Reise

Neuseeland: Wander-Wildnis

08.06.2011

Neuseeland: Wander-Wildnis

Wenn es darum geht was am kommenden Wochenende in der Umgebung von Christchurch unternommen werden könnte, dreht sich das Thema schnell um Berge und wandern. Der Strand, mit tollen Wellen liegt zwar auch vor der Türe, aber die Temperaturen und vor allem die, durch das Nichtvorhandensein des Städtischen Abwassersystems in den Monaten nach dem Erdbeben verursachte Verunreinigung des Wassers, treiben einen dann momentan doch eher zum Wandern und Bergsteigen in die Southern Alps. Die Bergkette die Neuseelands Südinsel der Länge nach durchläuft, ist nach dem etwas höheren europäischen Pendant benannt, aber bei weitem nicht so gut erschlossen. Zwar sind die vielen Wander-Wege sehr gut erhalten, aber es finden sich hunderte von Hügel und Berge auf die kaum ein Steig und schon gar kein markierter Weg führt. Das sind die Berge der neuseeländischen Wanderer, Bergsteiger, Kraxler und Jäger.

Die Southern Alps; Blick richtung Arthur´s Pass

Die Southern Alps; Blick richtung Arthur´s Pass

Nachdem uns ein Studienkollege einen Bergrücken im Hope Valley, etwa 30 Km südlich von Hamner Springs, empfohlen hatte, packten Wolfgang und ich unsere sieben Sachen und freuten uns auf ein Bergerlebnis the kiwi way. Uns war bewusst dass es unter Umständen ohne Wege sehr anstrengend werden könnte, also mussten wir so wenig wie möglich aber doch alles Nötige einpacken, denn die Temperaturen und vor allem der Wind waren nicht zu unterschätzen. Da wir schon ein paar Monate hier in Neuseeland lebten, hatten wir uns bereits den layer-look der Kiwis abgeschaut und dementsprechend nur Kleidung eingepackt die man übereinander in Schichten anziehen konnte, allem voran die Thermals. So wird hier die Funktionsunterwäsche genannt, bestehend aus Leggins und langärmeligem Oberteil aus atmungsaktiver Merinowolle, die gerne bunt geringelt sein darf und auch unter Shorts und T-Shirt getragen wird. Außerdem hatten wir ein Zelt, Kocher, unsere Schlafsäcke, Proviant, Regenjacken und einen Kompass dabei.

Hope Valley

Blick über das Hope Valley

Als wir unsere Rucksäcke schulterten hatten wir die Karte bereits eingehend studiert und uns entschieden über die einzig waldfreie Seite aufzusteigen. Von unserem Ausgangspunkt sah dieser Hang auch relativ kurz und einfach aus. Danach noch durch den Wald und dann dem Bergrücken entlang zu den zwei Seen wo wir Zelten wollten. Das war der Plan. Bis zum Fuße des Hangs führte noch ein Weg, der dann jedoch weiter im Tal verlief und wir links den Berg hinauf stiegen. Schnell hatte sich eine Art Pfad gefunden und wir stapften frohen Mutes, trotz etwas bewölktem Himmel, durch das hohe Gras. Der Pfad hatte sich bald als kein solcher herausgestellt, der Hang wurde immer steiler und anstatt Gras wuchs nur mehr schulterhoher, bodenbedeckender, teilweise vertrockneter Adlerfarn und einzelne Dornensträucher dazwischen. Wir kamen bedeutend langsamer voran als gedacht, aber die Aussicht über das Tal war atemberaubend und der Wald über uns kam immer näher, was uns bei Stimmung hielt. Nach über zwei Stunden standen wir etwas erschöpft am Waldrand. So ein Steilhang ohne Weg, dicht bewachsen und ohne feste Tritte beanspruchte Beine und Arme gleichermaßen; Klettern ohne Fels.

Der Wald war märchenhaft: Dichter Birkenwald voll Flechten und oft fast meterhohem Moos am Boden. Es war kühl, sehr feucht, relativ dunkel, der Boden und die Blätter nass und forstliche Eingriffe hatten hier, wenn überhaupt, schon ewig nicht mehr stattgefunden. Große Stämme lagen kreuz und quer, Lichtungen hatten sich aufgetan und teilweise standen die Stämme so dicht dass wir mit den Rucksäcken kaum durchkamen. Da wir nun nicht mehr weiter als ein paar Meter sehen konnten mussten wir nach dem Kompass gehen, und immer bergauf; irgendwann würden wir über die Baumgrenze auf den Bergrücken gelangen. Einfacher gesagt als getan. Nach über zwei Stunden mit gefühlten 100 Kartenstopps standen wir dann, vom feuchten Wald ziemlich durchnässt, wieder im Freien; nur sehen konnten wir immer noch nichtweiter: dichter Nebel war aufgezogen.

Märchenhafter Birkenwald

Märchenhafter Birkenwald

Nachdem wir uns einige Kleidungsschichten mehr angezogen und die mitgebrachten Sandwiches gegessen hatten ging es weiter. Sehen konnten wir zwar nicht viel, aber wir wussten von der Karte, dass wir uns nun auf dem Bergrücken befanden und daher immer nur bergauf die Täler links und rechts unter uns lassend dem Grat entlang gehen mussten. Die Umgebung war gespenstisch: dichtester Nebel, um uns herum nur noch Steppengras, Felsen und einige Wassertümpel.  Trotz der feuchten Luft waren unsere Kleider schnell wieder trocken, ein hoch auf Funktionsoberteile und Fjällräven´s G1000 Hosen. Nur die Schuhe waren noch nass, und zwar richtig. Beide, Wolfgang und ich, hatten unsere Gamaschen vergessen und das feuchte Gras und der nasse Wald hatten unsere Hosenbeine durchtränkt und langsam aber sicher waren dann auch unsere Socken und schließlich Schuhe patschnass geworden. Wir kamen schnell voran, jetzt wo wir nicht mehr über Baumstämme klettern mussten sondern stetig bergauf gehen konnten. Nach insgesamt über sechs Stunden hatten wir die zwei Seen auf der Karte erreicht, unser Tagesziel.

nichts als Nebel vor dem Zelt

nichts als Nebel vor dem Zelt

Nebel soweit das Auge reicht und wir standen auf einem Bergrücken, wo sollten wir da das Zelt aufstellen? Neben den zwei kleinen Seen war der Grund zu sumpfig und sonst überall schräg oder absolut uneben. Irgendwann war dann die „perfekte“ Stelle gefunden, das Hoop-Zelt innerhalb von fünf Minuten aufgestellt und wir drinnen, geschützt vom immer stärker werdenden Wind, der kurzzeitig sogar den Nebel lichtete. Es war ein schönes Gefühl die nassen Socken gegen trockene zu tauschen und die noch übrig gebliebenen Kleidungsstücke anzuziehen, sich unter den Schlafsack zu legen und den Trangia-Kocher zu starten um ein wohlverdientes Fertignudelessen zuzubereiten derweil draußen der Wind pfiff. Gesättigt und etwas erschöpft schliefen wir bald ein, und ich dank warmem Schlafsack auch die Nacht fast durch.

Es war hell als ich die Augen aufschlug, und kalt; die Luft schien gefroren zu sein. Ich machte den Zelteingang auf und vor mir hatte ich eines der wohl eindrucksvollsten Berg-Bilder die ich je gesehen habe:  Am Horizont ging die Sonne auf, sie war noch nicht zu sehen, aber der Himmel dunkelrot; davor reihten sich dunkelgelbe, steppengrasbedeckte Bergkuppen die in der aufgehenden Sonne rot leuchteten, ums Zelt herum war der Boden gefroren und die Eiskristalle reflektierten das immer stärker werdende Licht. Dieser Ausblick alleine war es wert gewesen sich sechs Stunden ohne Weg durchzukämpfen; es war einfach unbeschreiblich.

Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Wolfgang war der erste der sich aus dem Schlafsack und in die gefrorenen Socken und Schuhe traute. Wir hatten unsere nassen Schuhe am Vorabend nur ins Vorzelt gestellt und nun waren sie steif gefroren und mit Eiskristallen bedeckt! Ich genoss die Wärme des Schlafsackes und den Sonnenaufgang durch den Zelteingang noch etwas länger bevor auch ich mich, nach einem Keksfrühstück, in die kalten Bergschuhe traute. Es war unmöglich die Schuhe zu binden und kalt, richtig kalt. Aber die Sonne stieg am Horizont und die ersten Strahlen im Gesicht waren eine Wohltat. Und dann war da die Aussicht, die ließ einen die Kälte vergessen; ein Traum! Obwohl wir uns nur auf 1700 Meter über dem Meer befanden, kam es uns vor als seien wir mindestens 1000 Meter höher. Hier, so weit im Süden, ist die Baumgrenze bedeutend niedriger als wir es aus den Alpen gewohnt sind.

Wir hatten geplant an diesem Tag den Bergrücken entlang zu gehen, auf der anderen Seite zu übernachten und am nächsten Tag abzusteigen und das Tal hinaus zu wandern. Also machten wir uns auf den Weg. Nach knapp einer Stunde, unsere Schuhe waren inzwischen aufgetaut, trauten wir unseren Augen kaum als uns zwei Neuseeländische Jäger entgegen kamen die schon seit vier Tagen am Berg waren; mitten im Nirgendwo, weitundbreit nichts, aber zwei Männer in kurzen Hosen und den obligatorischen Thermals. Sie waren am Absteigen und rieten uns vor dem Weitergehen ab. Auch wir hatten uns schon überlegt umzukehren da der Wetterbericht für die kommende Nacht Sturm und tiefere Temperaturen angesagt hatte. Also machten wir kehrt und gingen den gleichen Weg den wir am Vortag gekommen waren wieder zurück. Kurzzeitig hatten wir versucht seitlich durch den Wald abzusteigen, aber nach einer halben Stunde im Steilhang gaben wir dies auf; es würde zu lange dauern, extrem anstrengend werden und falls einer stürzten würde, hätten wir ein Problem.

Am späten Nachmittag, unsere Schuhe waren inzwischen wieder trocken, standen wir wieder beim Auto. Der Rückweg war wunderschön, zwar das Gleiche wie am Vortag, aber entspannt mit Aussicht und Sonne. Auf einer Lichtung im Birkenwald hatten wir noch eine lange Mittagspause gemacht und uns ein bisschen wie Märchenfiguren gefühlt. Es war ein Bergerlebnis auf die Neuseeländische Art: wild, anstrengend und wunderschön!

Da meine Kamera dieses Wochenende beschlossen hatte nicht zu funktionieren möchte ich mich bei Wolfgang Nemec bedanken, dass er seine Fotos zur Verfügung gestellt hat!

Oberhalb der Baumgrenze, endlose Weite

Oberhalb der Baumgrenze, endlose Weite


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