Testberichte

Testbericht: Kletterschuhe Scarpa Vapor S im Test

29.09.2011

Testbericht: Kletterschuhe Scarpa Vapor S im Test

Grün, Grün, Grün…. ich find´s hübsch.

Slipper sind schon eine tolle Erfindung. Schnell rein, schnell raus – mehr Komfort geht beim Klettern kaum. Wenn die Performance stimmt dann stehen den perfekten Kletterschuhen nur noch die Problematik der Passform im Wege. Nach dem ich (mal wieder..) mein Herz an Scarpa-Kletterschuhe Namens Vapor V verloren habe, war ich extrem scharf darauf die Slipper Variante dieses Modells auszuprobieren. Meine Vorfreude auf diese Scarpa Kletterschuhe aus Leder war schliesslich gerechtfertigt, wie ein ausführlicher Praxistest zeigen konnte.

Optik, Verarbeitung

Die Verarbeitung ist noch viel besser als die Optik – ohne Worte..!

Hand auf das Herz – dieser grüner Kletter-Slipper ist rein optisch, aus meiner subjektiven Sicht der gelungenste aus den beiden Instinct und Vapor Familien. Das Aussehen ist einfach und schlicht. Der Schuh wirkt auf mich dennoch durch seine klare Form und wenige, gelungene Details sehr hübsch. Obwohl die Optik nicht waffenscheinpflichtig ist wirken die Kletterschuhe Scarpa Vapor S nicht wie ein Anfänger Kletterschuh. Da die gesamte Vapor Reihe auf ambitionierte Allrounder abzielt passt die äussere Erscheinung wie die Faust auf das Auge. Mein erster positiver Eindruck ist nicht nur dank der Optik zustande gekommen. Die tadellose Verarbeitung trug nämlich in großen Teilen dazu bei, dass ich den Vapor S seit dem ersten Moment an mochte. Ich hatte schon einige Scarpa Kletterschuhe getestet und sie alle waren nahezu perfekt verarbeitet. Dieses Modell bildet im Test keine Ausnahme – egal ob Sohlenschliff, Gummi Verklebungen oder Nähte, alles ist einfach erste Sahne. Mehr kann ich zu diesem Thema leider nicht zu sagen. Am besten einfach selbst anschauen, testen und überzeugen!

Konstruktion

Die steile Ferse ist das Einzige an der Konstruktion was “extrem” auffällt

Dieser Slipper ist in bewährter Ballerina Art konzipiert. Das Obermaterial besteht aus weichen und geschmeidigen Leder. Die Zehenbox ist im Vergleich zum Instinct eher flach und sieht kein extremes Aufstellen der Zehen vor. Trotzdem ist sie einwenig vorgeformt, um die leicht aufgestellten Zehen nicht unnötig zu strapazieren. Die Kletterschuhe Scarpa Vapor S besitzen eine durchgehende Sohle die vorne in etwa 3,5 mm hat und hinten den Abschluss der Fersengummierung bildet. Der Downturn ist kaum wahrnehmbar und ist eher im Schuh Inneren bemerkbar, wo ein Hügel die Zehen bei der Kraftentfaltung unterstützt. Vapor S ist deutlich weicher als sein mit Velcros ausgestatteter Bruder. Eine stabile und feste Kante hat dieser Kletterschuh dennoch, was sich beim Klettern sehr positiv ausgewirkt. Auch der Leisten ist etwas anders als beim Scarpa Vapor V. Dieser Kletterschuh ist einen kleinen Tick schmaler als die Klettverschluss Version und fällt von der Spitze weg, in Richtung der kleinen Zeh etwas steiler ab. Die Form ist zwar nicht ganz gerade und symmetrisch, aber auch nicht extrem “bananig”. Sie entspricht im Großen und Ganzen der natürlichen Fußkrümmung. Die im Spann angesiedelte Gummiband Partie ist straff genug, um den Kletterschuh am Fuß zu halten, drückt aber nicht unnötig und ist dadurch angenehm.

auch die Innenseite offenbart nichts Außergewöhnliches

Insgesamt sind die Kletterschuhe Scarpa Vapor S sehr moderat konstruiert, so dass der Fuß weder durch den Downturn, noch durch die Vorspannung unnötigen Krämpfen ausgesetzt ist. Die einzige wirklich Vorspannung dieses Kletterschuh´s sitzt in der Ferse. Diese ist dank des Sling-Shoot Systems ziemlich steil und schiebt den Fuß sehr kraftvoll in die Spitze des Schuhs. Obwohl von diesem System äußerlich kaum was zu erkennen ist, funktioniert es in der Praxis 1A – dazu später mehr.

die Form ist moderat, einen Zehengummierung fehlt aber leider

Was diesem Slipper fehlt ist meiner Meinung nach ein Toe-Hook Patch auf der Zehenbox. Das Randgummi ist zwar an der Stelle des großen Zeh´s hochgezogen und mit Einschnitten versehen, dient aber eher als Schutz gegen den Abrieb an dieser gefährdeten Stelle. Einen weiteren Kritikpunkt stellt für mich die vordere Anziehschlaufe dar. Diese ist aus dem gleichen Leder wie der Schuh selbst und ist leider nicht so starr, so dass sie nicht immer nach oben absteht. Da sie zum nach unten hängen neigt, kann sie beim Anziehen nach Innen rutschen und muss mit etwas Gefummel wieder herausgeholt werden, damit sie beim Klettern da ist wo sie sein sollte – draußen! Ansonsten kann ich für diesen Slipper nur beide Daumen nach oben nehmen und die Macher zu einem sehr gelungenen Exemplar gratulieren.

Passform und Größe

Dieses Teil garantiert Komfort auf höchstem Level

Wie ich Anfangs bereits sagte: ist die Passform oft ein Knackpunkt bei Slippern. Vapor S stellt keine Ausnahme dar. Ich habe lange rumprobieren müssen bis ich mich für 41,5 EU entschieden habe. Bei einem Slipper aus Leder, der am persönlichen Limit eingesetzt werden soll empfiehlt sich normalerweise die Minimalgröße. Sprich: die Schuh Größe in die man noch rein kommt und trotz Schmerzen noch klettern kann. Da das Leder rasch merklich nachgibt, hat man dann nach ein Paar Sessions einen perfekt passenden Schuh, der nicht mehr weh tut. Meine Minimalgröße wäre demzufolge 41 EU da 40,5 EU einfach unmöglich war. Ich wollte aber einen gemütlichen Slipper zum stundenlangem Bouldern, um ihn später als Alpin Patschen her zu nehmen. Deshalb entschied ich mich für die o.g. Größe, die zwar meine Zehen leicht aufstellte, meinen Fuß aber in der Länge nicht zusammenquetschte. Da der Leisten perfekt für breitere Füße mit ägyptischen Zehenform ist musste ich mit meinen quadratischen Haxen am dritten und vierten Zeh am Anfang etwas leiden. Doch bereits nach 3 Test-Bouldern bildeten sich an den betroffenen Stellen Ausbuchtungen im Obermaterial. Bereits nach dem ersten Boulderabend konnte ich den Vapor S als eingeklettert bezeichnen. Solche Passform innerhalb so kurzer Zeit ist nur mit Leder möglich. Insgesamt würde ich die Kletterschuhe Scarpa Vapor S als sehr komfortabel und “natürlich passend” bezeichnen.

Die Ferse ist stabil und passt insgesamt gut

Die steile Ferse drückte anfangs zwar einwenig stärker auf die Achillessehnenansatz, dies lies jedoch bald etwas nach. Dieser Druck fällt nicht so stark wie beim Vapor V aus, was ich dem weichem Leder am Abschluss der Ferse zuschreibe. Die Ferse an sich ist mit den anderen Vapor Modellen identisch und hatte bei mir in dieser Größe etwas Luft an den Seiten und in der Felsenspitze. Bombenfest sitzt Vapor S in 41,5 zwar nicht, aber es war auch nicht mein Wunsch, sonst hätte ich zur Minimalgröße gegriffen. Alles in einem ist die Passform individuell “einstellbar”. Menschen mit sehr schmalen Füßen und niedrigem Spann werden bei diesem Kletterschuh aus meiner Sicht nicht die gleichen guten Passform Ergebnisse erzielen können, wie es bei mir der Fall war. Vapor S verlangt einen normal breiten Fuß und etwas Volumen. Auch den Menschen mit extrem breiten Füßen kann ich dieses Modell nur empfehlen, da man ihn nach nur kurzer Zeit durch das Einklettern an den eigenen Fuß  anpassen kann.

Performance

Diese Kante kann echt was “wegstehen”

In diesem Bereich verhält sich Vapor S wie sein Klett-Bruder und offenbart sich als Wolf im Schafspelz. Bevor ich den Vapor V “kennengelernt” hatte, bereitete mir das frontale Treten ab und an Probleme. Normalerweise rolle ich gerne die Kante auf, um auf kleinem Zeug stehen zu können. Mit dem Vapor war das nicht mehr notwendig. Man spürte förmlich den Kraftschluss am Tritt und die verstärkende Wirkung des Sling-Shoot Systems. Zum ersten mal empfand ich frontales Stehen als kinderleicht. Auch die Kletterschuhe Scarpa Vapor S klettern sich genau so exakt und präzise auf der Spitze wie der beschriebene Verwandte. Ich persönlich finde ihn sogar einen Tick sensibler, aber es kann auch an der etwas größeren Größe liegen, da der Zeh sich etwas mehr in der Fläche entfalten kann. Durch die etwas weichere Sohle und die größere Größe brauchte ich zwar in Kalkplatten etwas mehr Zehenkraft, konnte aber bis jetzt jeden noch so kleinen Tritt stehen. Auch auf Reibung hielt der Slipper bombig, was natürlich nicht zuletzt dem XS Gip 2 zu verdanken ist.

egal welche Tritte mir unter den Vapor S kamen, alles wurde erfolgreich bewältigt

In Wänden bieten die Kletterschuhe Scarpa Vapor S einen guten Kompromiss zwischen, Komfort, Gefühl, Präzision und Unterstützung. Für mich ist das gefühlvolle Treten bei problematischen (unförmigen, glatten) Tritten wichtiger als eine steife Sohle, welche die Zehen zwar entlastet aber ein Spüren der Tritte schwieriger macht. Durch das Gefühl für den Tritt, fällt es mir persönlich leichter voller Vertrauen “auf Nichts” zu steigen. Im Überhang kann dieser Scarpa Slipper nicht mit Downturnstarken Modellen und einer Halbsohle mithalten. Dazu fällt die Flexibilität im Fußgewölbe und eine stärkere Krümmung der Zehen. Nichts desto trotz kam ich auch in stärkeren Überhängen mit dem Scarpa Vapor S sehr gut zu recht. Lediglich in Dächern merkt man, dass ein richtiges Greifen schwer fällt. Da ich aus der Erfahrung weiß, dass die Sohle mit der Zeit weicher wird, rechne ich damit, dass diese Fähigkeit sich immer mehr entfaltet.

einfachere Hooks sind kein Problem und der Fuß bleibt im Schuh

Das Hooken funktioniert trotz etwas Luft in der Ferse ganz gut. Da die Ferse eher stabiler gebaut ist kann man super die Kraft auf die Hookfläche übertragen. Eine voll gummierte Außenseite wäre aus meiner Sicht noch besser beim Hooken und hätte einen positiven Effekt für die Haltbarkeit im Hinblick auf die Ablösungsproblematik. In der von mir gewählten Größe zog ich mir das eine oder das andere Mal den Schuh beim Hooken vom Fuß. Ich kann nicht sagen, wie es in der Minimalgröße wäre, aber in meinem Fall muss man sich beim Hooken schon gut konzentrieren, wenn man bei schwierigen Hooks den Schuh nicht verlieren möchte. Die weite Einstiegsöffnung ist zwar ein Segen beim Einsteigen, beim Hooken ist sie jedoch eher ein Fluch. Da dieses Problem bei anderen Slippern ebenfalls auftritt, möchte ich Vapor S an dieser Stelle nicht schlechter machen als er ist. Die meisten Hooks gelingen ohne Probleme. Für spezielle, Hardcore Hooks wähle ich einen anderen Schuh mit einem Verschlusssystem. Die Toe-Hook Performance entspricht in etwa den Leistungen beim Hooken. Man kann zwar die Zehen sehr gut anheben und die Hookfläche auf diese Art und Weise “ergreifen”, doch die Reibung des Leders stößt sehr schnell an seine Grenzen. Deshalb gilt auch hier: einfache Toe-Hooks auf größeren Flächen sind mit dem Vapor S kein Thema, wenn es schwieriger, flacher, kleiner, glatter wird, muss ein Schuh mit Toe-Hook Gummierung her!

Alles in einem bin ich wirklich begeistert von den Eigenschaften beim Treten und zufrieden mit den Hook-Leistungen.

Haltbarkeit

XS Grip 2 hat sich für mich in vielen Gesteinen bewährt

Alles was die Haltbarkeit des Obermaterials und deren Nähte etc. angeht gibt es nichts auszusetzen. Das Leder ist hier abriebfester als Lorica, so dass ich an den kritischen Stellen (über die aufgestellten Zehen) keine Lochbildung erkennen kann. Der Verschleiß der Sohle ist für XS Grip 2 typisch und befindet sich auf einem sehr gut akzeptablen Level. Durch die extrem präzise Spitze bilde ich mir zumindest ein, eine weniger verschlissene Sohlenkante beim Vapor S vorzufinden. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit ihm die meiste Zeit draußen am Kalk und drinnen an  nicht besandeten Wenden geklettert bin. Das Gummiband leiert nicht aus, so dass der Sitz sich lediglich durch das sich weitende Leder verändert. An dieser Stelle muss ich noch mal an die Größenwahl in Abhängigkeit vom Einsatzzweck hinweisen. Insgesamt kann ich auch in dieser Kategorie nichts negatives über den Vapor S berichten.

Empfehlung/Einsatzbereich

Anfangs hatte ich diesen Schuh für das Training an der Kunstwand und evtl. für den späteren Alpinen Einsatz vorgesehen. Doch nach dem ersten “Anklettern” war ich so begeistert von diesem grünem Patschen, das ich ihn für alles her nahm. Das von mir entgegen gebrachte Vertrauen in seine Präzision und Kantenstabilität  enttäuschte Vapor S selbst in Kochel mit seinen glatten und technischen Tritten nie. In Routen sowie in Bouldern bei denen es nicht auf das Hooken ankommt ist Vapor S für mich eine sehr gute Wahl. In langen Routen punktet er mit seinem Komfort und noch ausreichend festen Sohle. Selbst in stärkeren Überhängen kann man mit diesem an sich simplen Slipper kraftvoll an Strukturen Saugen, für die ich normalerweise früher einen “Spezialisten” rausgeholt hätte. Durch die recht lockere Größenwahl ist das Stehen auf ganz kleinen Tritten etwas anstrengend, aber noch gut machbar. Alles in einem benutze ich diesen Kletterschuh im Moment für alles was nichts mit tricky Hooks zu tun hat und kann ihn daher für den besagten Bereich uneingeschränkt empfehlen.

Fazit

Nach getaner Arbeit an der frischen Luft

Dieser Slipper bietet viele Vorteile und nur wenige Nachteile die im Bereich der Hook Performance in alle Richtungen liegen. Neben dem Komfort, bietet er eine variable durch das Leder “modellierbare” Passform, welche den Breitfüßlern, sowie Kletterern mit problematischen Zehen-/Fußformen eine Abhilfe bietet. Für einen eher nicht so stark strukturierten Schuh bietet Vapor S eine unwahrscheinliche Präzision und Stabilität beim Treten mit der Spitze. Für mich ist die Vapor Serie unter den von mir bis her getesteten Kletterschuhen, die mit den besten frontalen Performance. Sensibilität, sauberes Treffen von Tritten sowie ein förmlich spürbares Form- und Kraftschluss auf noch so komisch geformten Strukturen zeichnen diesen Kletterschuh aus. Hätte dieser Slipper entsprechende Gummierungen für das Hooken, wäre er in jeder Disziplin unschlagbar. So bleibt er lediglich ein Allrounder beim Treten. Mein Urteil lautet: dieser Kletterschuh bietet nicht nur beim Trainieren fast alles was man so braucht, sondern auch am Fels. Wer keine hardcore Hooks setzen möchte – unbedingt ausprobieren!

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