Alpin

Ackerlspitze - Bergsteigen mit Hand und Fuß

29.05.2011

Ackerlspitze – Bergsteigen mit Hand und Fuß

Vor ein paar Tagen, unterwegs zur Ackerlspitze – kein Klettersteig, aber ein Steigen mit Hand und Fuß bzw. Steigen mit Fuß und Hand im Fels. Es muss in der Tat nicht immer ein Klettersteig oder Hochalpines sein, auch ganz klassisches Bergwandern respektive Bergsteigen im Rahmen einer kurzen Tagestour birgt Potential für Hochgefühle beim Steigen/ Greifen/ Kraxeln. Aber der Reihe nach.

schöner Wilder Kaiser - Ostkaiser

Es ist ein Frühjahr, und folglich stellt sich allenthalben die Frage, was einerseits noch fahrbar (Skitour) oder andererseits, was schon gangbar ist an Bergtouren. Unter den nahen und trotz geringer absoluter Höhe durchaus alpine Hochgefühle und schönen Fels versprechenden Zielen lockt mich einmal mehr der Wilde Kaiser. Dort, genauer im Ostkaiser, steht ein mir als Schmankerl empfohlenes Ziel auf der Liste: Die Ackerlspitze (2329m). Eigentlich ist es noch früh im Jahr dafür, dass hier ein paar schattige Rinnen und steile Flanken warten – aber vor dem Hintergrund dessen, was an Berichten bei der alpinen Auskunft und Wettergeschehen zu beobachten ist, kann man es mit der richtigen Ausrüstung und vorsichtiger Erwartungshaltung probieren.

Material auswählen und einpacken... vom Gipfel-Kuchen ging dann doch nur ein Stück mit auf die Reise

Jedenfalls packe ich ein, was ich zu dieser Jahreszeit tendenziell lieber im Rucksack trage, statt es hinterher, daheim im Schrank belassen, zu vermissen: Gamaschen und Steigeisen. Ein Kletterhelm kommt mit den üblichen Dingen wie Ersthilfepaket, Kleidung und was einem die lieben Eltern in der alpinen Grundausbildung eben noch so alles an(er)ziehen in meinen heißgeliebten 32-Liter Deuter. Da ich beruhigt merke, dass die 32 Liter noch nicht ausgeschöpft sind, packe ich noch – mehr vom Standpunkt der spezifischen Dichte und des Geschmacks wegen als ernährungsphysiologisch motiviert – ein großes Stück Pannettone-Kuchen für den Gipfelaufenthalt drauf. Einmal mehr vielen Dank an meine Oma für den Proviant. Vom Pannettone mal abgesehen – auch über Steigeisen und Helm würde ich mich im Tourverlauf noch freuen dürfen.

Frühlingsfarben im Stiegenwald unterwegs zur Ackerlhütte

Wenig später, noch früh morgens, bin ich bereits hinter Going und zweige von der Bundesstrasse zum Gasthof Stangl ab, und kurz darauf wieder rechts auf das kleine Sträßchen Richtung Parkplatz für den Schleierwasserfall, von wo aus es losgeht. Kurz nach der Graspoint Niederalm gelangt man rasch auf den schönen Stiegenwald-Weg. Durch wunderbar frühlingshafte, sattgrüne Fauna geht es zu einer Waldrippe kurz vor dem kleinen Stiegenwasserfall, von wo aus man einen ersten, grandiosen Blick auf die Ackerlspitze werfen kann.

Ackerlspitze, Nieder- und Hochsessel

Man erblickt (siehe Bild nebenan) einen Felsriegel, dabei links oben den prominenten Südvorbau der Ackerlspitze, in der Mitte zwei Schneefelder, Niedersessel und Hochsessel, die es erst durch Schrofengelände zu erklimmen und dann zu queren gilt. Schnee also liegt erwartungsgemäß noch, aber wie wird er sich begehen lassen? Noch ist der Boden jedenfalls kalt, die wunderschön strahlende Sonne hat noch wenig Kraft. Zügig führt der Weg durch gesundes Almgelände zur Ackerlhütte und gut beschildert weiter Richtung Ackerlspitze zu den Felswänden hinauf. An einem T-Abzweig kurz vor dem Wandaufbau verläuft der Weg zur Ackerlspitze rechterhand (östlich) über eine leichte Kuppe zu einem oft bis in den Spätsommer währenden Schneefeld. Dieses im oberen Teil durchstapfend gelangt man zu der ersten Schrofenstufe zum Niedersessel hinauf. Bevor es jedoch näher an die Wand geht, setze ich meinen Helm auf. Denn im Schnee sieht man allenthalben Steine und Einschlaglöcher all dessen, was Erosion im Winter und Schmelze im Frühjahr an massiven Überraschungseiern Richtung Tal loslassen…

Kraxelei zum Niedersessel

Leichte Kraxelei, gestützt durch nicht zwingend erforderliche Metallringe, führt nun durch Schrofengelände zum Niedersessel, in dem es heute noch ordentlich viel und noch härteren Schnee gibt. Die Gamaschen bleiben im Rucksack, kein Einsinken, mit vernünftigen Bergschuhen kann man gerade so Tritte stampfen – Stöcke sind dabei zur Stabilisierung wie auch zur Kraftverteilung sehr angenehm. Aus meinen Gedanken daran, wie viel Kraft ich beim Aufstieg mit den Stöcken auch aus den Armen schöpfen kann und typischer Weise auch tue, reißt mich plötzlich seltsames Geräusch – eine Mischung aus Surren und Schrabben, wie ein kleiner Helikopter. Noch einer, und noch einer. Bloß nicht hochschauen, denke ich, da fliegen Steine und prompt donnern ein paar massive Kalkgeschosse ein paar Meter neben mir in den Schnee. Gamsgruß oder Taubombe – Hauptsache kein Loch im Schädel. Einen Helm dabei zu haben, habe ich noch NIE bereut, und ansehnlich sind die Dinger inzwischen ja mindestens so wie leicht.

die Schlüsselstelle - 20m Wand zum Hochsessel

Wem Wandern schnell langweilig vorkommt, wenn es an Fels oder Steilheit mangelt, der kommt nun auf seine (Zustiegs-)Kosten: An der Schlüsselstelle, nördlich im Niedersessel am Fuß eines vielleicht 20m fast senkrecht hinaufziehenden Wandl, das die Führe durch die Stufe zum Hochsessel eröffnet. Zwischen Schneefeld und Einstieg zieht sich schon eine schöne Linien werfende Tau-Kluft, die man heute problemlos durchsteigt mit dem maximalen Risiko eines unphotogen nassen Hosenbodens. Als Ausrede könnte ein solcher, hier letztmalig harmloser Ausrutscher, freilich dienen, wenn man auf den Folgenden Metern Sch… ängstlich wird. “Trittsicherheit obligatorisch und souveränes seilfreies Klettern UIAA I/II” wie es in Führern gerne mal steht ist hier nicht übertrieben.

Kraxelei zum Hochsessel

Da greift man dann doch im Zweifel mal in die ehernen Versicherungen, die als Trittstifte und Ringe hier die gut markierte Führe zieren. Aber was für ein Spaß! Großgriffiger Fels, meist fest, einer Rinne folgend, immer wieder durch kleinere Schneefelder, schattige Winkel, über kleinere Aufschwünge mit zunehmendem Tiefblick. Es muss nicht immer ein Klettersteig sein…!

durch steiles Schrofengelände zum Grat

Im Hochsessel angekommen sieht man rechts (östlich) bereits zur nahen Maukspitze auf und sollte zunächst auch leicht in dieser Richtung, dann erst westlich abdrehend zum Grat Richtung Ackerlspitze Markierungen sehen. Doch das noch ansehnliche Schneefeld nach der felsigen Steilstufe verdeckt die Farbmarkierungen auf dem Gestein – weithin ist weder Spur noch Markierung zu sehen. Links und rechts häuft sich Geröll im steilen Schrofengelände, vor liegt mir ein weites, aber immer noch nicht besonders gangbar aufgefirntes Schneefeld, an einigen Stellen ist es sogar ziemlich rutschig. Aber kein Problem, flugs sind die Steigeisen angelegt und in direkter Linie wird durchmarschiert, bis nahe dem Grat oben wieder Wegmarken zu sehen sind. Weiter geht es durch Schrofengelände, das mit viel losem Geröll darauf hindeutet, wie selbsterhaltend respektive zuvorkommend gegenüber potentiell Nachfolgenden an wohl weniger einsamen Tagen später im Jahr sauberes Treten wirkt.

Grat zum Gipfel der Ackerlspitze - vor ein paar Tagen noch halb im Schnee

Am Grat weiter westlich Richtung Ackerlspitze vorsichtig den schön kontrastierenden Wechtenresten entlang folgend fällt der Blick links und rechts tief, aber nicht beängstigend steil, erst auf den letzten Metern vor dem Gipfelaufbau wartet noch eine schattige Rinne und Kletterei auf, die Konzentration erfordert.

Am Gipfel! Grandiose Ruhe. In aller Gemütlichkeit richte ich mich ein, hänge die Funktionswäsche zum Trocknen in die langsam immer mehr Wärme entfaltende Frühlingssonne, richte ein paar adäquate Steine als Sitzkissen zurecht. Ich habe mir heute vorgenommen, die Chance, im Frühjahr mal allein auf einem Kaisergipfel zu sein, ausgiebig zur Gipfelrast zu nutzen. Zwar habe ich nicht so viel kulinarisch motiviertes Equipment dabei, wie meine Style-Vorbilder im Punkto Gipfelgastranomie: Zwei andere Kletterer, die letztes Jahr, kaum dass sie auf dem Fleischbankgipfel angekommen waren, Gaskocher, Espresso-Gerät samt kleinen Tassen mit Unterteller auspackten! Aber der Pannettone reißt es heute schon heraus!

Blick auf die Gipfel des Westkaisers von der Ackerlspitze

Fast zwei Stunden verbringe ich völlig allein am Gipfel und komme dabei nicht nur körperlich nach 1500Hm teils forderndem Aufstieg zur Ruhe, sondern auch geistig. Ich genieße lange die Aussicht, auf die nahen Kaiserzacken, auf den Hauptkamm. Später blättere ich das schöne Bindwerk von Gipfelbuch durch, das Grund zum Amüsement über einigen anscheinenden Sauerstoffmangel zu Zeiten früherer Begehungen bietet – ebenso wie Grund zum ernsthafteren Nachdenken, was und warum man diese oder jene Kommentare findet, welche die eigenen Motive, und was die persönliche Faszination des Bergsteigens ausmacht.

Der irgendwann doch anstehende Abstieg gestaltet sich nur im oberen, schrofigen Teil etwas unangenehm. Immer wieder muss loses Geröll und grasiger Steilhang gequert werden. Das Abklettern der Schlüsselstelle und der Schrofenrinne/ -rippe nach dem Niedersessel erweist sich zum Glück als unproblematisch. Und das Firn-Abfahren mit Stockbremse als eine Gaudi. Ohne leichte, und auch leicht verstaubare Teleskop-Stöcke gehe ich eigentlich selten ins Gebirge, insbesondere Absteigen wird einfach sehr bequem und gelenkschonend. Im nun aufgeweichten Schnee erweisen die Gamaschen gute Dienste – aber natürlich auch Dank meiner soliden Hanwag GTX Ferrata bleibe ich trockenen Fußes – im Übrigen ein Allround-Talent von Schuh, mit dem ich in allen Lagen, von sportlichem Klettersteig bis einfacher Hochtour zufrieden bin, und der im letzten Jahr viele tausend Höhenmeter mit der einen oder anderen reibungsintensiven Schuttrinnenabfahrt unbeeindruckt überstanden hat. Unterwegs erfrische mich noch im Almgelände unterhalb der Ackerlhütte an einer wunderbaren Quelle und lasse den Blick über die schönen Kaisergipfelzacken schweifen. Eine sehr schöne Bergtour, gerade so früh im Jahr. Allen viel Freude am Berg!

Fakten zur Tour:

Start: Parkplatz Hüttling/ Schleierwasserfall östlich Going, Abfahrt bei Stangl Wirt von der Bundesstrasse
Ende: Ackerlspitze (2329m)
Höhenmeter: etwas über 1500 Hm bis zum Gipfel
Dauer: je nach Kondition und Eile ca. 5–7 Stunden

Ausrüstung: Kletterhelm gesundheitserhaltend, Gamaschen, Grödeln oder Steigeisen früh im Jahr sinnvoll.
Anforderungen: Alpine Bergtour mit stellenweiser, ungesicherter Kletterei in teils abschüssigem Schrofengelände und einer längeren Felsstufe im UIAA Grad I/II, teils versichert durch Stahlringe. Alpine Erfahrung von Nöten.
Hinweis: Vorsicht Steinschlag (Helm und vorsichtiges Steigen).
Alternativen: Wer weniger Nervenkitzel will kann mußevoll im Almgelände vor oder bei der Ackerlalm auf die Rückkehr der Kraxler warten. Wer mehr will nimmt nach der Ackerlspitze noch den Umweg über die nahe Maukspitze (2231m) mit und kommt ebenfalls wieder bei der Ackerlhütte an.

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