Reise

Klettern mit Tradition - Traditional Climbing im Lake District

05.09.2011

Klettern mit Tradition – Traditional Climbing im Lake District

Sommer 2009: Früh morgens stehe ich an Deck der Fähre und blicke nach vorn. Vier Monate England liegen vor mir und meine Gedanken kreisen um das Leben und die Menschen auf der Insel… Was weis ich eigentlich über Land und Leute? Linksverkehr, lauwarmes Bier und launisches Wetter kommen mir als erstes in den Sinn, nicht zu vergessen der fast schon legendäre britische Humor. Und dann ist da noch diese für mich vollkommen neue Spielart des Kletterns: das Traditional Climbing oder kurz Trad Climbing.

Traditional climbing – Die Königsdisziplin des Klettersports

Beim Traditionellen Klettern wird auf Bohrhaken verzichtet. Für die Absicherung beim Klettern muss komplett selbst gesorgt werden. Neben zwei Halbseilen, diversen Expressen, Karabinern und Bandschlingen gehört also auch eine ausreichende Anzahl an Friends und Klemmkeilen in den Kletter Rucksack. Hier haben sich die Black Diamond Camalots und die Wallnuts von DMM bestens bewährt. Nicht zu vergessen ein Klemmkeilentferner…

DMM Wallnuts

DMM Wallnuts

Zu den wohl bekanntesten Klettergebieten in ganz England zählen sicherlich die Felswände im Lake District, in der Sprache der Locals auch einfach nur “The Lakes” genannt. Im Nordwesten unweit der schottischen Grenze gelegen, hat die Region mit den zahlreichen Seen den Ruf, die feuchteste Gegend in ganz England zu sein. Zwar schwanken die Temperaturen nur wenig, dafür ist es häufig extrem windig. Also eigentlich nicht gerade das, was man sich bevorzugt zum Klettern aussuchen würde. Der Blick in den Topo-Führer sagt da allerdings etwas anderes…

Buttermere und Grey Crag: Ein perfekter Einstieg

Wir haben uns für Buttermere als Basecamp zum Klettern entschieden. In der näheren Umgebung gibt es Routen in allen Schwierigkeitsgraden und auch für einen Fels-Novizen wie mich ist etwas passendes dabei. Als wir zu später Stunde am Campingplatz eintreffen ist von den Felsen allerdings nichts mehr zu sehen. Nur schnell das Zelt aufgebaut und ab in den Schlafsack – schließlich möchte ich fit für den kommenden Tag sein! Der zeigt sich dann auch von seiner besten Seite: Die Sonne wärmt uns schon beim Frühstück und die Wettervorhersage verspricht einen schönen Sommertag. Unser Ziel ist der Grey Crag, eine aus mehreren Pfeilern bestehende Wand, die sich am anderen Ufer des Sees erhebt.

Aufbruch am Morgen

Aufbruch am Morgen

Die einzelnen Pfeiler können in mehreren Seillängen zum “Gipfel” des Grey Crag verbunden werden. Mein Kletterpartner Charles und ich lassen es aber erstmal ruhig angehen. Schließlich ist es für mich der erste Felskontakt und zugleich meine erste Begegnung mit dem Traditionellen Klettern. Wir haben uns die Oxford and Cambridge Ordinary Route als Einstieg ausgesucht: Eine Seillänge, moderate Schwierigkeit. Nach einer kurzen Einweisung geht’s los. Das scharfe Ende des Seils überlasse ich gerne Charles…

Am scharfen Ende des Seils

Am scharfen Ende des Seils

Lange dauert es nicht bis von oben ein lautes “I’m safe Julian” erklingt, das zuvor vereinbarte Signal, dass Charles den Ausstieg der Route erreicht und sich selbst ausreichend gesichert hat. Wenig später binde ich mich ins Seil ein und mache meine ersten Kletterzüge am Fels. Das Erlebnis beim Outdoor-Klettern ist wirklich nicht mit dem in der Kletterhalle zu vergleichen: Die Aussicht reicht bis zur Talsohle hinunter und auch wenn die Route selbst nicht viel mehr als siebzehn Meter lang ist, habe ich doch beinahe das Gefühl in exponierter Lage hoch oben in der Wand zu hängen… Gute Griffe, sichere Tritte und eine sich leicht nach hinten neigende Wand geben mir ein Gefühl von Sicherheit beim Klettern – für mich der perfekte Einstieg in die vertikale Welt.

Wir bleiben “Oxford und Cambridge” treu, wagen uns aber nun an die direkte Variante: Auch hier nur moderate Schwierigkeit, diesmal aber in zwei Seillängen. Auch hier überlasse ich Charles den Vorstieg. Die erste Seillänge ist schnell bewältigt und vom Standplatz in der Wand habe ich einen traumhaften Blick über die umliegende Landschaft. Überall sieht man bunte Punkte in den Wänden, das schöne Wetter hat die Kletterer in Scharen zum Lake District gelockt.

Standplatz mit Aussicht

Standplatz mit Aussicht

 

Die zweite Seillänge fordert mir dann schon ein wenig mehr ab. Technisch zwar weiterhin einfach, muss ich mich doch erstmal an das Riss-Klettern gewöhnen. Es dauert eine Weile bis ich den Trick mit dem Verklemmen der Hand raus habe, dann geht es zügig voran. Oben wartet Charles bereits ein wenig ungeduldig auf mich, er hat sich noch die ein oder andere Route für den Tag vorgenommen…

Als wir uns am späten Nachmittag auf den Rückweg ins Tal machen bin ich schlicht überwältigt von den neuen Eindrücken die ich heute gewonnen habe. Bevor ich mich ganz und gar dem Träumen hingeben kann, gilt es den Abstieg über das steile Geröllfeld zu meistern. Arme und Beine sind nach dem Klettern allerdings reichlich müde… Mehr rutschend bewegen wir uns talwärts bis wir wieder “festen Boden” unter den Füßen haben. Die letzten Meter führen auf einem gut befestigten Wanderweg am Ufer des Sees entlang. Unser Ziel ist der örtliche Pub, wo sich gegen Abend immer mehr Wanderer und Kletterer einfinden. Natürlich ist Klettern hier das Hauptgesprächsthema…

Fazit

Ob Einsteiger oder Profi, im Lake District findet jeder eine passende Route zum Klettern! Wer bislang nur in Sportkletterrouten mit Bohrhaken unterwegs war, sollte den Umgang mit Keilen und Friends allerdings vorher üben. Optimaler Weise führt man als Begleitung mehr als fünfzehn Jahre Klettererfahrung mit sich, dann steht einem gelungenen Start ins Traditionelle Klettern nichts mehr im Weg!

 

3 Kommentare

    • Ja, das gibt es tatsächlich in England – war anfangs selbst ein wenig überrascht. Also ich kann nur noch einmal sagen, Großbritannien ist definitiv einen Kletter-Trip wert!

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*