Mountain Equipment – Alpincamp

Außer Reichweite

17.05.2011

Außer Reichweite

In jenem Sommer gerieten am Nanga Parbat in Pakistan drei Bergsteiger in Not, zwei von ihnen konnten gerettet werden. Die Finanzkrise war noch kein allgegenwärtiger Begriff, was sich bald ändern sollte, und in Zimbabwe rang die Opposition um Einfluss im Machtgetriebe von Präsident Mugabe.

Währenddessen bereitete ich mich intensiv auf eine kleine Expedition ins Pamirgebirge, zum vergleichsweise wenig schwierigen Pik Lenin in Kirgistan, 7134 Meter hoch, vor – nach Cotopaxi und Chimborazo in Südamerika eine neue Herausforderung.

Unzählige Momente auf dieser Reise werden mir immer unvergessen bleiben: Die Steppen Zentralasiens, Osh an der Seidenstraße, die vierzehnstündige Fahrt ins Basislager mit einem umgebauten russischen Lastwagen, der sich bergauf in einer Wolke von Kühlwasser fortbewegte. Die Blumenwiesen zu Füßen des Berges, das letzte Licht des Tages auf Graten und Schneefeldern, die fast ausnahmslos gute Stimmung und Kameradschaft, Abendessen in Daunenjacken und Frühstück nach Neuschnee mit kurzen Ärmeln in der Sonne.

Am Tag und zur Stunde einer teilweisen Sonnenfinsternis, als wir im von Wolken und Mond verdunkelten Nachmittagslicht den Gletscherbruch oberhalb des ersten Lagers erkunden, lernen wir den Berg von seiner anderen Seite kennen, helfen beim Abtransport eines an Höhenkrankheit schwer erkrankten Bergsteigers durch das steile Gelände. Anderntags wird ein weiterer Verletzter von einem Hubschrauber abgeholt. Am Gipfelgrat stirbt eine Bergsteigerin an Erschöpfung. Und am Ende einer langen, wunderschönen Tagestour, beim Abstieg vom 4700 Meter hohen Pik Petrovski, verliere ich, eigentlich schon am Ende einer heiklen Querung angelangt, den Tritt auf einem steilen Schneefeld, und bin reichlich froh, nach etwa 50 Metern mit Eispickel und Steigeisen wieder Halt zu finden. Mehr als die aufgeschürften Arme und der Knöchel, der noch mehrere Monate lang schmerzen sollte, machte mir die psychische Seite des Erlebnisses zu schaffen: Die erste Verletzung in den Bergen, und das gerade jetzt. Über den Schreck hinweg helfen vor allem der Zuspruch und die fürsorgliche Betreuung der anderenim Basislager.

Ansonsten läuft alles nach Plan: Als kleine, bewegliche Zweierseilschaft tragen wir Zelte, Ausrüstung und Verpflegung den Berg hinauf, ächzen unter dem Gewicht, sind dennoch zufrieden mit Geschwindigkeit und Kondition, vertragen die Höhe gut, wagen uns weiter hinauf. An den Lagerplätzen genießen wir die Weite der Aussicht, verbringen die für die Höhenanpassung wichtigen, untätigen Stunden in der Sonne, schuften aber auch bis zur Erschöpfung und suchen in der Enge des Zeltes nach Schlaf.

An einem warmen Tag brechen wir auf zum letzten Lager, steigen hinauf auf 6100 Meter Höhe. Zwei bunte, langfiedrige, papageienartige Vögel ziehen an uns vorbei gen Norden wie eine Halluzination. Lange dauert es, bis das Zelt sturmsicher verspannt ist, der blaue Himmel eingefasst von Quellwolken, aus denen gelegentlich vorbei treibende Schneeflocken fallen. Am nächsten Morgen soll es hinauf gehen zum Gipfel.

Doch Helli, mein konditionell bestens vorbereiteter, technisch perfekter Seilpartner, macht sein schon seit Wochen missgelaunter Magen zunehmend Probleme. Am Morgen ist der Gipfel kein Thema mehr, stattdessen geht es zurück ins Lager 2, und bis ich so weit bin, allein einen Aufstieg zu starten, ist es viel zu spät. Warten auf den nächsten Tag.

Um drei Uhr morgens soll es losgehen, und ich schlafe nur leicht. Alles ist vorbereitet. Doch dann, eine halbe Stunde zuvor, erhebt sich starker Wind. Und mir reicht es. Für viel mehr als vier Nächte in dieser Höhe bin ich nicht ausgerüstet, ein Wetterumschwung deutet sich an, und es fehlt auch, als Folge des unglücklichen Sturzes am Anfang, das unbedingte Selbstvertrauen. Am Abend, nach langem Abstieg wieder im Lager 1 angekommen, beginnt es zu schneien. Wir machen uns daran, alles für die Heimreise vorzubereiten.

Die Wochen am Berg waren eine wunderbare Zeit, dramatischer, trauriger, bestürzend mitunter, aber auch schöner als erwartet. Die Frage, was einem wichtig ist – und wie sehr – bekommt neue Nahrung. Und doch, der entgangene, so sehr in Reichweite gelegene Gipfel macht mir noch mehrere Monate lang zu schaffen und sucht mich manchmal in meinen Träumen heim.

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