie förderte das Abwarten günstiger Bedingungen. Ich wollte im Winter gehen, ja, aber ohne Nebel, ohne Schneefall, mit heilen Fingern und Zehen heimkommen; also wartete ich. Ich wartete auf: Gesetzten Schnee. Stabiles Wetter. Akzeptable Temperaturen und LWS1. Ich kenne Berichte von Leuten, die den Grat im winterlichen Nebel gemacht haben, mit abgehenden Schneebrettern. Spurlos in wachsendem Neuschnee. Orientierungslosigkeit. Blaue Zehen. Respekt! Respekt davor, aber keine Lust darauf, einmal hab ich mir die linke Zehe im Eis bei windigen -25°C angefroren und bin danach 3 Monate einen vollen UIAA-Grad unter meinem vorigen Limit geklettert. Nein danke.

vorsichtige Erkundungsskitouren über die Alpspitz-Ferrata im Vorfeldvorsichtige Erkundungsskitouren über die Alpspitz-Ferrata im Vorfeld - eisig

vorsichtige Erkundungsskitouren über die Alpspitz-Ferrata im Vorfeld - eisig

Zweimal lief ich frühmorgens in Garmisch los und  hackte mich als Skitour durch die Ferrata (respektive das, was unter Schnee und Eis zu sehen war) auf die Alpspitze und sondierte den Grat. Ich fühlte in meine Reserven nach diesem 1900 Hm Oeuvre zum nahen Beginn des Jubiläumsgrates und fuhr dann gemütlich Richtung Bernadein ab. Zweifel? Zweimal stand ich morgens um 3 Uhr mit gepacktem Rucksack in der Wohnungstür und legte erst den Autoschlüssel wieder hin, dann mich wieder ins Bett, weil ich nicht das Urvertrauen in mich hatte, welches bisher mit meinen guten Bergtouren einhergegangen war. Klettern in der Halle stattdessen; graduelle Grenzen ausloten mit kalkulierbareren Gefahren.

War ich froh, dass aus meinem Bekanntenkreis niemand mit auf diese Tour wollte bzw. konnte? Einerseits sah ich das mir als häufiger Alleingänger bekannte Risiko; andererseits wollte ich auch niemanden mit mehrfachen Anfragen in das Unterfangen hineinlocken. Die Variante, im Aufstieg von Garmisch aus bis zur Zugspitze im Winter aufzusteigen ist eher ungewöhnlich und mit 3000Hm im kraftraubenden Schnee ja auch nicht direkt ein Pappenstiel; zudem wartet Absturzgelände en gros. Ideal wäre vielleicht eine kleine Gruppe von Bergsteigern, unter denen jeder im Prinzip den Alleingang machen würde. Am Jubiläumsgrat ist eine vollständige Kameradensicherung ja kaum möglich, das Gehen am psychologischen Seil eben psychologisch und alles tiefere Bedienen eines Sicherheitsbedürfnisses Domäne der den notwendigen Einsatz tragenden Bergführer. (Dabei mache man sich immer wieder klar, was eine Stunde KFZ-Reparatur kostet versus eine Stunde Verantwortung am kurzen Seil…)

Jubiläumsgrat – Ein Aufstieg im Winter

Januar 2011, 3 Uhr früh. Start in München, Fahrt über eine leere Autobahn nach Garmisch, zum Eisstadion. Auf dem Parkplatz Material im Geiste durchgehen. Rucksackschultern, Stirnlampe an. Neben mir hält ein Auto; Partygänger, welche das “Evergreen” aufsuchen oder wie der Laden inzwischen heißt. Wer auf wen hier surreal wirkt hängt vom Standpunkt ab. Kurz nach 4 Uhr. Ich trete den Marsch an, mit Eispickel und Eisen behängt, einem Rucksack inklusive winterlicher Standardausrüstung plus Nötigstem für ein gegebenenfalls anstehendes Biwak. Mein Aufstieg führt mich über die Pisten und Skitourroute bis zum Osterfelder. Von den Tagen zuvor habe ich gewusst, dass als Steighilfe Steigeisen auf dem eisig-festen Grund ausreichen. Zwischen Schuhe und Steigeisen ist, um Abrieb der Fersen beim Gehen auf steilem und eben eisigen Pistengrund zu verhindern, je ein Keil, ähnlich einer Skitour-Steighilfe geklemmt. So komme ich zügig voran. Doch der Wind macht mir sorgen – wie angekündigt pfeift er noch, dann soll er sich angeblich am Vormittag legen.

Morgendämmerung auf dem Weg über die Hochalm zur Alpspitze

Morgendämmerung auf dem Weg über die Hochalm zur Alpspitze

Als die Dunkelheit, die oft nur im Rückblick romantisch wirkt, endlich dem Morgenlicht weicht, beuteln noch heftige Böen die Zwiebelschichten meiner Funktionstextilien. Auf solchen Packeseltouren merkt man immer wieder, wie wohltuend sich die grammweisen Gewichtsersparnisse modernen und passenden Materials sich summieren. Wind. Böen. Ich bin bereit zum Abbruch, sollte es zu stark stürmen; solche Böen kann man am Grat nicht brauchen. Der Himmel sieht beunruhigend aus, geistig breche ich beinahe schon das Vorhaben ab, will aber immerhin als Gipfelpunkt bis zur Alpspitze aufsteigen.

Die Nordwand der Alpspitze im flachen Morgenlicht

Die Nordwand der Alpspitze im flachen Morgenlicht

Prächtig liegt sie vor mir, während ich durch knirschenden Schnee und stellenweise etwas bremsende Verwehungen zur Station des Osterfelderkopfes aufsteige. Hier fülle ich meine Wasserbehälter, was erst den Hund des Stationswartes, dann letzteren auf den Plan ruft. Er mustert mich, meine Ausrüstung. Es ist offensichtlich, dass ich nicht zum Rodeln da bin. Der Wart meint nur, ich solle aufpassen, des Windes wegen. “Wenn es pfeift, dreh ich um.” Den Jubiläumsgrat als Ziel nenne ich gar nicht, noch bin ich mir unsicher, ob meine Verfassung es hergibt, ob ich der Windprognose traue. Auf dem Alpspitzgipfel will ich entscheiden.

Der Zustieg zur Ferrata ist total verblasen. Nichts mehr da von der schönen Skispur der Tage zuvor, hüfttiefes Wühlen durch die vorgelagerten Rinnen. Leichte Krämpfe im Bein, Fluchen. Weiter oben ist viel Hang blank gefegt, mit Steigeisen und Zug am Eispickel geht es wunderbar voran. Mit Lust hacke ich in das harte Weiss, Tritte sind gut stapfbar, der Blick nach unten fördert die Blutzirkulation. Gegen die Krämpfe helfen Dehnen, Trinken, Energiegel, ruhigeres Tempo. Am Gipfel erwache ich aus meiner Trance – Steigen, Hacken, Ziehen, Finger bewegen, Zehen bewegen. Steigen, Hacken, Ziehen, … Ich blicke zum Grat, photographiere (mit Selbstauslöser).

Klamme Finger, klammer Blick auf das kilometerweit entfernte Ziel

Klamme Finger, klammer Blick auf das kilometerweit entfernte Ziel

 

Der Wind hat nachgelassen, die Krämpfe sind weg. Der Grat, in seiner Länge, zusammen mit der Kenntnis, wie lange er sich schon im Sommer hinzieht, schüchtert mich ein, aber nicht hinreichend. Das Gefühl ist gut. Entsprechend beschließe ich, langsam doch bis zur Biwakschachtel zu gehen und dort zu nächtigen. Es kommt anders.

griesiger Schnee, anstrengendes Aufsteigen in der Grieskarscharte

griesiger Schnee, anstrengendes Aufsteigen in der Grieskarscharte

Zunächst steige ich den Westgrat der Alpspitze hinab. Schon hier ist es glatt, einmal schlagen die Steigeisen Funken beim Rutsch über den Fels. “Das darf nicht passieren!” herrsche ich mich laut an. Jetzt bin ich wach. Ich bleibe wach. Jeder Jubiläumsgrat-Aspirant ist gut beraten, als Testtour einfach mal die Alpspitze zu erklimmen und im Abstieg über Westgrat und Matheisenkar zurück nach Hammersbach zu laufen – hier bekommt man eine gute Idee von der Art der Bewegung, des Geländes, das am Grat kilometerlang aufgeboten ist.

Die Grieskarscharte ist im Winter oft unangenehm. Griesschnee. Triebschnee. Nicht viel Festes, verblasene Fahnen. Schatten des Hochblassens. Aber ich entwickle eine richtiggehende Steigwut und spure roboterartig, stur zum Grat hoch, um nicht lange im kalten Rutschhang zu verweilen.

Am Grat tauche ich ins Sonnenlicht ein, gerade umstreicht der unser irdisches Leben spendende Schein den Hochblassen westseitig. Kaum Wind. Doch nachts hat er ersichtlich gearbeitet, fein ziselierte Linien zieren den Grat und seine Wechten.

wärmende Sonne am Grat, feine Windspuren, Achtsamkeit fordernde Wechten

wärmende Sonne am Grat, feine Windspuren, Achtsamkeit fordernde Wechten

Vorsicht steckt ohnehin tief in allen Gliedern. Da ist es – die Zeit verkürzt sich auf die Gegenwart, der Moment dehnt sich, ich spüre Hände und Füße übergroß, wie in Zeitlupe. Obwohl ich den Weg im Sommer kenne – im Winter sieht es natürlich anders aus, und die Arbeit des Windes erfordert Umgehungen. Immer wieder aber sind die Stahlseile und Krampen frei, sie erleichtern auch die Orientierung, wo die ansonsten gute Spur verblasen ist. In der Not frisst der Teufel fliegen… Nie zuvor fand ich das eigentlich unschöne Eisen im Grat so angenehm wie jetzt… an der Vollkarspitze, wo zig senkrechte Meter abgeklettert werden wollen. Die Vollkarspitze wird als Schlüsselstelle am Grat gehandelt, was Armkraft anbelangt. Schon im Normalfall. Jetzt ist das Seil eisig, nass, kalt, glitschig. Selbst mit den gummierten Leichthandschuhen rutsche ich, drytooling mit dem Eispickel zur Armverlängerung schafft Abhilfe. Rückblick auf den steilen Zahn: Gelb leuchtet vor dem wolkenlosen, kalten Azurblau des Himmels der Wandabbruch, von dem vor ein paar Jahren die Westflanke samt altem Steig ins Tal donnerte. Paradoxe Emotionen.

Rückblick auf die Volkarspitze - senkrechtes Absteigen bei vereistem Seil spannend

Rückblick auf die Volkarspitze - senkrechtes Absteigen bei vereistem Seil spannend

Ich kann keine Gedanken hören, in meinem Kopf. Vielleicht denke ich auch nichts. Ich steige weiter. Es ist kalt an den Fingern, Schweiß aber lässt meine Schneebrille beschlagen. Plötzlich, an einer der tausenden kleinen Kuppen, taucht jemand vor mir auf. Ein Bergführer, mit einem Bergsteiger, einem Kunden, am kurzen Seil. Man ahnt es ja ein wenig, mit welchen Gedanken man gemustert wird. Nach kurzem Gespräch aber scheint hinreichend klar, dass ich mich nicht nur verlaufen habe. Der Bergführer erwähnt noch, dass mir gleich drei Personen nach einem unfreiwilligen Biwak im Grathütterl begegnen würden und wünscht viel Glück für den Weiterweg. Ebenso.

Das Gelände östlich der Inneren Höllentalspitze ist noch relativ leicht, die Exposition nur stellenweise schon pulshebend. Viel ist Gehgelände. Die Anstrengung, auch durch das schwere Gepäck und das ständige leichte Absinken nach jedem Schritt nach oben, zwingt mich aber immer wieder zu keuchender Rast. Einmal aufblickend bin ich beinahe beschämt, da mir bewußt wird, dass ich schwer schnaufend fast einen Kilometer durchgestiert bin, ohne die ästhetische Dimension des Grates wertzuschätzen. Dann mache die Sache doch keinen Sinn, scheint mir. Das Gelbliche Felswüstenbild des Sommers in diesem Teil des Grates ist einem Spiel aus glitzerndem Weiss und schattig schwarzem Fels gewichen. Wild und dunkel ragen die Abstürze ins Höllental nordseitig auf, südseitig provozieren die sich erwärmenden Schneegebilde allmählich die Frage nach der Festigkeit der Flanke. Ich hänge auf einmal am Eispickel. Ein Fast-Rutscher in einer steilen Firnquerung. Ordentlich Schiß, vulgo formuliert.

Thou, nature! - Blick über den weiteren Grataufstieg nach Westen

Thou, nature! - Blick über den weiteren Grataufstieg nach Westen

Ob die drei, denen ich nun begegne, ähnlich Herzklopfen befördernde Momente erlebt haben? Der erste wirkt recht fit. Er trägt viel. Die folgenden beiden haben einen etwas starren Blick, Spannung in der Gruppe. Gestern zu langsam voran gekommen, in einem Felsaufschwung nahe Innerer Höllentalspitze fast gestrauchelt, Biwakhütte noch erreicht, aber saukalt (altes Grathütterl wohlgemerkt) und zu wenig Nahrung. Dabei waren die Bedingungen ideal, das Wetter gut! Aber das Gehen im kombinierten Gelände, mit Steigeisen auch mal im brüchigen II-er herumknirschen, ist eben nicht jedermanns Geschmack.

Südseitiger Tiefblick. Lieber nicht runterpurzeln. Dieser Gedanke dominiert stellenweise in dieser Tour. Viele Stellen.

Südseitiger Tiefblick. Lieber nicht runterpurzeln. Dieser Gedanke dominiert stellenweise in dieser Tour. Viele Stellen.

Endlich erreiche ich das Grathütterl knapp westlich der Äußeren Höllentalspitze, werfe den Rucksack ab, raste, nehme überfällig Nahrung auf. Dreissig Minuten Schlaf gönne ich mir in der wärmenden Sonne, sie wirken Wunder. 13 Uhr. Seit 9 Stunden unterwegs, der schwierige Teil des Grates wartet noch. Die letzte Gondel fährt um 16:45 Uhr am Gipfel ab. In unter vier Stunden die restliche Strecke zu schaffen ist mir vermutlich unmöglich. Also Nacht in der Biwakschachtel. Oder Biwak auf der Terrasse der Gipfelstation in einer windstillen Ecke, falls ich doch weitergehe, aber die vier Stunden nicht ausreichen? Die weitere Möglichkeit, irgendwo kurz vor dem Gipfel ein Nest graben zu müssen muss, will ich lieber nicht bedenken… Kann passieren.

Ist es geistige Erschöpfung, ungeachtet der durch Nahrung und Ruhe wiederhergestellten Physis? Oder ist es Hybris, die mich schließen lässt, dass vier Stunden nur knapp sind, wenn man langsam geht, ich also einfach schnell gehen muss? Dass ich daher nicht im Hütterl biwakiere? Der Gedanke kommt mir erst auf der Inneren Höllentalspitze, als die Beine wieder schwerer werden. Zu spät, ich bin weitergelaufen und jetzt heißt es durchziehen, rasch zum Gipfel, vor Kälte und Dunkelheit. Der Blick zurück erschreckt – Hochblassen und Alpspitze wirken immer noch so verdammt nah, das Ziel fern.

Was folgt? Ein unangenehmer Abstieg über den Steilaufschwung westlich der Inneren Höllentalspitze, rutschiges Geröll unter eisdurchsetztem Matsch. Eine heikle Suche nach der Rinne, durch welche man in der Südflanke die Steilstufe umgeht, über welche man sich vom Gipfel kommend abseilen kann. Einige heikle Querungen, Scharren mit den Eisen auf freiwerdendem Stein. Die bekannten brüchigen Wandl und Stufen, Windungen, Bäuche, Buckel am Grat. Steigen, Klettern, Abklettern, Queren, Steigen, auf, ab, noch eine Windung, noch eine Kuppe. Innehalten. Stille!

Abstieg mit Steigeisen im kombinierten Gelände, hier steil von der Inneren Höllentalspitze ab, muss man mögen

Abstieg mit Steigeisen im kombinierten Gelände, hier steil von der Inneren Höllentalspitze ab, muss man mögen

Schließlich das Gehen und Reiten auf der sich weiter verjüngenden Gratschneide, tiefe Blicke ins kalte Höllental, leichte, jedoch brüchige Kletterei mit kalten Fingern auf der Reintalseite. Immer weiter geht es zwischendurch hinab, wieder hinauf, ab, auf. Eine kleine Platte – nur 4m Fels, aber links und rechts von hunderten Metern Absturz flankiert – kostet erinnerbar Nerven, eisig, griffarm. Bei vielen Passagen weiß ich nicht mehr, was ich gedacht habe; ich meine, über Stunden hinweg nichts Konkretes gedacht zu haben, nichts was sich nicht unmittelbar auf Vermeidung eines Absturz bezieht, bzw. was die Einschätzung von Erschöpfung, Zeit und Witterung angeht.

Rückblick auf fordernde Platte.

Rückblick auf fordernde Platte.

Zuletzt wird es ein etwas zermürbender Marsch gegen die Uhr, gegen den Willen, gegen wieder aufbäumende Krämpfe im Bein. Der rechte Oberschenkel blockiert, nach 12 Stunden Stapfen im Schnee. 5 min muss ich Dehnen, um mein Bein aus krampfhafter Abwinklung zu lösen. Ich ringe mir Höhenmeter ab, aber ein heroisches Gefühl will sich nicht wirklich einstellen. Einfach nur fertig. Mein Gesicht grinst. Warum? Ist es festgefroren? Lache ich mich aus? Ist es ein Krampf? Ich fühle mich blöd, dämlich, nicht schon viel früher gestartet zu sein. Zu ambitioniert von den schnellen Sommer-Begehungszeiten extrapoliert. Es dämmert.

Nagende Zweifel, Kampf gegen Krampf und Zeit zuletzt.

Nagende Zweifel, Kampf gegen Krampf und Zeit zuletzt.

Plötzlich die Sorge, tatsächlich nicht mehr bei guten Verhältnissen das ausgesetzte Queren kurz vor dem Gipfelbereich absolvieren zu müssen, nordseitig, vermutlich mit wenig Halt bietendendem Griesschnee. Endspurt ist nicht das Wort, was mir einfällt, zu sehr muss man sich im der Zugspitze näheren Teil des Grates auf präzises Steigen konzentrieren, zu schwer sind mir die Beine. Meine 4 Liter Getränk bei diesem langen Marsches sind verbraucht, die Kehle klebt, aber Schnee schmelzen würde die letzten Minuten Licht nehmen. Ich mische Energiegel und Schnee in meinem Mund gegen Krächzreiz.

17 Uhr. Endlich die Überzeugung, noch bei Tageslicht anzukommen… die letzten Meter im schattigen Griesschnee zur Gipfelstation, zum Gipfel – eine Stunde hinter Plan und ziemlich am Ende. Die letzte reguläre Gondel ist um 16:45 Uhr ins Tal gefahren, in Sichtweite. Wie ich weiß ist die Gipfelstation bald danach zugesperrt. Was soll’s. Ich stehe am Gipfel, wie ich bemerke. Das vergoldete Kreuz ragt neben mir auf, ich streiche darüber. So einsam habe ich es hier selten erlebt. Aber ich bin zu müde, um mich lange oder tiefer daran zu erfreuen.

Einsamkeit. Stille. Erschöpfung. Vor allem Demut.

Einsamkeit. Stille. Erschöpfung. Vor allem Demut.

Das Biwakzeug ist geistig schon halb ausgepackt, um mit Bierbänken auf der Sonnenterrasse ein “Hotel” für die Nacht zu bauen. Dies, nachdem ich probehalber wie ein reudiger Hund um alle Türen der Station gestreunt bin, um vielleicht doch irgendwo einen kleinen Vorraum mit stärker isolierender Gummimatte zum Schlafen zu finden… Dann aber treffe ich mit Glück jemanden auf der Station an. Es ist der Hausmeister, etwas überrascht, dass im Winter jemand zur Zugspitze hochgegangen ist. Mit Getränk und einer Orange versüsst er mir die Wartezeit – in der noch süsseren Aussicht, dass noch eine Nachtgondel (für die Pistenraupenfahrer) ins Tal fährt.

Mit meiner Ausrüstung hätte ich erprobter Maßen ein Biwak bei diesem Wind und diesen Temperaturen überstanden, ja. Wäre es schön gewesen? Introspektion verweist nicht auf eine leidenssüchtige Hardcore-Bigwall-Biwak-Nordwandvisage. Vielleicht wäre mir trotz feiner Funktionsmaterialien unter der Plane die Nase blau geworden und es wären drei Wochen Fieberbettruhe angezeigt gewesen. Noch dazu wegen einem Biwak auf einem “nochnichtmal-3000er”. Braucht auch keiner. Vor allem nicht, wer Schaden und Spott schon mal hatte…

Eine Stunde sitze ich im hallenden Bau, durch den sich sonst die Massen drängen, massiere die kalten Zehen, schlüpfe in die Wechselkleidung. Stille um mich herum. Geistige Leere. Demut. Demut, gemischt mit gänzlich diffuser Freude, heil durchgekommen zu sein. Blockierung ist einer der Hauptgründe für Bergwachteinsätze, sie droht dem, der sich überschätzt. Bin ich diesmal zu weit gegangen? Zu weit für einen Tag? Normalerweise komme ich immer lieber mit Reserven an. Heute waren sie ausgeschöpft, zuletzt erschöpft. Zwar kann das eine gute Erfahrung sein – retrospektiv. Demütig macht sie allemal. Entsprechend still bin ich auch in der Gondel, als ich mit den Gondel- und Raupenfahrern einsteige. Musternde Blicke. Eine Dame der lokalen Bergwacht ist dabei, sie lässt sich genau berichten, gratuliert dann netter Weise. Einer der Mitfahrenden ist anderer Meinung, meint gereizt nur, es seien “damische Deppen“, die sich da im Winter ‘rausbegeben. Gradraus, immerhin. Er könnte mir Verblendung und Hedonismus in allen schillernden Facetten unseres schönen Dialektes an den Kopf werfen – es prallte an mir ab, ich bin in Gedanken in einer Mischung aus “noch unterwegs” und “schon im Bett”. “Wird doch oft begangen, waren ja noch paar Leute unterwegs heute.“, meine ich; “Gibt halt viele Deppen.“, erfolgt der lakonische Konter. Meinungssache; ich verstehe dafür nicht, wie man auf der Autobahn risikofreudig rasen mag, machen ja auch viele…

Einer der altgedienten Gondelführer war dann so nett, mich zum Ausgangspunkt in Garmisch in seinem Fahrzeug mitzunehmen und dabei ein paar seiner Himalaya-Geschichten zu erzählen. Ich danke. Kurz vor 20 Uhr, über 17 Stunden nach Aufbruch, nach 14 Stunden Marsch im Schnee stehe ich wieder am Auto, lege mein Material ab, schaue ins Dunkle, Richtung Grat, sehe nichts, steige in meinen mit klimperndem Kletterzeug vollgepackten Kombi und fahre heim. Eine Woche lang mache ich danach keinen Sport, ich habe keine Lust. Mir fällt eine Erwähnung Wolfgang Güllichs ein, die jene Art von Traurigkeit, welche sich nach subjektiv sehr schwierigen Gängen einstellt, benennt (wobei man hier fast geneigt ist “ob-” statt “sub-” zu schreiben). Erst Tage später ist mir nicht nur abstrakt klar, sondern ist auch begriffen, was ich erlebt habe. Es waren der Eindrücke zu viele für einen Tag, ich muss die Zeit wieder in ihren richtigen Verlauf glätten, sie entdichten.

An meinem Geburtstag, ein paar weitere Tage später, laufe ich mitten in der Nacht in Garmisch los, um zum Frühstück den Kuchen am Gipfel der Alpspitze anzuschneiden. Oben gelange ich körperlich erschöpft an, blicke zum dann erst sichtbar losziehenden Jubiläumsgrat und wundere mich: Wie ich die Idee haben konnte, da paar Tage vorher einfach weiterzumarschieren. Ich könnte es vielleicht nicht nochmal, nicht ohne so eine fixe Idee, deren Macht mit ihrer Realisierung zerbricht. Überraschungen gab es, rückblickend, eigentlich kaum. Ausser, dass ich mich während der Tour mehrfach beim Gedanken ertappte, dass man die zwar gesuchten und auch so gefundenen Erlebnisse auch erlangen kann, ohne derart lange in Abgründe links und rechts zu schauen. Denn wenn Du, mit Nietzsche sprechend, lange in den Abgrund blickst…

Jubiläumsgrat, in voller Länge, vom lohnenden Großen Waxenstein aus

Jubiläumsgrat, in voller Länge, vom lohnenden Großen Waxenstein aus

…und die Moral von der Geschicht’?

Die Historie der Unfälle, die Zahl der Verunglückten am Jubiläumsgrat spricht für sich. Muss man deshalb von einer Winterbegehung des Grates kategorisch abraten? Von einer Tour, die zumindest mit Bergführer ja nicht selten gemacht wird? Bergführer wissen ja, was verantwortbar ist. Oder vor dieser etwas bizarren Aufstiegsvariante? Genauso könnte man vor dem Hirschberg an sich warnen. Wer bei ungünstigen Bedingungen, in eisiger Nacht des “outdoor-feelings” wegen dort in den Wald läuft und orientierungslos erfriert ist kein Beleg für die sonderliche Gefährlichkeit des Hirschberges. Er ist nur Beleg für die Gefährlichkeit, sein Wollen nicht im richtigen Verhältnis zum Können zu ermessen, den Bogen des Dürfens unvorsichtig überspannt zu haben. Paul Preuss nannte als eines der höchsten Prinzipien verantwortungsvollen Genusses der alpinen Natur “jene primäre Sicherheit, die bei jedem Kletterer in der richtigen Einschätzung seines Könnens zu seinem Wollen beruhen soll.” Die Unfallstatistiken deuten ebenso darauf hin, dass die objektiven Gefahren den subjektiven hintan stehen. “Schwierigkeiten können wir meistern, Gefahren setzen wir uns aus” heißt ein Credo in der Ausbildungsliteratur des SAC. Um die Exposition gegenüber Gefahren der Bergwelt vertretbar zu halten, müssen wir insbesondere die Schwierigkeit meistern, unser Wollen ins rechte Verhältnis zum Können zu setzen. So bereichert uns die Zeit am Berg – langfristig.

Allen viel Freude am Berg!

9 Kommentare

  1. Hallo,

    schön geschriebener Bericht, gefällt mir. Aber: Dein Foto von der Vollkarspitze samt eingezeichneter Route ist falsch. Du hast da 2 Türme miteinander verheiratet. Der vordere Graue ist wesentlich niedriger, danach geht es noch einmal senkrecht hinunter und dann erst auf den hinteren gelben Turm senkrecht hoch, das ist die Vollkarspitze mit der (auf deinem Bild nicht sichtbarten) Schlüsselstelle.
    Gruß Ingo

  2. Seltsamerweise kann ich es nicht nachvollziehen, warum der “Jubelgrat” immer so gelobt wird. Bleibt man auf der Gratkante, geht es eigentlich. Wird man in die Flanke gezwungen (kommt öfter vor…) gerät man in den übelsten zeitweise kleinsplittrigen Bruch. Einige Alpinautoren weisen den Grat teilweise als Klettersteig aus, und locken so auch noch Touristen da rein…! Kann man sich nur noch vor den Kopf fassen!!! Ich glaube, das keiner dieser “Herren” je auf diesem Grat war.

    Eigene Begehung Jul. 2006 nicht komplett, Knorrhütte – Brunntalgrat – Innere Höllentalspitze – Jubelgrat – Zugspitze ABSTIEG: Wiener-Neustätter-Hütte – Eibsee

  3. Toller Bericht, der meine eigenen Eindrücke der Tour widerspiegelt! Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Jubigrat im Winter in meine Gedankenwelt eingeprägt hat und immer wieder unvermittelt vor mir auftaucht… ein echt besonderes Erlebnis! Ich habe auch einige Bilder online gestellt, bitte auf meinen Namen klicken… Gruß, Benedikt

  4. Ich bin sehr beeindruckt von diesem Bericht und natürlich deiner Wahnsinnstour! Und ich bin heilfroh, dass ich die Tour im Hochsommer bald vor mir habe, wenn auch der Respekt davor noch ein bisschen gestiegen ist. Schreib mehr!

  5. Ein ganz und gar gelungener Tourenbericht mit viel Leidenschaft und genug Energie,um Laien mitzureißen und Gleichgesinnte anzustecken! Wunderbar und mit viel Tiefe geschrieben…für mich ein kleines Meisterwerk!

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