Alpin, Leidenschaft

Sella-Pass: Vier Tage, vier Türme, vier Touren, vier Temperamente

04.04.2014

Sella-Pass: Vier Tage, vier Türme, vier Touren, vier Temperamente

Wolkenstein klingt schon so erhaben und schön, die Vorstellung hebt an zu singen, noch weiter, höher aber führt die kurvenreiche Strasse bis auf 2244 Meter über Normalnull zum Sella-Joch über dem Ort Wolkenstein in Südtirol. Langkofel, Fünffingerspitze und dann der Sella-Stock, samt seiner steinernen Türme die gen Himmel ragen… Wind pfeift in Böen über die Passhöhe. Wolkensteine!

Auch steinerne Türme will der geneigte Geist erstürmen. Zumal wenn wunderbare, klassische Wege des Alpinkletterns auf ihre Häupter führen. Fünf Türme kann man zählen, vier Türme will man erobern, drei Türme springen sogleich vom Joch aus ins Auge. Insbesondere, ganz prominent mit 2696m als höchster, der dritte Turm mit seiner lockenden Westwand, vom Fels her eindrucksvoll flankiert vom zweiten Turm (2598m). Der erste Turm (2533m) zeigt sich erst knapp südlich der Passhöhe eindrucksvoller. Der vierte Turm (2605m) erscheint vom Joch aus mehr als Vorbau des östlich anschließenden, doch durch scharfe Scharte getrennten Ciavazes. Der fünfte Turm (2500m) schließlich verblasst als an den zweiten Turm angelehnter kleiner Zacken etwas und steht schon von der Aufzählungslogik der ersten vier Türme von Süd nach Nord abseits der Spielwiese der großen Brüder…

Es folgt eine Touren-Empfehlung – die zu recht unterschiedlichen Erlebnissen führen dürfte: Vier Tage, vier Türme, vier Touren, vier Temperamente. Die Verschiedenheit der Touren und Anforderungen dürfte einmal mehr Anstoss sein, über die Erlebniswelt Berg und Alpinklettern nachzudenken und die Vielfalt dessen, was sich hinter dem Wort Klettern verbirgt. A propos verborgen… aus gutem Grund erfolgt diese Touren-Empfehlung in Stufen unterschiedlicher Detailtiefe.

Vier klassische Sella-Anstiege, von links nach rechts: Demetz-Glück, Vinatzer, Kasnapoff, Tissi (verdeckte Partien rot strichliert)

Vier klassische Sella-Anstiege, von links nach rechts, verdeckte Partien strichliert: Demetz-Glück (V+), Vinatzer (V+), Kasnapoff (V+), Tissi (VI-)

 

Stein des Anstosses

Wer schreibt…

Wie kommt es zu dieser Empfehlung? Kürzlich und exemplarisch in der Demetz-Glück am vierten Sella-Turm hatten mein Seilpartner und ich im Tourverlauf eine – nennen wir’s erlebnisreiche – Wegfindungsphase, da unsere diversen Topos aus der Führer-Literatur nicht allzu detailreich respektive auch nicht überall untereinander deckungsgleich waren.

Noch dazu zeigte sich das Gelände bei höchsteigener Okkularinspektion, wie man sich zu Entdeckerzeiten ausgedrückt hätte, auch recht verschieden kletterbar. Links, rechts, gerade hoch… Dazu jeweils diverse Schlingen und Schlaghaken – Verhauer, Variante oder doch der Weg?

4. Turm, Demetz-Glück

…was bleibt

Wie üblich flossen Notizen in die Wandmitschrift und wurden später vervollständigt, wie nach jedem Tourentag bei obligatem Kuchen, Cappuccino und lieblichem Summen der Motoren am Sella-Pass vor der eindrücklichen Langkofel-Kulisse. Oh, so seien diese Notizen hier angeboten – mit einem Aber. Denn, so waren wir uns einig, diese Wegsuche war eines der spannenden und letztlich befriedigenden Erlebnisse, typisch für klettertechnisch leichtere, aber eben alpine und darum anderweitig mitunter ernsthafte, da potentiell ernste, Touren. Klettern ist eben nicht Klettern – mal überwiegt der klettersportliche Aspekt, mal der bergsteigerische. Immer wieder dieses Nachdenken über die Erfahrungsbandbreite, die sich hinter Klettern verbirgt, all diese Abers

Ein Abenteuer-Aber

Je mehr wir wissen, desto weniger überrascht uns, desto weniger unbestimmter Raum zur Erfahrung verbleibt. Wissen verhindert natürlich unerwünschte, negative Erlebnisse – aber auch unerwartete, positive Überraschungen. Letztere sollten einem nicht genommen werden, respektive sollte man sich nicht leichtfertig nehmen lassen. Abenteuer hat – in Grenzen – einen Wert, wie ein berühmter Südtiroler Berg-Grande visionär verfochten hat und zu betonen nicht müde wird!

Klassischer Dolomitenstand. Die 5m-Kevlar-Krake ist besser mit dabei, um wie hier nicht clippbare Haken, sowie zusätzliche Keile o.Ä. zu fädeln und abzubinden.

Es hat einen guten Grund, dass in der Sella-Gruppe, allgemeiner in Südtirol, wo der Schlaghaken – und zwar der sporadische gegenüber dem oft auch lenkend sichtbaren – Bohrhaken vorherrscht, ein zusätzlicher Hauch von Abenteuer empfunden wird. Finden wir den Weg? Was steckt noch an Haken? Was können wir selbst ergänzen, mobil absichern?

Es hat einen Grund, dass einst als Teil der Yosemite-Ethik formuliert wurde, Tourenberichte sollten nicht zu detailliert sein, um das Abenteuer für Wiederholer nicht zu zerstören. Zugegeben – der deutliche oder in Worten leicht noch im Groben nachzeichenbare Riss im Granit spricht manchmal eine deutlichere Sprache als kleinräumig strukturiertes Kalk- oder Dolomitgemäuer.

Gleichwohl, historische Erstanstiege entlang ersichtlicher Schwachstellen bedurften weniger Kommentare, als ausgeboulderte Gerade-noch-machbar-Testpieces späterer Zeiten. Außerdem waren früher sowieso alle härter und Klettern nur was für echte, Gefahren regungslos ins Auge blickende Männer. Oder Frauen – die mussten dann aber mindestens von Kasnapoff heißen – aber dazu später.

Das Abenteuer ist oft mit Gefahr liiert – und die Risikowahrnehmung und -akzeptanz wandelt sich. Paul Preuss’ Geburtstag jährte sich jüngst zum hundertsten Mal. Wie Epigone Reinhold Messner betonte er, dass Meisterschaft eine Sache solider Selbsteinschätzung und -beschränkung ist. Die Verantwortung des Abenteurers, der ja jeder von uns ein wenig sein möchte, liegt darin, das Abenteuer entlang seiner individuellen Grenzen zu erleben. Soviel Wissen einzuholen wie er braucht, um sicher zu sein, das verbleibende Unbekannte mit seinen persönlichen Fähigkeiten meistern zu können – ohne sich oder andere (Bergretter, Freunde, Familie, …) in Gefahr oder Unglück zu stürzen.

Kurz und knapp – wir müssen eben selbst entscheiden, wie viel wir wissen wollen. Den Rest muss Können kompensieren. Wer sich das Abenteuer in vollem Umfang erhalten will – darf hier nicht ohne Weiteres weiterlesen… Oder, gar, noch einige Absätze tiefer gehen, wo kritische, teils marmorierte Passagen rememoriert werden. Oder schließlich die detaillierten Wandmitschriften in der Galerie anschauen…

Yosemite-Ethik der kühnen Kletter-Ahnen hin oder her, der in unseren Breiten und Zeiten typische Standpunkt ist nun mal: Wenn schon Wiederholung, dann lieber mit Hinweisen auch im Detail, wo es der Planung (Material und Zeit) und Sicherheit dient. Dazu finden sich als Kontrast, Abgleich, Ergänzung zum kritischen Gebrauch ein paar Wandmitschriften in der Galerie, sowie im Folgenden auch Hinweise auf die eine oder andere Crux oder den Zustand von Standplätzen bzw. Abseilpisten. Möge es das Abenteuer verdeutlichen, lenken, aber nicht verhindern!

Stand...

Stand…

Nützlich erscheint jedenfalls eine Angabe der Schwierigkeiten der folgenden klassischen Touren im direkten Vergleich, und dies aus der Perspektive des Kalkalpen-Nord-Kletterers. Wie erwähnt – je nach Führer schwanken die Angaben ein wenig, aus verschiedenen, nachvollziehbaren, teils historischen Gründen. Die vierte Auflage der loboedition Dolomiten Nord erwähnt etwa für die Kasnapoff IV+ als Schwierigkeit (hier wie folgend alle Schwierigkeiten UIAA), der Rother Dolomitenführer von 2003 vergibt einen vollen Grad höher V+ mit der Ergänzung eV, als Einordnung der Ernsthaftigkeit. Am Rande: Der folgend auch vorgestellte, klassische Anstieg auf den vierten Sella-Turm Demetz-Glück fehlt in beiden Führern.

Die Ernsthaftigkeit (e-Bewertung, siehe auch Markus Stadlers Führer Wilder Kaiser, Panico) ist eine sehr gute Denkgröße – gerade am Beispiel der Kasnapoff zeigt sich, dass Felskletterei in festem Gestein großgriffig, steil, genussvoll sein kann – aber eben ohne einen einzigen Bohrhaken, und auch nur sporadischen Schlaghaken als Zwischensicherungen, durchaus Anforderungen an die mobile Absicherung stellt – was in diesem speziellen Fall und heutigem Material mit Freuden möglich ist. Ähnlich wie Trad-Climbing Grade deutet die e-Denkweise an, dass ein cleaner, oder eben dolomitischer IV-er sich schon mal anfühlen kann wie ein Plaisir-mäßiger VI-er. Genuss (alpiner Erlebniswert) ist eben nicht immer gleich Plaisir (Bezug auf Absicherung)…

Zwar kann Klettern in den Wänden der Dolomiten inzwischen auch sportklettermäßig in Bohrhakenrouten erlebt werden. Die klassischen Anstiege aber erfordern tiefere Kompetenzen in eigenständiger Absicherung, als in den populären, sanierten Touren in den nördlichen Kalkalpen – insbesondere was das Einrichten respektive die Verbesserung von Standplätzen angeht. Eine entsprechende Ausbildung über die Kursangebote der Sektionen des DAV oder Bergführer kann nicht genug empfohlen werden, damit Keile, Friends, Schlingen und Co. nicht nur zu nett ansehnlichem, sondern auch funktionellem Einsatz kommen… Über Seil und Stand verbunden hängt mehr als ein Leben dran!

Der Empfehlung erste Stufe – vier Temperamente, im Groben

Erster Turm – Tissi (VI, 7 Seillängen)

Erster Sella-Turm, Südwand

Wer verspürt Sehnsucht nach etwas mehr Wärme? Der ziehe zur Südseite des ersten Sella-Turmes. Wirkt er von der Passhöhe noch weniger spektakulär, so erwärmt die breite, gelb-graue Südwand, die sich zu ihrem Fuss abgestiegen auch recht ordentlich ausnimmt, doch das Herz. Dabei… gelb muss nicht immer brüchig bedeuten. Es kann auch festes Gestein sein, oder gar poliert-ausgeputztes. Man merkt es in der durch Attilio Tissi 1936 (klassisch VI-) erstbegangenen Linie. Dabei… Schwitzen kann man hier nicht nur der südseitigen Exposition wegen.

Die Tissi ist ein Lehrstück, was die klassische Einschätzung von Schwierigkeiten angeht – in beide Richtungen. Die erste Länge wird in manchem Führer ihrer Felsstruktur wegen mit unangenehm und höhnisch als Attribut beschrieben, wie es denn wohl auch die meisten modernen Wandkletterer bei einer Bewertung von VI- empfinden dürften. Der höhnischen ersten Länge wegen, und im Vergleich zu den anderen drei Anstiegen zögere ich ganz klar nicht, VI als Schwierigkeit anzugeben. Warum man sich die Tissi antun sollte? Weil schon Länge zwei schön und erst recht die weiße Wand oben genussvoll ist. Auch, weil man dann wieder mindestens ein Jahr lang davor gefeit ist, leichtfertig zu behaupten, den Sechser habe man also wirklich absolut locker drauf…

Die weiße Wand im oberen Teil kommt mit gleicher Bewertung VI- dagegen als reiner Genuss daher, verirrt man sich nicht rechts in einen Riss mit alten Gurken. Auch hier – Genuss ist eben nicht Plaisir, die Dimension der Absicherung bleibt da aussen vor und man muss schon selber mal Sicherungen legen. Hinab geht es kommod mittels 5 Abseilmanövern von je maximal 25m über die Westkante an nicht immer leicht zu findenden zementierten Ringen. Temperament: Rassig, wo rissig.

Zweiter Turm – Kasnapoff (V+, 9 Seillängen)

Zweiter Sella-Turm, Nordwestkante

Große Felskulisse, leicht abgeschirmt, leicht nordwandmässiges Ambiente am zweiten Sellaturm. Teils an seiner Nordwestkante, viel aber auch in seiner Nordflanke verläuft die 1913 von Frau von Kasnapoff und Herrn Zelger eröffnete Führe, die man bloß noch die Kasnapoff (V+) nennt.

Wieviel Freude kann eigenständige Absicherung durchaus luftiger Kletterei bedeuten, wenn die Exposition es einfordert, der Fels es zulässt und das moderne Material passt! Wie groß wird entsprechend der Respekt vor der historischen Ersteigungleistung, ohne moderne Seile, Gurte, Keile, Friends und Co.

Drei trickreich zu kletternde Einzelstellen machen weite Strecken IV+/V- zu V+ gesamt. Runter geht es wieder kommod mit zwei 25m Abseilern und dazwischen vielen kleinen Kraxel-Serpentinen östlich an der Scharte zum Ciavazes hinab zur Südseite des ersten Turmes und dort dem Weg entlang zum Pass zurück. Temperament: Stille, aber große Dame – Theater mit bester Felskulisse, Freuden der mobilen Absicherung und kleinem Nordwand-Ambiente!

Dritter Turm – Vinatzer (V+, 13 Seillängen)

Dritter Sella-Turm

Dritter Sella-Turm

Unter den recht unterschiedlich prominenten Türmen lacht der dritte und höchste meist wohl als erster an, denn ihn durchzieht, was man eine völlig logische Linie nennen muss. Der Fels offenbart mit Schwachstellen einen Weg mitten durch die Wand. Die von Batista Vinatzer 1935 mit Vinzenz Peristi erstbegangene Vinatzer-Führe (V+) folgt vom Wandfuss im Wesentlichen einem Riss, der sich zwischen breiter Verschneidung und Handriss zentral durch die steile Westwand windet. Man erkennt den durch die erosiven Kräfte des Wassers gezeichneten Weg vom Parkplatz an der Passhöhe mit bloßem Auge – und will einfach nur einsteigen.

Die Schlüssellänge beginnt am Fuß des Abstiegs- respektive Fluchtbandes in der Wandmitte und ist ein Handriss, der in der Wand aber gut durch Leisten flankiert wird, bis er in ein großgriffiges Dach mündet, aus dem Herauszuklettern Beweglichkeit erfordert.

Spannende, für die tatsächliche Schwierigkeit wunderbar ausgesetzte Kletterei, die je nach Führer/ Autor/ Epoche als IV+ bis VI (V/A0) angegeben wird – und gemessen an umliegenden Touren vernünftig bei V+ in freier Kletterei zu verbuchen ist… Nicht nur die Linie, auch der Abstieg ist der längste und forderndste unter den Abstiegen der vier Sella-Türme. Temperament: Klassischer Logiker.

Vierter Turm – Demetz-Glück (V+, 11 bzw. 12 Seillängen)

Vierter Sella-Turm, Westwand

Vierter Sella-Turm, Westwand

Alpineres Abenteuer der Wegfindung, Absicherung und Gesteinsbeschaffenheit erfährt man, wie oben bereits erwähnt, am unscheinbarsten, dem vierten Sella-Turm – dem Turm, der sich von der Passhöhe besehen, noch wenig vom nahen Ciavazes abhebt und in seiner zergliederten Westseite mit dem von Demetz und Glück (1935, V+) gefundenen Weg wiederum einen lockenden Klassiker in der klettertechnischen “Genussbandbreite” bietet.

Ein plattiger Aufsteher über einem Bauch begründet die V+, wobei weitgehend etwas leichter, aber eben mehr vom Kaliber Stemmen, Spreizen, Schieben geklettert wird. Einige Meter Fels sind weniger fest, vor allem im Vergleich zu den anderen Touren an den anderen Türmen, aber karwendlig ist hier nichts. Die Stände sind wahlweise nicht leicht zu finden oder besser durch Eigenbau zu ergänzen – was aber gut möglich ist.

Es sind die Wegsuche und die Absicherungsarbeit, die hier eher ein schärferes Bergsteigen mit Seil als klettertechnische Finessen als bleibenden Eindruck einprägen. Runter geht es über die lange und eindrucksvolle Abseilpiste durch die Scharte zum Chiavazes-Block nach Süden zurück zum Einstieg, Abseilstände gut, die meisten mit einem Bolt oder Sanduhren. Temperament: Alpiner Eber, Baby…!

Zweite Stufe – vier Touren, mit ein paar Details

Folgenden werden die Schwierigkeiten der Touren im klettertechnischen Sinne (UIAA) angegeben und um eine an Markus Stadlers Ernsthaftigkeits-Skala orientierte E-Einschätzung ergänzt.

Erster Turm – Tissi

Einschätzung: Eine Stelle VI in der mäßig gesicherten ersten Länge (Kaltstart!), mehrfach VI-, Absicherung (auch zusätzliche) der ersten Länge heikel, gesamt aber nur E3+, erste beide und letzte beide Stände gebohrt, sonst Schlaghaken. Hinsichtlich Abstieg, Kondition mäßige Anforderungen.

Schwitzen garantiert… Die ersten beiden Längen der Tissi haben es in sich – zunächst der höhnisch glatte Riss, von der Breite her irgendwo zwischen Schulter und Körper. Miniaturantritt rechts in der Wand, kleine Leistchen, um sich Halt vorzugaukeln, der nicht durch Gegendruck entsteht. Drei Schlaghaken auf 30 Meter wollen durch eine Schlinge um einen Klemmblock tief im Riss ergänzt werden, den man nur per Bandschlingen-Lasso mit Karabiner aus prekärer Lage einfangen kann. Um es bedienen zu können oder sich nicht beim Hochrobben daran zu stören: Material rechts an den Gurt, Rucksack eher gleich unten lassen… Sehr fordernd. Subjektiv stilistisch ähnlich, und auch ähnlich brutal wie der allerdings mit VI+ bewertete und heute mit zwei Bohrhaken gezähmte Woll-Woll an der Maukspitze Westwand (Buhl). Wunderbar, wenn man durch ist.

1. Turm, Tissi - rechts des Rissi, fordert bissi

1. Turm, Tissi – rechts dös Rissi: fordert bissi

Die zweite Länge präsentiert sich als senkrecht aufschiessener toller Finger-Riss – original der rechte von zweien, auch wenn links ebenfalls Haken sind. Klemmkeile und Cams beruhigen neben Rostgurken die Nerven. Ja, auch hier Politur, aber gute Kletterei. Vermutlich hat es einen Grund, dass trotz Sanierungs-Strenge in den Dolomiten Stände der ersten beiden Längen je zwei Klebehaken, stets einer mit Ring für Abseiler sind…

Länge drei ist schon viel genüsslicher, gleichwohl luftig – spreizend geht es vom Stand über ein Dachl weg, dann leicht über Blöcke zum Stand an einem Schlaghaken neben Sanduhr – natürlich zu verbinden. Links vom Stand direkt (IV) ein paar Meter hoch aufs alternativ in Linksschleife erreichbare Band, auf diesem knapp 10 Meter easy horizontal, dem Komfort des Nachsteiger wegens mit Klemmkeil / Cams zum Stand knapp rechts der Falllinie des großen Daches, am Beginn einer Rissschuppe. Wiederum mit VI- bewertet, aber nun voller Genuss mit großen Griffen in wunderschöner, gelb-weißlicher Platte hinauf, nicht alten Gurken folgend einen Meter zu weit rechts in Riss, sondern Schlaghaken nach Links folgend mehr in die Platte, dann rechts zum Stand.

Erster Turm, Tissi, in der "weißen Wand"

Erster Turm, Tissi, in der “weißen Wand”

Weiter nochmals leicht, großgriffig (und trotz Sonne am dritten Tag nach Regen noch etwas feucht) den Riss mit Dachl auf ein Band mit drei gebohrten Standplätzen. Je nach Laune auf Seilreibung den ersten Stand beziehen oder weiter zum dritten. Abschlusslänge mit kleiner exponierter Stelle einige Meter über Stand abdrängend links hoch, horizontal queren, steil Riss hinauf (IV, Cams!) – Stand an zwei Klebehaken an Wandl.

Zur Abseilpiste über den Westgrat Spuren gen Westen folgend ca. 10m Absteigen. Abseilen an guten, zementierten Ringen, allerdings sind diese nicht leicht zu sehen, darum auf Distanzen achten und rechtzeitig stoppen und schauen. Erst zweimal 15 Meter, dann 25 Meter auf ein Band, Spreizschritt über Schluchtrinne seilfrei gen Westen zu nächstem Abseiler von 25 Meter, wiederum seilfrei (II) circa 5 Meter ab und rechts auf Absatz zu letztem Abseiler von 25 Meter. Spuren folgend, dabei nochmal geduckt in eine kleine Nische rechterhand abdrängend abkletternd (II) zurück zum Pfad am Wandfuss.

Zweiter Turm – Kasnapoff

Einschätzung: Drei Stellen V+, meist V-, E4-, keine Bolts, Stände gut an meist 3 Schlaghaken mit Schlingen. Hinsichtlich Abstieg, Kondition mäßige Anstrengung. Im Sommer gnadenlos überlaufen – der frühe Vogel entgeht dem Wurm.

Einstieg in der Nordwand rechts einer weißen Gedenktafel, schräg rechts haltend, nicht in große Nische, sondern vorher nach rechts queren, Zwischensicherungen mit langen Schlingen gegen fiesen Seilzug in Schlangen-Verlauf zu kleiner Nische – Stand an drei Schlaghaken mit Schlinge. Vom Stand weg ziemlich ausgesetzt nach rechts, dann gemäß Führer 45m steil hinauf. Dabei viel Raum für mobile Absicherung… nach knapp der Seilmitte passiert man 2 alte Schlaghaken – vermutlich historischer Stand und Option für Zwischenstand.

Vom oberen Stand an drei Schlaghaken, die als nur splittrig aussehend beschriebene und sich gütig so erweisende schwarze Felspartie hinauf, die mehr Wand als Kamin ist… nach wiederum knapp 45 Meter Stand an zwei relativ neuen Schlaghaken, etwas weiter links als laut Topo vermutet. Folgend wunderschöner Rissauftakt und Quergang durch die aus weiter Distanz zu sehende, helle, kreisrunde Nische an Löchern mit Kristallen zum Stand vor der Crux – Stand an drei Schlaghaken.

Die Crux ist für V+ schon interessant, respektive moderne Kletterei - an Seit- und Untergriffen über einen Bauch hinauf, Haken beruhigen kurz, dann selber basteln gegen weitere Bedenken. Stand auf Podest an der Kante an steilem Riss, zwei Schlaghaken neben Flex-Rückständen. Super Start in die nächste Länge – vom Podest direkt am Riss hoch – gutgriffig, luftig, danach Vorsicht… von Verhauerschlingenstand und alten Gurken nicht zu weit links hoch in die Wand locken lassen… siehe Bild der Wandmitschrift in der Galerie. Vielmehr Stand näher an der Kante und sodann wieder rechts hoch zur Kante. Es folgt die beste Länge – 45 Meter Riss, steil, griffig, selbst abzusichern und das gut möglich… Toll!

der schöne, steile Riss

der schöne, steile Riss

Stand an zwei Schlaghaken, von diesen Weg kurz links in die Platte und danach in zwei Längen mit Blockständen zum Gipfel. Ab mittels Abseiler Richtung Ciavazes (25 Meter) zu Beginn, dann Serpentinen entlang Spuren und Steinmännern, insbesondere kurz nach Abseiler nicht links, sondern Richtung Süden ab. Zuletzt noch einmal 25 Meter Abseiler an ebenso solidem Ring auf Weg südlich des ersten Turmes zum Pass zurück.

Dritter Turm – Vinatzer

3. Turm, Vinatzer

3. Turm, Vinatzer, Länge 5

Einschätzung: Eine Stelle V+ am Handriss (aber nicht wirklich VI-(V/A0)…), meist V-, E4-, keine Bolts, Stände gut an Schlaghaken/ Sanduhren/ Blöcken. Abstieg steiles Abklettern (II-III), der Länge wegen auch konditionell fordernd.

Aus dem Schotter am Wandfuss links queren zu kleinem Podest mit einsamem Schlaghaken als Start-Punkt. Weiter geht es nach rechts an Haken in und dann mitten hinauf durch die Platte unter dem schwarzen Dach, an dessen rechtem Rand es in einer kurzen Rissverschneidung hoch geht – luftig, aber mit Haken, der neben Keilen beruhigt.

Den ersten Stand bezieht man an zwei Schlaghaken auf folgendem Band. Alle weiteren Stände ebenfalls 1-2 Schlaghaken, Schlaghaken und Sanduhr, respektive alleinige gute Sanduhr(en) oder Blockstand.

Vom Band rechts hoch, dann links durch die Platte zum Beginn des weithin sichtbaren steilen und breiteren Teil des Risses. Genüssliche, griffige und luftige Kletterei – Friends und Sanduhren laden zum Basteln ein. Länge 5 fordert dann mit kurzer Plattenrampe rechts vom Riss zum motorischen Umdenken auf – witzig, kleiner Keil entspannt dabei – Stand in einer kleinen Nische.

3. Turm, Vinatzer, der Handriss

3. Turm, Vinatzer, der Handriss

Leicht abdrängend vom Stand über den Bauch aufs gemütlich breite Band, das quer durch die Wand zieht, Stand an Block. Nun folgt ein Feuerwerk – die Handriss-Schlüssellänge. Sonnig-gelber Fels, schöne, gutmütige Kletterei, bis es am Dach athletisch an großen Griffen, bzw. Yoga-artig über die Kante geht.

Folgend in Länge elf gibt es, in der Führer-Sprache, mehrere gelbe Risse – rechts haltend, zur Kante, dort nicht linkerhand eine senkrechte Stufe zu neuem Schlaghaken hinauf, sondern rechts haltend weiter in deutliche Rinne, wo der Jahnweg einmündet. Stand an massiver Sanduhr (mit Schlingen).

Von dem Sanduhrstand weg ist der Rissverschneidung ein paar Meter hoch zu folgen, bis zunächst abweisend steil für den Grad (III), bald aber leichter, links eine Schuppe/ Rissverschneidung beginnt. Dieser folgen zu Stand an Block nahe Steinmann. Von hier frei oder mit einem weiteren ZS an Cams direkt durch die Platten hinauf ins Gehgelände, zum Steinmann am Gipfel.

3. Turm, Vinatzer, Schlüssellänge

3. Turm, Vinatzer, Handriss mit Dachl

Vom Gipfel gen Norden, 25 Meter Abseiler über senkrechte Stufe, dann schwach roten Punkten folgend Abklettern (II, Stellen III luftig) und auf das Spiralband durch die Wandmitte. Darauf weiter gen Südosten bis in Scharte vor erstem Turm und die Schlucht hinab.

Drei Blöcke von 3-5 Meter Höhe abklettern – Schlaghaken hat’s da auch, doch die in Führern erwähnten 3 Abseiler kommen erst danach, jeweils samt einem Bohrhaken. Der letzte endet samt Seildehnung mit einem 50m Halbseilstrang genau auf einem Block, den man nach Westen unangenehm, nach Osten easy runter hüpft. Viel loses Geröll in der Schlucht…

Vierter Turm – Demetz-Glück

Einschätzung: Eine Stelle V+, meist IV+, E4, keine Bolts, Stände gut/ leicht ergänzbar an Schlaghaken/ Sanduhren. Abstieg erfordert routinierte Abseiltechnik, Abseilpiste mit guten Ständen, meist inklusive eines Bohrhaken.

Los geht es knapp unterhalb des markanten Blockes von etwa 2m Breite und Länge am Wandfuss in Richtung des breiten gelben Daches hinauf, aber nicht ganz an es heran; nach Sanduhr weiter links unterhalb queren zum um eine Kante herum in kleiner Nische verdecktem Stand an zwei Schlaghaken. Wir gingen 45Meter statt 35 Meter wie in unserem Topo… Zweite Länge 25 Meter im Bogen – erst links, dann rauf, dann rechts zu nächstem Stand, wieder zwei akzeptable Schlaghaken. Weiter über Felskopf mit Schlingen zum nächsten Stand nach 30 Meter, immer noch gemütlicher vierter Grad, Fels weiter recht solide.

Nun 25 Meter mit Schlüssellänge im Klettertechnischen Sinne, V+, drei Schlaghaken bis zu einem Bauch links, vierter Haken über dem Bauchl, Aufsteher mit leicht plattigem Charakter – ein Alpinboulderproblemchen; Stand an zwei Schlaghaken und Sanduhr. Nächste Länge links oder rechts rum zu Stand an mittelprächtiger Sanduhr mit Schlinge, gut ergänzbar durch mittleren Keil rechts oberhalb. Von diesem Stand weg leicht rechts hoch zu unverfehlbarem Köpferl mit Schlingen, dann linkerhand Riesensanduhr (Beindicke) – und dann munteres Trüffelsuchen in weithin gangbarem Gelände.

Auf Band leicht rechts oberhalb der Riesensanduhr Stand mit zwei Schlaghaken; horizontal ca 5 Meter rechts/östlich auffälliger steiler Riss (IV), ca 10 Meter weiter rechts/ östlich wieder zwei Schlaghaken, knapp 30 Meter rechts/östlich am Ende des Bandes/ Beginn einer Kante einzelner Schlaghaken. Wir sind der Verlockung des Risses erlegen, diesen in schöner Kletterei (Cams 2) zu Schlinge an SU nach knapp 20 Meter dort Stand an SU und Cams. Danach zehn Meter abflachendem Riss entlang hoch und circa zehn rechts zu Stand an Köpferl.

4. Turm, große Verschneidung in der Demetz-Glück

4. Turm, große Verschneidung in der Demetz-Glück

Von dort weg links haltend hoch (Schuppe rechterhand), dabei Absicherung ebenso wie Gesteinsqualität kurz einmal fordernd, Stand nach 20m an zwei Schlaghaken auf Absatz. Unser Weg, wie gesagt – andere Mitglieder meiner Familie sind schon auf anderen Wegen zu diesem Stand gelangt… Nun eine schöne Rissverschneidungslänge von 40m luftigen Spreizens an drei Schlaghaken vorbei (Keile beruhigen) hinauf zum vierten Schlaghaken in Nische. Zusammen mit mittlerem Keil Stand. Von da weg noch einmal links durch den Rest des breiten Risses hinauf zur Kante/ Rechtskehre, Zwischenstand gegen Seilreibung und Seilschleppen im Geröll des Folgegeländes an Sanduhr mit Schlinge sinnvoll. Gehen und II zum Gipfelsteinmann.

Abseilpiste wie im Bild der Wandmitschrift in der Photogalerie… viele steile Abfahrten am Seil, ein paar Mal seilfrei zwischendurch, aber easy, Abseilstellen gut. Bei Regen gratis-Canyoning, wie es in der Literatur heißt. Eindrucksvolle Felskulisse und luftiges Abseilen darin jedenfalls.

Ein paar Tipps zum Material

Dass ein Helm beim Alpinklettern dem Fortbestehen der Vitalfunktionen Vorschub leistet, ist natürlich klar. Ebenso, dass je nach Tour und Absicherungsstand Material mitgenommen wird, aber 2-4 Friends der Klemmbreiten zwischen 1 und 5 cm durchaus alpines Normalgepäck darstellen, ergänzt durch ein Büschel Keile und Bandschlingen. Der Wert verlängerbarer Alpin-Exen, d.h. 60cm-Bandschlingen mit zwei Schnappern sollte auch nicht unterschätzt werden: Weniger Reibung durch Begradigung des Seilverlaufs, weniger Arbeit an mobilen Sicherungsgeräten. Gerade im Hin und Her klassischer Führen sind verwinkelte Seilverläufe häufig und normale Sportkletter-Exen fehl am Platz.

Was baumelt so an Deinem Gurt...? Am Stand über der Schlüsselstelle der Demetz-Glück

Was baumelt so an Deinem Gurt…? Am Stand über der Schlüsselstelle der Demetz-Glück

Je nach Felstyp können weitere spezielle Geräte zweckmäßig sein (etwa TriCams für Lochstrukturen). Sanduhren werden mit Bandschlingen oder Kevlar gefädelt und 5m 5mm-Kevlar - die berühmte Standplatzkrake. Etwas über 5m sollte sie sein, genauer eben so, dass sie abgeknotet und vierfach gelegt angenehm wie Bandschlingen schräg über dem Wanst hängt. Alternativ, aber meist teurer ist eine vernähte lange Dyneema-Bandschlinge, jedenfalls aber nicht einfache Polyamid-Reepschnur, die bekanntlich bei gleichem Durchmesser von 5mm mit 5kN nur ein Drittel der Bruchfestigkeit von 5mm-Kevlar aufweist

Die Krake ist zum Block-Einfangen ebenso angenehm, wie für das Abbinden mehrerer (ggf. fraglicher) Fixpunkte am Stand sinnvoll oder gar erforderlich. Gerade bei Schlaghaken kann es stets sein, dass ein Karabiner sich nicht klippen lässt, fädeln also angesagt ist. Wie das nochmal geht? Lehrt Dein Ausbilder im Alpenverein – oder Du lässt es Dir von einem lokalen Bergführer vor Ort nochmal live zeigen… zu tun, zu klettern, zu lernen gibt es genug!

Sella-Türme, täglich grüßt das Murmeltier

Sella-Türme, täglich grüßt das Murmeltier

 

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