Testberichte

Mammut Lawinenrucksack im Test: Pro Removable Airbag ready 35

23.04.2014

Mammut Lawinenrucksack im Test: Pro Removable Airbag ready 35

Im ersten und zweiten Teil meiner Testreihe zum Thema Lawinensicherheit standen das Mammut Element Barryvox LVS-Gerät und die Salewa Scratch T Lawinenschaufel sowie die Ortovox 240 Economic Lawinensonde im Mittelpunkt. Im dritten Teil meiner Serie steht nun ein Ausrüstungsgegenstand auf der Liste, der im Idealfall dafür sorgt, dass keine Verschüttetensuche notwendig wird – eben weil man gar nicht verschüttet wird. Die Rede ist von einem Lawinenrucksack. Während diese früher den Profis vorbehalten waren, sorgt der Markt mittlerweile dafür, dass die Preise sinken und die Lawinenrucksäcke damit auch für “Normalverbraucher” erschwinglich geworden sind. Relativ neu auf dem Markt ist in diesem Zusammenhang die Marke Mammut, die durch die Übernahme von Snowpulse vor einiger Zeit die Grundlage geschaffen hat, die Sicherheitstechnologien in ihrem Segment auszubauen und für eine breite Kundschaft zugänglich zu machen. Im folgenden Testbericht möchte ich euch deshalb den Mammut Pro Removable Airbag ready 35l Lawinenrucksack vorstellen.

Einführung – oder die Frage: Braucht man einen Lawinenrucksack?

Mammut Pro Removable Airbag ready Lawinenrucksack - Fach für LVS-Ausrüstung.

Mammut Pro Removable Airbag ready Lawinenrucksack – Fach für LVS-Ausrüstung.

Bevor man sich einen Lawinenrucksack anschafft, stellt sich die Frage, ob das viele Geld eine sinnvolle Investition ist – denn mit 700 bis 800 Euro sollte man mindestens rechnen, bis man sämtliche Komponenten beisammen hat, egal welchen Hersteller bzw. welches System man wählt.

Die Frage, ob man einen Lawinenrucksack benötigt, lässt sich nicht endgültig klären und bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Skitourengehen bzw. Freeriden im Gelände beinhalten stets ein gewisses Risiko, das es einzuschätzen und wo immer möglich an die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten anzupassen und zu minimieren gilt. Gerade für die Risikoeinschätzung ist es wichtig zu wissen, dass rund 90 Prozent aller Lawinenunglücke durch die Gruppe bzw. den Skifahrer selbst ausgelöst werden [1]. Das bedeutet, dass die richtige Spurwahl, die korrekte Analyse der Schneebeschaffenheit und des Geländes, und wenn nötig eben auch der Entscheid zum Abbruch, jedem Tourengänger geläufig sein sollten – oder er in erfahrener Begleitung unterwegs sein sollte. Denn nur so kann die Mehrzahl der Lawinenunfälle verhindert werden.
Weiterhin ist es so, dass ein Lawinenrucksack keine Garantie dafür ist, nicht unter einer Lawine begraben zu werden. Zwar scheint der Effekt von Lawinenairbags gesichert [2], jedoch heißt dies im Einzelfall nicht, dass er einen sicher rettet. Auch hierbei spielen die individuelle Situation, der Zeitpunkt des Auslösens, die Beschaffenheit der Lawinen und weitere Faktoren wie das Gelände eine wichtige Rolle.

In der Summe kann man also sagen, dass ein Lawinenrucksack keine absolute Sicherheit geben kann – aber ein kleines Puzzlestück darstellt, dass im Notfall entscheidend zum glimpflichen Ausgang beitragen kann. Die Mitnahme eines LVS-Sets sowie den korrekten Umgang mit Lawinenverschüttetensuchgerät, Schaufel und Sonde ersetzt ein Lawinenrucksack aber genauso wenig wie Erfahrung und korrekte Einschätzung der Situation. Während aus meiner Sicht ein LVS-Set absolute Pflicht ist, sobald man ins Gelände geht, hängt dies bei einem Lawinenrucksack sicherlich auch vom jeweiligen Tourenspektrum ab – und vom persönlichen Sicherheitsbedürfnis. Die Entscheidung obliegt am Ende wie gesagt jedem selbst.

[1] W. Munter, 3×3 Lawinen. Risikomanagement im Wintersport. 3. Auflage, Verlag Pohl & Schellhammer, Garmisch-Partenkirchen, 2009.

[2] L. Meier, S. Harvey, Feldversuche mit Lawinen-Notfallgeräten Winter 2010/2011, WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Davos, 2011.

Die wichtigsten Features des Mammut Pro Removable Airbag ready

Mammut Pro Removable Airbag ready Lawinenrucksack

Durch das große Rückenfach kann man bequem alles im Rucksack erreichen, ohne außen befestigte Ausrüstung abnehmen zu müssen.

Insgesamt merkt man dem Mammut Lawinenrucksack bereits beim Auspacken an, dass hier viele Jahre Erfahrung in der Entwicklung und vor allem im Praxiseinsatz von Rucksäcken vorhanden sind – es sind meiner Meinung nach viele kleine Details, die den Pro Removable Airbag ready 35 zu einem guten Begleiter machen. Da die vielen Details im Text als wirre Aneinanderreihung erscheinen würden, hier alle wichtigen Features des Lawinenrucksacks als ordentliche Auflistung:

  • Volumen: 35 Liter
  • Gewicht ohne System: ca. 1.700 Gramm
  • Gewicht mit System: ca. 2.600-3.000 Gramm (je nach Kartusche)
  • Preis: Kartusche (Stahl) + RAS Removable Airbag System + Mammut Pro Removable Airbag ready 35l = 720 Euro
  • RAS herausnehmbar und in allen RAS-kompatiblen Rucksäcken einsetzbar
  • Rucksack auch ohne Airbag System benutzbar
  • Abnehmbarer, angenehm gepolsterter Hüftgurt mit Schlüsseltasche
  • Sicherheitsbeinschlaufe
  • gut zugängliche Fronttasche mit Halterungen für Schaufel und Sonde
  • riesiges Rückenfach mit umlaufendem Reißverschluss ermöglicht sehr guten Zugang zum gesamten Inhalt des Rucksackes ohne Ski / Snowboard / andere Ausrüstung abnehmen zu müssen (falls diese befestigt sind)
  • thermogeformter Rücken mit sehr gutem Tragekomfort
  • diagonale und seitliche Skibefestigung aus robustem Material
  • Snowboardhalterung
  • Helmhalterung an der Außenseite des Rucksackes (spart extrem viel Platz im Rucksack), abnehmbar
  • zwei Halterungen für Pickel, Stöcke oder andere Ausrüstung
  • große Außentasche an der Oberseite und kleinere gefütterte Außentasche an der Oberseite, z.B. für Skibrille
  • seitliche Kompressionsriemen
  • Trinksystemkompatibel
  • zwei Reißverschlusstaschen auf der Innenseite

Funktionsweise und Anleitung zur Installation des RAS

Mammut Pro Removable Airbag ready Lawinenrucksack

Deckelfächer für Kleinkram

Die Funktionsweise des Mammut Removable Airbag Systems ist simpel: Per Zug an der “Reißleine” auf der Vorderseite des Rucksackes sorgt ein mechanischer Impuls dafür, dass aus der angeschlossenen Gaskartusche Gas in den Lawinenairbag eingelassen wird. Gleichzeitig sorgt ein Ventil dafür, dass zusätzliche Umgebungsluft angesaugt wird. Rund zwei bis drei Sekunden benötigt der Airbag, bis er auf sein volles Volumen von rund 150 Litern kommt. Der Airbag verfolgt im Ernstfall beim Abgang einer Lawine drei wesentliche Ziele:

  • Durch das vergrößerte Volumen erhöht sich die Chance, an der Oberfläche der Lawine zu bleiben und nicht komplett verschüttet zu werden.
  • Das zusätzliche Luftpolster sorgt für mechanischen Schutz des Hals- und Kopfbereichs (die Weiterentwicklung, das Mammut PAS (Protection Airbag System) sorgt durch die U-Form noch stärker für mechanischen Schutz).
  • Im Falle einer Lawinenverschüttung kann die Luft, die langsam aus dem Airbag freigegeben wird, für einen luftgefüllten Hohlraum in der Lawine sorgen (und damit ebenfalls die Chance auf das Überleben steigern, da ein Großteil der Lawinenopfer an Sauerstoffmangel versterben).

Das folgende Video zeigt eine Kurzanleitung, die gleichzeitig als Check-Up vor dem Einsatz gedacht ist. Dabei ist am Ende auch zu sehen, wie sich der Airbag in kürzester Zeit aufbläst.

Der Mammut Lawinenrucksack im Praxistest

Auch wenn der Winter dieses Jahr lange auf sich hat warten lassen, hatte ich bisher schon genügend Möglichkeiten, den Lawinenrucksack ausgiebig zu testen und seine Vor-und Nachteile kennen zu lernen. Hier ein Überblick:

Vorteile:

  • sehr gute Raumaufteilung im Rucksack, eigenes Fach für Schaufel und Sonde, kleine Fächer am Deckel und im Innenteil des Rucksackes, viele Befestigungsmöglichkeiten auf der Außenseite (Ski-/Snowboardhalterung, Helmhalterung, Seitentaschen für Getränke, Pickelhalterungen, …)
  • gutes Platzangebot (35 Liter abzüglich Airbagsystem) auch mit installiertem RAS (locker ausreichend für eine Tagestour, auch für zwei Tagestouren ausreichend)
  • sehr guter, kompakter Sitz auf dem Rücken, durch die Einstellmöglichkeiten auch bei unterschiedlichen Füllungszuständen des Rucksacks und auch bei unterschiedlich vielen Jacken, …
  • perfekte, hochwertige Verarbeitung (viele Schnallen aus Metall, alle Nähte sauber verarbeitet)
  • das RAS System ist einfach zu installieren und später zu überprüfen – in der Praxis habe ich es zum Glück bisher nicht gebraucht
  • die große Rückenöffnung ist super geschickt – man findet einfach alles sehr schnell, ohne Wühlen zu müssen
  • Vorteil des RAS Systems generell: Ein- und Ausbau aus dem Rucksack, d. h. man kann den Rucksack ohne System ebenfalls benutzen und man kann das System in verschiedenen Mammut Lawinenrucksäcken benutzen (z. B. kleiner Rucksack fürs Freeriden, großer Rucksack für Tagestouren)
  • sehr gute und robuste Ski-/Snowboard-Befestigung

Nachteile:

  • hoher Preis (auch wenn es insgesamt im Vergleich zu anderen Herstellern eher günstig ist)
  • kein integrierter Regenschutz
  • Gewicht von rund 2,6 Kilogramm (Rucksack + System + Kartusche), das man in Kauf nehmen muss (andere Systeme sind allerdings auch nicht leichter)

Mein Fazit zum Mammut Pro Removable Airbag ready 35 Lawinenrucksack

Mammut Pro Removable Airbag ready Lawinenrucksack

Helmbefestigung

Ob man einen Lawinenrucksack haben möchte – diese Entscheidung muss jeder für sich allein treffen. Wenn man sich jedoch dafür entscheidet, dann kann ich den Mammut Pro Removable Airbag ready wirklich ohne Abstriche empfehlen! Der Lawinenrucksack ist bis ins letzte Detail durchdacht, extrem hochwertig, hat einen super Tragekomfort jede Menge Stauraum und Befestigungsmöglichkeiten – mehr erwarte ich nicht von einem Rucksack. Zusätzlich hat mich das Konzept des RAS bzw. PAS überzeugt – man kann den Rucksack mit und ohne System benutzen und das System auch in anderen Rucksäcken einsetzen. Damit ist man maximal vielseitig unterwegs, kann sich auf die jahrelange Erfahrung von Snowpulse in der Entwicklung von Lawinenrucksäcken verlassen und hat zusätzliche Sicherheit auf Tour.

Weiterhin hat mich das Preis-Leistungsverhältnis überzeugt – zwar ist die hier vorgestellte Rucksackkombination mit 720 Euro auch kein Schnäppchen, jedoch sind die meisten anderen Systeme teurer und dabei nicht so flexibel.

Ergänzende Tipps für den Kauf des Lawinenrucksacks

Für einen voll funktionierenden Lawinenrucksack mit dem R.A.S. benötigt man folgende Komponenten:

  • einen RAS-kompatiblen Rucksack, beispielsweise den Mammut Pro Removable Airbag ready 35
  • das eigentliche Removable Airbag System von Mammut
  • und eine Gaskartusche, entweder aus Stahl oder aus Carbon

Beim Kauf sollte man unbedingt darauf achten, ob es sich bei den Lawinenrucksäcken von Mammut um RAS (Removable Airbag System) oder Mammut PAS (Protection Airbag System) Produkte handelt, da das jeweils andere System nicht kompatibel ist. Der Unterschied besteht im Wesentlichen darin, dass das Airbagkissen beim PAS noch etwas stärker U-förmig ist und dadurch noch mehr Schutz durch Aufprall an den Seiten des Kopfes gewährleistet werden kann.

Bei Bergzeit ist es übrigens möglich, sich zu Beginn gratis eine zweite Gaskartusche mitzubestellen und so einmal den Auslösemechanismus austesten zu können.

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