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Auf Hochtouren - Basiswissen für Bergsteiger

15.06.2011

Auf Hochtouren – Basiswissen für Bergsteiger

Der Begriff des “Stress-Tests” erfreut sich seit geraumer Zeit einer gewissen Beliebtheit. Banken, Atomkraftwerke, ganze Länder werden so (oder ähnlich) genannten Prozeduren unterzogen. Dabei kann eigentlich weder eine Bank, noch ein Atomkraftwerk, noch ein Land Stress empfinden. Der einzelne Mensch kann das – und reagiert dann bisweilen deutlich anders als er es von sich gedacht hätte. Insbesondere der Bergsteiger kann leicht in stressige Situationen geraten, zum Beispiel durch Kletter-/ Wetter-/ Spaltensturz… Macht man dann noch alles richtig? Hält das, was man sich aus Literatur, Austausch mit Freunden und Beobachtung an Materialtipps und Techniken zu einem Fachverständnis zusammensammelt fachgerechter Prüfung stand und ist in einer Stresssituation routiniert abrufbar?

Vom Bergführer Hochtouren-Technik erlernen

Zu Beginn der Hochtouren-Saison wollten drei Bergspezln und ich uns unter Realbedingungen testen und weiterbilden. Über Christi Himmelfahrt machten wir uns daher auf, mit einem erfahrenen Bergführer drei Tage auf Gletschern in den Ötztaler Alpen zu touren. Kurz und knapp – es war eine tolle und lehrreiche Unternehmung, die ich gerne weiter empfehlen möchte, gerade auch für Bergsteiger mit Vorerfahrung und weitergehenden Ambitionen. Von den Profis lernen schadet ja selten.

Auf Spaltensuche am Rettenbachferner - wer sucht, der findet hier zweifelsfrei

Das Programm lässt sich schnell berichten. Erster Tag Anreise, Seiltechnik Firn und Eis, insbesondere Bergung nach Spaltensturz, Nacht im Tal. Am zweiten Tag eine lange Hochtour, en passant weitere Themen wie Wetter und Orientierung, Nacht am Berg. Dritter Tag Kurztour bzw. Wiederholungsübung und zweite Einheit Seiltechnik und Bergung, Abreise.

Gut, wenn man am Seil hängt, noch besser, wenn man auch schnell geborgen wird

Die Einsichten aus diesem Kurs? Nehmen wir das Beispiel Spaltenbergung heraus. Natürlich liest man gern alpine Lehrbücher und kann daheim, ausgeruht, im Warmen, einen Cappuccino schlürfend vom Berg träumend, auch komplizierte Seilaufbauten nach zwei, drei Versuchen wieder zu Stande bringen, klar doch. Der Test unter Realbedingungen hat uns allen jedoch vergegenwärtigt, was für eine Routine man von sich verlangen muss, um im Ernstfall auch schnell zu sein: Wenn Höhe, Kälte, Wind und Graupelschauer die Finger klamm werden lassen, wenn die Seile, Schlingen, Reepschnüre und Karabiner nicht mehr delikat bunt auf dem Teppich ausgebreitet liegen, sondern zunächst nicht blind griffbereit platziert am Gurt, sondern nachlässiger Weise irgendwo baumeln. Wenn sie endlich angebracht, voll unter Zug stehen, weil jemand paar Meter weiter unten frierend in der Spalte zappelt.

Zunächst muss natürlich der prinzipielle Ablauf klar sein – welche Schritte, welcher Knoten wohin und so fort; ein guter Bergführer kann dies erstmalig vermitteln. Aber selbst wenn das schon gegeben ist, kann er weiter helfen, bekannte Einzelschritte in eine sinnvolle Routine zu verpacken. Es sind die kleinen Kniffe, sich Abläufe leichter zu merken. Sei es durch eindrückliche Demonstrationen von Unfallhergängen oder nur durch ein paar Eselsbrücken, um Vorgänge wie einhändiges Legen oder Stecken von Knoten im Hirn zu verankern wie eine Schraube im Eis.

Das richtige Hochtouren-Material

Auch muss das Material stimmen. Das betrifft das übliche, größere Bergsportmaterial wie Seil, Gurt, Steigeisen, Eispickel etc. Als derjenige Esel, der den Kürzeren gezogen und also die Ehre hatte, das Seil schleppen zu dürfen möchte ich auf den Komfort eines leichten, auch da imprägnierten, Gletscherseiles hinweisen. Auch wenn es bei jedem Teil nur einige Gramm sind, die gute Ausrüstung einspart – bei voller Hochtourenausrüstung fällt eben vieles in die Waagschale (siehe externen Link, rechts).

Socken? Krawatte? Oder doch bei nächster Gelegenheit lieber mal etwas Einfaches aber Cooles verschenken...

Dass das Material stimmen muss gilt aber auch für die “kleinen” Dinge. Am Gletscher gehört (bei regional etwas unterschiedlicher Lehrmeinung) zur materiellen Grundausstattung unter anderem ein Set aus 2 HMS-Karabinern (ideal einer Safe-Lock), 3 Karabinern mit Verschlusssicherung (in D-Form), 2 Expressschlingen (mithin 2 baugleiche Normalkarabiner für Garda-Klemme), 2 Bandschlingen (abgenäht, 120cm, 240cm), 3 Reepschnüren vom Durchmesser 5-6 mm (1m, 3m, 3m), 2 Eisschrauben.

Wenn es kompliziert wird, aber zügig gehen muss: Wie ist's ideal, wo lauert Lapsus?

Wiederum zählen die kleinen Kniffe: Wie man die Schnüre und Schlingen sinnvoll aufwickelt. Wo man sie am Gurt platziert und dadurch Zeit sparend gleich an die richtige Stelle greift, somit das benutzungsfertige Material in der freien Hand hat, während es einen Richtung Tiefe zieht… Spierenstich oder Sackstich, Prusik legen und stecken, passende Ablängungen, welche Improvisationsmöglichkeiten, welche typischen Fehler und wie ging das mit dem Münchhausen nochmal? Ein paar Stunden mit einem alpinen Ausbilder helfen, vieles womöglich im einzelnen Bekanntes in besser abrufbare Routine zu überführen, ein Gefühl für die praktischen Tücken des Ernstfalles zu gewinnen und also aus dem kleinen Haufen an Karabinern und Bandln ein tatsächliches Sicherheitspaket zu schnüren.

Eigentlich ein schönes Geschenk – für kleine Gelegenheiten in Form von farbenfrohem Seilwerk oder auch Metall für ein paar Euro, für große Anlässe vielleicht mal ein Kurs – vielleicht sogar ein gemeinsamer Kurs! Typischer Weise beinhaltet ein Kursprogramm ja auch eine – zusammen schwitzender Weise – zusammenschweißende Bergtour… In unserem Fall ging es auf die Wildspitze, mit 3768 m über Normalnull zweithöchster Berg im schönen Land Tirol.

Kondition erforderlich

Die konditionellen Anforderungen kann man bei diesem Ziel variieren – wir starteten vom Tal aus, also mit in diesen Lagen doch recht anstrengenden 1900 Hm Tagespensum. Doch braucht man wirklich einen Führer, wenn man schon paar Touren auf dem Buckel hat? Jedenfalls am Tag unserer Begehung war uns allen klar: Ohne unseren Bergführer, seine Ortskenntnis (bzw. auch ohne GPS) wären wir rechtzeitig umgekehrt – der wetterlichen Bedingungen wegen.

Nach bereits 800 Hm Zustieg zur Breslauer Hütte (2844 m) und weiter ins Mitterkar zog entgegen der Wettervorhersage Wind mit Nebel und Niederschlag auf. Auf 3470 m im Mitterkarjoch angekommen standen wir dann vollends in einem weißen Meer mit nur 10-50m Sicht. Vage mit den Gegebenheit in Einklang zu bringen war der weitere Verlauf anhand der Karte schon, doch bald waren selbst dunkle Felsrippen im Nebel verschwunden – kein visueller Anhaltspunkt zur Orientierung gegeben. Ohne die zufällig vorhandenen Spuren einer Seilschaft vor uns hätten außer dem GPS-Track keine zeitsparende Routenfindung vornehmen können – und nach Kompass und Karte Seilmeter um Seilmeter auslegen ist wirklich nur als Übung ein paar Minuten lang interessant…

Im weißen Meer am Gletscher - Spursuche mit segensreichem GPS Backup im Nebel

In dieser Nebelsuppe war sonnenklar nur, dass ohne Führer und GPS ein Weitergehen nicht in Frage gekommen wäre. So wie der Wind blies konnten wir erwarten, dass selbst unsere Spur schnell passé sein würde. Aber Dank unseres erfahrenen und gutausgerüsteten Locals in der Seilschaft eilten wir unter für uns sonst nicht gangbaren Witterungsverhältnissen weiter Richtung Wildspitze. Anstrengend, bizarr – und eine Lektion in Demut. Bald tauchte der Südost-Grat zum Gipfel aus dem Weiß auf. In leichter Blockkletterei im aperen Gestein ging es zum Gipfel – der sich leider jeder Aussicht durch Wolken beraubt zeigte. Aber das Abenteuer der widrigen Bedingungen hatte uns auch so bereits zufrieden gestimmt.

Retour zur Hütte ging es technisch wiederum unproblematisch. Gleichwohl war die tiefe Aufstiegs-Stapfspur von uns 5 Personen bereits fast unkenntlich verweht war (soviel zu Abbruch, Verlässlichkeit von Spuren und GPS-Backup). Bei allem Ernst – lustiges Abfahren auf den Schuhen durch ein paar steile Rinnen und sanfter werdendes Auswandern über Moränenlandschaft mit faszinierend eisenrotem und buntkristallinem Gestein führte uns zur Breslauer Hütte zurück, wo wir im Winterraum nächtigten.

Breslauer Hütte

Die Hüttensaison stand erst kurz bevor. So zahlte sich aus, was man an Kleinoden aus dem Rucksackdepot zaubern konnte, um leibliche Hochgefühle zu befördern. Unter anderem und nicht zwingend in dieser Kombination seien neben leichtgewichtigen Fertiggerichten auch guter Instant-Cappuccino, Kaminwurzen und Schokolade an dieser Stelle hochgelobt! Im Austausch solch kleiner Habseligkeiten wird die Hüttenabendstimmung dann auch schnell lustig und die eine oder andere Geschichte ausgepackt – auch hier kann man vom Bergführer Einiges erwarten…

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