Reise

Freeriden und Skifahren im Iran

14.05.2011

Freeriden und Skifahren im Iran

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an den Iran denkst? Weite Powderhänge, riesige Freeride-Gebiete und wunderschöne Skitouren? Bestimmt nicht. Viel eher assoziieren wir mit dem Iran seine fragwürdige Außenpolitik, die kriegerischen Konflikte der Region und eine der strengsten islamischen Gesetzgebungen der Welt. Und wenn wir unsere Vorstellung mal von der Politik zur Natur Irans schweifen lassen, dann sehen wir dort karge Wüsten, deren Eintönigkeit höchstens durch die Umweltsünden verlassener Ölbohrstellen aufgelockert wird. All das ist uns in dort auch begegnet, aber was die Islamische Republik Iran sonst noch zu bieten hat, haben auch wir uns vor Antritt unserer zweiwöchigen Reise kaum vorstellen können.

Teheran, Metropole im Orient und größter Ski-Ort der Welt

Der Haupteingang zum Bazar in Teheran

Der Haupteingang zum Bazar in Teheran

Mitte April, mit kompletten Trekking-Equipment sowie einer völlig überladenen Snowboard-Tasche, die neben unseren beiden Splitboards auch noch Steigeisen, Lawinen-Ausrüstung und Thermoskannen enthält, landen wir in Teheran. Ein bisschen fehl am Platz fühlen wir uns schon zwischen all den fein angezogenen iranischen Geschäftsreisenden und erinnern uns an die Fragen der Freunde in Deutschland: “Kann man denn im Iran wirklich Skifahren?”. Das Gefühl am falschen Ort zu sein vergeht aber genauso schnell wie es gekommen ist. Mit den ersten Schritten durch die Straßen Teherans, vorbei an Teehäusern, Moscheen und den unzähligen kleinen Geschäften und Händlern stellen wir fest, dass wir uns bisher noch in keinem unserer Reiseziele so willkommen und aufgenommen gefühlt haben. Regelmäßig wird uns im Vorbeigehen ein freundliches “Welcome to Iran” entgegengerufen, oft werden wir auch direkt angesprochen und interessiert gefragt, was uns denn in den Iran verschlägt. Überhaupt erleben wir den Alltag im Iran ganz anders als wir es uns vorgestellt haben. Das Land ist verhältnismäßig modern und technisiert, die Pärchen gehen auf der Straße Hand in Hand spazieren und von einer Skepsis gegenüber Europäern ist nichts zu spüren. Da es in dem Land kaum Touristen gibt, wird man oft hoffnungsvoll gefragt ob man Tourist sei. In der Regel sind westliche Besucher als Mitarbeiter von Öl- oder Chemieunternehmen geschäftlich unterwegs, und so sind die Iraner stolz über jeden Touristen, der trotz des schlechten Images Interesse an ihrem geliebten Land zeigt.

Unser Plan ist nach einigen Tagen in Teheran die nahen Skigebiete zum Eingehen und Akklimatisieren zu erkunden, um dann den Damavand, mit 5671 Metern der höchste Berg des Nahen Ostens, mit den Splitboards zu besteigen. Schnell spricht sich unter den Travellern im Land herum, dass sich zwei Deutsche mit Snowboards in der Stadt befinden, und so hat sich nach zwei Tagen erstaunlicherweise eine kleine Gruppe von neun Leuten aus allen Teilen der Welt gebildet, die mehr oder weniger spontan vor haben, mit uns Skifahren zu gehen. Das erste Skigebiet unserer Reise befindet sich auf dem 3964 Meter hohen Tochal, welcher mit seinen steilen Hängen direkt an Teherans Norden angrenzt und daher direkt mit einem gecharterten Minibus erreichbar ist.

Freeriden direkt vor der Haustür

Überhalb des Tochal-Skigebiets im Iran

Überhalb des Tochal-Skigebiets im Iran

Mit einer der längsten Gondeln der Welt geht es fast eine halbe Stunde lang direkt aus der Stadt in den Schnee. Von dem ist nicht mehr allzuviel übrig, denn auch im Iran ist Ende April die Ski-Saison fast zu Ende und so ist auf dem Gipfel-Plateau auch nur noch ein Lift in Betrieb. Trotzdem sind wir erstaunt, hier oben sieht man junge Iranerinnen ohne Kopftuch und im Lift wird uns von einem braungebrannten Iraner sogar unauffällig ein Schluck aus dem Flachmann angeboten. Hier in den Skigebieten sind die Regeln also nochmal etwas lockerer. Der mangelnde Liftbetrieb stört uns nicht weiter, denn wir wollen sowieso die umliegenden Kuppen und Hänge aus eigener Kraft erkunden. Und von denen gibt es viele. Traumhafte, unberührte Freeride-Hänge sind hier noch richtig einfach zu erreichen. Wo in den Alpen schon um 10 Uhr morgens alles verspurt wäre, kann man im Iran noch bis Sonnenuntergang eine Linie neben die andere setzen. Powder hat es natürlich keinen mehr, aber die weiten Firnhänge geben uns ein gutes Bild davon, was man als Freerider hier zwischen Januar und März erleben kann. Nach einer Nacht im luxuriösen Tochal-Hotel auf 3600 Metern, welches ausschließlich für uns neun Westler geöffnet hatte mitsamt einer medizinischen Routine-Untersuchung auf Anzeichen der Höhenkrankheit steigen wir noch auf den Gipfel des Tochal, von dem man eine traumhafte Aussicht über Teheran sowie das kompletten Alborz-Gebirge inklusive Damavand genießen kann.

Dizin - Der größte Ski-Ort in Iran und echtes Freeride-Paradies

Dizin – Der größte Ski-Ort in Iran und echtes Freeride-Paradies

Nächste Station soll Dizin sein. Von unseren Begleitern ist nur noch einer übrig geblieben, Paul, ein Berg- und Skiführer aus Neuseeland (der echte Bambus-Ski! dabei hat), welcher uns auf den Damavand begleiten möchte. Dizin liegt ca. zwei Stunden entfernt von Teheran mitten in den Alborz-Gebirgen. Vorbei am wohl besten und steilsten Skigebiet des Landes “Shemshak” geht es auf einer von Lawinen ziemlich mittgenommenen Bergstraße zum Parkplatz auf fast 3000 Metern. Schnell stellen wir fest: Dieses Skigebiet hat andere Dimensionen. Vergleichbar mit den großen Liftanlagen in den Alpen sind hier alle Gipfel mit langen Sesselbahnen erreichbar. Hier gibt es kaum Pisten. Zwar schlängeln sich die Iraner trotzdem immer auf der selben imaginären Linie den Berg herunter, für uns ist das grenzenlose Areal aber ein Traum. Perfekte Neigung, keine Bäume, kaum Felsen und Schnee so weit das Auge reicht. Wir haben unser Freeride-Paradies gefunden. Obwohl sich ein Tiefdruckgebiet breit macht und es zu regnen beginnt, verbringen wir zwei geniale Freeride-Tage auf den Hängen Dizins und lernen, da es aufgrund des Wochenendes verhältnismäßig voll ist, zahlreiche junge Iraner kennen. Schnell wird uns klar: Selbst im Iran kann man ganz gut Aprés-Ski feiern, und zwar mit allem was dazu gehört.

Damavand, höchster Berg im Nahen Osten

Tragen beim Aufstieg zum Damavand

Tragen beim Aufstieg zum Damavand

Nach nun insgesamt vier Tagen soll es langsam an den ernsthaften Teil der Reise gehen. Trotz schlechten Wetters machen wir uns zu dritt auf in Richtung Damavand, wo wir über Freunde in Kontakt zu Masoud, einem örtlichen Bergführer stehen. Der nimmt uns in seiner Wohnung auf, hilft uns noch Proviant und eine Gaskartusche für unseren MSR Reactor Stove zu kaufen und bringt uns dann zum Ausgangspunkt unserer Tour. Seinen Pessimismus über den Erfolg unseres Vorhabens verheimlicht er nur halbherzig, schließlich sei schlechtes Wetter und auf dem Berg alles abgeblasen. Wir lassen uns nicht einschüchtern und begeben uns motiviert auf den Hüttenzustieg. 1400 Höhenmeter mit Splitboard, LVS-Ausrüstung, Proviant sowie Expeditionsschlafsack auf dem Rücken stehen vor uns. Die ersten Meter geht es über sanfte Bergwiesen, auf denen sich gerade die ersten Anzeichen des Frühlings bemerkbar machen. Stürmisch, ab dank eines unerwarteten Zwischenhochs sonnig geht es weiter aufwärts zur Moschee “Gusfandsara” auf ca. 3000 Metern. Im Sommer wird man für den Start des Trekking auf den Damavand hier mit dem Auto abgesetzt, kann übernachten und einen letzten Tee trinken. Jetzt, am Ende des Winters ist dieser Ort wie ausgestorben, und wir genießen die Ruhe und die tolle Aussicht auf den perfekten Kegelvulkan, dessen immer noch etwas dampfender Gipfel hin und wieder durch die Wolken sichtbar ist. Wegen des schweren Gepäcks sind wir froh, als wir nach drei Stunden endlich auf eine Firnrinne treffen, die offensichtlich bis zu unserem Tagesziel, der Hütte der iranischen Bergsteigervereinigung auf 4250 Metern, führt. Auf den Splitboards und Skitouren-Ski geht es nun deutlich einfacher bergauf und dank guter Akklimatisation fühlen wir uns pudelwohl. Trotzdem kommen wir nachmittags erst spät und ziemlich erschöpft auf der hochalpin gelegenen neuen Damavand-Hütte an, die sich als erstaunlich gepflegt und modern herausstellt. Die Hütte ist sogar besetzt mit einem wortkargen Iraner, der in einem beheizten Zimmer mit Funk-Fernsehen und einem lebendigen Goldfisch! lebt und dort oben die 50 Dollar für die Gipfel-Permit einkassiert. Als einzige Gäste beziehen wir ein kleines, eiskaltes Zimmer und kuscheln uns voller Vorfreude auf den bevorstehenden Tag in unsere Expeditionsschlafsäcke. Bereits in der Nacht stellen wir enttäuscht fest, dass sich das schlechte Wetter wieder zurückgemeldet hat. Es stürmt und schneit und an einen Gipfelversuch ist nicht zu denken.

Paul in perfekt steilem Gelände

Paul in perfekt steilem Gelände

Herve Pean, ein Franzose der mit seinem Filmteam vor der Hütte im Expeditionszelt biwakiert, erklärt uns, er warte seit Tagen auf einen möglichen Gipfeltag mit gutem Wetter, wir sollten uns auf eine längere Wartezeit einstellen. Dafür haben wir aber weder genügend Proviant, noch genügend Geduld dabei, denn im Umland warten jede Menge interessanter Städte, Wüstenlandschaften und andere exotische Erlebnisse auf uns. Bei -15 Grad und Schneesturm sind die warmen Wüstenregionen Irans selbst für uns eingefleischte Skitourengeher zu verlockend, und so schnallen wir unsere Boards und Skitourenski an und machen uns auf die knapp zweistündige Abfahrt. Durch steile Firnrinnen und weite, makellose Hänge ziehen wir einsam unsere Spuren und fühlen uns dabei wie Freerider am anderen Ende der Welt…

Die Oase Karanagh in der Provinz Yazd

Die Oase Karanagh in der Provinz Yazd

11 Kommentare

  1. hi,

    vielen Dank für die Information! Ich und mein Mann sind begeisterte Ski Fahrer und waren schon in vielen Ski gebiten auf der Welt, angefangen von den USA bis hin zu den heimischen Alpen und dem Weit entfernten Neue Seeland!

    Wir sind gerade bei uns in dem Alpen und machen einen schönen Ski Urlaub im Südtirol! Dein beitrag hat mich dazu angeregt vielleicht nächstes Jahr ja mal in den Iran zu fahren! dort waren wirklich noch nie!!!

    vielen Dank dafür nadja

  2. da kommen Erinnerungen hoch von meiner Besteigung des Damavand im Sommer.
    Ja, Iran ist liebenswert und interessant. Die Menschen offen und überhaupt nicht aufdringlich. Ich war auch sehr angenehm überrascht.

    Weiterhin alles Gute!

  3. Endlich mal ein positiver Bericht über dieses wunderbare Land!!!
    …mit einem iranischem Bergsteiger verheiratet, weiß ich Einiges über die
    tollen Möglichkeiten im iranischen Hochland sich “auszutoben”…
    Iran bietet mehr als “nur” Damavand, es gibt noch viele Gipfel und Big Walls, die auf eine Erstbegehung (Sommer wie Winter) warten….
    Bergsteigen ist eine beliebte Sportart im Iran, welche immer mehr Anhänger findet…
    Freuen uns selber auf unsere Tour in diesem Sommer auf den Mt. Jupar im zentral-iranischem Hochland….
    Iran ist echt eine Reise wert!!!!

    • Hallo alpenkind München
      Durch Zufall bin ich auf den Bericht über Skifahren im Iran gestoßen. Iran kenne ich seit langer Zeit und konnte heuer den Damavand besteigen. Jetzt habe ich eine Bitte an Alpenkind München: Ich möchte gerne andere Berge im Iran besteigen, kenne aber leider keine Iranischen Bergsteiger, die mir weiterhelfen könnten. Ich bin aktive Bergsteigerin und Ärztin und lebe in Mittenwald. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in Kontakt treten könnten!! be omide didar Maria Mlynarczyk

      • Hallo Maria, haben Deine Kontaktdaten erhalten.
        Respect, dass Du auf dem Damvand oben warst-ich persönlich war bisher immer nur auf der Hälfte zum Thymian pflücken ;-)….
        Mein Partner war dafür umso öfter oben….
        Helfen Dir gerne weiter-auch auf Wunsch mit deutschsprachigen Einheimischen Bergführern.
        :-)
        Herzliche Grüsse
        Corina

        • Hallo Corina,
          ich plane für nächstes Jahr eine Motorradtour in den Iran. Es wäre natürlich traumhaft, wenn man Ende Mai dort noch ein paar Stunden auf die Ski stehen könnte. Ein deutschsprachiger Ansprechpartner vor Ort wäre sehr wertvoll.
          mfg
          Paul

        • Hallo Corina,
          wir sind vier Freunde die heuer Ende Februar/ Anfang März einen Skiurlaub in den Iran geplant haben. Auf die Idee haben uns vor allem die wenigen, aber besonders beindruckenden und umwerfenden Reiseberichte, gebracht.

          Wir wollen hauptsächlich zum Tourengehen und zum Freeriden hin- und natürlich wollen wir auch etwas von dem Land sehen und mitnehmen. Hättest du vielleicht die ein oder anderen Tipps oder Ansprechpersonen für uns?? Das wäre großartig. :)

          • Hallo Paul und Hallo papyloom
            durch Zufall habe ich eure Kommentare heute erst entdeckt.
            Die Motorradtour hat bestimmt schon statt gefunden? Wie wars?
            Tourengehen im Iran-da kann ich Dich an Maria Mlynarczyk empfehlen-sie war bereits öfter mit Gruppen dort, sie ist bergführerin, kennt den Iran sehr gut und spricht vor allem auch persisch!
            Wir selber werden im Sommer auf eine Trekkingreise im Südiran und Kurdistan gehen…..

  4. Hey Wasti, ja der Iran ist vielseitiger und reisefreundlicher als man sich das so vorstellt. Bei Masoud gabs Kebab mit Reis, Pommes und ein leckeres iranisches Malzbier als Stärkung nach der Skitour.

  5. Super Bericht und sehr interessante Bilder. So hätte ich mir den Iran eher nicht vorgestellt. Wär ja glatt mal einen Ausflug wert, wenn die Bedingungen passen. Gabs bei dem Bergführer eigentlich Schnitzel mit Pommes und Ketchup ;) oder täuscht das auf dem Bild…

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