Reise

Neuseeland: Bergsteigen und Freeriden im Land der Vulkane

29.07.2011

Neuseeland: Bergsteigen und Freeriden im Land der Vulkane

Die Nordinsel Neuseelands hat, im Gegensatz zur Südinsel, keine zusammenhängende Gebirgskette die sich über die gesamte Länge der Insel erstreckt. Stattdessen gibt es einige kleinere Gebirgszüge, das Zentrale Vulkanplateau und ein paar einzeln stehende Vulkane, allem voran der Mt. Taranaki im Westen der Insel. Die einzeln stehenden Berge sind laut Maori Legende während der Buhlschaft um Mt. Pihanga, ein weiblicher, waldbedeckter Berg im Zentrum der Insel, in die vier Himmelsrichtungen geflohen nachdemder damals größte Vulkan, der Tongariro in einem Kampf seine Kappe abgesprengt und somit Mt. Pihanga für sich gewonnen hatte. Mt. Ruapehu und Mt. Ngauruhoe sind laut der Legende die Kinder dieser Beiden und zu viert bilden sie die Kulisse des zentralen Vulkanplateaus und stehen im ältesten Nationalpark Neuseelands: dem Tongariro Nationalpark.

Powder-Freerides auf Vulkanen

Die Gipfel des zentralen Vulkanplateaus: Mt. Tongariro, Mt. Ngauruhoe und Mt. Ruapehu

Die Gipfel des zentralen Vulkanplateaus: Mt. Tongariro, Mt. Ngauruhoe und Mt. Ruapehu

Johannes und ich waren seit gut einer Woche auf der Nordinsel unterwegs und hatten den Traum einer Skitour auf den Mt. Ruapehu, Neuseelands zweithöchsten Berg und aktiven Vulkan. Als wir jedoch in die Gegend kamen schüttete es als gäbe es kein Morgen und der Wetterbericht für die kommenden zehn Tage verhieß keine Besserung. Also entschlossen wir uns das Vorhaben um eine Woche zu verschieben und fuhren in den Norden. Als wir ein paar Tage später zurück waren klarte das Wetter tatsächlich auf und enthüllte die schneebedeckten Vulkane die sich, wie Hütchen auf einem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Spielfeld, aus der Ebene erheben; ein Majestätischer Anblick.  Leider hatte es in der vergangenen Woche so viel geschneit und gestürmt dass die Lawinengefahr für eine Skibesteigung viel zu hoch war, und so entschieden wir uns für einen Tag ins Skigebiet zu gehen.

Dick eingepackt in winddichte Kleidung fuhren wir ins Tauroa Skigebiet, eines der zwei großen Gebiete auf der Nordinsel an den südlichen Flanken des Ruapehu. Während ein Großteil der Lifte schon lief wurden andere noch fleißig enteist, denn ab einer gewissen Höhe verwandeln die neuseeländischen Winde und die feuchte Luft in kalten Nächten alle Gegenstände in wundervolle Eis-Skulpturen. Die Pisten waren kaum präpariert und wir genossen ein paar traumhafte Freeride-Abfahrten im Powder mit Sicht auf die braun-rot-grüne Ebene; denn verschneit war wirklich nur der Berg.

Tongariro-Crossing – Wintertrekking auf Neuseeland

Windgeschwindigkeiten von 60km/h am Tongariro Crossing

Windgeschwindigkeiten von 60km/h am Tongariro Crossing

Am nächsten Tag wollten wir das berühmte Tongariro-Crossing machen. Eine sechs- bis achtstündige, relativ einfache Trekkingtour bei welcher der Sattel zwischen Mt. Tongariro und Mt. Ngauruhoe überschritten wird. Ausgerüstet mit warmer Funktionskleidung, winddichten Softshelljacken und Gamaschen starteten wir nach Sonnenaufgang. Der Weg beginnt in der Ebene und schlängelt sich gemächlich den Sattel zwischen den zwei Vulkanen hinauf wobei der Schnee zu dieser Jahreszeit immer tiefer, der Wind stärker und die Aussicht immer atemberaubender wird. Zwischen den zwei Vulkanen wird dann eine große Ebene überquert bevor der Weg teilweise über einen Grat auf der anderen Seite wieder in die Ebene führt. Leider hatte auch hier der Wind ganze Arbeit geleistet und der Grat war in blitzblaues Eis, bedeckt mit einer dünnen Schicht Schnee, gehüllt. Ohne Steigeisen und Eispickel und bei Windgeschwindigkeiten um die 60 km/h war es eine wahre Rutschpartie bzw. teilweise gar nicht begehbar und so entschlossen wir uns umzukehren. Zwar etwas enttäuscht über unser Scheitern aber doch begeistert von der unberührten Schneelandschaft oberhalb der kargen Ebene erreichten wir am frühen Nachmittag das Auto und machten uns auf in Richtung New Plymouth und dem nächsten Vulkan, dem Mt. Taranaki.

Mount Taranaki – Es wird alpin!

Der Mt. Taranaki, ehemals Mt. Egmont im gleichnamigen Nationalpark, ist einer dieser Berge die man sieht und sofort in dessen Bann gezogen wird, zumindest ging es Johannes und mir so. Der perfekt kegelförmige Vulkan erhebt sich majestätisch von einer ins Meer reichenden Halbinsel aus dem Wald und der gleißende Schnee glitzert unter dem dunkelblauen Himmel. Uns war beiden sofort klar: da müssen wir rauf!

Mt. Taranaki

Mt. Taranaki

Gesagt getan. Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang schulterten wir am Mt. Egmont-North Parkplatz unsere Tourenrucksäcke die mit Proviant, Regen- und Windjacken, Steigeisen, Eispickel und viel Wasser gefüllt waren und spazierten die erste dreiviertel Stunde auf einem schneebedeckten Weg durch den Regenwald. Der Wald mit seinen vielen Farnen und dichten, breitblättrigen Sträuchern hätte eher einen nahegelegenen Tropenstrand vermuten lassen, und so kam uns der Schnee unter unseren Füßen irgendwie fehl am Platz vor. Doch sobald wir nach oben blickten, war uns wieder klar wo wir waren: Der Himmel war hellblau und der Mond stand noch hoch, im oberen Drittel des Berges schimmerte der Schnee leichtrosa und am Horizont waren die kegelförmigen Gipfel des zentralen Vulkanplateaus gestochen scharf sichtbar.

Bei einem großen Telegraphenmast, etwas oberhalb der Baumgrenze, endet der Weg. Wir befanden uns nun direkt unter dem Mt. Taranaki und mussten feststellen dass er nicht nur von weit weg so steil aussieht, er ist es auch. Nachdem wir die Steigeisen angeschnallt und Handschuhe angezogen hatten ging es bergauf, von einer vereisten Wegweiser-Stange zur Nächsten. Spuren waren keine sichtbar, obwohl wir aus dem Tourenbuch am Parkplatz wussten dass kurz vor uns jemand losgegangen war. Der Schnee war jedoch so hart gepresst, dass auch unsere Steigeisen keine Spuren hinterließen.

Brettharter Schnee beim Aufstieg

Brettharter Schnee beim Aufstieg

Da der Vulkan fast perfekt kegelförmig ist gibt es nur im untersten Bereich Scharten und sobald wir diese verlassen hatten pfiff uns der Wind um die Ohren. Zwar war dieser bei weitem nicht so stark wie am Tag zuvor am Tongariro- Crossing, aber die gefühlte Lufttemperatur war schlagartig um 10 °C gesunken und der Schnee unter unseren Füßen größtenteils zu Eis poliert. Der Mt. Tarankai hat, wie viele freistehende Vulkane, ein Mikroklima und ist meist in Wolken gehüllt. Zudem ist er für seine starken Winde bekannt was zusammen die Besteigung an den meisten Tagen im Jahr unmöglich bzw. zur echten Herausforderung macht. Wir hatten Glück und eine der wenigen Traumwetterperioden erwischt; ohne einer einzigen Wolke und mit nur „leichtem“ Wind.

Im oberen Teil war der Schnee etwas tiefer

Im oberen Teil war der Schnee etwas tiefer

Auf circa halber Höhe überquert man einen kaum ausgeformten Grat auf dem große Felsblöcke liegen die komplett in Eis gehüllt waren. Oberhalb dieser Eisskulpturen konnte man ein paar Stellen finden die fast eben waren, die so gut wie einzigen am ganzen Berg. Wir legten eine kurze Rast ein und aßen etwas, der Wind war jedoch trotz windfester Kleidung schneidend kalt, sodass wir schnell wieder aufbrachen. Kurz darauf kam uns ein junger Amerikaner entgegen, derjenige der sich im Tourenbuch eingetragen hatte, und schwärmte von der Gipfelaussicht. Die letzten eineinhalb oder zwei Stunden bis zum Gipfel waren gespurt. Hier war der Schnee bedeutend tiefer und nur die Oberfläche eisig poliert: klassischer Bruchharsch. Die Spuren in denen wir liefen waren größtenteils Abstiegsspuren vom Vortag und gut ausgeformt, was das Gehen etwas angenehmer machte. Ich blieb immer mal wieder stehen und genoss die Aussicht: zu unserer Rechten, im Osten, konnte ich ein paar der besten Surfstrände des Landes bestaunen, zur Linken, im Westen, die Gipfel des Tongariro Nationalparks und hinter mir der steil abfallende Berg, die Stadt New Plymouth mit dem großen Hafen und die unendlich scheinende Ebene im Norden. Traumhaft.

Vom Gletscher aus den Surfern zuschauen…

Über den Lauf eines ehemaligen Lavastromes, der Vulkan ist seit 200 Jahren inaktiv, erreichten wir den Krater. Eingekesselt zwischen hohen, eingeeisten Felsformationen standen wir nun in deren Windschatten und wussten den Vulkanschacht irgendwo unter uns; Loch ist keines mehr zu sehen. Über einen letzten sehr steilen Anstieg gelangt man auf die höchste dieser Felsformationen, den Gipfel. 2250m über dem Meer, 2250m über dem umliegenden Land standen wir nun nach knapp fünf Stunden Aufstieg und konnten sogar die Gipfel der Southern Alps sehen, die Bergkette der Südinsel. Wobei stehen eher übertrieben ausgedrückt ist, denn wir lehnten uns gebückt gegen den starken Wind und genossen die Aussicht. Der Berg hielt was er versprach: oben war er so eindrucksvoll wie er von unten aussah. Kein Wunder dass er den Maoris heilig ist.

Über einen alten Lavastrom erreicht man den Krater

Über einen alten Lavastrom erreicht man den Krater

Kurz unterhalb des Gipfels kam uns beim Abstieg ein einheimischer Bergsteiger entgegen. Er hatte Ski am Rücken und holte uns zwanzig Minuten später damit auch ein. Bei dem, trotz der starken Sonne, im oberen Teil noch brettharten Schnee fuhr er den steilen Vulkan ab, im Telemark! Ein wunderbarer Anblick für den er von uns beiden den vollen Respekt erhielt. Wir brauchten für den Abstieg bedeutend länger als er, denn der Schnee war teilweise aufgeweicht und rutschig was bei der Steilheit vorsichtiges und sicheres Steigen erforderte.

Zweieinhalb Stunden später waren wir wieder unten und blickten auf diesen Traumberg zurück. Bei diesem Anblick meinte Johannes scherzhaft: „Vulkane sind die besseren Berge!“ und bezog sich dabei auf deren perfekte Form, wie von Kindern gemalt: ein Dreieck auf einer Ebene. Es war definitiv eine der schönsten Touren die ich je gemacht habe und auf jeden Fall der perfekte Abschluss meines eindrucksvollen und interessanten Neuseelandaufenthaltes!

Mt. Taranaki im Sonnenuntergang

Mt. Taranaki im Sonnenuntergang

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