Allgemein, Testberichte

Bergschuhe im Test: Tech Ascent GTX von Scarpa

20.06.2013

Bergschuhe im Test: Tech Ascent GTX von Scarpa

Was etwas grüne Farbe für die Optik ausmacht

Was etwas grüne Farbe für die Optik ausmacht

Ist das nun ein Kletterschuh, ein Zustiegsschuh oder gar ein Klettersteigstiefel? Der Scarpa Tech Ascent GTX ist ein Schuh für die Berge. Für die kleinen Felsblöcke, für sich ziehende Forststraßen, für abgeschmierte Felsgrate und für glitschige Wiesenhänge. All das ist sein Gebiet, dafür wurde er erschaffen und konstruiert, genau so wie viele andere Dutzende Bergschuhe links und rechts neben ihm im Ladenregal. Was zeichnet also dieses Scarpa-Modell besonders aus, was ist das Alleinstellungsmerkmal innerhalb der großen und mächtigen Bergschuhfamilie? Noch viel spannender ist die Frage, wie er sich nun tatsächlich in all seinen Hausgebieten schlägt und ob er das Geld wirklich wert ist. All das war Gegenstand des Tests, welcher nun hier als Bericht vorgelegt wird.

Optik und Verarbeitung

Schlicht aber dennoch auffallend

Schlicht aber dennoch auffallend

Scarpa hat in den letzten Jahren massiv aufgedreht. Diese italienische Firma eroberte nicht nur die Straßen mit den Mojito, sondern brachte gleich eine ganze Reihe von Schuhen ins Rennen, die der altbewährten Konkurrenz mächtig Dampf machten. Mit immer neuen und frischen Designs trafen die Designer das Herz und den Geschmack vieler Bergbegeisterter. Die Bandbreite reichte vom auffälligen Paradiesvogel bis hin zum stylischen, klassischen Design. Tech Ascent GTX stellt da eine gelungene Mischung zwischen den beiden beschriebenen Extremen dar. Ganz im edlen grau gehalten stechen lediglich die saftig grünen Elemente der Sohle ins Auge und durchbrechen so die vermeintlich triste Optik des mittelhohen Schuhs. Insgesamt ist das Erscheinungsbild schlicht, einfach und dennoch irgendwie besonders und peppig. Mir persönlich gefällt er und erfüllt meine Anforderungen an einen alltagstauglichen Schuh für den Einkaufstrip oder einen Café-Besuch.

Die kurvige Form ist zum Teil der optischen Täuschung durch Schnürung geschuldet

Die kurvige Form ist zum Teil der optischen Täuschung durch Schnürung geschuldet

Seitdem ich in die Berge gehe und das Klettern als Hobby habe, sah und probierte ich schon viele Berg- und Kletterschuhe aus. Dabei erlebte ich immer Licht und Schatten in Sachen Verarbeitungsqualität und der daraus resultierenden Langlebigkeit so mancher Produkte. Nie enttäuscht wurde ich von Scarpa. Egal welchen Schuh ich auf den Prüfstein stellte, die Art und Weise wie die Italiener ihre Schuhe machen, bleibt einfach unerreicht. Wenn man solch einen robusten Halbstiefel so fein und diffizil gestalten und umsetzen kann, dann zeugt das für mich persönlich von einer Meisterstufe, wie sie nur wenige je erreichen werden. Besonders beeindruckend finde ich die Machart der Sohle. Obwohl diese aus mehreren einzelnen Schichten und Teilen gemacht ist, wirkt sie wie aus einem Guss – als eine einzige Einheit. Immer wieder sehr beeindruckend.

Konstruktion

3 Schichten sinnvoll kombiniert und angebracht

3 Schichten sinnvoll kombiniert und angebracht

Neben den neuen Designs geht Scarpa auch immer neue Wege bei der technischen Konzipierung von Bergschuhen. Der Tech Ascent ist keine Ausnahme aus dieser Regel. Der Leisten ist neu, die Konstruktion des Schaftes ist zwar nicht einzigartig aber gänzlich eigenständig. Der Sohlenaufbau wirkt sehr clever und bis ins kleinste Detail durchdacht. Einzig über den Einsatz des Gore Tex Materials würde ich an Scarpas Stelle noch mal nachdenken. Als Obermaterial nutzt Scarpa ein weiches und geschmeidiges Leder, welches sehr anpassungsfähig ist und dennoch eine gewisse Robustheit gewährleistet. Der Schaft ragt knapp über den Knöchel hinaus und endet mit einer weichen Polsterung aus Kunstgewebe. Die Schnürung ist asymmetrisch und verleiht dem Tech Ascent eine ebenso wirkende Form. Sie besteht aus normalen klassischen Stanzlöchern, einer Bandschlaufe und einer Ringöse als Abschluss. Die Zunge ist eingenäht und lässt so kein Dreck, steine und Wasser in den Schuh rein.

Ein extrem wichtiger Teil ist die Sohle

Ein extrem wichtiger Teil ist die Sohle.

Die Zehenkappe sowie die Ferse sind mit einem Gummiüberzug geschützt. Dieser ist jedoch deutlich knapper bemessen und weicher als es bei richtigen Bergschuhen der Fall ist. Vorne reicht das Gummi nur bis zum Zehengrundgelenk und stellt so ein Minimum an ernsthaften Schutz dar. Eine einzige Zugschlaufe an der nicht so ganz steil geformten Ferse erlaubt einen zügigen Einstieg und Nachjustierung im Schuh. Die Polsterung steht jener von “richtigen” Bergschuhen mit Gore Tex Membran in nichts nach und stellt optisch eine einzige, durchgehende Fläche dar. Der Sohlenaufbau schließt drei Teile ein: die weichere und mehr dämpfende graue Schicht, die mittelharte und eher stabile grüne, sowie das klassisch schwarz gehaltene Vibram-Gummi der Laufsohle. Alles in einem ist der Tech Ascent ein moderner Bergschuh aus den aktuellsten Materialien. Da bleiben keine Wünsche offen.

Passform und Größe

Die Ferse könnte etwas schlanker sein

Die Ferse könnte etwas schlanker sein.

Scarpa ist berühmt und berüchtigt für breite und voluminöse Leisten. Der Tech Ascent folgt dieser fast schon traditionellen Ausrichtung und bietet in erster Linie viel Platz für starke Füße. Die Form ist dabei deutlich germanisch mit entsprechendem Platz am kleinen Zeh und im Bereich des zweiten Zehs. Wer als hier einen überlangen zweiten Zeh besitzt, wird hier sehr zufrieden sein, ohne die Schuhgröße extra künstlich erweitern zu müssen. Der Bereich des Spanns ist recht steil geschnitten, sodass man gut in diesen Schuh reinkommt, ohne ihn bis zum tiefsten Schnürloch aufmachen zu müssen. Das ist sehr positiv und steigert den täglichen Nutzungskomfort ungemein. In Sachen Komfort ist dieser Bergschuh einsame Spitze! Kein Reiben, kein Drücken, keine bösen Überraschungen. So soll es sein. Durch die sehr präzise und umfangreiche Schnürung kann man den Tech Ascent sehr gut an verschiedene Fußvolumen anpassen. Problematisch wird es wie gesagt bei sehr schmalen und dünnen Füßen, aber da gibt es irgendwann sicher eine Frauen-Variante als Abhilfe.

Die Fersenwölbung könnte ausgeprägter sein können

Die Fersenwölbung könnte ausgeprägter sein können.

Das Einzige was mich mit meiner eher schmalen Ferse stört ist das Hinterteil des Tech Accents. Diese Ferse ist sehr großzügig und ist recht gerade nach oben gezogen, ohne eine physiologische Übergangskurve von Fersenbein zur Achillessehne. Das führt bei mir dazu, dass die Ferse im Schuh etwas Spiel hat. Wie stark der Bewegungsausmaß beim Gehen ist hängt dabei von den Socken, dem Gelände und dem Sitz der Schnürung ab. Aber selbst wenn ich die Schnürung maximal straffe, wird es nicht unbedingt fester im Fersenbereich. Ebenfalls etwas kritisch ist der Abschluss des Schaftes über dem Sprunggelenk. Auch dieser lässt sich nicht wirklich straffen und lässt so nicht das Maximum an Stabilität zu. Die Wahl der richtigen Schuhgröße ist hier ziemlich einfach. Wer bei vergleichbaren Scarpa Schuhen eine 43 EU hat, sollte auch hier eine 43 EU wählen. Wer irgendwelche orthopädischen Einlagen unterbringen muss, sollte nicht zu weit nach oben mit der Größe gehen, den Tech Ascent bietet genügend Volumen und Höhe, um diese ohne Weiteres zu beheimaten.

Performance 

Egal ob Stock oder Stein - immer mit guten Gefühl verbunden gewesen

Egal ob Stock oder Stein – immer mit guten Gefühl verbunden gewesen

In den letzten sechs Monaten habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, um diesen lässigen Bergschuh in allen möglichen Situationen zu testet. Vom sportklettertypischen Zustieg in Franken, über das Begehen einer Slackline, Alpine Gratklettereien, Buildering (Klettern an Gebäuden) sowie stundenlange Wanderungen mit der Familie – der Tech Ascent musste einfach überall durch. An die Grenzen kam ich mit diesem Schuh lediglich beim Antreten an ganz kleinen Tritte. Dafür ist die Größe einfach zu große, bzw. die Sohle nicht steif genug. Ansonsten griff der Tech Ascent zu 100% in den Boden/Fels und zwar egal ob trocken, nass, kalt oder heiß. Die Vibram-Sohle leistete wirklich hervorragende Dienste, die wieder mal die Fachkompetenz dieser Firma unter Beweis stellen. Egal wie glitschig der erdige Hang war oder wie nass das Gras in den Schroffen, die Sohle grub sich ein und biss sich regelrecht fest. Die Reibung war nicht nur am trockenen, speckigen Fels gut, sondern auch am klitschnassen “Marmor”. Da musste ich mich das eine oder andere Mal zusammenreißen, um nicht in Übermut zu verfallen. Die Stabilität der Sohle ist sehr ausgewogen. Sie ist ausreichend steif und kantenstabil im felsigen, wurzligen Gelände und im Geröll und dennoch sensibel genug, um genau zu wissen, wie sich die Trittfläche unter der Sohle demnächst verhält. Ein Kompromiss, der definitiv gelungen ist.

Dank der "Gripzone" an der Spitze ist antreten auf größeren Tritten kein Thema

Dank der “Gripzone” an der Spitze ist antreten auf größeren Tritten kein Thema.

Die Klettereigenschaften des Tech Ascents hängen wie immer stark mit der Größe zusammen. Natürlich könnte ich diese Bergschuhe in 42,5 EU tragen und damit natürlich besser klettern können, aber nur auf Kosten des Komforts bei langen Wanderungen. Für den zweiten und sogar dritten UIAA Grad reicht dieser Schuh locker aus. Für anspruchsvolle Klettersteige dürfte es demnach gar keine Probleme geben.
Alles in einem hat sich der Testkandidat nicht nur am Klettersteig sehr gut geschlagen und mir immer treue und gute Dienste geleistet. Ich war überall sehr zufrieden mit den Leistungen dieses Modells und wünschte mir nur an ein Paar wenigen Stellen kleine Veränderungen oder Verbesserungen: Eine schmalere Ferse, oder die Möglichkeit bei der Schnürung den Fuß in die Ferse richtig rein zu zentrieren. Etwas mehr Stabilität im Knöchelbereich sowie einen schlankeren Abschluss des Schaftes nach oben hin, um das Eindringen der kleinen Steine zu verhindern. Ansonsten bin ich wunschlos glücklich und nutze diesen Bergschuh nach wie vor vorrangig.

Haltbarkeit

6 Monate keine Verschleißerscheinungen

Sech Monate in Gebrauch und keine Verschleißerscheinungen.

Nach nun gut einem halben Jahr kann ich keine Schäden oder Auflösungserscheinungen feststellen. Das hätte mich auch schwer gewundert, denn Scarpa-Produkte weisen immer eine exzellente Verarbeitung auf. Das Einzige was mir bis jetzt widerfahren ist, war eine Sohlenablösung. Da diese an die Lagerung in einem heißen Kofferraum im Sommer zurückzuführen ist, ist es eher ein Eigenverschulden, als ein Fehler des Herstellers gewesen. So kann ich mir bei den Bergschuhen Tech Ascent bei einem pflegevollen Umgang keine derartige Zersetzung vorstellen. Das Obermaterial hat sich durch die vielen Gewässerüberquerungen etwas geweitet und noch mehr an den Fuß angepasst, von einem Ausleiern kann ich nicht sprechen. Die Dichtigkeit der Membran ist nach wie vor zu 100% vorhanden. Der schwitzige Fuß bei warmen Wetter steht auf einem anderen Blatt beschrieben – man kann leider nicht alles haben. Die Sohle ist fast wie am ersten Tag – kein Abrieb in großen Massen erkennbar. Natürlich sieht man die ganzen Spuren des Bergs an ihr. Eine abgeschliffene Ferse ist jedoch nicht vorhanden und ich hoffe es bleibt weiterhin so. Auch die Schnürsenkel, sowie alle beteiligten Schlaufen der Schnürung sind immer noch intakt und ohne Spuren einer Schwäche. So sollten alle Outdoorschuhe verarbeitet sein, von dieser Qualität kann sich so mancher Mitbewerber einiges abschauen.

Empfehlung Einsatzbereich

Keine Anti-Umknick Garantie

Leider keine Anti-Umknick-Garantie beim Abstieg.

Du brauchst einen Schuh für draußen, vorzugsweise für den Berg? Hier ist er. Ohne zu übertreiben, ist dies einer der vielseitigsten und leistungsfähigsten Schuhe auf dem Markt. Je schwieriger und wackeliger dein Weg wird, desto mehr wirst du diesen Scarpa schätzen und lieben lernen. Egal in welcher Situation, er lässt einen nicht im Stich und hält durch – Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Für hochalpine Unternehmungen gibt es aber sicher noch bessere Schuhe, die diesen speziellen Bereich noch tiefgründiger abdecken. Für den Alltagsalpinismus reicht er nach meiner Bewertung voll und ganz aus – ohne jegliche Einschränkungen oder Ergänzungen durch andere Modelle. Komfort geht mit Leistung Hand in Hand. Zusammen schonen sie die Gelenke bei jedem noch so langem Abstieg. Passt er dir also, dann greif zu und genieße dein Treiben in den Bergen, welches nicht zuletzt dank diesen Bergschuhen ein leichtes sein wird.

Mein Fazit zum Scarpa Tech Ascent

Ein richtig feines Paar Schuhe

Ein richtig feines Paar Schuhe

Der Scarpa Tech Ascent ist ein sehr gelungener Bergschuh, welcher seine Konkurrenz links und rechts im Ladenregal stehen lässt und seine Vormachtstellung ausbaut. Er ist bequem, funktional im Auf- und Abstieg und griffig, wenn es darauf ankommt. Er schützt und unterstützt die Füße in jedem Gelände und bringt den Träger so sicher an sein Ziel. Seine Vielseitigkeit geht dabei nicht zulasten der Qualität in einzelnen Bereichen. Er ist ein waschechter Allrounder und überzeugt, eine passende Fußform vorausgesetzt, bei jeder Gelegenheit. Egal ob trockene Füße im Gebirgsbach oder das Balancieren auf den Zacken des Gipfelgrats, der Scarpa Tech Ascent ist fast schon eine Garantie für einen erfolgreichen Auf-/Durchstieg. Die etablierte Konkurrenz läuft in diesem breiten Bergsport-Bereich momentan nur hinterher. Ausprobieren lohnt sich jedenfalls.

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*