Alpin

Bergzeit-Alpin-Tipp: Schwere Klettersteige sicher durchsteigen

06.07.2011

Bergzeit-Alpin-Tipp: Schwere Klettersteige sicher durchsteigen

Klettersteige sind populär. Gerade “schwere” Klettersteige, die das Erlebnis steiler, die Nerven kitzelnder  Wandfluchten propagieren, wirken attraktiv. Zur Freude der Tourismusverbände – nicht immer zur Freude der Bergwachten. Klettersteige sind nicht harmlos: Echte Stürze verlaufen meist mit Verletzungen und dabei gegenläufig zum landläufigen Glauben härter als beim Sportklettern (hohe Sturzfaktoren im Klettersteig, abrupter Abbau der Sturzenergie). Zur Verwendung eines norm-gerechten Klettersteigsets mit Bandfalldämpfer muss geraten werden!

Doch schon diesseits vom unbedingt zu vermeidenden Sturzfall – ein häufiger Grund für Probleme (und Einsätze) am Berg ist bereits eine  ”Blockierung” – es geht nicht weiter, sei es dass die körperliche Erschöpfung Tribut fordert oder die Psyche an einer unerwartet fordernden Schlüsselstelle streikt. Um Blockierung zu vermeiden sollte man natürlich erstens durch entsprechende Planung eine passende Tour suchen – dazu gleich der Super-Tip vorab. Allzu leicht gelangt man sonst, dem Stahlseil folgend, von sanfter Almwiese in zunehmend fiese Steilwand, wenn die Erbauer des Steiges nicht eine Schlüsselstelle sinnhaft zu Beginn gesetzt haben. Zweitens kann man sich aber auch durch ein paar sinnvolle Ergänzungen beim Rucksackpacken das Leben angenehmer machen, wenn man sich doch in schwere Steige begibt.

Wer sich verantwortlich zeigen und gemeinsam mit Gleichgesinnten dem Klettersteiggehen intensiver zu Leibe rücken möchte, der kann das, wie beim Sportklettern üblich, natürlich auch in einem Kurs tun. Mit den Profis lernen schadet nie und macht Spaß!

Der Super-Tip: Schwierigkeiten einschätzen durch gute Information

Was ist denn ein “schwerer” Klettersteig? Die Schwierigkeitsbewertung von Klettersteigen ist keine einfache Aufgabe. Es gibt talnahe Artistik mit knackigen Leiterüberhängen genauso wie motorisch-koordinativ leichter zu meisternde Steige im hochalpinen Bereich, mit jedoch entsprechend höheren Anforderungen an Kondition und alpine Erfahrung. Die Palette ist breit und wird immer breiter, seit die Familie der Klettersteige um die Sprößlinge der Sportklettersteige wächst, wo extreme Schwierigkeiten wie Überhänge, ausgesetzte Spreizschritte oder plattige Quergänge geradezu gesucht werden.

Seilbrücke im langen Königsjodlersteig

Seilbrücke im langen Königsjodlersteig

Klettersteig ist eben nicht gleich Klettersteig. Von den historischen, versicherten alpinen Wegen bis zu den Produkten des Wettrüstens hin zur “Super-Extrem-Ferrata” (momentan vermehrt im Tal, aber immerhin noch outdoor ausgetragen…) gibt es eine enorme Breite an Anforderungsprofilen, welche den Begeher erwarten.

Zwei häufig verwendete Kategorisierungen der Klettersteigschwierigkeiten in Berichten bedienen sich der Skalen von Kurt Schall oder Eugen Hüsler (siehe externen Link). In der Schall-Skala werden Schwierigkeiten von A (leicht) wie bis E (extrem schwierig) angegeben. Der Über-Schall-Fall außergewöhnlicher Schwierigkeiten kommt mit “F” daher, häufig bereits lingustisch exponiert superstlativer Weise “mehr als extrem” beschrieben. Hui. Die Hüsler Skala stuft von K1 bis K6 nach ähnlicher Logik, unter Anderem über Anforderungen an Bewegungsmuster (Klettertechnik) und Infrastruktur (Vorhandensein künstlicher Tritte, Stifte, Griffe). Wichtig ist ergänzend eine mehrdimensionale Bewertung (wie das “Hüsler-Kreuz”) – gerade die alpinen Begleitumstände von Klettersteigen können viel mehr Probleme bereiten, als eine Schlüsselstelle “D/E”. Auch ein “B”-Steig kann richtig zapfig sein, wenn man nach bereits einigen Stunden im abschüssigen Gelände am locker verbauten Seil eine exponierte Rinne über Schotter auf Platten quert…

Wenn die Gefahr im Abstieg lauert: Birgkar (Königsjodler)

Wenn die Gefahr im Abstieg lauert: Birgkar (Königsjodler)

Meine persönliche Erfahrung ist am Rande, dass die Hauptschwierigkeiten bei den ganz großen Klettersteigen (Klettersteig Königsjodler & Co) oft im Abstieg liegen. Nach langer, anstrengender Klettersteigtour muss noch vollkonzentriert durch rutschiges Gelände talwärts – nun ungesichert – gestiegen werden. Manche Kurzberichte lassen solche Hinweise leider vermissen. Es lässt sich bei Klettersteigen einfach nicht der ganze Packungsinhalt in einem kurzen Label ausdrücken. Das Label dient dazu, dass man schnell sieht, ob man grob in die richtige Abteilung gegriffen hat, damit die Kost wirklich schmeckt muss man natürlich genauer die Inhaltsstoffe studieren. Fazit also: Der Besitz eines guten Führers macht Sinn! Da finden sich dann auch “Zubereitungshinweise” für den idealen Rucksackinhalt.

Die Basics

Zur Grundausrüstung für die Begehung von Klettersteigen über den vom bergsteigerischen Standpunkt aus bereits gepackten Rucksack hinaus gehören natürlich norm-gerechtes Klettersteigset, Gurt und Helm. Inzwischen gibt es hier auch wirklich gute und günstige Pakete – mit Auswahloptionen. Auch ein paar Handschuhe mit gummierter Innenseite würde ich zur Grundausrüstung zählen – jeder der schon mal mit nassem und also schlüpfrigem Stahlseil konfrontiert war wird danach ein paar solcher Leichthandschuhe gerne mitnehmen. Wer schon genug Hornhaut hat, oder nach Möglichkeit gerne im Fels greift und die Handschuhe für den immer möglichen  Wetterernstfall mitnimmt, wird mit etwas robusteren Ganzfingerhandschuhen wie dem Black Diamond Transition Glove vorliebnehmen.

Ergänzungen für schweres Gelände

1. Kurzexpressen: Ja!

Wozu braucht man denn bitte Kurzexpressen im Klettersteig? Gesichert wird ja mittels Klettersteigset… Zur Kraftersparnis! Das betrifft erstens die Möglichkeit zur Rast, indem man sich mittels Kurzexpresse eingehängt mal in den Gurt setzt. Insbesondere die Photographen unter den Klettersteiggehern kennen den Bedarf hierzu, auch ohne dass die Arme schon platt sind. Die Sicherungsstränge eines Klettersteigsets sind jedoch meist zu lang, um eine Entlastung der Arme zu ermöglichen. Aber man kann eben mit Kurzexpresse zwischen Anseilschlaufe am Klettergurt und einer Verankerung des Steiges bzw. Seil eingehängt ruhen. Die zweite sinnvolle Kraftersparnis betrifft die Fortbewegung – insbesondere bei Querungen in starkem Überhang und geringer Distanz zwischen Stahlseil und Tritten.

Express-Rast im Mauerläufersteig

Express-Rast im Mauerläufersteig

Beide Fälle habe ich neulich im Leogang Süd Klettersteig erlebt (siehe Titelbild). Zwei sehr abdrängende und zugleich ungemein photogene Quergänge warten hier auf. Insbesondere der sogenannte “Bergführerquergang” fordert mit einer sehr kraftraubender Kurzdistanz von Seil zu Tritten – ohne Kurzexpresse kann man da die ultimative Füllkapazität der Bizeps-Blutgefäße austesten. Unabhängig von der Gesamtschwierigkeit – die Anforderung einzelner Stellen, ggf. auch nur aufgrund der baulichen Steiganlage, machen im Zweifelsfall die Mitnahme von 2 Kurzexpressen sinnvoll. Warum Plural? Sicherheitsfans werden bereits an gegengleiches Einhängen wider zufälliges Verdrehungsaushängen gedacht haben! Eine Alternative ist natürlich ein Schraubkarabiner zentral am Klettersteig-Set, für welchen bei manchen anspruchsvolleren Klettersteigsets wie z.B. dem Petzl Scorpio bereits eine Schlaufe integriert ist. Für die Minimalisten – zumindest eine Kurzexpresse oder Bandschlinge mit Schraubkarabiner mitzunehmen wiegt nicht die Welt, sorgt aber vielleicht mal für ein unverwackeltes Photo in steiler Wand!

2. Kletterschuhe: Je nachdem…

Kletterschuhe im Klettersteig sind wirklich nur ein Thema für schwere “Sport”-Klettersteige. Nur hier findet sich mitunter die geländemäßige Sinnhaftigkeit, nur hier sucht man aber auch als Begeher nach kletter-ähnlicher Bewegung und also Anwendung entsprechender Fußtechnik. Die Mitnahme von Kletterschuhen zusätzlich zum Schuhwerk für Zu- und Abstieg ist nicht pauschal zu empfehlen – auch hier muss individuell der Führer konsultiert werden. Je mehr “plattig” und “wenig Tritte”, umso Kletterschuh. Je mehr “Gehgelände” und je größer die Gesamtlänge, umso eher kann man sich das Zusatzgewicht sparen. Persönlich fallen mir nur zwei Klettersteige ein, bei denen ich Spaß an den Kletterpatschen hatte – der Mauerläufersteig durch die Bernadeinnordwand nahe der Alpspitze (Wetterstein), sowie der Adlerklettersteig auf den Karkopf bei Telfs (Mieminger). Nicht jedoch im Pidinger oder Königsjodler, da gibt es im langen Verlauf sonst unnötige Fußschmerzen.

Schuhauswahl im Adlerklettersteig

Schuhauswahl im Adlerklettersteig

Natürlich hängt die Entscheidung auch vom Bergschuh bzw. Zustiegsschuh ab – wer einen eher auf Trekking ausgelegten, weichen Wanderstiefel besitzt, der wird in steiler Wand mit kleinen Leisten froh sein über präzises Gefühl im Kletterschuh. Mit einem guten kombinierten Schuh wie dem Hanwag Ferrata GTX kommt man stets vortrefflich über die Runden. Bequem auf langen Touren und zugleich ausgelegt für präzises Antreten im Fels ist er ein guter und treuer Begleiter (mein aktuelles Paar hat jetzt 120 000 Höhenmeter am Buckel).

3. Trinkschlauchsystem: Wer’s mag wird’s lieben!

Klingt simpel, ist aber effektiv: Ein Trinkschlauchsystem ermöglicht regelmäßige Flüssigkeitszufuhr auch in langen Wänden ohne gefährliches Absetzen des Rucksacks oder drohenden Verlust einer außen am Rucksack geführten Flasche. Bei guter Pflege sind die Trinkschlauchsysteme langlebig und mit Volumina von bis zu 3 Liter auch für große Touren ein Segen. Im Gegensatz zur Flasche sorgt so ein Gefäß im leeren Zustand zudem für Gewichts- und Stauraumersparnis. Für tiefe Temperaturen gibt es übrigens isolierende Hüllen für Beutel und Schlauch.

4. Sicherung

Die Problematik der hohen Sturzfaktoren selbst bei Verwendung norm-gerechter Klettersteigsets mit Bandfalldämpfer ist nicht zu unterschätzen. Stürze im Klettersteig erfolgen in den gegebenenfalls einige Meter weiter unten gelegenen Eisenaufbau, mit geringer dynamischer Umwandlung der Sturzenergie. Abstände zwischen Umhängepunkten von 5m oder mehr sind auch in steilen Sportklettersteigen keine Seltenheit – ein Sturz hier übertrifft 20m Flug beim Klettern am dynamisch wirkenden Seil! Hinzu kommt harter (Dreh-)Anprall an Fels und Eisen – in nuce: “Stürzen verboten!”

Mitunter wird zum Gebrauch eines Sicherungsseiles (für Schwächere) geraten. Man bedenke allerdings die Komplexität der Handhabung und zeitliche Verzögerung (mit womöglich stressigen Überholmanövern durch schnelle Nachfolger) bei diesem Vorgehen ebenso wie das erhöhte Gewicht durch Seil und Sicherungsgerät. Vielleicht im Zweifelsfall doch lieber einen leichteren Steig gehen oder gleich eine leichte Plaisir-Route am Seil?

Eine adäquate Reaktion der Materialhersteller auf die Entwicklung der Sportklettersteige hat bereits eingesetzt – die Entwicklung mitlaufender Seilklemmen im Klettersteigset zur Verkürzung des Sturzweges bei nach wie vor individueller Sicherung jedes Gehers. Skylotec ist hier als Vorreiter mit dem Skyrider zu nennen.

In Kürze gibt es hier ein Bericht dazu – stay tuned, beziehungsweise stay wired!

3 Kommentare

  1. Hey Johann,

    interessanter Artikel und ein wichtiges Thema. Ich habe gerade am Wochenende wieder erleben müssen, wieviele Leute doch Klettersteige unterschätzen und schlecht ausgerüstet oder zu spät starten!

    Auf viele weitere interessante Touren und Berichte,
    Vale

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*