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Telemark in Chile: Bergsteigen und Freeriden am Vulkan Villarrica

22.09.2011

Telemark in Chile: Bergsteigen und Freeriden am Vulkan Villarrica

Ausschnitt aus einer Reise durch Chile und Argentinien

Bei unserer dreimonatigen Reise durch Chile und Argentinien stand das Telemarken sehr weit oben auf unserer Prioritätenliste. Da wir nicht wussten in wie fern es möglich ist, das gesamte Touren- und Telemarkmaterial vor Ort zu leihen haben wir unser gesamtes Telemarkmaterial sowie die Tourenausrüstung aus der Heimat mitgebracht, und diese brav und fleißig über geschätzte 6000 km geschleppt. Neben einigen wunderbaren Telemarktagen von Santiago bis ins tiefe Patagonien und vielen wahnsinnig tollen und imposanten Eindrücken und Erlebnissen aus Chile und Argentinien gibt es jedoch den einen Tag, den wir (Sabrina, Marc und ich) als unseren „perfekten Tag“ erleben durften. Der Aufstieg und die Abfahrt des aktiven Vulkans Villarrica.

Fakten des Vulkans Villarrica

Hier beginnt das Skigebiet Pucon

Der Vulkan Villarrica ist 2848 Meter hoch und liegt im gleichnamigen Nationalpark in der Region Araucania, unweit der Grenze zu Argentinien. In dieser Region beginnt bereits Patagonien. Der Vulkan ist einer der aktivsten Vulkane Chiles, was wir bei guter Sicht auch eindeutig anhand der austretenden Gaswolken bestaunen und später sogar schmecken konnten. Er zählt zu den so genannten Stratovulkanen und ist seit über 50 Jahren daueraktiv. Die letzten großen Eruptionen ereigneten sich in den Jahren 1971 und 1984. Auch im letzten Jahr kam es erneut zu kleineren explosiven Eruptionen. Der Villarrica steht unter Kontrolle der Ranger, bei denen wir uns vor dem Aufstieg registrieren mussten. Der Vulkan ist zum größten Teil vergletschert und die Gletscherspalten grenzen die Aufstiegsmöglichkeiten daher in gewissem Maße ein.

Am Fuße des Vulkans

Unser Ausgangspunkt der Telemark-Tour war die nördlich des Vulkans gelegene Stadt Pucon (227m). Sie befindet sich direkt am Seeufer des Lago Villarrica. Nicht weit entfernt gibt es auch einige Thermalquellen. Pucon lebt hauptsächlich vom Tourismus und wird vor allem im Sommer stark besucht, so dass einige dort lebende Menschen sogar von einem „überfüllten Pucon“ reden. Wer sportliche Aktivitäten und Abenteuer jeglicher Art sucht ist hier bestens aufgehoben. Wer jedoch zum Telemarken kommen möchte, der sollte sich seine Ausrüstung selbst mitbringen, da unsere Sportart dort zwar gekannt, jedoch nicht vertrieben oder angeboten wird. Noch nicht zumindest!

Blick auf den Villarrica aus dem Nationalpark Huerquehue

Wir hatten das Glück, in einer verhältnismäßig ruhigen Zeit dort zu verweilen und blieben daher auch eine knappe Woche. Unser Vorhaben der Vulkanbesteigung musste sich jedoch erst noch ein wenig gedulden, denn das Wetter lies dies die ersten Tage beim besten Willen nicht zu. Starke Winde, schlechte Sicht und große Niederschläge brachten uns dazu, mit Schneeschuhen durch das völlig verschneite und wunderschöne Naturschutzgebiet El Cañi zu wandern und den benachbarten Nationalpark Huerquehue zu besuchen. Somit machte uns das Wetter auch keinen Strich durch die Rechnung, sondern zögerte unsere Vulkanbesteigung lediglich ein wenig hinaus.

Ende des Wartens

Kurz vor dem Aufbruch

Alles deutete auf Samstag hin – der Tag des blauen Himmels werden. Allerdings hatten sich die starken Winde aus der Nacht nicht gelegt sondern eher zugenommen, woraufhin wir schweren Herzens unser Vorhaben um einen weiteren Tag rauszögerten. Unsere Körper freuten sich dagegen sehr über einen freien Tag. Immerhin sprachen die Ortskundigen von einem etwa sechsstündigen Aufstieg bis zum Krater, von etwa 1300m hinauf auf 2848m. Erst flach und einfach, gegen Ende immer steiler und vereist bergauf. So packten wir am Abend unsere Rucksäcke: Proviant, Felle, Harscheisen, Steigeisen, Pickel, LVS-Set, Erste-Hilfe-Pack, Klamotten und einige  weitere wichtige Utensilien waren der Inhalt. Am Sonntag den 31.07.2011 ging es dann um 5.30 Uhr raus aus dem Schlafsack und leicht müde, dafür aber bei Windstille und Wolkenlosigkeit, zum Treffpunkt mit unserem „Fahrservice“, der uns an unseren Ausgangspunkt bringen sollte, der zugleich Beginn des Ski-Resorts „Ski Pucon“ ist.

Aufstieg auf den Villarrica

Ein Blick ins Tal nach den ersten Metern

Gegen 8.30 Uhr standen wir nun am Fuße des Vulkans, mit freiem Blick direkt hinauf zum Krater und damit dem „Gipfel“. Ein perfektes Tourenwetter hatte unser Warten belohnt. Die bizarr wirkenden, völlig eingefrorenen und still stehenden Lifte waren an diesem Tag für uns ein absolutes Tabu, jedoch schön anzuschauen. Drei geführte (Wander-)Gruppen machten sich bereits ein paar Minuten vor uns auf den Weg. Drei weitere Tourengeher waren einige Höhenmeter weiter oben zu erkennen, die wohl schon eine gute Stunde des Fußweges hinter sich hatten. Wir hatten keine Eile und haben in Ruhe, und immer mit Blick auf diese beeindruckende vor uns liegende Naturgestalt, unsere Felle auf die Ski gezogen, die Telemark-Bindungen auf „Tour“ gestellt, den Walkmechanismus eingelegt und unseren Einstieg gesucht.

Sabrina und Marc beim Aufstieg

Die ersten 60 Minuten der Tour waren fast ausschließlich sehr flach und in angenehm weichen Schnee bestens zu laufen. Voller Freude sind wir fleißig marschiert, dabei immer wieder einen Blick über die Schulter zurück ins Tal werfend. Der See wurde immer kleiner, die benachbarten Vulkane immer deutlicher sichtbar und der Schnee wurde härter, jedoch noch lange nicht eisig. Nur der Gipfel kam uns in unserer Wahrnehmung nicht wirklich näher. Unendlich weit wirkten die Schneeflächen vor uns, die Neigung nahm kontinuierlich zu und wenn die Augen nach oben glitten und den obersten Punkt des Vulkanes erreichten sahen sie stets die austretenden Gaswolken aus dem Krater. Und genau da wollten wir hin. Also gings weiter, mit dem immer beruhigenden Schneegeräusch unter den Telemarkern.

Sabrina und Swen

Nach der dritten gelaufenen Stunde gönnten wir uns endlich unsere wohlverdiente Pause. Wir fanden eine flache Stelle, an der wir uns gemütlich niederlassen, und die faszinierende Umgebung auf uns wirken lassen konnten. Die nächsten Minuten verbrachten wir mit chilenischem Brot, chilenischer Wurst, chilenischem Käse und chilenischer Schokolade. Das ganze mit ausreichend Flüssigkeit zu uns genommen, waren wir nun bereit, den Rest der Strecke in Angriff zu nehmen. Die ersten Meter war der Körper zwar noch auf Ruhemodus eingestellt, doch das änderte sich mit weiterhin zunehmender Steigung und immer eisiger werdenden Bedingungen. Unsere Harscheisen konnten wir jedoch im Rucksack lassen. Im Zick-Zack-Lauf vergingen die nächsten geschätzten 60 Minuten, bis wir an eine Stelle kamen, an der wir uns entschieden, die Telemarker ab hier an den Rucksack zu schnallen und den Rest, so fern möglich, auf unseren griffigen Vibramsohlen zurückzulegen. Es ging wirklich sehr gut. Blankes Eis hatten wir nie unter den Füßen. Eine kurze Zeit haben wir aber auch über unsere Steigeisen nachgedacht, es dann aber letztendlich bei dem Gedanken belassen.

Ein weiterer Blick über die Schulter

Wir waren bereits knappe fünf Stunden unterwegs, als wir die letzte große Flanke vor dem Gipfel erreichten. Oben angekommen gab es eine letzte kleine Pause. Wir machten Fotos, plauderten miteinander und saugten die ganze vor uns liegende Landschaft und Faszination in uns auf, natürlich immer mit dem Gedanken an den etwa 15 Minuten entfernten und rauchenden Krater über uns. Ein sehr langer Aufenthalt am Krater direkt sollte auf Grund der austretenden Gase vermieden werden. Wir genossen die Minuten, bevor es zum Schlussspurt ging. Ein Schwefelgeschmack wurde bei jedem zurückgelegten Meter intensiver, jedoch nicht beängstigend. Wortlos näherten wir uns dem Krater, bis die Steigung schließlich abflachte und wir das Ende unseres Aufstiegs erreicht hatten. Direkt vor uns war nur noch ein riesiges rauchendes Loch.

Blick in den stinkenden Krater

Ein riesiges rauchendes Loch aus dem stinkt. Hier und da zischen Gase aus kleineren Öffnungen ein paar Meter vom Krater entfernt und wir wussten nur zu genau, dass wir hier definitiv nicht mehr weiterlaufen sollten. Wir alle standen das erste Mal auf einem Vulkan. Dazu noch einem aktiven Vulkan, der definitiv auch in diesem Moment arbeitet. Das wurde uns im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar und schmackhaft gemacht. Glücklich und zufrieden bestaunten wir die Aussicht und das gegebene Naturschauspiel. Ein Wahnsinn!

Im Telemark den Villarrica runter

Blick vom "Gipfel"

Nach den beeindruckenden Minuten am Krater zogen wir unsere Felle ab, stellten die Bindungen und Schuhe auf Abfahrtsmodus und freuten uns auf den nächsten (ersten Telemark-)Schritt. Da wir den oberen Teil unserer Abfahrt bereits kannten, wussten wir welche Schneebedingungen uns dort erwarten würden. Nämlich sehr vereiste.

Mit freier Ferse und einer enorm kratzenden Geräuschskulisse unter den Telemarkern legten wir die ersten steilen eisigen Meter zurück, bis sich dank der strahlenden Sonne immer mehr weiche Flächen andeuteten, die wir dankend annahmen. Natürlich sind diese Stellen im Süden Chiles vermehrt auf der sonnigen Nordseite zu finden. Unsere Turns wurden größer und länger, während wir uns unsere Lines auf der weicheren Seite des Vulkans suchten und fanden. Traumhafte Bedingungen ergaben sich plötzlich, der angetaute Schnee wurde von unseren Skienden weit in den Himmel gespritzt und das Glücksgefühl wurde immer größer.

Im Telemark ins Tal

Mit einer absoluten Begeisterung fuhren wir im „alten Stil“ dem Tal entgegen. Die Flächen wurden größer und weiter, der Schnee immer weicher, bis sich im unteren Teil sogar bereits Sulzschnee entwickelte, der jedoch glücklicherweise nicht bremsend wirkte. Damit wurde auch das folgende Sprichwort wieder einmal mehr bestätigt: „Sulzschnee ist der Powder des kleinen Mannes.“ Begeistert legten wir die letzten Meter zurück, bis wir im mittlerweile stark frequentierten Skigebiet ankamen, das auf Grund seiner flachen Pisten ideal für Anfänger erscheint. Die „leicht überfüllte“ Piste brachte uns direkt zum Parkplatz zurück. Dort angekommen gönnten wir uns eine erneute Sitzpause und ließen das Geschehene nochmals auf uns einwirken. Natürlich immer mit Blick auf den Vulkan.

Sonnenlicht und heiße Quellen zum Abschluss

Blick auf den Lago Villarrica

Im Hostal in Pucon angekommen entledigten wir uns lediglich unserer Rucksäcke und machten uns auf den kurzen Weg zum See. Das traumhafte Wetter ermöglichte uns nämlich an diesem Tag sogar noch einen satten Sonnenuntergang, der Farben zum Vorschein brachte, die ich selbst so noch nie gesehen hatte. Zumindest nicht in Realität. Nach diesem Naturschauspiel ging es wiederum ins Hostal, um die Badesachen für den Abend zu packen. Gegen 20.00 Uhr ging es dann in eine nahe gelegene Thermalquelle, die uns und unseren Körpern bei einer Flasche Rotwein im etwa 40°C heißen Wasser einen gelungenen Abschluss des Tages bescherte. Pünktlich um Mitternacht waren wir zurück im Hostal und nicht für jeden ging es auch direkt wieder rein in den seit 5.30 Uhr verlassenen Schlafsack. Für den folgenden Tag hatten wir nichts geplant!

Das letzte Tageslicht

2 Kommentare

  1. Ein Spezl und ich wollen diesen September auch ein paar Skitouren in Chile gehen. Giebts vielleicht noch andere empfehlenswerte Touren? Habt ihr Steigeisen und Pickel irgendwann noch gebraucht?
    Danke schon mal :)

  2. Servus,

    ein Spezl und ich planen auch eine Chile Tour, diesen September, meine Frage wäre wie Ihr eure Ski im Flieger mitnehmen konntet und was ihr dafür bezahlen musstet? Vielleicht könnt ihr mir noch ein paar andere Tourentipps geben?
    Vielen Dank schon im Vorraus
    Matthias

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