Mountain Equipment – Alpincamp

Rabenkopf bei Neuschnee

18.04.2011

Rabenkopf bei Neuschnee

Früh morgens im August klingelt um 5 Uhr der Wecker. Meine Frau und meine Tochter schlafen noch und ich schleiche mich behutsam aus dem Schlafzimmer. Ein schneller Kaffee soll reichen um die müden Knochen fit zu machen und dann geht es auch schon raus in die Kälte. Wir befinden uns im Ausser Glieshof im Matscher Tal und ich habe beschlossen, trotz starken Schneefalls zwei Tage zuvor den Rabenkopf zu überschreiten. Gemütlich geht es noch im dunklen taleinwärts auf einer schmalen Forststrasse bis zum Lift zur Oberetteshütte.

Weiter geht es an der Klamm vorbei, wo mich die ersten Kühe begrüßen, die gerade wach geworden sind. Oben taucht die Sonne an diesem perfekten wolkenlosen Tag die ersten Gipfel in ein zartes orange. Schneebedeckte Gipfel soweit das Auge reicht. Ich schwelge kurz in Erinnerungen, denn auf fast allen bin ich schon mehrmals oben gewesen. Nun geht es an der Saldurklamm entlang wobei das ständige rauschen des Bachs die Kraft des Wassers erahnen lässt. Nach der Klamm geht es weglos weiter. Murmeltiere haben mich nun entdeckt und deren pfeifen begleitet mich an gutes Stück bis zum Talschluss, wo die Wasserfälle von der Weißkugel herab rauschen. Nun ist der angenehme Teil der Tour erst einmal vorbei.

Nach einem steilen Aufstieg, wo plötzlich wieder Wegspuren auftauchen, genieße ich den ersten Kontakt mit der Sonne und den wundervollen Blick auf die Gletscherabbrüche in meiner Nähe. Viel hat sich hier in den letzten Jahren verändert seit ich das erste Mal mit 12 Jahren hier gewesen bin. Mein Blick schweift nun auf die bevorstehende Etappe: ein sehr steiles rutschiges Geröllfeld, aufgeweicht vom vielen Schmelzwasser das rasch schwindenden Neuschnees. Zwischendrin noch Schneefelder, die so weich sind, dass man immer wieder Hüfttief wegsackt und man sich fragt, wieso man sich hier eigentlich hochquälen muss. Nach schier endlosen 700hm und einer extrem heiklen Querung zwischen Felsabbrüchen hindurch, komme ich endlich oben auf dem Matscher Jöchl an, wo mich sofort ein frischer Wind empfängt.

Das besondere hier ist ein kleiner See, den ich bisher nur einmal aufgetaut vorgefunden habe. Schließlich befinden ich mich ja schon auf 3200 Meter. Nach einer kurzen weil kalten Pause erklimme ich die Gletschermoräne und sehe das, was mir nun bevorsteht. Zunächst eine Querung durch eine vom Wind bizarr geformte Schneelandschaft, die dann in ein steiles Firn mündet. Es folgt brüchige Gratkletterei durchsetzt mit Eis und Schnee. Nun heißt es 100 Prozent Konzentration den jeder Schritt muss wohl bedacht sein. Steile felsige Passagen wechseln sich mit kurzen Querungen und vereisten anstiegen ab. Doch nichts kann mich aufhalten und so stehe ich um 11 Uhr auf dem 3400 Meter hohen Rabenkopf. Die Aussicht entlohnt für alle Mühen. Der Gesamte Alpenhauptkamm ist zu bewundern. Im Hintergrund kann man sogar die Dolomiten erahnen und der Ortler mit Königsspitze sind zum greifen nahe. Selbst der Bernina winkt herüber und schaut man nach Norden, erkennt man viele Berge vom Lechtal bis zur Zugspitze.

Nach einer Stunde entschließe ich mich notgedrungen zum Abstieg. Der erfolgt nun auf der anderen Seite über zunächst flacheres Gelände in eine kleine Scharte. nun geht es extrem steil und über Schneefelder hinunter Richtung Matscher Tal. Weglos suche ich mein Durchkommen zwischen haushohen Felsbrocken die im Schnee versunken scheinen. Oft muss ich über Löcher springen aber langsam geht es immer weiter herab bis ich schließlich eine Moräne abfahren kann, die mich auf einen Talboden bringt. Dieses Seitental durchwandere ich nun entspannt und erreiche als bald einen Höhenweg, der früher Schäfern geholfen hat, ins Talinnere vorzudringen. Jetzt wird es bequem und ich schlendere gut gelaunt Richtung Matscher Alm, wo meine zwei Lieben bereits mit einer deftigen Brotzeit auf mich warten. Ich bin froh, die Tour heil überstanden und auch glücklich, trotz widriger Verhältnisse den Grat gemeistert zu haben. Nach rund 1800hm und fast 20 km Wegstrecke genieße ich den Nachmittag auf einer netten Bank in der warmen Sonne, bis wir dann zu Dritt den kleinen Marsch bis zurück nach Ausser Glieshof antreten.

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