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Ehrwalder Sonnenspitze - eine Bergtour gegen den Strom

25.03.2014

Ehrwalder Sonnenspitze – eine Bergtour gegen den Strom

Eine Bergtour auf die Sonnenspitze bei Ehrwald in Tirol kann abenteuerlich sein. Vor allem wenn man entgegen der üblichen Route aufsteigt – und plötzlich vor dem Nichts steht. Auf dem Gipfel sind die Strapazen vergessen – bis zum Abstieg.

Ein kurzes und spontan geplantes Abenteuer hatten wir uns da ausgesucht. Eigentlich wollten wir Kraxeln gehen, aber mein lieber Freund musste sich ja beim Biken unbedingt die Rippen prellen. Kurzerhand umentschieden, suchten wir uns die Ehrwalder Sonnenspitze aus. Sie sollte Ziel unserer Bemühungen werden.

Die Sonnenspitze bei Ehrwald, das Ziel unserer Bergtour.

Die Sonnenspitze bei Ehrwald, das Ziel unserer Bergtour.

Die Sonnenspitze in Ehrwald (2.417 Meter) befindet sich in Tirol in Österreich. Sie gehört zum Gebirge der Mieminger Kette. “Großartige und anspruchsvolle Bergtour mit leichter Klettereinlage (UIAA bis II) auf einen markanten Gipfel” – so oder ähnlich lesen wir die Beschreibung im Internet. Klingt sehr ansprechend, genau das Richtige für uns und einen schönen Tag in den Bergen. Die Gehzeit beträgt etwa sieben bis acht Stunden.

Ausgangspunkt: Ehrwald in Tirol

Der Wanderrucksack ist gepackt, die Anfahrt erfolgt über die A95 von München nach Garmisch. Weiter geht es auf der B2, wo man rechts abbiegt Richtung Fernpass/Reutte und auf der Landstraße bis Ehrwald fährt. Startpunkt unserer Tour ist der Parkplatz an der Talstation der Bergbahn zur Sonnenspitze. Wir entscheiden uns für den kurzen, aber knackigeren Weg nach oben und steigen von Norden kommend zu, umrunden durch Wald und über Geröllfelder den Bergfuß und kommen schließlich am Seebensee unterhalb der Coburger Hütte an.

Aufstieg mit Hindernissen

Lang sind wir noch nicht unterwegs und alles scheint erstaunlich leicht zu gehen. Hier und da ein paar tiefe Blicke ins Tal, die mental durchaus fordern können. Von Anstrengung bisher keine Spur. Die erste “Fehlentscheidung” treffen wir am Wegkreuz. Anstatt weiter geradeaus und um den Seebensee herum zu laufen, über die Coburger Hütte hinauf zum Gipfel, folgen wir vor dem See dem Weg nach rechts, um sozusagen “von hinten” auf die Sonnenspitze zu gelangen. Doch wir haben den Gipfel fest im Blick und unser Ziel – die Sonnenspitze – vor Augen.

Unser Auf- (rot) und Abstieg (grün), entgegen der üblichen Gehrichtung.

Unser Auf- (rot) und Abstieg (grün), entgegen der üblichen Gehrichtung.

Also nichts wie los und ab nach oben. Etwa bei der Hälfte stellen wir fest, dass der Aufstieg sich anstrengender und langwieriger gestaltet als angenommen, dazu die Mittagssonne, die uns auf die Köpfe brennt – und plötzlich meldet sich auch noch die Rippenprellung meines Freundes bei jedem Atemzug. Was tun? Alle hundert Meter eine Pause, um nie oben anzukommen, ist keine Option. Umdrehen und Absteigen schon eher. Aber was sind wir für Kletterer, wenn wir uns von sowas unterkriegen lassen? (Klar, wir waren Bergsteigen und nicht Klettern, aber so war die Überlegung). Also weiter bergauf, das Ziel immer noch vor Augen.

Als wir schließlich über die Baumgrenze hinauskommen und nur noch Stein, Fels und Geröll uns umgeben, kann es nicht mehr weit sein. Doch die nächste Überraschung wartet bereits. Wie eingangs erwähnt, sind wir von der anderen Seite aufgestiegen, entgegen dem Bergsteigerstrom. Die Steinmarterl sind nur schwer erkennbar mit Blick nach oben, von oben herab muss man den Weg etwas deutlicher sehen. Wir suchen uns also einen Weg nach oben und dann passiert es: Urplötzlich komme ich um einen großen Felsblock und vor mir – nichts mehr. Hunderte Meter unter mir… ein Segelflieger. Herzklopfen der besonderen Art, Rückzug und Umdrehen. Wir haben uns verlaufen. Schon beim Aufstieg. Alles scheint gegen uns.

Gipfelglück auf der Ehrwalder Sonnenspitze

Zwei strahlende Gesichter: Auf dem Gipfel der Ehrwalder Sonnenspitze.

Zwei strahlende Gesichter: Auf dem Gipfel der Ehrwalder Sonnenspitze.

Wir suchen weiter und finden letztendlich einen Weg, der uns nach oben bringt. Nach oben auf den Gipfel der Ehrwalder Sonnenspitze, 2.417 Meter über dem Meer. Wir strahlen. Kleine Auszeit, Sicht genießen, Siegerfoto machen und weiter. Die Gratüberschreitung, auf die wir den ganzen Aufstieg lang gewartet haben, ist ausgeblieben. Auf dem Gipfel erst wird uns klar, dass wir die Tour rückwärts gegangen sind.

Abstieg gegen den Strom

Der Rückweg beginnt mit dem ersehnten Grat. Rechts und links geht es senkrecht nach unten – das tut dem Kopf und den eigenen Gedanken, die in einer solchen Höhe sehr frei sind, nicht gut. Horroszenarien für Ungeübte und unangenehme Gedanken für uns. Die Überschreitung ist eine Herausforderung. Doch rückblickend hat es sich gelohnt. Nach dem Grat machen wir uns an den Abstieg. Über Kletterrouten im II. und III. Grad steigen wir ab, teilweise mit Kletterseil gesichert, weil wir doch schon etwas länger unterwegs sind. Die Trittsicherheit hat bereits geringfügig nachgelassen, und ein Risiko wollen wir nicht eingehen.

Die rote Route zeigt den Weg nach unten zur Coburger Hütte. Über steil abfallende Wege, Geröll und vorbei an Bergziegen geht es herab von der Sonnenspitze. Durch gigantisches Panorama, mit Blick auf die Zugspitze, vorbei an Kletterrouten bahnen wir uns unseren Weg. Zwischenzeitlich überrascht uns wieder der erwähnte Segelflieger vom Aufstieg, diesmal jedoch weit über unseren Köpfen. Der Abstieg ist länger als gedacht und so erreichen wir ziemlich kaputt die Coburger Hütte. Eine kurze Pause haben wir uns verdient und bei Weißbier und Radler genießen wir den Anblick der Berge.

Speichersee an der Coburger Hütte, wo wir uns eine wohlverdiente Rast gönnen, bevor es vermeintlich zurück zum Parkplatz geht.

Speichersee an der Coburger Hütte, wo wir uns eine wohlverdiente Rast gönnen, bevor es vermeintlich zurück zum Parkplatz geht.

Der Parkplatz scheint nach all den Strapazen jetzt in greifbarer Nähe – denken wir. Wie es der Zufall will, laufen wir auf dem Forstweg Richtung Tal bergab und … haben uns erneut falsch entschieden. Nein, wir steigen nicht ab, wie wir gekommen sind, dazu sind wir zu kaputt und der Forstweg ist zu verlockend. Hätten wir geahnt, wie lang diese Abstiegsvariante ist, hätten wir die Abzweigung vorher genommen. Wir laufen Richtung Tal, aber weg von der Richtung, in der unser Parkplatz liegt. Daher ganz wichtig für alle, die schneller nach unten wollen: Nicht der Beschilderung am Forstweg Richtung Ehrwald folgen, sondern irgendwo vorher schon links abbiegen, zum Beispiel am Seebensee oben oder über den Steig, sonst wird aus der geplanten Gesamttour von rund sieben oder acht Stunden plötzlich eine mit Tour von elf Stunden.

Die Füße brennen, der Forstweg ist super angenehm zu gehen, aber trotzdem zu lang. Wir brauchen drei Stunden länger als geplant und kommen gegen 20.00 Uhr im Tal an. Dort heißt es, nichts wie raus aus den Bergstiefeln, die Füße in den eiskalten Bergbach hängen, bevor es mit dem Auto wieder ab nach Hause geht.

Fazit zur Tour auf die Ehrwalder Sonnenspitze

Ein trotz allem gelungener Tag, lang und mit vielen Strapazen, aber einer bombensicheren, supertollen Tour durch das Hochgebirge. Sehr lohnend und auf jeden Fall wieder eine Bergtour wert. Was wir mitgenommen haben, ist ein einmaliges Erlebnis, zahlreiche tolle Eindrücke und das Wissen: Wir waren oben – auf der Sonnenspitze in Ehrwald!

Panorama am Seebensee mit der Sonnenspitze rechts.

Panorama am Seebensee mit der Sonnenspitze rechts.

Ein Kommentar

  1. Vielleicht noch eine kleine Ergänzung. Es gibt an der Ehrwalder Sonnenspitze auf den beiden hier beschriebenen Routen gute Standplätze. Da oft einiges los ist, kann es zu Steinschlag kommen. Also möglichst den Helm nicht vergessen.
    Übrigens auch wenn man die Tour in der “richtigen” Richtung unternimmt, ist die Orientierung keineswegs einfacher und es ist nicht immer gleich klar, wo es weitergeht.

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