Leidenschaft, Testberichte

Kletterschuhe La Sportiva TC Pro im Test

19.09.2013

Kletterschuhe La Sportiva TC Pro im Test

Nach hartem Einsatz nun im Rampenlicht

Kletterschuhe TC Pro, nach hartem Einsatz nun im Rampenlicht

Wer schon mal die Reise ins Elbsandstein, Pfalz oder Ettringen gewagt hat und sich kletternd in den einen oder anderen Riss getraut hat, der weiß, was für eine Schinderei es ist. Abschürfungen an den Gelenken sind selbst bei Profis an der Tagesordnung und einen wirksamen Schutz der zarten Haut an den betroffenen Stellen kann nur gute “zusätzliche Ausrüstung“, wie lange Socken, Tape oder Risshandschuhe und natürlich höhere Kletterschuhe bieten. Der höhere Schaft war früher bei jedem Kletterschuh selbstverständlich, heute gehört er irgendwie nicht mehr zum Standard eines High-End Kletterschuhs. Risse und lange Routen gibt es aber weiterhin und auch Leute, die gerne in solchem Gelände unterwegs sind. Da ja bekanntlich Nachfrage das Angebot regelt hat La Sportiva, als eine der ganz wenigen Firmen auf die Nachfrage des Extremsportlers und Big-Wall Experten Tommy Caldwell reagiert und den TC Pro erschaffen.

Optik und Verarbeitung

Die Farbe Sage ist selbst nach Dreck und Wasser Behandlung noch voll erkennbar

Die Farbe Sage ist selbst nach Dreck und Wasser Behandlung bei diesen Kletterschuhen noch voll erkennbar

Beim ersten Blick fällt bei diesen Kletterschuhen sofort etwas auf. Die Form ist hier das bestimmende Merkmal des Äußeren. Der knöchelhohe Schaft allein springt sofort ins Auge und erzeugt unausweichlich eine Assoziation zu den 80ern und 90ern Jahren. “Old School” – Optik ist für mich absolut zutreffend. Schnee von gestern ist der La Sportiva TC Pro (sage) in Sachen Design jedoch auf keinen Fall. Im Gegenteil – dieser Kletterschuh sieht für mich sehr stylish aus. Schickes sage-grau mit einem großen, runden La Sportiva Logo auf dem Knöchel sind die zwei Kernelemente, die etwas ganz Eigenes und Unverwechselbares darstellen. Die weit nach vorne reichende Schnürung rundet das stimmige Bild ab. Der TC Pro strahlt dank des fehlenden Downturns eine gewisse Gemütlichkeit aus, die man von einem richtigen Alpinkletterschuh auch erwartet.

Die Quali ist sehr in Ordnung

Die Qualität der Kletterschuhe ist sehr in Ordnung

Was die Qualität angeht gibt es bei La Sportiva nach wie vor überhaupt nichts zu meckern. Wenn man etwas überschüssigen Kleber irgendwo am Rand findet, dann ist es höchstens ein optischer Mangel, welcher bei den neueren Produktionsreihen durchaus vorkommen kann. Der Funktionalität des Schuhs tun solche Kleinigkeiten keinen Abbruch, denn die “tragenden Teile” sind sehr solide miteinander verbunden, was in der Gesamtheit ein robustes und belastbares Bild der Verarbeitung ergibt. “Made in Italy” bleibt weiterhin mein persönlicher Favorit, obwohl die Konkurrenz aus Übersee und Europa natürlich nicht schläft. Es bleibt zu hoffen, dass bei La Sportiva die hohe Qualität der Verarbeitung und vor allem die Leidenschaft nicht unter dem Druck der massiven Nachfrage zu leiden beginnen.

Konstruktion

Die Quali ist sehr in Ordnung

Flache Sohle, hoher Schaft – ganz klare Ausrichtung

Das ganze Know-How sieht man diesem Kletterschuh nicht sofort an. Unter der gut 5mm dicken XSEdge Sohle versteckt sich die P3-Technologie. Diese ist von außen wie bereits erwähnt nicht durch einen Downturn zu erkennen. Es ist meines Wissens der einzige Kletterschuh, bei dem P3 nicht gleich Downturn bedeutet. Es dürfte alle Miura- und Mythos-Fans freuen, die nichts mit den neumodischen Kletterschuhen anfangen können und auf eine flache Sohle schwören. Der Kletterschuh TC Pro besteht aus Leder und weist ein kuscheliges Innenleben aus Pacific auf. Im Prinzip vereint dieser Kletterschuh für mich persönlich zwei Modelle: den Miura Lace und den besagten Mythos. Aus meiner Sicht vereint der TC Pro sage die Präzision und die Fähigkeit des Stehens auf kleinen Tritten eines Miura mit dem Komfort und den Vorteilen des Mythos. Die Konstruktion folgt einer klaren Vision eines High-End Kletterschuhs für lange Routen und anspruchsvollen Big Walls. Die dicke und steife Sohle, der höher gezogene Randgummi, sowie die intelligente Schnürung, welche im vorderen Bereich die Schnürsenkel versteckt und schützt, sowie der hohe Schaft – all das soll den Anforderungen des Risskletterns genügen.

Clevere Bauweise schützt die Zehen

Clevere Bauweise schützt die Zehen

Etwas untypisch ist dabei die Form und das Volumen der Ferse. Während im Komfortbereich oft keine gut sitzenden Fersen zu finden sind, bietet der La Sportiva TC Pro eine Ferse in bewährter Miura Manier. Die Spannung auf die Achillessehne ist insgesamt größtmöglich reduziert worden, was sich natürlich sehr positiv auf den Komfort auswirkt. Die altbekannten Anziehschlaufen könnten für mein Geschmack etwas weiter auseinander sein um das Anziehen am Stand noch einfacher zu gestalten. Die Zunge könnte an der Verankerung etwas flacher und einen Tick weitläufiger sein. Sie hat einfach zu starre Ränder, die zu Beginn etwas unangenehm sind. Da nützt auch die extra gepolsterte Zehenbox nichts. Diese ist jedoch einmalig und soll verständlicherweise den Druck auf die Knöchel der Zehen beim Verklemmen in Rissen das Schmerzhafte nehmen. Nicht zu vergessen sind die Lüftungslöcher im mittleren Bereich des Schaftes, welche beim stundenlangen Klettern für Belüftung sorgen. Alles in einem merkt man an diesem Kletterschuh die Handschrift der Big Wall-Profis, die dank der jahrelangen Erfahrung von La Sportiva perfekt umgesetzt wurde.

Passform und Größe

Die Form ist ein Hybrid zwischen Miura und Mythos

Die Form ist ein Hybrid zwischen Miura und Mythos

Die Kletterschuhe TC Pro weisen einen neuen Leisten auf. Es kann sein, dass die Designer sich am La Sportiva Miura Lace orientiert haben, denn die Spitze kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Form ist breiter und runder im Bereich der zweiten Zehen. Insgesamt würde ich die Passform als mittelbreit und gut über die Schnürung regulierbar beschreiben. Egal, welche Fußform man mitbringt, hier werden alle durch dem kaum asymmetrischen Komfortleisten bedient. Die flache Zehenbox stellt die Zehen größenabhängig zwar auf, ist aber grundsätzlich für die flache Zehenposition ausgelegt. Wie bereits erwähnt, lassen sich volumenstarke und -/schwache Füße dank der präzisen Schnürung sehr gut im Schuh fixieren, was diesen Kletterschuh in Sachen Passform sehr flexibel macht. Der einmalig gute Sitz der Ferse rundet die komfortable und sehr anatomische Passform des TC Pro sage ab. Insgesamt ist dies einer der am besten sitzenden Kletterschuhe, die ich jemals geklettert bin. Die Zusatzoption der Anpassung des Leders ist ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteiln dieses Modells.

Die Vorspannung täuscht - die Achillessehne leidet kaum

Die Vorspannung täuscht – die Achillessehne leidet kaum

Die Größenempfehlung ist schnell gegeben. Am besten oreintiert man sich an anderen beliebigen La Sportiva Modellen. Auf große Dehnung spekulieren würde ich beim La Sportiva TC Pro trotz des Leders nicht. Natürlich passt der Kletterschuh sich dem Fuß an und gibt an der einen oder anderen Stelle nach. Meine La Sportiva Standardgröße ist schon immer die 40 EU gewesen, seit der Umstellung vor ein Paar Jahren kaufe ich die Schuhe in Größe 40,5 EU. In dieser Größe sitzen einige Modelle nicht so wahnsinnig eng an meinem Fuß, sind dafür aber erträglicher und für das Sportklettern am Limit immer noch ausreichend. Beim TC Pro sage habe ich lange überlegt auf die 41 EU umzusteigen, wollte aber keine Luft in der Spitze haben und nahm also ein Paar Druckstellen an gewohnten Plätzen billigend in Kauf. Bis jetzt wurde ich nicht enttäuscht und würde diese Kletterschuhe wieder in derselben Größe kaufen. Wer aber einen komplett bequemen TC Pro haben möchte, den er an Ständen nicht auszuziehen braucht, der sollte 0,5 bis 1 EU Größen (je nach Zehenlänge etc.) bei der Größe dazunehmen.

Performance 

Ferse ist gigantisch beim Hooken

Ferse ist gigantisch beim Hooken

Ich habe bereits die Kletterschuhe TC Pro als eine Mischung aus Mythos und Miura Lace bezeichnet. Auch hinsichtlich der Performance eignet sich dieser Vergleich. Für einen derart steifen und stabilen Kletterschuh ist der TC Pro sehr präzise, was bei der doch grob wirkenden Art positiv überrascht. Ich konnte die meisten Tritte auf Anhieb erwischen und hatte lediglich bei unförmigen, runden Problemtritten etwas nachjustieren müssen. Ein Gefühl für den Tritt habe ich jetzt nach gut drei Monaten immer noch nicht. Vielleicht wird er irgendwann sensibler, aber so richtig optimistisch bin ich diesbezüglich nicht. Dieser Umstand erinnerte mich sofort an die ersten Tage im La Sportiva Miura Lace. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der TC Pro sage noch stumpfer ist. Daran musste ich mich gewöhnen, aber nach der ersten 200 Meter hohen Wand war diese Gewöhnungsphase abgeschlossen. Das wirklich geniale an diesem Kletterschuh ist die Unterstützung des Fußes auf kleinsten Käntchen und Kristallen. Solange die Struktur eine klare Form und eine gewisse Größe hat, stellt man den Schuh und kann “gefühlt” die Hände zu 90% entlasten. Ein irres Gefühl, wenn man die gleiche Stelle mit einem etwas weicherem Kletterschuh zum Vergleich angeht. Die Reibung ist an und für sich kein Thema, da die Sohle gerade zu Beginn aber etwas unflexibel ist, kann es bei extremen Reibungsplatten je nach Technik schon mal brenzlig werden.

Gesunde Form ist ein Geschenk in großen Wänden

Gesunde Form ist ein Geschenk in großen Wänden

Es sind die Risse in denen sich der Kletterschuh wohlfühlt. Ich bin jetzt kein so leidenschaftlicher Risskletterer, der in dieser Disziplin bis ans Limit geht, aber ich liebe es meine Füße in Handrissen zu platzieren. Man hat einfach einen derart sicheren Stand, dass ich mir oft schon überlegt habe, ernsthaft mit dem Rissklettern anzufangen. Leider drückt es in so einer Trittsituation bei den meisten Kletterschuhen an den Zehenknöcheln und Fußknochen. Dank der gepolsterten Zehenbox ist dieses Problem beim TC Pro sage auf ein Minimum reduziert. Natürlich spürt man den “Biss” des Risses aber man hat nicht die typischen Schmerzen. Durch die flache Zehenbox ist das Platzieren in Rissen ebenfalls kein Problem. Ich gebe 100 Punkte für die Performance in diesem Bereich. Die Ferse, welche für solch einen Kletterschuh eher untypisch gut geformt ist, leistet im Prinzip dasselbe wie die Miura Ferse. Ich finde es schon ziemlich witzig, dass ich mit diesem Alpinkletterschuh besser Hooken kann, als mit so manch einem Sportkletterspezialisten. Beim Toe-Hooken schneidet er natürlich konstruktionsbedingt unterdurchschnittlich ab, aber diese Kategorie liegt nun wirklich außerhalb seines Aufgabenbereiches. Alles in einem ist der Kletterschuh La Sportiva TC Pro sage ein stabiler, wenn auch unsensibler Kletterschuh, für das stundenlange Klettern.

Haltbarkeit

Das sind die Spuren von zwei Monaten inkl. 2 Wochen Tessin und dem dortigem Granit

Das sind die Spuren von zwei Monaten inkl. 2 Wochen Tessin und dem dortigem Granit

Die Verarbeitung und Konstruktion verspricht eine lange Haltbarkeit. Die Sohle ist dick und hält locker eine Saison im Gebirge aus. Das XSEdge Gummi soll ja laut Hersteller langlebiger sein. Leider konnte ich bis jetzt keinen wirklichen Unterschied zum XSGrip in diesem Bereich erkennen. Mein persönlicher Eindruck ist: es verschleißt genau so schnell, wie andere Gummimischungen, außer XSGrip2 – das geht noch schneller. Der Randgummi vorne ist stabiler und egal wie ich es versucht habe, ich habe es nicht durchscheuern können. Etwas anders sieht es weiter Richtung Fußmitte aus. Die formgebenden Bänder sind dünner und bilden mit den Ausläufern des Randgummis eine relativ dünne Fläche, die schon mal schneller kaputt gehen kann. Ich rede von extremer Belastung in fleischfressenden, langen und rauen Granit- und Sandsteinrissen. Bei “normaler” Nutzung sehe ich auch in diesem Bereich keine Probleme. Auch einen Abstieg mit runtergeklappter Ferse überleben die TC Pro sage ohne jegliche Anstrengung. Der Oberschuh übersteht mit Sicherheit die eine oder andere Wiederbesohlung. Insgesamt ein langlebiger Kletterschuh mit einer rissspezifischen Ausrichtung.

Empfehlung Einsatzbereich

große Wände - da gehört er hin

große Wände – da gehört er hin

Aus meiner Sicht und Bewertung machen die La Sportiva Kletterschuhe TC Pro am allermeisten im Granit und Sandstein eine gute Firgur bzw. sind für dieses Einsatzgebiet wie geschaffen. Zum einem sind dort viel mehr passende Risse und zum anderen zahlt er sich von der Trittqualität her in diesen Gesteinsformen am ehesten aus. Natürlich kannst Du den Schuh auch im Alpenkalk klettern, auch dort gibt er eine gute Figur ab. Seine ganze Stärke auszuspielen wird dort aber schwieriger. Neben dem Gestein spielt natürlich auch eine gewisse Vorliebe des Kletterers eine wichtige Rolle. Fakt ist: Mit diesem Kletterschuh kann man wahnsinnig viel Körpergewicht auf den Tritt bringen, ohne dabei die eigene Fußmuskulatur übermäßig anstrengen zu müssen. Der hohe Komfort und die anatomisch sinnvolle Konstruktion machen den Schuh auch zu einer Empfehlung für Kletterer mit bestimmten Problemen an den Füßen. Alles in einem ist der TC Pro sage ein deutlich vielseitigerer Kletterschuh als man auf den ersten Blick denken würde.

Fazit

Selbst beim 800 hm Abstieg mit dem TC Pro - voll zufrieden

Selbst beim 800 hm Abstieg mit dem TC Pro – voll zufrieden

Der La Sportiva TC Pro hat sich bei mir mehr als bewährt. Ich erachte ihn mittlerweile als unabdingbaren Teil meiner alpinen Kletterausrüstung. Es ist ein Kletterschuh, der keine Wünsche in großen Wänden offen lässt und auch nach tausenden Klettermetern verlässlich seine Dienste tut. Solltest du dich in deinem nächsten MSL-Projekt über den lästigen Druck auf der Achillessehne ärgern und dich verzweifelt fragen mit welchem anderen Paar du diese Minileiste wegstehen könntest, dann kann ich dir diesen La Sportiva Kletterschuh nur empfehlen. Er kann vieles was auch die anderen Performance Kletterschuhe können, vereint jedoch einmalig hohen Komfort und Schutz der Knöchel. Eine klare Empfehlung an alle, die lange in großen Wänden zugegen sind. Eins ist sicher: Alex Honnold und Tommy Caldwell klettern nicht mit diesem Kletterschuh weil sie vom Sponsor genötigt werden, sondern weil es ein geiler Kletterschuh für hohe Wände ist!

Ein Kommentar

  1. Hallo,
    die gleichen habe ich mir auch geholt und ich muss sagen ich bin sehr zufrieden damit. Bei mir haben sie sich auch mehr als bewährt!

    Beste Grüße
    Dom

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