Alpin

Klettern im Wilden Kaiser - No Cam, no gain

20.09.2013

Klettern im Wilden Kaiser – No Cam, no gain

Darf man der aktuellen Ausgabe von „bergundsteigen 3/13“ glauben, so ist der Diskussionsbedarf zum Thema Bohrhaken im Gebirge und dem Sanieren von alpinen Touren weiterhin vorhanden – und brisant. Rostgurke raus, Bohrhaken rein und alles ist besser. Bis der Bohrhaken wieder rauskommt und alles von vorne beginnt.

So ähnlich ging es im Wilden Kaiser zu, bis man irgendwann zu einer Einigung gekommen ist. Seither werden – mal von außen betrachtet – Still und leise immer mehr alpine Klassiker mit Bolts versehen. Die wiedergekauten Pro und Contras zu diskutieren ist an dieser Stelle gar nicht das Ziel. Vielmehr sollen die bohrhakenfreien Touren um die Steinerne Rinne angepriesen werden. So vergnüglich das entspannte Klippen von Bolts ist, so gering sind die nachhaltigen Erfahrungen. Zurückblickend sind es vor allem die Touren in denen, entweder verrostetes Metall oder selbstgelegte Sicherungen geklippt werden, man die Verantwortung über sein Tun selbst in der Hand hat und auch, zugegeben, mehr bange Situationen zu meistern hat. Dafür schmeckt das TAB* an der Griesner Alm, entweder nach der Tour oder auch Jahre danach, einfach besser. “Wilder Kaiser ” muss ja auch etwas bedeuten, oder?!

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Zustieg Griesner Alm zur Steinernen Rinne

Bereits vom Auto aus zieht der Fleischbankpfeiler die Blicke auf sich, welcher zwei der bedeutendsten und gegensätzlichsten Touren im Kaiser beherbergt: “Pumprisse” und “Des Kaisers neue Kleider”. Und noch einige Touren mehr.

Das erste Mal Hand an den Fleischbankpfeiler habe ich mit den Rebitschrissen mit Brandler-Einstieg (6+/A0, 300 m, E5-) gelegt. Breite Risse, zu kleine Sicherungsgeräte und spannende Stunden. Sakra, so habe ich es mir nicht vorgestellt. Aber man ist ja lernfähig, oder auch nicht, so dass man bald wieder vor dem Fleischbankpfeiler steht. Zudem spart man sich auch noch den ganzen mühsamen Schotter in der Steinernen Rinne. Einfach mal in die Pumprisse einzusteigen, trauten wir uns noch nicht und so ist der einfachste Weg der durch die Theaterrisse (7-, 270 m, E4+). Nach einem leichten Start wird es in dem schräg ansteigendem Riss spannend. Doch die meisten Nerven kostet die letzte Länge. Nominal leichter, dafür so lang, dass letzlich fast die Schlosserei ausging und mit letzter Kraft, dem Seilzug sei Dank, schließlich der Stand ganz oben erreicht wurde. Geschafft. Pause.

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Schlemmerrisse

Bereits am Parkplatz kann man sich bei der heroischen Packorgie outen, welches heldenhafte Vorhaben heute auf dem Plan steht: Hey, schaut her! Heut geht’s in die Pumprisse (7/A0, 300 m, E5-). Brunftzeit am Fels. Tolle Typen und Metal eben. Auf jeden Fall stehen wir irgendwann bewaffnet mit allerlei Klein- und Großmetall am Abzweiger zu den Pumprissen. Aufgrund der Hakenqualität hangeln wir uns technisch rüber zum Stand vor dem „Hundebahnhof“. Nun darf ich mich diesen Offwith hochschrubben. Angeblich lässt er sich ganz angenehm außen klettern, im Inneren hat man aber das Gefühl, irgendwie schon stecken zu bleiben im Falle eines Falles. Rein subjektiv natürlich, aber beruhigend für die Psyche. Nach dieser beeindruckenden Länge, wird’s kurz leichter, ehe die letzten beiden Längen warten. Die erste nach dem Band, eine ziemlich pumpige Länge, führt entlang einer steilen Piazschuppe zum Stand mit dem Wandbuch. Erstmal verewigen, dann folgt nochmal Offwith-Spaß. Von einem Spezl bekam ich die passende Beschreibung: „…vom Stand weg Haken, dann One Eighty und mit Chickenwing den Offwidth hoch und einen completly tipped out 6er Cam vor Dir her shiften. Zum Glück gibt‘s für links ein paar Leisten zum Steigen und Greifen…“. Vollkommen richtig die Beschreibung. So lagen wir beide in der Nachmittagssonne auf dem Fleischbankpfeiler und voll zufrieden, diesen Klassiker geklettert zu haben.

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Pumprisse | …totally tipped out!

Neben den äußerst lohnenden Schlemmerrissen (7+, 270 m, E4+), die eine Abfolge von genialen Rissmetern zu bieten haben, bleiben drei weitere Touren dieser Kategorie in guter Erinnerung. So befinden sich an der Fleischbank die beiden Touren Frustlos (8-, 290 m, E4+) und Potzblitz (8-, 290 m, E4+).

Die Frustlos war damals die erste Tour im 8ten Grad im Kaiser und ist auch heute noch nicht leicht verdient. Sobald in der Tour Rebitsch-Spiegel das Gröbste geschafft ist, geht’s hier erst richtig los. Teils feine Rissspuren, dann wieder runde, glatte Risse – hier ist wirklich was geboten. Meistens, wenn auch nicht immer, lassen sich die Risse aber gut absichern. Schwieriger zum Absichern ist dagegen die erste Länge von Potzblitz. Hier darf mal wirklich geklettert werden. Als Belohnung folgen eine Reihe von schönen Rissen und insbesondere die letzten beiden Längen toppen die Tour. Hier kommt man in den Genuss von steiler Freikletterei auf einen super Fels, der für Kaiserverhältnisse mal wirklich rau ist.

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Potzblitz – 1. Länge | letzte Länge

Eine weitere Tour versteckt sich etwas ausserhalb der Steinernen Rinne, doch auch sie besitzt alle Zutaten gegen Langeweile: die Nordverschneidung (6+, 200 m, E4+) am Predigtstuhl. Bereits über der Griesner Alm ist diese markante Verschneidung im Blick und auch die Routenfindung stellt keine sonderlichen Schwierigkeiten dar. Dafür hat es der Zustieg etwas in sich. Von der Schulter am Beginn des Nordgrates des Predigtstuhls darf auf der Ostseite zum Einstieg gequert werden: abschüssig, schottriges Gelände. Nach der ersten Länge kann man erahnen, wo der Hammer hängt. Dieser schadet in dieser Tour auch am Gurt nicht. Genauso wie große Klemmgeräte. Haben wir aber beides nicht dabei – ist ja bloß ein 6er… Eine umfangreiche Schlosserei schadet aber bei dieser Tour nicht, welche stark an die Pumprisse erinnert. Immerhin wurde die Tour auch im selben Jahr erstbegangen.

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Potzblitz

Resümee von allem: Es ist schön, glänzende Bolts zu klippen. Aber fast noch schöner sind solche “Abenteuerrouten”. Das Erlebte ist für mich hier noch intensiver. Sicherlich ist es mit mehr Aufwand verbunden, das Risiko höher und der schnelle Erfolg bleibt aus. Aber man hat es sich das Abenteuer auch ehrlich erarbeitet. Es gibt noch viel Arbeit!

Wie heißt es so schön beim Winterklettern aus der Tatra: „Piton in grass is better than a bolt.“

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Predigtstuhl

PS: Alle Routen befinden sich im Panico-Führer „Wilder Kaiser“ (4. Aufl.). Eine Auflistung, teils mit Topos, gibt’s auf der Homepage vom Markus Stadler. Die Bewertungen (UIAA, E-Grad) stammen auch hieraus.

*TAB = TourenAbschlussBier

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