Alpin

Klettersteig auf die Lachenspitze

12.05.2011

Klettersteig auf die Lachenspitze

Durch den Nordwandklettersteig vis-á-vis der Landsberger Hütte

die Nordwand der Lachenspitze, von der Traualpe aus gesehen

8. Mai 2011. Der Frühling lüftet zunehmend die dieses Jahr recht dünnen Restschneedecken. Während die Frühjahrsskitouren nur noch hochalpin Aussicht auf längere Abfahrten bieten, werden die Kletterpatschen und Klettersteig-Utensilien wieder zurecht gelegt. Es juckt in den Fingern, der Fels lockt – und die niedrig gelegenen Klettergärten und Wanderberge sind an schönen Tagen bereits überlaufen. Im felsigen Gelände allerdings sind einige der höher gelegenen Bergtouren und Klettersteige bereits gut machbar, jahreszeitlich bedingt noch relativ einsam und mit ungewöhnlich schönen Fernsichten auf schneebedeckte Gipfel verbunden. Spannend ist es dabei, welche Bedingungen man antrifft, welche Schneebarrieren in schattigen Winkeln noch warten und gegebenenfalls, wie die Steiganlagen den Winter überstanden haben. Die Arbeit von Eis und Schnee an den Versicherungen bedingt ja immer wieder Sanierungsbedarf.

Nach Umhören im Bekanntenkreis und Sichtung aktueller Wetter-/ Webcam-Informationen starten mein Bruder und ich die Klettersteig-Saison in den Allgäuer Alpen, früh morgens am noch ruhigen Vilsalpsee nahe Tannheim. Unser Ziel, die Lachenspitze (2310 m), ist bei Ankunft am See bereits ersichtlich, genauer lockt dorthin der junge Nordwandklettersteig direkt gegenüber dem Biergarten der Landsberger Hütte (2009 errichtet, 250 Hm, Schwierigkeit C-D) . Am Parkplatz erfolgt nochmals die gewissenhafte Prüfung, ob alles an Ausrüstung dabei ist, respektive was im Materiallager auch bekannt als Kofferraum bleiben darf. Neben dem üblichen Inhalt eines Bergrucksacks ist sind normgerechte Klettersteigselbstsicherung (man lese nur einmal den Klassiker zum Thema von Pit Schubert…) und Helme natürlich angesagt. Im Frühjahr aber im Zweifelsfall auch Gamaschen und gummierte Handschuhe, falls Schnee oder auch bloß mal nasse Griffe oder rutschige Seile warten. Steigeisen? Ich nehme sie lieber mit, gegebenenfalls als Ballast zum Konditionstraining, wobei ihre Mitnahme weniger wiegt als Ihr Nicht-Vorhandensein bei Bedarf. Tags zuvor frühmorgens unterwegs durch noch harte Schneefelder auf die Ackerlspitze im Kaiser war ich heilfroh über diese Routine.

morgendlicher Start am Vilsalpsee

Kurzweilig geht es ca. eine Stunde in großzügigen Serpentinen und völlig schneefrei über einen Schotterweg durch lichte Birken hinauf zum Zwischenplateau des großen Traualp-Stausees zwischen Landsberger Hütte und Vilsalpsee. Am Stausee westlich entlang Richtung Süden wandernd schweift der Blick über die eindrucksvollen Grassteilhänge und Abbrüche derselben ringsum – wunderbar, wie sich die Gebirgsregionen der Alpen lokal unterscheiden, jede Region mit ihren Besonderheiten des Gesteins, der Erosionsbilder, der Vegetation und Erschließung! Durch solche Gedanken vom Zustieg abgelenkt stehen wir flugs im Biergarten der Landsberger Hütte. Noch ist Vorsaison, die Hütte noch geschlossen, doch die in der Sonne zum Lüften hängenden Schlafsäcke deuten auf Nutzer des Winterraumes hin. Wo die gerade stecken merken wir später. Eigentlich eine feine Idee, hier mal über Nacht zu verweilen, denn das Hochplateau mit der eisig blauen Lache und sanften Hügeln am Fuß der steilen Nordwand ist in der Tat verlockend schön und die Vorsaison besticht durch Ruhe…

Landsberger Hütte (links) und noch eine Menge Schnee im Plateau der Lache vor der Nordwand rechterhand

Mit einem Blick auf die Wand erfolgt die Einschätzung, dass keine größeren Schneeschwierigkeiten warten, zwei sehr kleine Schneefelder nur sind in der fast zur Gänze von der Hüttenterasse aus einsehbaren Route zu sehen. Der Steig beginnt zwischen zwei markanten Verschneidungen fast direkt in Linie des fallenden Tropfens vom Gipfel der Lachenspitze, windet sich mit einer durchgehenden Drahtseilführe nur zuletzt östlich um eine Kante. Wir folgen einer anscheinend erst ein paar Tage alten Spur durch das Altschneefeld zum Einstieg in den Klettersteig. In rechtem Abstand zur Wand legen wir die Sicherungsmaterialien an, insbesondere auch die Helme. Tatsächlich, dunkle kleine Steine zieren als Geschenke der tauenden Altschneefelder in der Wand den Einstiegsbereich zu einigen Kletterrouten, dem Übungsklettersteig und ganz rechts (westlich) zum eigentlichen Steig auf die Lachenspitze.

Blick in die Tiefe in der Steigmitte beim markanten Klemmblock

Eine schöne Führe wartet, wie üblich den Einsteigenden zum Nachdenken mahnend, mit einem Armkraft fordernden Beginn auf. Mit großzügigen Griffen im Fels und, wo nötig, mit massiven Metallklammern geht es durchaus abwechslungsreich hinauf, mal senkrecht, mal überhängend, mal über Platten, mal über Gehgelände, das mit einigen losen Brocken zur Rücksicht gegenüber Nachgängern mahnt.

in einem leichteren Zwischenstück - Aussicht genießen

Vor dem ersten von zwei kleinen Altschneefeldern, die wir in der ansonsten völlig frei liegenden Route antreffen, machen wir Halt. Der Spaß am senkrechten Lauf durch die Wand ist verbunden mit einer reizenden Kulisse! Auf drei Seen fällt der Blick aus der Wand, vom schon tief grün umgebenen Vilsalpsee im Tal über den Traualpe-Stausee zur noch halb von Eis bedeckten kleinen Lache nahe der Landsberger Hütte – wo die Bergsteiger aus dem Winterraum gerade tatsächlich einen Schwimmversuch wagen!

Im Steig heißt es dagegen erstmal Schwitzen – zapfig geht es durch einen ca 5m hohen Überhang, der endlich doch den beherzten Griff ins Stahlseil fordert, zu groß ist der Respekt vor der Sturzenergie, selbst bei einer so vorbildlichen und hier auch nach der Winterwetterprobe völlig intakten Versicherung des Steiges.

Kurz vor dem Gipfel wird es dann noch kurz aufregend hinsichtlich der Schneelage. In einer östlichen Verschneidung über einer steilen Geröllrinne nahe eines Abgrundes verschwindet das Stahlseil zwar für läppische drei Meter nur unter einer dicken und steilen Restschneedecke, aber es drängt gehörig aus der Wand, kaum steht man auf dem zweifelhaften, steilen Schneerest. Wäre das noch einen Tick härter gewesen… aber mit etwas Ruhe und gutem Schuhwerk lässt sich auch so in dem steilen Schneewandl genug Tritt schlagen, um sicher zum nächsten Abschnitt zu gelangen und mit beruhigendem Schnappgeräusch die Karabiner der Klettersteigselbstsicherung das Seil umschließen zu lassen. Am Gipfel aus der schattigen Wand aussteigend erwärmt die Mischung aus Frühlingssonne und toller Aussicht auf noch überzuckerte Spitzen von Ost bis West. Toller Blick auf den Hochvogel!

Abstieg auf dem Normalweg zur Landsberger Hütte mit gutem Blick auf den Hochvogel

Ein paar Momente Ruhe zur  obligatorischen Gipfelbrotzeit. Da aber auch Kaffee und Kuchen bei unserer Oma zwei Täler weiter warten, geht es dann wieder Richtung Tal über den südwestseitigen, unschwierigen Normalweg. Schneefrei geht es durch schottrige Serpentinen bis zu einem Joch – und ab hier nördlich per grandiosem Sulzschneerutsch zurück zur Landsberger Hütte. Eine Mordsgaudi. Dank Gamaschen bleiben wir trockenen Fußes, obwohl man teilweise doch schon knietief stecken bleibt. Schnell und knieschonend fliegen wir denn Hang hinab – wäre doch häufiger beim Abstieg Frühjahr!

Insgesamt ein schöner und stellenweise sehr fordernder Klettersteig – gut geeignet auch als Tour mit einer größeren Gruppe, bei der vielleicht nur einige einen derartigen Klettersteig gehen wollen, andere eine ruhige Wanderung vorziehen, oder einfach auf der Terasse im Biergarten die Füße hochlegen wollen, um sich entspannt (oder auch gespannt) das im Sommer vermutlich größere Treiben in der Wand anzusehen…

Fakten zur Tour:

Start: Vilsalpsee, PKW Zufahrt ab Tannheim bis 10 Uhr möglich, 10-17 Uhr nur mit Bus, Tages-Parkgebühr am See für PKW 6,50€
Ende: Lachenspitze (2130m)
Höhenmeter: ca. 1100 Hm bis zum Gipfel, knapp 700 Hm zur Landsberger Hütte
Dauer: je nach Kondition und Eile ca. 4-7 Stunden, Klettersteig 1-2 Stunden

Ausrüstung: Klettersteighelm und Klettersteigset obligatorisch
Anforderungen: Sportlicher und durchaus langer Klettersteig ohne Notausstieg, großteils mittlere technische Schwierigkeiten mit einigen stark Armkraft fordernden Steilstufen/ Überhang; Klettersteig-Erfahrung von Nöten
Hinweis: im Sommer stark frequentierte Tour, Vorsicht Steinschlag (Helm und vorsichtiges Steigen); Test der eigenen Fähigkeiten im Übungsklettersteig möglich
Alternativen: Normalweg von der Landsberger Hütte zur Lachenspitze, Biergarten, Übungsklettersteig

2 Kommentare

  1. Gekonnt formulierter Eintrag einer schönen Tour.
    Danke hierfür. Kann allem inhaltlich nur zustimmen.
    Wunderschöner Steig für den ambitionierteren unter den Klettersteiggehern.
    Der neue Köllenspitzen-Klettersteig ist btw auch seine Reise ins Tannheimer Tal wert, wenn auch (oder gerade weil) noch ein Stückchen anspruchsvoller.

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