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Klettern in den Dolomiten: Hexenstein Südkante, Große Zinne, Großer Falzaregoturm

02.07.2014

Klettern in den Dolomiten: Hexenstein Südkante, Große Zinne, Großer Falzaregoturm

Eine Woche anspruchsvolle Kletterei in einigen der schönsten und berühmtesten Kletterrouten der Dolomiten, jeden Tag von morgens bis abends in der Wand, Routen bis zum 6. Schwierigkeitsgrad (UIAA) und bis zu 500 Metern Länge – das ist unser Plan! Wir sind die etwa 800 Kilometer von Saarbrücken nach Cortina d’Ampezzo über Nacht gefahren und stehen nun am Morgen pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Falzaregopass in den Dolomiten. Die markante und bekannte Hochgebirgslandschaft der Dolomiten steht wohl bei jedem Kletterer weit oben auf der Wunschliste: Wie wir finden, zu recht! Die Klettergebiete in den Dolomiten bieten ein abwechslungsreiches Spektrum an beeindruckenden Mehrseillängenrouten. Anfänger wie Profis kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Kletterführer “Dolomiten” von Anette Köhler und Norbert Memmel ist ein absolutes Muss für jeden Dolomitenkletterer – über 100 der schönsten Routen in den Schwierigkeitsgraden 3 bis 7.

Kürze mit Würze: Klettertour an der Hexenstein Südkante

Klettern in den Dolomiten

Auf dem Hexenstein, den wir über die Südkante erklettert haben.

Unsere erste geplante Route ist die Südkante des 2.477 Meter hohen Hexensteins (IV+ UIAA). Die Kletterroute besteht aus sechs Seillängen und überwindet hierbei 150 Höhenmeter. Sie ist eine der klassischen Einstiegsrouten im alpinen Mehrseillängen-Bereich.
Bei herrlichstem Wetter steigen wir mit einer Mischung aus Respekt und Vorfreude in die Wand ein. Die Kletterei in dem festen Dolomitgestein ist ein absoluter Hochgenuss: die anfängliche Nervosität verfliegt schnell und weicht einem Gefühl von Freiheit und purer Freude am Klettern. Die Route ist sehr abwechslungsreich und bietet trotz ihrer Kürze alles von Wand- über Riss- bis hin zu Kaminkletterei. Nach etwa zweieinhalb Stunden Kletterei erreichen wir glücklich den Gipfel und machen eine ausgiebige Gipfelrast, bevor wir uns an den Abstieg über den Nordwestgrat machen.

Am Abend bestaunen wir aus dem Schlafsack heraus ein Gewitter, welches uns jedoch nicht gefährlich nah kommt. Wir biwakieren unweit der Straße auf dem Valparolapass. Das schöne Wetter des ersten Tages soll die gesamte Woche anhalten. An unserem zweiten Klettertag in den Dolomiten stehen die “Via delle Guide” (IV) am Torre Grande-Westgipfel und die Südwand des Torre Grande-Südgipfels (V+) an den Cinque Torri auf dem Programm.

Das prominente Highlight: Die Drei Zinnen

Klettern in den Dolomiten

In der Südwand der Großen Zinne.

Da wir für den dritten Tag die längste Route auf den wohl prominentesten Gipfel der Dolomiten geplant haben, fahren wir bereits am Vorabend in Richtung der Drei Zinnen und übernachten unmittelbar vor der kostenpflichtigen Mautstraße auf dem Campingplatz Alla Baita. Wir wollen unter allen Umständen die erste Seilschaft sein, die in die Südwand der Großen Zinne (2.998 Meter) einsteigt.

Daher passieren wir bereits um fünf Uhr morgens die Mautstelle, sobald diese öffnet. Wir beginnen den Zustieg bei Sonnenaufgang vom Rifugio Auronzo. Nachdem wir den Einstieg zwischen Kleiner und Großer Zinne gefunden haben, kann es endlich zur Sache gehen! Für die Route sind laut Kletterführer etwa fünf Stunden veranschlagt. Doch heute lernen wir eine wichtige Lektion: Trotz des recht detaillierten Topos müssen wir feststellen, dass die Routenfindung an Bergen dieser Dimension in hochalpinem Gelände alles andere als einfach ist. Von unseren Klettertouren aus der Pfalz sind wir es gewohnt, den gesamten Routenverlauf vom Boden aus überblicken zu können. Doch hier stellen wir nun ernüchtert fest, dass es oftmals recht schwer ist, den richtigen Routenverlauf zu erkennen. Auf diese Weise gelingt uns auch das Kunststück, etwa drei Stunden zu vergeuden, indem wir in eine falsche Wand einsteigen. Erst ein für uns unüberwindbarer Überhang weist uns auf diesen Fehler hin. Enttäuscht treten wir den Rückzug an. Zu unserem Glück sehen wir weiter unten eine Seilschaft in der “richtigen” Route und heften uns an deren Fährten.

Reflexion eines lehrreichen Klettertages

Klettern in den Dolomiten

Abseilen ist immer noch die sicherste Abstiegsmöglichkeit.

Die permanente Sonneneinstrahlung, die Dauerbelastung und die Erkenntnis, dass wir etwas knapp mit den Wasservorräten kalkuliert haben, sorgen schließlich dafür, dass wir erst gegen fünf Uhr nachmittags völlig erschöpft auf dem Gipfel der Großen Zinne stehen. Doch trotz des Wissens darüber, dass wir erst die Hälfte des Weges hinter uns haben, genießen wir, was an so schönen Tagen nur wenigen vergönnt ist – wir haben den Gipfel für uns allein! In Anbetracht der stark fortgeschrittenen Zeit machen wir uns kurz danach zügig und doch hochkonzentriert an den Abstieg. Wir entscheiden uns dafür, nur die wirklich riskanten Seillängen abzuseilen und kraxeln ansonsten ungesichert bergab. Uns ist absolut klar, dass die Wahrscheinlichkeit einen Fehler zu machen aufgrund unserer Erschöpfung steigt. Ein solcher Fehler würde meistens einen Absturz zur Folge haben, dessen Ausgang wir lieber ausblenden. Doch alles geht gut – bei Sonnenuntergang erreichen wir das Rifugio Auronzo… Punktlandung!

Wir machen uns keine Illusionen: der nächste Tag wird ein wohlverdienter Ruhetag werden. Wir besuchen eine Bekannte, die Radiomoderatorin Nives (Radio Cortina), die uns mit der typischen italienischen Gastfreundlichkeit sofort zum Essen einlädt und uns spannende Informationen über die Region gibt. Den Rest des sonnigen Tages verbringen wir am Lago di San Vito, östlich von Cortina d’Ampezzo. Gegen Abend geht es wieder zurück auf den Falzaregopass.

Klettern an den Falzaregotürmen

Beim Klettern an den Falzaregotürmen läuft zunächst nichts wie geplant.

Beim Klettern an den Falzaregotürmen läuft zunächst nichts wie geplant.

An unserem fünften Tag beim Klettern in den Dolomiten steht eine Kombination der “Diretta Ghedina” (VI-) am Torre Piccola di Falzarego und der Westkante des Torre Grande di Falzarego (IV) an den Falzaregotürmen (2.500 Meter) auf dem Kletterprogramm. Doch bei dieser Unternehmung läuft bereits von Anfang an alles schief. Zuerst finden wir den Routeneinstieg nicht und verschwenden dadurch kostbare Zeit. Dadurch sind wir auch nicht die ersten in der Wand und müssen warten. Zudem sind wir so einem erhöhten Steinschlagrisiko ausgesetzt. Auch tun wir uns unverständlicherweise extrem schwer damit, die Standplatzhaken ausfindig zu machen. Zu allem Überfluss zerrt sich Jerome dann auch noch in der Schlüsselseillänge des Großen Falzaregoturms die linke Hand und kann vorerst nicht mehr vorsteigen. So erreichen wir am Nachmittag genervt und gereizt den Gipfel des Großen Falzaregoturms. Nachdem wir auf dem sonnigen Gipfel eingeschlafen sind, wird uns bei unserem Erwachen klar, dass erstmals auch ein Wetterumschwung naht. Wir sprechen uns aus und bereinigen so die gereizte Grundstimmung. Dann machen wir uns an den Abstieg. Erneut müssen wir uns entscheiden: Seltsamerweise sind auf der Abstiegsroute mehr Bohrhaken im Fels anzutreffen als auf unserer Aufstiegsroute (im Kletterführer wird jedoch mit keinem Wort Abseilen erwähnt). Da es nun auch noch zu regnen beginnt, beschließen wir erneut, ungesichert abzusteigen, um Zeit zu sparen. Es lässt sich sicherlich über Sinn und Unsinn dieses Vorgehens streiten: wir trauen es uns und unseren Fähigkeiten zu und gehen das Risiko zugunsten des Zeitgewinns und aufgrund des drohenden Wetterumschwungs ein. Zum Glück geht alles ohne größere Fehler gut. Ebenfalls eine neue Erfahrung: Wenn man tagelang in der Vertikalen unterwegs ist, verliert man schnell den Bezug zu Größenverhältnissen bzw. der Steilheit einer Wand beim Abstieg.

Fazit: Klettern in den Dolomiten

Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass eine gute Vorbereitung beim Alpinklettern (Wettercheck, Training, Selbsteinschätzung, Zeitmanagement) immens wichtig ist, auch wenn man nie alle unvorhergesehenen Ereignisse planen kann. Für uns sind die Dolomiten ein absolut zu empfehlendes Topziel für aufregende Alpinkletterei. Hier können sowohl Anfänger als auch Profis eindrucksvolle Klettererlebnisse in einer der spektakulärsten Regionen der Alpen erleben. Ausführliche Kletterführer ermöglichen es, sich bereits im Vorfeld über machbare Routen zu informieren. Also worauf wartet ihr?!

2 Kommentare

  1. Atemberaubende Bilder und ein wirklich überzeugender Bericht!!! Habe schon oft mit dem Gedanken gespielt in die Dolomiten zum Klettern zu fahren – bislang hat mich der weite Weg dorthin abgeschreckt. Nach eurem Bericht ist mir das jetzt aber egal :)

    LG,
    Luisa

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