Reise

Klettern in Israel - Jalla tipus

28.11.2011

Klettern in Israel – Jalla tipus

Im besten Falle ermöglichen es Kletter-Reisen ins Ausland Einheimische zu treffen, mit ihnen in der Vertikalen aktiv zu klettern und vor allem ihre Geschichten zu hören. Denn wie kann es leichter sein mit Menschen in Verbindung zu kommen, als durch einen Sport, den man mit Leidenschaft betreibt? In Israel kann man dies besonders gut. Die Kletterszene ist zwar nicht so groß, aber dafür umso offener und vor allem auch selbst sehr reiselustig.

Als ich vor kurzem dort gewesen bin, war dies zwar nicht mein erster Besuch, doch niemals vorher kam ich nur zum Klettern. Schon vor dem Abflug schrieb ich einen Beitrag im Forum einer Kletterseite im Internet. Darin stellte ich mich vor und äußerte den Wunsch, am Naturfels zu klettern. Sofort antworteten einige Kletterer und schlugen vor, mich bei ihren Touren mitzunehmen. Meine Ausrüstung sorgte am Flughafen für einige Verwunderung. Es waren ausführlichere Erklärungen vonnöten, um zu zeigen, wie die einzelnen Karabiner und Schlingen genau verwandt werden. Doch schließlich waren auch die zwei Interviewer überzeugt, dass es sich bei mir und meiner Ausrüstung um kein Sicherheitsrisiko handelt. Ein paar Stunden nach meiner Ankunft in Jerusalem war dann auch schon die erste konkrete Verabredung für den nächsten Tag ausgemacht.

Die Kletter-Community in Israel

Ein Fara, einer der besten Kletterspots des Landes.

Ein Fara, einer der besten Kletterspots des Landes.

Ich traf Yair, Avishay und Dan in direkter Nähe zu meiner Unterkunft. Sie sind alle drei erfahrene Kletterer und fragen sehr genau nach, warum ein junger Deutscher extra nach Israel zum Klettern kommt. Nach kurzer Fahrt von Jerusalem aus Richtung Norden, erreichen wir das Tor des Naturschutzgebietes Ein Fara, wo sich Yair einen Schlüssel für ein weiteres Tor geben lässt. Dort angekommen laufen wir kurz in ein Tal hinab und sofort werde ich von Dan in die Routen und die Besonderheiten des Ortes eingewiesen. Er bringt mir auch die basalen Kommandos  (Kach für Zu, Chewel für Seil, Torid für Ab) bei und ein paar Minuten später arbeite ich mich bereits die Wand empor. Auch ohne Hebräischkenntnisse ist es kein Problem, sich mit den Kletterern vor Ort zu verständigen. Sowohl meine Begleiter, wie auch alle anderen, die in Ein Fara mit uns kletterten, sprachen ein exzellentes Englisch. Kein Wunder eigentlich, ist doch fast jeder Kletterer, den ich kennengelerne, Physiker an einer der Universitäten.

Ein Israelischer Alpenverein?

So unglaublich es sich anhört, aber auch in Israel gab es lange Zeit einen Alpenverein mit mehreren hundert Mitgliedern. Er wurde bereits 1939, also lange vor der Staatsgründung, ins Leben gerufen. Die Motivation in einem Land ohne ein richtiges Gebirge überhaupt einen Alpenverein zu gründen, ist dennoch sehr naheliegend: Die aus Europa geflüchteten Juden wollten sich die Liebe zu den Alpen nicht vom Nationalsozialismus nehmen lassen. Anfangs war der Israelische Alpenverein vor allem eine Organisation, in der sich die Bergfreunde als Gruppe zusammenfanden, um gemeinsam Ski- und Kletterfahrten in das europäische Gebirge zu planen. Heute hat sich die Funktion des Vereins fast vollständig gewandelt: Die Verantwortlichen kümmern sich um die Sportklettergebiete und bemühen sich darum, den Sport sicherer zu machen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche neue Routen geschraubt und unbekannte Felsen erschlossen. Es ist damit nur logisch, dass der Alpenverein sich seit einem Jahr „Israel Climbers Club“ nennt.

Yoav – Die Kletterlegende aus Israel

Unter den israelischen Kletterern gab es immer wieder besondere Talente, die auch im Ausland bekannt waren. Zum Beispiel begann Yoav Nair (Jahrgang 1970) schon sehr jung schwer zu klettern: Als er mit 15 Jahren zum ersten Mal nach Jerusalem zum Klettern kam, durchstieg Yoav bei diesem Besuch in Gai Ben Hinom die beiden schwersten Routen on sight. In den Jahren danach verschob er die Maßstäbe in der israelischen Kletterszene weit nach oben und begann auch in den internationalen Hochgebirgen aktiv zu werden. Mit Anfang 20 kletterte er anspruchsvolle Routen im Mont Blanc-Gebiet, wie Brenva Spur oder Grand Jorasses-Traverse. 1992 glückte ihm eine Erstbegehung einer Mixed-Tour im Himalaya. Doch 1997 starb Yoav an Krebs und hinterließ eine Lücke in der israelischen Kletterszene. Die Kletteranlage in Haifa trägt seinen Namen und hält die Erinnerung an ihn bis heute wach.

„Frech“ nennt Tal Niv die Einstellung der Gruppe um Yoav Nair. Er findet es bis heute beeindruckt, wie souverän Yoav und seine Freunde in Bestzeiten Erstbesteigungen angegangen sind. Die Lebensgeschichte von Tal ist jedoch nicht minder unkonventionell. Er wird in Kürze der erste Israeli sein, der eine Ausbildung zum IFMGA-geprüften Bergführer abschliesst. Seit mehr als zehn Jahren – als er noch in Israel lebte – kletterte er häufig und schwer. Das erste zufällige Eisklettern in Frankreich erweckte in ihm dann eine tiefe Leidenschaft für die Alpen. Im Sommer 2008 bestand er die Eignungstests für die Ausbildung zum Berg- und Skiführer und begann sogleich mit den erforderlichen Kursen. Die alpine Kletterei und die Hochtouren fallen ihm im Vergleich zum Skifahren eher leicht. „Das Problem war für mich, gut Ski fahren zu lernen. Ich stand mit 24 Jahren zum ersten Mal auf den Brettern, während ihr in Europa das schon mit 4 Jahren tut.“ Die jüngere Entwicklung der Kletterei in seinem Heimatland sieht er mit großer Zufriedenheit. Als langjähriges Vorstandsmitglied begleitete er viele neue Projekte und trug dazu bei, den Klettersport in Israel zu fördern. „Nach der Aufbruchsstimmung im Klettern in den 1980er Jahren, ist der Sport – vor allem durch die vielen Indoorkletterer - heute fest etabliert. Es gibt starke Wettkämpfe und viele tolle Spots im ganzen Land.“ Der momentan der stärkste israelische Kletterer, Ofer Blutrich, hat mit dem Durchstieg seiner Projekte Blue Bear (8b) und Madness (8c) die Messlatte hoch angelegt. Vielleicht war dies auch einer der Gründe, warum Alex Honnold dem Heiligen Land vor einigen Monaten einen mehrtägigen Besuch abstattete.

Israel ist wohl eher ein Kleinod, als ein absolutes Kletter-Eldorado. Die natürlichen Klettermöglichkeiten sind dafür dann doch zu überschaubar. Doch wer dieses faszinierende Land noch nie zuvor besuchen konnte und auch bei einer zukünftigen Reise nicht auf die Berührung mit dem Fels verzichten will, dem sei gesagt, dass sich beides gut vereinbaren lässt (günstige Flüge finden sich immer). Auf seinen Lieblingssport muss man auch im Heiligen Land nicht verzichten.

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