Testberichte

Klettergurt Petzl Hirundos - Testbericht

06.09.2011

Klettergurt Petzl Hirundos – Testbericht

Was waren das nur für Zeiten, als man sich selbstverständlicher Weise um den Brustkorb und später um die Hüfte mit dem entsprechenden Knoten direkt mit dem Kletterseil verband. Nur gut das die Altvorderen nie (oder sagen wir mal “selten”) stürzten, denn das tat richtig weh. In der heutigen Zeit des “Rumhängens” beim Ausbouldern und des furchtlosen Stürzens freut man sich als Kletterer, dass es die Klettergurte gibt. Egal ob Brustgurt, Hüftgurt oder als Premiumsicherheitsvariante in der Kombination der Beiden, dieses Ausrüstungsgegenstand ist mindestens genau so unverzichtbar geworden wie das Kletterseil selbst.

Heute stellt sich nicht die Frage nach sicher oder und unsicher, sondern eher nach wie leicht und wie komfortabel ein Hüftgurt ist. Unzählige Hersteller bieten eine Unmenge an Klettergurten für alle möglichen Einsatzzwecke und Bedürfnisse an. Selbst einen in der Hose integrierten Klettergurt wird man bald käuflich erwerben können, was sicher den Riesenvorteil hat, den Gurt nicht mehr zuhause vergessen zu können.

Schwer behängt im Arbeitsumfeld

Der Kauf eines Kletterggurtes ist etwas persönliches. Er soll nicht nur optisch gefallen und gut passen, sondern auch ein sicheres Gefühl verleihen und Vertrauen erwecken. Bei den immer leichter und dünner werdenden Klettergurten kann der Zweifel an der Bruchfestigkeit des Materials und der Nähte schon mal aufkommen. Auch mich schreckte die minimalistische Aufmachung vieler neuer Performance Modelle ab, obwohl ich genau wusste, dass die entsprechenden Normen erfüllt und damit die Sicherheit uneingeschränkt gewährleistet ist. Eine Life Begegnung liess mich dann doch von den Vorteilen der Leichtklettergurte überzeugen. Als ich das erste mal den Petzl Hirundos eines Freundes anprobierte, stand mein nächster Klettergurt fest. Nach nun rund drei Jahren intensiver Nutzung kann ich endlich ein abschliessendes Statement zu diesem leichten Klettergurt abgeben und verfasse deshalb diesen Bericht.

Optische Wirkung und Qualität

Die Farbe ist auffällig was am Berg immer vom Vorteil ist

Der Trend geht definitiv in Richtung Farbe. Der Hirundos von Petzl war seit seiner “Geburt” damals als giftgrüner Neuankömmling ein auffälliger Ausrüstungsgegenstand. Die zweite Auflage erschien in Orange und besticht heute noch durch ihre nicht minder starke Auffälligkeit. Neben der Auffälligkeit sorgte Petzl mit den silbrigen Flächen der Hüft- und Beinschlaufen auch für das “Diskoflair” am Fels. Zu dem Zeitpunkt als ich den Klettergurt kaufte, war mir die Farbe relativ egal, da ich rein an dem “Light-Feeling” interessiert war. Beim Nutzen wurde die Gurtfarbe oft von meinen Kletterfreunden belächelt. Ab und an wurden sogar geist- und phantasiereiche Vergleiche mit der Mühlabfuhr getätigt, was mich zwar nicht störte, aber die mangelnde Bereitschaft mancher dem Farbtrend zu folgen verdeutlichte. Im Endeffekt sind die Optik und das Design mit Sicherheit immer wieder subjektiv zu bewerten. Auf mich wirkte der Klettergurt auffällig und brachte etwas Farbe in die sonst so karge Felslandschaft rein.

Die Qualität der in Frankreich hergestellten Petzl Produkte ist erstklassig, das kann man nicht anders sagen. Petzl punktet immer mit einmaligen Haptik, die unmittelbar für die typische Haben-Wollen Stimmung sorgt. Die Nähte wirkten extrem solide und sehr gewissenhaft gearbeitet. Am Abschluss gab es keine Franzen, oder lose Fädchen. Alle Textilteile (aus denen der Klettergurt ja fabriziert ist) gehen perfekt in einander über und sorgen so für das Bild eines perfekten Ganzen. Das Aufgedruckte Logo und der Name des Gurtes wirkten ebenfalls sehr resistent gegen Abrieb. So weit so gut, war ich fort an rundum zufrieden mit diesem Produkt Made in France.

Konstruktion, Größe, Funktionalität

Bei Klettergurten lohnt sich immer ein straffer jedoch bequemer Sitz

Mit Hirundos brachte Petzl damals mit den leichtesten Klettergurt auf den Markt. Dies konnte durch die Verwendung von leichteren dünneren Materialien und der so genannten Frame Konstruktion erreicht werden. Sowohl der Hüftgurt als auch die Beinschlaufen wirken auf den ersten Blick dünn, schmal und wenig vertrauenserweckend. So besteht der Hüftgurt im hinteren, zentralen Teil nur aus den beiden tragenden Rändern (dem Rahmen) und dem fast durchsichtigen Maschennetz. Den massivsten Teil bildet das Verschluss System und die dazugehörigen soliden Bänder, die auf der Höhe der ersten Materialschlaufe mit dem Rahmen verbunden sind. Die Double-Back-Schnalle des Verschlusses lässt sich auf der linken Seite öffnen und weit genug stellen, um ohne Probleme einsteigen zu können. Die Schnalle ist leichtgängig genug, um sie mit dünnen Handschuhen und/oder leicht gefrorenen Fingern bedienen zu können. Gleichzeitig ist der Verschluss sehr zuverlässig und blockiert in der gewählten Stellung sofort ohne nachzugeben und sich zu lockern. Das überschüssige Band kann man nach dem Verschliessen in den dafür vorgesehenen Laschen verstecken.

Wer braucht schon Plastik??? Die Schlaufen sind auch so super

Mit einem Taillenumfang von ca. 85 cm und einem Oberschenkelumfang von ca. 61 cm bei 188 cm Körpergröße fand ich mich mit der Größe M überraschend gut zurecht. Den Konditionsboliden und Fussballspielern sei aufgrund der mächtigen Oberschenkel evtl. die Größe L zu empfehlen, da die Beinschlaufen nicht verstellbar sind. Diese geben aber dank der elastischen Einsätze vorne einwenig nach. Diese Flexibilität ist besonders im Winter beim Eisklettern sowie auf Hochtouren von Vorteil, da man sowohl mit dünneren Kletterhosen als auch mit Winterkleidung einen guten Sitz hat.  Der anatomische Schnitt ist vorbildlich. Dieser ist jedoch eher auf das Sitzen im Klettergurt ausgelegt, was man bei der Anwendung positiv zu spüren bekommt.

Betrug die Anzahl der Materialschlaufen beim Hirundos 1 noch magere zwei, so bietet das orange Modell vier vollwertige Arbeitsschlaufen für viele Expressen, Karabiner etc. Die beiden vorderen Schlaufen sind etwas asymmetrisch gestaltet, damit das Material nach vorne rutscht und so besser erreicht werden kann. Dieses “Nachladen” von hinten funktioniert prima und bewährte sich für mich voll und ganz. Die beiden hinteren sind runder und flexibler. Sie wirken fast schon oldschool bei solch einem modernen Klettergurt bieten aber den Vorteil: beim Tragen eines Rucksacks nicht im Weg zu sein. Alle vier sind aus Textil und haben keine Gummierungen um sie herum, was sich während der Nutzung nie als nachteilig herausgestellt hat.

Dünn aber bruchfest

Die Beinschlaufen sind hinten mittels der bewährten Gummibänder mit dem Hüftgurt unfix verbunden. Ein Aushängen dieses “V” ´s passierte mir dabei noch nie. Was wiederum mir persönlich sehr oft widerfährt ist das Verdrehen der Beinschlaufen in sich. Den Fehler merkt man am unsauberen Bild des besagten “v-förmigen” Gummiband´s. Das Vermeiden dieser Verdrehung fällt mir schwer, da die Beinschlaufen vorne am Zentralpunkt so dünn sind, dass sie verdreht und unverdient gleich aussehen. Mich nervt das persönlich ein wenig, wenn ich trotz des Aufpassens immer wieder in diese Konstruktions Falle tappe. Rein funktionell hat das Verdrehen keine Auswirkungen, aber man möchte halt nicht mit einem verdrehten Gurt klettern und dabei wie ein Anfänger aussehen.

Die Anseilschlaufe/Zentralpunkt besteht aus einem schmalen aber dafür recht dicken und starren Bandmaterial aus Dynema. Die positiven Eigenschaften dieses Wundermaterials dürfen mittlerweile bekannt sein. Die Hohe Festigkeit auf dem Papier ersetzt nicht immer die optische Überzeugung des Materials, was schon mal zum Misstrauen führen kann. Die Schlaufe ist grün, was sie von dem gesamten Gurt abhebt und einen Partnercheck etwas erleichtert. [Wenn das Kletterseil in der grünen Schlaufe mit dem passenden Knoten drin ist, dann passt es!]

Alles in allem sorgt die lightweight Konstruktion vor allem für eins. Man hat das Gefühl keinen Klettergurt an zu haben. Dieses Gefühl fand ich sofort toll und beschloss diesen nicht mehr zu missen. Daran hat sich seit geraumer Zeit auch nichts geändert. Beide Daumen hoch dafür!

Rumhängen und Stürzen

Die Beinschlaufen sind schmal – im Gesamtpacket funktionieren sie jedoch super

Obwohl die Beinschlaufen sehr schmal sind und im Verhältnis zu normalen Gurten deutlich weniger Fläche zur Druckverteilung haben. Ist der Hirundos erstaunlich bequem, wenn man beim Ausbouldern oder am Stand mal drin hängen muss. Dabei wird das Gewicht sehr gut auf beide Gurtteile verteilt. Natürlich ist ein Klettergurt mit breiteren Beinschlaufen und stärker gepolstertem Hüftgurt angenehmer beim langen Hängen, aber für ein Klettergurt mit diesem Gewicht ist Hirundo´s Komfort aussergewöhnlich gut. Ich bin mit ihm schon einige MSL Routen geklettert und war immer wieder erstaunt das der Komfort in etwa der gleiche war, wie mit meinem alten Ocun Klettergurt, welcher deutlich “solider” gebaut ist.

Natürlich fängt es nach einer Weile an zu drücken und zu ziehen, so dass man den Gurt am Körper etwas verschieben muss, aber dafür dass man beim Klettern das phänomenale “Klettergurtlos Gefühl” hat, nimmt man (ich) diese kleinen Einschränkungen gerne in Kauf.

Auch beim Sichern von längeren Ausboulderaktionen hält man es mit dem Hirundos gut aus. Einzig und allein das Sichern im Top-Rope ist wahrlich kein Geschenk. Durch den direkteren Zug nach oben, wird die Kraft nicht gleichmäßig auf beide Gurtteile verteilt. Deshalb drücken die Beinschlaufen übermäßig stark, wenn der Seilpartner im Top-Rope längere Zeit hängen muss. Beim Sichern im Nachstieg ist dieses Problem nicht so stark ausgeprägt, da die noch vorhandene Sicherungskette für einen flacheren Winkel zum Sicherungsgerät (und somit auch zum Gurt) sorgt. Erst beim Ablassen merkt man das Ziehen der Beinschlaufen und muss einwenig tricksen um nicht so leiden zu müssen. Klettert man gerne oberkörper- oder bauchfrei, dann muss die zarte Haut beim längeren Verweilen im Gurt sichtbar leiden. Die stark perforierte Polsterung reibt ziemlich aggressiv an den beanspruchten Stellen, aber man kann ja nicht alles haben.

Sitzt gut und belastet nicht…

Das Klettern mit dem Petzl Hirundos ist an sich phänomenal. Man fühlt sich einfach nur frei und lediglich das Gewicht des Seils erinnert einen ab und an daran, dass man auch noch einen Klettergurt an hat. Die Funktionalität der Arbeitsschlaufen ist ebenfalls top. In den insgesamt 4 Schlaufen kriegt man genug Material unter, um 60m Seillänge abzusichern und anschliessend einen Stand einzurichten. Die vorderen Schlaufen sind gut geschnitten und bieten einem beim Sportklettern während des Einhängens der Hacken an kniffligen Stellen sofort die Exe da wo man sie braucht.

Das Stürzen bereitet mit dem neuen Material anfangs immer etwas Sorge. Hält das wirklich? Hat man da solche Probleme empfiehlt es sich langsam “heran zu tasten/stürzen” und so das Vertrauen in das Material und die Sicherungskette aufzubauen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich anfangs bei einem Durchstiegsversuch am Limit immer in beide Einbindeschlaufen eingebunden habe und nicht im Zentralpunkt. Nach und nach baute ich meine subjektive Zweifel an der Bruchfestigkeit der minimalistisch aussehenden, grünen Sicherungs-/Einbindeschlaufe ab und binde mich nun beim Sportklettern nur noch da ein. Man muss sich einfach immer vor Augen führen, dass diese Schlaufe 15 kN hält – eine Kraft die bei keinem Sturz auftreten kann. Fakt ist das meine Einbindeschlaufe bereits ein Dutzend weite, harte, unerwartete sowie auch weiche und kurze Sportkletterstürze tadellos gehalten hat.

Alles in einem bin ich wirklich zufrieden mit meinem orangen Hirundos und geniesse nach wie vor die “Freiheit” beim Klettern mit dem Seil.

Haltbarkeit

Obwohl fast durchsichtig, dient der Gurt mir treu ohne zu verschleißen

Wenn man die Publikationen zur Sicherheit von Material liest und dem Glauben schenkt, dann hält ein Klettergurt das ganze Kletterleben lang. Nach Skinners Tod durch einen Gurtbruch, horchte ich auf. Die Materialien werden immer leichter, dünner und verschließen demzufolge sehr viel schneller als die alten stärker dimensionierten Klettergurte. Petzl gibt 3 Jahre Garantie auf seine Klettergurte. Alle drei Jahre 70 € auszugeben ist natürlich die sicherste Art und Weise mit der Haltbarkeitsproblematik umzugehen. Ich persönlich gehe da einfach mit gesundem Menschenverstand heran und prüfe: das Material, die Nähte und Verschlüsse, regelmäßig auf ihre Funktionalität und Zustand. Kommt mir irgendwas spanisch vor, dann tausche ich das Ausrüstungsgegenstand aus. Bei Klettergurten kam das allerdings bis her nicht vor. Auch Petzl Hirundos zeigt nach drei Jahresfrist keine Mängel.

Ich klettere den Gurt regelmäßig und werde es noch einige Jahre tun. Letztendlich kauft man einen neuen Gurt, weil man Lust auf etwas neues hat und weniger aus Sicherheitsgründen. Petzl Hirundus ist trotz seiner Leichtkonstruktion kein Produkt, das pünktlich zum Ablauf der Garantiezeit auseinander fliegt, was wirklich lobenswert ist.

Fazit

 

So schaut die Gr. M von vorne aus – immer noch Reserven vorhanden

Dieser moderner extrem leichter und angenehmer Klettergurt behauptete sich in meinem Langzeittest nicht nur beim Sportklettern, sondern auch in größeren Wänden. Dabei bot er mir neben dem Gefühl der Freiheit einen erstaunlich guten Komfort beim Hängen. All das was ein Klettergurt können soll, leistet Hirundos mit Leichtigkeit. Nach meinen Erfahungen sehe ich für mich keine Notwendigkeit mehr an verstellbaren Beinschlaufen und dickeren Polsterung. Das einzige was beim Komfort zählt ist Fläche und Schnitt. Für mich ist dieser Klettergurt optimal, da er extrem viele Vorteile bietet und nur wenige Nachteile aufweist. Dieses Produkt ist nicht nur für Gewichtoptimalisten zu empfehlen, sondern schlicht und einfach allen die beim Klettern frei sein wollen!

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