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Große Vallüla – Herrscherin des Hochmontafon

12.12.2014

Große Vallüla – Herrscherin des Hochmontafon

Im Rahmen einer einwöchigen Bergsteiger- und Klettertour verschlug es Kai und mich auf dem Weg aus der Schweiz nach Italien für einen Tag in die österreichische Silvretta. Unser Ziel war es, die Große Vallüla (2.813 Meter) im Rahmen einer Tagestour zu bezwingen.

Zwischenstopp an der Vallüla

Am Silvretta-Stausee im Hochmontafon beginnt der Aufstieg zur Vallüla (2.813 Meter) über den Bieler Kopf.

Am Silvretta-Stausee im Hochmontafon beginnt der Aufstieg zur Vallüla (2.813 Meter) über den Bieler Kopf.

Und so finden wir uns nach einer langen Nachtfahrt an einem sonnigen Septembermorgen am Ufer des Silvretta-Stausees wieder – die Bergtour beginnt! Der Großteil des Aufstieges über den Bieler Kopf (2.389 Meter) präsentiert sich uns als angenehme Bergwanderung auf einem bis dorthin gut sichtbaren Pfad, doch ab hier wird uns beim Anblick der Vallüla klar, dass es nun wesentlich steiler werden wird.

Das Couloir – es wird ernst!

Nachdem wir zwei durch rote Markierungen gekennzeichnete Geröllfelder überquert haben, finden wir uns am Fuße eines steilen, markanten Couloirs wieder. Auf dem Weg dahin müssen wir uns jedoch gut konzentrieren, um den eigentlichen Pfad nicht mit ausgetretenen Gamspfaden zu verwechseln, welche einen leicht in die Irre führen. Diese steile Rinne, welche größtenteils mit unangenehm zu begehendem, kleinen Schutt gefüllt ist, stellt an einigen ausgesetzten Stellen eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Im oberen Bereich müssen wir teilweise an den Rand der Rinne ausweichen und dort am Fels emporklettern, da die Mitte der Rinne so steil ist, dass sie uns keinen Halt mehr finden lässt. Hier sollte man sich gut konzentrieren, nicht nach unten sehen und schon gar nicht fallen! Bald müssen wir einsehen, dass es kaum möglich ist, die Rinne zu begehen, ohne je nach Geschicklichkeit kleineren oder größeren Steinschlag auszulösen – ein Kletterhelm ist daher ein absolutes Muss!

Die Vallüla im Nebel: Aufstieg oder Rückzug?

Im Aufstieg durch das steinschlaggefährdete Couloir.

Im Aufstieg durch das steinschlaggefährdete Couloir.

Am oberen Ende des Couloirs gelangen wir auf einen Gratrücken, der bei guter Sicht einen atemberaubenden Tiefblick in das gegenüberliegende Tal bietet. Doch in unserem Fall blicken wir einer schnell aufziehenden Nebelfront entgegen. Der Nebel zieht binnen Minuten bis auf den Gratrücken hinauf und sinkt hinter uns wieder herab – der Gipfel der Vallüla ist nun vollständig eingenebelt und es beginnt zu regnen. Nachdem wir an einem scheinbar wetterstabilen Vormittag den Aufstieg begonnen hatten, ärgern wir uns nun, nicht doch schon früher aufgebrochen zu sein. Wir beschließen also, im Windschatten des Grates abzuwarten. Ein Blick auf den Höhenmesser lässt Hoffnung aufkeimen – wir befinden uns auf knapp 2.700 Metern. Der Gipfel der Vallüla befindet sich folglich nur 100 Höhenmeter über uns!

Die plattige Crux

Nach einem kurzen Erkundungsgang berichte ich meinem Partner euphorisch, dass ich eine weitere Markierung gefunden habe und nun wisse, wie die Route auf die Vallüla verläuft. Im Nachhinein betrachtet kommt nun das meiner Meinung nach anspruchsvollste Stück des Aufstieges – geneigte, regennasse und äußerst rutschige Platten, welche in trockenem Zustand wohl gut machbar sind. Doch bei Regen wird es hier brenzlig, ein Ausrutscher kann schnell lebensgefährlich werden, gibt es doch kaum Möglichkeiten Sicherungen zu legen. Die kurze, aber knackige Passage ist jedoch glücklicherweise mit zwei soliden Bohrhaken für den Abstieg entschärft. Am oberen Bohrhaken mache ich Stand und sichere meinen Partner an einem Halbseil nach. Der weitere Aufstieg ist nun kaum zu verfehlen – wir finden reichlich Steigspuren und der Weg des geringsten Widerstandes ist logisch erkennbar.

Beim Abseilen über die nassen, rutschigen Platten.

Beim Abseilen über die nassen, rutschigen Platten.

Eine recht ausgesetzte Steilstufe im 3. Grad überwinden wir wieder seilfrei, da sie trotz der nassen Verhältnisse und ihrer Ausgesetztheit großzügige, breite Tritte aufweist und ein Abrutschen bei guter Trittsicherheit und hoher Konzentration unwahrscheinlich scheint. Nachdem wir auch diese Hürde gemeistert haben, erblicken wir zum ersten Mal das nahe Gipfelkreutz der Vallüla in den Nebelschwaden! Jetzt ist klar – der Gipfel gehört uns, egal, was sich das Wetter jetzt noch einfallen lässt! Voller Motivation umrunden wir den Gipfel einem Band folgend und steigen aus südlicher Richtung die letzten Meter im 2. Grad zum Gipfel auf… Geschafft!!!

Nass aber glücklich: Auf dem Gipfel der Vallüla

Wir freuen uns riesig – trotz der bescheidenen Höhe des Gipfels. Denn unter den herrschenden Verhältnissen forderte uns der Aufstieg durchaus einiges ab. Und siehe da: wie zur Belohnung reißt nach einigen Minuten die Wolkendecke auf und lässt die Sonne wieder hervorscheinen. Uns bieten sich nun wundervolle Tiefblicke in die umliegenden Täler und zum Silvretta-Stausee.

Geschafft! Ben auf dem Gipfel der Großen Vallüla.

Geschafft! Ben auf dem Gipfel der Großen Vallüla.

Beim Abstieg seilen wir lediglich an besagten glatten Platten ab. Dann geht es über den Gratrücken und hinein in das Couloir. Ich steige komplett seilfrei ab, jedoch finden sich in der Tat auch hier zwei Bohrhaken, welche die steilsten Stellen entschärfen – Kai nimmt das Angebot dankend an und wirft das Halbseil aus. Im unteren Abschnitt des Couloirs beginnt es wieder stark zu regnen und die Temperatur fällt merklich ab – uns ist es gleich, wir haben unser kleines Abenteuer gemeistert und hatten einen tollen, fordernden Tag am Berg!

Fazit zur Besteigung der Vallüla: Eine empfehlenswerte Tour!

Wer in der österreichischen Silvretta unterwegs ist und eine anspruchsvolle Akklimatisierungstour sucht, der sollte sich einmal genauer mit der Großen Vallüla (2.813 Meter) auseinandersetzen. Diese lohnende Ein-Tages-Bergtour besticht durch ihre Vielfältigkeit ebenso wie durch ihren Abenteuercharakter. Denn trotz der guten Erreichbarkeit von der Bielerhöhe (2.032 Meter) – welche bequem mit dem Pkw über die Silvretta-Hochalpenstraße zu erreichen ist – ist der Gipfel nur wenig frequentiert. Grund hierfür ist, dass die Große Vallüla keinesfalls als Wandergipfel beschrieben werden kann, stellt sie doch einige Anforderungen an die Orientierung in alpinem Gelände und erfordert zudem einige Klettererfahrung.

Eckdaten zur Bergtour:

  • Startpunkt: Parkplatz Bielerhöhe (am Silvretta-Stausee)
  • Länge Aufstieg: 3, 44 Kilometer
  • Höhenmeter Aufstieg (Parkplatz bis Vallüla-Gipfel): 785 Höhenmeter
  • Exposition: überwiegend Süd, somit bekommt man viel Sonne ab

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