Testberichte

Kletterschuhe im Test: La Sportiva Testarossa vs. Scarpa Mago

13.02.2014

Kletterschuhe im Test: La Sportiva Testarossa vs. Scarpa Mago

Welcher soll es werden?

Welcher soll es werden?

Am Anfang erfand Heinz Mariacher die Vorstufe der P3-Technologie mit dem aktiven Sohlenaufbau und dieses Werk trug den stolzen Namen Testarossa. Das Errichten dieses Meilensteins der Kletterschuhgeschichte ist nun wieder einige Jahre her und diese formschönen Kletterschuhe sind seit der Einführung des Solutions etwas aus der Mode gekommen. Natürlich völlig zu unrecht, wie dieser Testbericht gleich zeigen wird. Doch die La Sportiva Testarossa red-yellow Kletterschuhe sind nicht die einzige herausragende Tat des Mariachers gewesen. Der Scarpa Mago apple-green war sein nächstes Projekt, wo er die Konstruktion des Testarossa weiterzuentwickeln versuchte. Meiner Meinung nach ist dies auch gelungen. Doch für welchen der beiden Modelle sollte man sich nun beim Kauf entscheiden? Um diese Frage zu beantworten, werden hier die beiden Kletterschuhe gegenübergestellt und miteinander verglichen.

Optik und Verarbeitung

Diesen Abschnitt könnte man eigentlich auf einen einzigen Satz reduzieren. Beide Modelle gehören zu meiner persönlichen Top Five, wenn es um das Aussehen geht. Doch ganz gerecht wird diese Aussage der ganzen Arbeit der Designer aus Italien natürlich nicht, was mich als Anerkennung eben dieser Arbeit dazu bewegt, hier etwas weiter auszuholen. Während der La Sportiva Testarossa red-yellow sich grell und bunt in Deutschlandfarben hüllt, ist der Scarpa Mago eher ausgeglichen und ruhig mit seinen sanften grünen und weißen Einsätzen. Dadurch wirkt der Testarossa eher feurig und hitzig, während der Mago eher eine elegante Perle abgibt. Durch ihre Form sehen beide wie Rennmaschinen aus – der vom Ferrari ausgeliehene Name Testarossa passt für diese Kletterschuhe wie die Faust aufs Auge.

La Sportiva stellt ebenso wie Scarpa wirklich hochwertige Kletterschuhe her.

La Sportiva stellt ebenso wie Scarpa wirklich hochwertige Kletterschuhe her.

Was die Qualität der Herstellung und Verarbeitung der beiden Kletterschuhe angeht, könnte man das sogar in zwei Wörter packen: nahezu perfekt. Mit dieser Einschätzung bin ich sogar ziemlich streng, denn man findet weder richtige Mängel, noch offenbaren sich irgendwelche Ungereimtheiten an den üblichen Verbindungsstellen: Nähten, Verklebungen sowie dem Sohlenschliff. Beide Marken sind so etwas wie die Premium League in der Welt der Kletterschuhe und geben ständig mit Innovationen die Richtung für die Branche vor. An dieser Stelle möchte ich ein Lob an die beiden italienischen Urgesteine der Kletterschuhherstellung aussprechen – es bleibt zu hoffen, dass die Produktion weiterhin in Italien oder zumindest in Europa stattfinden wird und nicht weiter in Richtung Fernost abwandert.

Konstruktion der Test-Kletterschuhe

Wie bereits erwähnt, war der La Sportiva Testarossa Kletterschuh der erste dieser Art. Bei ihm kam die Halbsohlenkonstruktion genauso weltweit zum ersten Mal zum Einsatz wie das auf Spannung ausgerichtete Gummibandgerüst. Diese Art Kletterschuhe zu bauen, wurde anschließend oft nachgeahmt und kopiert. Als Beispiel seien hier Kreationen wie der bereits ausgestorbene Mammut Samurai und der noch existierende Rock Pillars Diamond aufgeführt. Die Kluft bei der Passform und Performance zwischen dem Original und den Kopien ist nach wie vor merklich. Das zeigt deutlich, wie schwierig es ist, High End-Kletterschuhe zu bauen, und was Kleinigkeiten im Detailwerk ausmachen. Beim Scarpa Mago merkt man die Meisterhand des Heinz Mariacher deutlich. Obwohl der Schuh äußerlich identisch zum La Sportiva Testarossa konstruiert ist, verbirgt sich unter der, im Übrigen mittlerweile bei beiden Kletterschuhen verbauten, XSGrip 2-Sohle ein wirklich super funktionierender Zwischensohlenersatz aus Gummi.

Von außen sieht die Sohle beider Kletterschuhe exakt gleich aus, doch innen verbirgt sich der Unterschied.

Von außen sieht die Sohle beider Kletterschuhe exakt gleich aus, doch innen verbirgt sich der Unterschied.

Das Ganze heißt dann X-Tension und stellt eine wirklich gelungene Weiterentwicklung des nach wie vor erfolgreichen Testarossa-Konzepts dar. Die Hauptunterschiede zwischen beiden Kletterschuhen liegen also unter der Sohle und im Bereich des Fersenspanngummis versteckt. Testarossa lebt von der Spannung des Fersenspanngummis, das sich unterhalb des Fußgewölbes kreuzt und dieses auch durch die Vorspannung entsprechend stützt. Das X-Tension von Scarpa tut dies ebenfalls, nur als eine Einheit, die sich bis nach ganz vorne in die Schuhspitze auswirkt. Somit gehören beide Kletterschuhe weiterhin einer Familie an, sind aber definitiv unterschiedlich konzipiert.

Was die äußere, sichtbare Konstruktion des Schaftes angeht, wirken die beiden gleich. Viele gestanzte Löcher im Leder und Lorica bilden bei beiden die Grundlage für eine kurvige und bis in die Zehen laufenden Schnürung. Diese lässt sich bei beiden Kletterschuhen extrem fein justieren und unterscheidet sich hinsichtlich der Funktionalität nur marginal. Solch eine Schnürung kann zwar einen nervigen Eindruck machen, aber die Vorteile einer präzisen Anpassung überwiegen ganz deutlich, und die Bedienung frisst nicht so wahnsinnig viel Zeit, wie man zu glauben vermag.

Ein aus meiner Sicht großer Unterschied liegt bei der Fersenkonstruktion. Die La Sportiva Testarossa Kletterschuhe weisen im Hinterteil ein zweigeteiltes Gummiband auf, das die Ferse von der Mitte nach außen schützt. Beim Scarpa Mago wollte der Mariacher wohl etwas Neues ausprobieren und hat eine Art Kreuzraster verwendet. Während die Ferse vom Testarossa bis auf die Breite meistens perfekt passt, ist der Sitz der Mago-Ferse etwas bescheiden. Der Scarpa Mago ist somit keine Kopie des Testarossa von La Sportiva, sondern eher als eine Weiterentwicklung zu betrachten.

Passform und Größe

Obwohl der La Sportiva Testarossa schon ein Fußschmeichler ist, legt der Scarpa Mago beim Komfort noch einen drauf.

Obwohl der La Sportiva Testarossa schon ein Fußschmeichler ist, legt der Scarpa Mago beim Komfort noch einen drauf.

Hier liegt ein weiterer erheblicher Unterschied zwischen den gegenübergestellten Modellen. Seit dem ich den La Sportiva Testarossa für mich entdeckt habe, weiß ich, dass Performance nicht unbedingt etwas mit Schmerzen zu tun haben muss. Der Komfort-Gedanke geht beim Scarpa Mago noch weiter und beschert einen wirklich sockenähnlichen Sitz. Der Testarossa und der Mago Kletterschuh haben Leder als Basis und bieten lediglich in der Zehenbox Lorica, welches für Formstabilität sorgt. Das Fußklima ist somit gigantisch und eine gewisse Anpassung im Mittelteil des Schuhs ist ebenfalls möglich. Der Testarossa bietet eine universelle Passform, die durch die Schnürung bedingt ist, und sowohl bei schmalfüßigen Frauen, als auch bei kräftigen Männerfüßen für Wohlbefinden sorgt.

Dabei finden auch unterschiedlichsten Zehentypen in der vorgeformten Zehenbox des Testarossa ausreichend Platz, wenn auch aufgestellte Zehen obligatorisch sind. Der Mago ist da eher noch breiter geschnitten und bietet dem griechischen Zehentyp etwas mehr Platz in der Zehenbox. Beide Kletterschuhe sind super bequem und komfortabel, was nicht heißen soll, dass es Hausschlappen sind. Der aktive Aufbau wirkt permanent mit Spannung auf den Fuß ein, was nach einer Weile natürlich unangenehm wird. Für die High-End-Performance-Klasse ist der Komfort jedoch überragend und sucht nach wie vor seinesgleichen. Die Größe fällt beim Testarossa wie bei anderen La Sportiva-Kletterschuhen aus. Das ist gut, denn so kann man sich beim Modellwechsel an seinen alten Schuhen größentechnisch sehr gut orientieren.

La Sportiva-Kletterschuhe fallen grundsätzlich etwas größer aus: 40,5 links (Scarpa Mago) und 41,5 rechts (La Sportiva Testarossa).

La Sportiva-Kletterschuhe fallen grundsätzlich etwas größer aus: 40,5 links (Scarpa Mago) und 41,5 rechts (La Sportiva Testarossa).

Straßenschuhgröße minus drei bringt einen bei La Sportiva sicher zu der Minimalgröße, von der man sich dann wenn nötig langsam wieder hocharbeiten kann. Der Scarpa Mago ist da ganz anders. Mittlerweile gibt es bei Scarpa-Kletterschuhen zwar eine gewisse modellübergreifende Größenkontinuität, aber bei Umstellungen und Modellupgrades stelle ich immer wieder Abweichungen fest. Wie dem auch sei, kann man sich auch beim Mago an seinen alten Scarpas aus den Jahren nach 2008 orientieren. Durch die Breite neigt man zu denken, dass er größer ausfällt, aber das ist tatsächlich von Fuß zu Fuß unterschiedlich. Als Referenzwert für die Straßenschuhgröße kann ich folgende Angabe machen: Bei Straßenschuhgröße 43 habe ich den Testarossa in 40,5 und den Mago in 41,5, was bei beiden nicht ganz das Minimum darstellt. Um mit den Zehen besser greifen zu können empfehle ich, ein wenig Spielraum für dieselben zu lassen und auch bei den anderen Kletterschuhen nicht zu übertreiben.

Performance des La Sportiva Testarossa und des Scarpa Mago

Es gibt kaum Kletterschuhe, die die Bezeichnung “Professionell” so sehr verdienen wie die La Sportiva Testarossa. Sie sind für die extremen Begehungen gemacht und lassen sich im 9a-Bereich nach wie vor sehr gut verwenden, was das eine oder andere Bild der Kletterprofis deutlich zeigt. Die Mischung zwischen Präzision, Kantenstabilität und Sensibilität ist im Fall diese Kletterschuhe fast perfekt gelungen. Fast, weil mir persönlich etwas Support durch die Sohle in längeren Routen abgeht. Dafür hat man eine allroundtaugliche Spitze, die von Leisten bis zu Löchern alles meistern kann. Ein weiterer klarer Vorteil des Testarossa gegenüber allen anderen Kletterschuhen ist die sehr gut ausgeprägte Fähigkeit mit den Zehen zu greifen. Man greift dabei gewissermaßen mit dem ganzen Fuß, so dass man die Spannung auf dem Tritt selbst mit der mittelharten Sohle halten kann.

Der La Sportiva Testarossa Kletterschuh ist frontal besser als der Scarpa Mago.

Der La Sportiva Testarossa Kletterschuh ist frontal besser als der Scarpa Mago.

Alles in allem ist das Treten sehr ausgewogen, verlangt aber in längeren Routen etwas mehr Zehenkraft. Der Scarpa Mago ist beim Treten sehr ähnlich mit einem entscheidenden Unterschied – er ist deutlich sensibler, aber dafür auch ziemlich „kantenschwach“ auf kleinsten Tritten. In der Minimalgröße fällt es natürlich weniger ins Gewicht, aber in speckigen Platten fühlte ich mich mit diesen Kletterschuhen noch nie wohl. Dafür kann man weltmeisterlich an den Tritten ziehen. Es fühlt sich sogar so an, als könnte man die Tritte richtig aufstellen und aufgestellt halten – ein irres Gefühl, so als ob die Füße zu Händen werden. Je enger diese Kletterschuhe jedoch gekauft werden, desto weniger ist dieses Phänomen ausgeprägt. Man neigt in zu kleinen Magos sogar dazu, von den Tritten abzurutschen, da die Sohle etwas steifer und deshalb beim Ziehen einzig auf die Gummireibung angewiesen ist.

Gefühl und Grip hat man sowohl mit dem Scarpa Mago als auch mit dem La Sportiva Testarossa.

Gefühl und Grip hat man sowohl mit dem Scarpa Mago als auch mit dem La Sportiva Testarossa.

Dies wird mit der Zeit jedoch viel besser. Letzen Endes bleibt es ein Kompromiss zwischen einer gewissen Stabilität, welche man bei diesem Kletterschuh durch die Größenvariation gut einstellen kann, und dem Greifen. Somit ist der Mago apple-green etwas weniger allroundtauglich, zumal seine Spitze eher für Leisten und Dellen gedacht ist als für Löcher. Der Testarossa performt ohne Extrawürste in 99 Prozent der Kletterstellen ohne weitere Probleme. Für das Hooken sind beide Kletterschuhe nicht ausgelegt. Das sieht man an der rudimentär gehaltenen Gummierung und im Vergleich zur Zehenbox an der etwas misslungenen Passform. Dabei ist der La Sportiva Testarossa fersentechnisch meilenweit besser, was sich auch in den Leistungen beim Hooken widerspiegelt.

Während man beim Scarpa Mago auf luftgefüllter Gummierung mit einem nicht ganz so griffigen Gummi hookt, hat man mit dem Testarossa ein besseres Gefühl und auch die Belastungsphase geht sicher von der Hand. Der Unterschied ist wirklich gravierend und ist der Form geschuldet. Für das, was man in normalen Routen hooken muss, reicht es bei beiden Hinterteilen aus. Spannend wird es, wenn man versucht, beim Bouldern etwas mehr Gas zu geben. In solchen Fällen kam ich mit dem Testarossa deutlich besser klar. Toe-Hooks funktionieren wie erwartet bescheiden. Schuld daran ist die Schnürung, die bis in den Zehenbereich reicht. Die Vorspannung ist hoch, was beim Anheben der Zehen etwas stört. Dennoch kann man trotz der fehlenden Boulderspezialisierung mit den Fersen und Zehenkappen der beiden Modellen einigermaßen hackeln.

Haltbarkeit und Einsatzbereich beider Kletterschuhe

Die La Sportiva Testarossa sind Kletterschuhe für Profis.

Die La Sportiva Testarossa sind Kletterschuhe für Profis.

Grundsätzlich sind wir Kletterer dazu in der Lage, alles kaputt zu machen. Es fängt bei den Anziehschlaufen an, geht mit Fersen- und Zehenboxgummierung weiter und endet zum Teil sogar am Schaft. Ja, auch einen Schaft kann man reißen, wenn man die Kletterschuhe beispielsweise ohne die Schnürung zu lösen auszieht. Passt man aber etwas auf sein Material auf und lässt die Kraft an den Griffen statt beim Anziehen, so bekommen auch diese beiden Modelle eine Chance auf ein langes Leben mit folgender Wiedergeburt durch Wiederbesohlung. Beide haben mittlerweile die XSGrip2-Gummierung, welche leider nicht ganz so langlebig ist, wie es noch beim XSGrip der Fall war. Interessanterweise hält die Sohle des Scarpa Mago etwas länger als die des La Sportiva Testarossa. Leider habe ich keine Erklärung für dieses rätselhafte Phänomen. In anderen Bereichen unterscheiden sich die Kletterschuhe nicht. Beide sind solide verarbeitet und robust genug für den täglichen Einsatz an der Wand.

Hinsichtlich der Einsatzzwecke wurden beide für die gleiche Welt geschaffen – steile und anspruchsvolle Routen. Bouldern kann man mit beiden sehr gut, da die Sensibilität und die ausgewogene Mischung zwischen Support und Flexibilität der Sohle sehr gut ist. Wird es spezifischer und hooklastiger, greifen selbst die eingefleischten Fans irgendwann zum Solution. Ich persönlich liebe es, mit dem Mago in der Fränkischen zu klettern. Man fühlt jedes Käntchen und kann mit den Zehen richtig ziehen. Was der Testarossa definitiv besser kann, ist das frontale Stehen auf Leisten. Die Sohlenkante dieser La Sportiva-Kletterschuhe ist einfach nur einen Tick stabiler. Im Sandstein geben sich beide nichts, da man durch die flexible Halbsohlenkonstruktion an allen möglichen Strukturen und auch einfach nur an Reibung saugen kann. Allrounder sind beide dennoch nicht, dafür sind sie zu spezifisch und auf Dauer zu unbequem. Für das Bigwall-Klettern gibt es mit Sicherheit geeignetere Kletterschuhe.

Mein Fazit zum Scarpa Mago und La Sportiva Testarossa Kletterschuh

Egal, für welche Kletterschuhe man sich entscheidet, man bekommt bei beiden Top Performance.

Egal, für welche Kletterschuhe man sich entscheidet, man bekommt bei beiden Top Performance.

Der Scarpa Mago und der La Sportiva Testarossa spielen beide in der gleichen Liga. High End-Routen sind genauso geeignetes Betätigungsfeld wie auch das persönliche Limit, wo beide Modelle die eigene Fußtechnik in neue ungeahnte Höhen treiben können. Aufgrund der Schnürung lassen sich beide Kletterschuhe exzellent an unterschiedliche Fußtypen anpassen und sind nahezu für alle Fußformen zu empfehlen. Hier liegt gleichzeitig auch das Hauptproblem – die Schnürung ist nicht jedermanns Sache. Der hohe Preis und der relativ große Kraftaufwand beim längeren Verweilen auf den Tritten in der Senkrechten machen beide Modelle nicht unbedingt zum geeignetem Anfängerkletterschuh. Ganz im Gegenteil – der La Sportiva Testarossa ist eher was für den Profi, der Scarpa Mago ebenso. Beide verdienen aufgrund des hohen Komforts und der unglaublich guten Performance die Bestnoten und eine uneingeschränkte Kaufempfehlung meinerseits. Dabei gilt wie immer: erst ausprobieren, dann investieren!

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*