Alpin

Alpspitz Ferrata: Eine Winterbegehung

15.04.2015

Alpspitz Ferrata: Eine Winterbegehung

Eigentlich ist die Alpspitz Ferrata im Wettersteingebirge einer der schönsten Anfängerklettersteige der Nordalpen und entsprechend im Sommer stark frequentiert. Doch im Winter, bei Schneeauflage, wird der Klettersteig schnell zu einer ganz anderen Nummer.

“Begehung auf eigene Gefahr” – Der Klettersteig an der Alpspitze im Winter

Manuel heftet sich an meine Fersen bei einem der ersten Quergänge auf der Alpspitz Ferrata.

Manuel heftet sich an meine Fersen bei einem der ersten Quergänge auf der Alpspitz Ferrata.

Bereits an der Talstation der Alpspitzbahn informiert man uns vor Beginn unserer Seilbahnfahrt auf den Osterfelderkopf, dass der Klettersteig gesperrt sei. Wir haken nach und fragen, was das bedeutet. Denn wir haben ja vor, die Alpspitz Ferrata trotz der Schneeauflage zu meistern. Die Antwort lautet: „Die Begehung ist aufgrund der Vereisung/Schneeauflage gefährlich und das Begehen auf eigene Gefahr.“

Diese Argumentation scheint uns angemessen, wenn es darum geht, unerfahrene Bergtouristen von einem unberechenbaren Wagnis abzuhalten. Doch da wir erfahrene Kletterer und Bergsteiger sind, beschließen wir, es einfach zu versuchen. Schließlich wollen wir die Alpspitze bewusst im Winter bei Vereisung und Schneeauflage bezwingen. Und selbst ein vereister Klettersteig bietet mit entsprechender Sicherungsausrüstung noch mehr Sicherheit als die freie Begehung eines winterlichen Gipfels ohne entsprechend solide Fixpunkte.

Unsere Ausrüstung beinhaltet neben der üblichen Klettersteigausrüstung (Helm, Klettersteigset, Klettergurt) zudem zwei Halbseile, diverse Karabiner und Bandschlingen, einige Klemmgeräte und zwei Eisschrauben. Zudem verfügen wir über Eispickel und Steigeisen. Getreu dem Motto: „Man kann nie zu gut ausgerüstet sein.“ In neun Minuten fahren wir mit der Seilbahn auf den Osterfelderkopf (2.050 Meter).

Bergeinsamkeit bei bestem Kaiserwetter

Trotz des unglaublich guten Wetters sind wir überrascht, wie wenig andere Gäste die erste Bergfahrt des Tages in Anspruch nehmen. Doch uns wird schnell klar, dass es hier oben aufgrund der Schneesituation eigentlich nicht viele Möglichkeiten für touristische Aktivitäten gibt, außer die Aussicht zu genießen und das Restaurant zu besuchen.

So machen wir uns auch sofort auf in Richtung Einstieg zur Alpspitz-Ferrata. Den erreicht man am Fuße der Alpspitz-Nordwand nach etwa 20 Minuten. Wir sind froh, dass wir früh dran sind. So ist der Schnee fest gefroren, wir sinken nicht ein und das Gehen fällt leichter.

Steiler Start an der Einstiegsleiter der Alpspitz Ferrata

Eine Metallleiter am Beginn des Alpspitz Klettersteigs

Eine Metallleiter am Beginn des Alpspitz Klettersteigs.

Am Einstieg legen wir dann Helme und Gurte an und erklimmen sofort die Einstiegsleiter. Über leichtes Gelände geht es 15 Minuten bergauf, bis schließlich die ersten Drahtseilpassagen unter den Schneemassen verschwinden. An diesen Stellen können wir uns nun nicht mehr wie gewohnt mit dem Klettersteigset einhaken – und gehen ungesichert weiter.

Langsam gewinnt das Gelände an Steilheit und es gilt einen sehr steilen Schneehang zu queren, um zu einer weiteren Leiter zu gelangen. Spätestens bei dieser Querung sollte man sich über die Lawinensituation Gedanken gemacht haben. In unserem Fall ist die Querung verantwortbar, da es in den letzten Tagen kaum Neuschnee gab und der Schneedeckenaufbau stabil ist.

Nachdem die Routenführung nun wieder in einigen Kurven über etwas weniger steiles Gelände verläuft, erreichen wir nach etwa zwei Stunden das sogenannte „Herzerl“ in etwa in der Mitte der Alpspitz Ferrata.

Es wird steiler – der Gipfelanstieg zur Alpspitze

Die zweite Hälfte wird nun deutlich steiler und die Route führt in einer etwas direkteren Linie in Richtung Alpspitz-Gipfel. Ab hier sind auch die meisten der mit B klassifizierten Stellen zu meistern.

Spätestens in diesem Teil der Alpspitz Ferrata kommt echtes Hochtourenfeeling auf, denn das Drahtseil blitzt nur noch selten aus dem Schnee hervor. Es gilt nun, sich steile Schneeflanken heraufzuarbeiten – und das ohne Drahtseilversicherung. Da der Schneedeckenaufbau auch hier sehr stabil erscheint, verzichten wir zunächst auch hier auf Seilsicherung. Doch wenig später wird der Schnee sulziger, da er von den Sonnenstrahlen erreicht wird. Wir bewegen uns von nun an vorsichtiger, da es nun doch sehr steil hinab geht und sichern uns für einige Seillängen mit dem Seil. Einige der mitgebrachten mobilen Sicherungsmittel sind nun Gold wert.

So erreichen wir von ständigen, atemberaubenden Tiefblicken begleitet den Nordwestgrat und freuen uns nach einem kalten Aufstieg über die wärmenden Sonnenstrahlen der Mittagssonne. Nach einer kurzen Rast begeben wir uns in den sogenannten „glatten Kessel“. Der ist stark vereist und erfordert geübte, präzise Trittsetzung. Doch trotz Vereisung können wir die hier zahlreich angebrachten Stahlstifte als Tritte nutzen und gelangen ohne die Zuhilfenahme der Steigeisen über eine letzte Steilstufe auf den Gipfel der Alpspitze. Während des gesamten Aufstiegs und auch am Gipfel sind wir ganz allein und machen im Windschatten einer großen Schneewechte eine ausgeprägte Gipfelrast. Lediglich zwei hungrige Vögel gesellen sich nach einigen Minuten zu uns und fordern frech ihren Anteil an unserer Brotpause ein. Dabei fressen sie uns buchstäblich aus der Hand.

Überraschung am Alpspitz Nordwandsteig – kein einfaches Unterfangen

Nach dem obligatorischen Eintrag in das Gipfelbuch machen wir uns an den Abstieg über den Ostrücken. Bei Lawinengefahr sollte man den schneereichen Ostrücken meiden und sich lieber über die Aufstiegsroute abseilen. Dort finden sich mehr als genug solide verankerte Eisenstifte!

Bei uns ist der Schnee im Laufe des Tages sehr sulzig geworden und macht den Abstieg mühsam. Doch auch der Ostrücken liegt bald hinter uns und wir halten uns nun nordwestlich – unser Ziel ist der sogenannte Nordwandsteig. Dieser Klettersteig verläuft, wie der Name vermuten lässt, entlang der eisigen Nordwand der Alpspitze. Zu Beginn klettern wir einige Leitern hinunter, um dann durch eine steile Rinne bis zu den ersten Tunneln abzusteigen.

Abstieg über den Ostrücken der Alpspitze.

Abstieg über den Ostrücken der Alpspitze.

Nachdem wir diese durchquert haben, wird es jedoch heikel. Außerhalb der Tunnel quert im Sommer ein sehr schmaler Pfad die Nordwand – auf der einen Seite geht es fast senkrecht bergauf, auf der anderen extrem steil bergab. Doch jetzt im Winter, ist von dem Pfad NICHTS mehr zu erkennen! Meterhoher Schnee passt sich hier dem Gefälle an und stellt uns vor ein echtes Problem. Von dem Drahtseil ist hier rein gar nichts mehr zu sehen. Da wir nicht für ein Biwak in dieser Höhe vorbereitet sind, müssen wir die letzte Talfahrt der Seilbahn unbedingt erwischen.

Uns bleibt also keine Zeit im Schnee nach dem Drahtseil zu graben, um uns wenigstens mit unserem Seil und einigen Zwischensicherungen zu behelfen. Vermutlich würden wir das Seil unter den hier enormen Schneemassen gar nicht erst finden.

Die Querung der Nordwand entpuppt sich unter den gegebenen Umständen als ein nervenaufreibendes Unterfangen, welches wir jedoch dank der Steigeisen und einer guten Fersentechnik erfolgreich meistern. Wir treiben uns gegenseitig an und erreichen die Seilbahnstation schließlich doch noch so zeitig, dass es für ein verdientes Weizenbier reicht! Hier erfahren wir schließlich auch, dass seit Tagen niemand mehr den Nordwandsteig begangen hat, da dieser als unpassierbar bezeichnet wird!

Unser Fazit zur Winterbegehung der Alpspitz Ferrata

Unter den gegebenen winterlichen Bedingungen ist die hier beschriebene Tour selbst für erfahrene Bergsteiger eine zwar machbare, aber doch herausfordernde Tour. Die Alpspitz Ferrata im Winter ist nicht mit einer Sommerbegehung vergleichbar und sollte daher auch nur von Personen begangen werden, welche über ausreichende Erfahrung in hochalpinem Gelände, Lawinenkenntnisse und Erfahrung bei der Verwendung entsprechenden Sicherungsmaterials verfügen.

Fakten zur Alpspitz-Ferrata

  • Startort: Talstation der Alpspitzbahn (Garmisch-Partenkirchen)
  • Betriebszeiten der Alpspitzbahn:  Oktober bis Februar von 8:30 bis 16:30 Uhr/März bis Juni von 8:30 bis 17:00 Uhr/Juli bis Sept. von 8:00 bis 17:30 Uhr
  • Höhendifferenz Klettersteig: 530 Höhenmeter
  • Topo Alpspitz Ferrata
  • Abstieg über Ostrücken/Nordwandsteig, alternativ Abstieg über Aufstiegsroute
  • Auf- und Abstieg erfordern stabile Schneeverhältnisse (Lawinenlagebericht beachten!)

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*