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Kletterschuhe Five Ten Stonelands VCS im Test

19.06.2013

Kletterschuhe Five Ten Stonelands VCS im Test

Braun Schwarz - Schlicht und Einfach

Rot und  Schwarz – schlicht und einfach.

Countrystyle, Cheeseburger und Yosemite Valley sind die Stereotypen, die einem Kletterer mehr oder weniger sofort in den Kopf schießen, wenn es um USA geht. Die neuerdings zu Adidas gehörende Firma Five Ten aus Kalifornien hat das Amerika-Feeling in einer neuen Serie Kletterschuhe umgesetzt. Stonelands heißt diese Familie und zeichnet sich durch zwei Dinge aus: neue Leisten und neues Design. Die Philosophie hinter der Stonelands-Linie ist denkbar einfach: eine breite Masse an Kletterern zu erreichen. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen setzt Five Ten auf ein wenig Patriotismus und einen bequemen Schnitt, gepaart mit unterschiedlich harten Sohlenkonstruktionen. Wie immer stellt das Velcro-Modell ein Mittelding zwischen den beiden Extremen dar. Was dieser Rodeo-Patschen drauf hat, schauen wir uns hier genau an.

Optik und Verarbeitung

Kein Downturn keine Vorspannung

Kein Downturn keine Vorspannung.

Beim Design der Stonelands-Kletterschuhe haben sich die Produktentwickler von Five Ten wohl gesagt: “keep it simple”. Dies wurde auch rigoros umgesetzt, ohne Wenn und Aber. Aus diesem Grund findet man bei diesem Kletterschuh keine lustigen Gummierungen, keine Applikationen, keinen Schnick-Schnack, sondern nur das Nötigste. Dabei lässt die Optik bei mir Wild-West-Gefühle aufkommen. Die Stickerei weckt die Assoziationen zu Cowboys in traditionellen Klamotten, die ihre Rinder durch das weite Land treiben. Die genähten Ornamente auf der äußeren und inneren Seite der Schuhe sind die einzigen schmückenden Details, die diesen Kletterschuhen ein gewisses Etwas verleihen. Auch die Form  stellt mit der breiten, wenig pointierten Spitze ein Alleinstellungsmerkmal dar. Insgesamt wirkt der Stonelands VCS wie ein echtes Landei im positiven Sinne.

1A Verarbeitung

1A Verarbeitung.

Die Verarbeitung hängt in der heutigen Zeit etwas davon ab, wo der Kletterschuh hergestellt wird. Bei der neuen Reihe setzt Five Ten passend zur Optik und der Idee dahinter, rein auf die Produktion in den USA. Dies kann man klipp und klar im Kletterschuh nachlesen. Ich bilde mir zumindest ein, dass es einen Unterschied zu Produktion in Fernost gibt. Stonelands VCS wirkt wie aus einem Guss: ohne Fehler, ohne Macken ohne Abstriche. Von der Naht am Oberschuh bis zum sehr akkuraten Schliff der Sohle lassen diese Kletterschuhe keine Wünsche offen. Wenn man die Verarbeitung mit einem Wort umschreiben kann, dann wäre es für mich persönlich “robust”. Genau diesen Eindruck gewinne ich seit Jahren, wenn ich einen neuen Five Ten-Kletterschuh in den Händen halte. Passt irgendwie auch zum Image und dem Namen der Serie. Gut gemacht – weiter so!

Konstruktion des Stonelands VCS

Flacher war wohl nur die Erde im Mittelalter

Flacher war wohl nur die Erde im Mittelalter.

Die Konstruktion der Stonelands setzt auf das Altbewährte. Am Beispiel des Velcro-Modells wäre es ein Klettverschluss welches 5.10-typisch schlicht, breit und hoch funktionell ist, eine durchgehende C4-Sohle, eine klassisch gummierte Ferse, ein Oberschuh aus Leder, Innenfutter aus kuscheligen Synthetikgewebe – und das war es. Kein Hokus-Pokus sondern nur das, was man für das Leben und Klettern im wilden Stoneland braucht. Harte Fakten, so steif wie die Sohle der neuen Kletterschuhe. Denn diese braucht man schließlich ja auch für einen geschmeidigen Tanz am Fels. Auf den ersten Blick fällt einem die breite Front auf, die keine wirkliche Spitze erahnen lässt. Doch der Eindruck täuscht. Die Stonelands haben eine sauber geschliffene Sohlenspitze, die aber eher asymmetrisch angebracht ist und sich weiter in Richtung Innenrand befindet. Die Sohle an sich ist ziemlich steif und stellt ein Mittelding zwischen Anasazi VCS und Galileo dar. Das hat viele Vorteile, wie wir gleich bei der Performance sehen werden, aber auch einige Nachteile.

Randgummi schützt in Rissen und hilft bei Tos Hooks

Randgummi schützt in Rissen und hilft bei Tos-Hooks.

Neben der Sohle haben diese Kletterschuhe auch einen markanten Randgummi, welcher sich weit nach oben auf die obere Seite der Zehenbox zieht. Diese Konstruktion bietet den Vorteil, das Leder und die Zehen in bissigen Rissen beim Klemmen zu schützen und gleichzeitig die Toe-Hook-Performance zu verbessern.  Etwas nachteilig ist der Gummi über aufgestellte Zehen immer, wenn es um Druckminimierung geht. Da hätte dieser etwas dünner ausfallen können. Die Ferse ist das Nächste was einem Five-Ten-Kenner sofort auffällt. Genau so wie der gesamte Schuh wurde auch das Hinterteil  neu entwickelt und geformt. Sie trägt den Namen: “Western Heel Cup”. An sich ist die Konstruktion nichts Besonderes, denn sie entspricht dem klassischen Aufbau: Die Sohle läuft hinten aus und bildet zusammen mit dem ca. vier Zentimeter breiten Fersengummi das, was man gerne als das Hook-Tool bezeichnet. Was diese Ferse so besonders macht, ist das sehr kleine Volumen und die schmale Form. Die Vorspannung der selbigen ist sehr kommod und erinnert mich an Galileo.

Die Krümung entspricht dem menschlichen Fuß

Die Krümung entspricht dem menschlichen Fuß.

Die Vorspannung des gesamten Schuhs ist gleich null. Ein Downturn fehlt ebenfalls gänzlich. Es geht sogar in Richtung Anti-Downturn. Selbst im Neuzustand zeigt die Schuhspitze nach oben (sogar auf den Fotos des Herstellers), was schon für sich spricht. Ob der Kletterschuh dadurch bequemer wird, wenn man ihn von Anfang an so baut? Die letzte Neuerung ist die neue versteifte Zwischensohle, welche von Five Ten als “new secret weapon” bezeichnet wird und den oben beschriebenen Effekt in der Sohle erzielt. Der Rest des Schuhs stellt nichts Neues dar. Hervor zu heben sind noch die sehr griffigen Velcros, sie machen den Schuh am Fuß dicht und halten und halten und halten. Da können sich andere Hersteller wirklich was abgucken, was die Auswahl von Materialien angeht.

Passform und Größe

Die Breite täuscht etwas

Die Breite täuscht etwas.

Der erste Eindruck täuscht im Fall dieser Kletterschuhe gewaltig. Der vordere Teil des Kletterschuhs wirkt sehr breit. Dieser optischer Eindruck entsteht durch die fast quadratische Form und nicht zuletzt durch die sehr schmale Ferse. In Wahrheit ist dieser Kletterschuh nicht so wahnsinnig viel breiter als der Anasazi. Der Leisten ist dennoch gänzlich anders geformt, sodass die Zehen egal wie klein man den Stoneland VCS wählt, nie so richtig aufgestellt werden. Dies ist sicher ein Segen für Menschen mit proportional gesehen langen Zehen. Sicher wird dadurch ein Stück Komfort generiert. Das Leder passt sich mit der Zeit super an den Fuß an. Ich kann bei mir jedoch nicht so viel Dehnung feststellen. Auf mehr als eine halbe Nummer bis maximal eine ganze Nummer würde ich nicht spekulieren. Die Schmerzen lohnen geraden bei einem Kletterschuh solcher Ausrichtung kein bisschen.

Das Randgummi könnte ein wenig dünner sein

Das Randgummi könnte ein wenig dünner sein.

Die Straßenschuhgröße ist auch hier ein guter Anhalt um in die Komfortzone zu kommen. Wer es lieber sportlich enger haben will, sollte eine halbe Nummer auf seine Anasazi-Größe drauf rechnen. In meinem Fall ist 8 UK bei Straßenschuhgröße 43 EU die sportlich optimale Variante, die jedoch nicht mehr bequem ist. Nehme ich eine 9 UK kann ich diesen Kletterschuh als Big-Wall Begleiter einpacken. Die Ferse ist ein Punkt für sich. Obwohl sie schmal, eng und low volume ist, finde ich den Sitz an meinem Fuß suboptimal. Egal in welcher Größe, sitzt sie nicht so, wie ich mir das im Optimum vorstelle. Dafür ist der Druck auf die Achillessehne kaum bis gar nicht vorhanden (je nach Größe eben). Ich bin der festen Überzeugung, dass die gesamte Stonelands-Familie so ziemlich jedem Fußtyp passen wird. Ausgeschlossen sind wie immer die beiden Extreme: sehr schmale und sehr breite Füße. Ansonsten hat Five Ten mit diesem Produkt den umkämpften Kompromiss zwischen Komfort und Performance fast schon neu definiert.

Performance

Schlank und Rank

Schlank und  rank.

Man kann nicht alles haben, es geht immer um die bestmögliche Kombination aus den beiden Sachen: Leistung und Ergonomie. Dass sich die beiden Dimensionen nicht zwingend ausschließen müssen, habe ich oben bereits angekündigt. Der Stonelands VCS performt gut auf dem Niveau, für welches er geschaffen wurde: mittlere Schwierigkeitsgrade, sprich 6-8 UIAA. Beim Treten fällt sofort die angenehme Unterstützung der Sohle auf. Viel Gewicht auf einen Tritt zu bringen ist kein Thema mit diesem Teil am Fuß. Dabei stellt man sehr schnell Lieblingsbereiche fest. Spitze, Außenkante setze ich persönlich viel lieber ein, als die Innenkante. Es kann sein, dass es an meinen Vorlieben liegt, oder an der Schuhgeometrie, jedenfalls ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe.

Selbst in einem Einfingerloch konnte ich sauber antreten, jedoch mit einer neuen noch nicht abgerundeten Kante. Reibung ist dank der flach liegenden Zehen und des legendären C4-Gummis nun wirklich gar kein Thema.

Schließt bombenfest und das Jahr für Jahr

Schließt bombenfest und das Jahr für Jahr.

Eine reine Reibungsplatte im Neuzustand ist zwar wegen der steifen Sohle nicht ganz so angenehm, wird aber mit der Zeit keine Herausforderung mehr darstellen. Beim Hooken stellt sich die Western-Ferse gar nicht mal so schlecht an. Das Gummi ist griffig, es bleibt gut an den Hooks kleben. Die Geometrie erlaubt das Platzieren der Ferse sowohl auf schmalen Bändern als auch auf großflächigen Slopern. Diese Leistungsfähigkeit in beiden Bereichen ist zwingend für eine saubere Hook-Performance. Trotz des suboptimalen Sitzes hat mich die Ferse beim Klettern überzeugt. Beim Toe-Hooken sieht es ähnlich gut aus. Flach liegende Zehen sind immer ein Trumpf wenn es um das Umklammern von irgendwelchen Hookflächen geht. Der hochgezogene Randgummi sorgt dann noch zusätzlich für den Endgripp und suggeriert ein sicheres und stabiles Gefühl beim Hooken.

Haltbarkeit & Empfehlung Einsatzbereich

Drückt nicht und hookt gut

Drückt nicht und hookt gut.

Haltbarkeit und Five Ten sind fast schon Synonyme in meinem Sprachgebrauch. Fakt ist, dass ich kaum Kletterschuhe kenne, die solch einen stabilen und robusten Aufbau haben und so lange halten wie Five-Ten-Produkte. Der Oberschuh ist bombig verarbeitet und überlebt nicht nur eine Sohle. Die Stealth-C4-Sohle ist sehr großzügig dimensioniert und verspricht aus Erfahrung heraus mit ihren vier Millimetern Stärke ein langes Leben. Selbst die Anziehschlaufen sind so rissfest, dass sogar ein Expressen-Einsatz beim Anziehen einer viel zu kleinen 7,5 UK den Schlaufen nichts anhaben konnte. Die Velcros habe ich bereits angepriesen. Noch mal: Mit diesem Kletterschuh wird es nicht passieren, dass nach einem halben Jahr beim Klettern der Kletterschuh plötzlich offen ist. So soll es in meinen Augen auch überall der Fall sein. Das waren die wesentlichen Punkte in Sachen Haltbarkeit. Alles spricht in diesem Bereich für den Stonelands VCS Kletterschuh.

Der Einsatzbereich schließt für mich persönlich lediglich eine einzige Sache aus: Überhänge und Dächer. Egal ob beim Bouldern oder dem modernen Sportklettern, diese Kletterschuhe werden nie meine erste Wahl sein, wenn es darauf ankommt, mit den Füßen zu greifen oder zu ziehen. Aufgrund der steifen Sohle funktioniert es anfangs überhaupt nicht und später nur bedingt. Es soll nicht heißen, dass es nicht möglich ist, mit den Stonelands VCS im stark überhängenden Gelände zu klettern, aber es gibt deutlich bessere Kletterschuhe für dieses Vorhaben. Alles andere gelang mir mit diesem Modell auf Anhieb. Je nach Größe kann man ihn vom gemütlichen Trainingsschuh bis zum Ganztagsalpinschuh super nutzen. Egal ob Plastik oder Fels, dieser 5.10-Kletterschuh rockt überall und sorgt für einen stabilen und entspannten Stand in der Wand.

Mein Fazit zum Stonelands VCS von Five Ten

Ein Pärchen für Anfänger sowie Fortgeschrittene

Ein Pärchen für Anfänger sowie Fortgeschrittene.

Five Ten Stonelands VCS haben mich in zwei Punkten überzeugt: Performance auf Leisten (inkl. Stabilität und Sensibilität) und in Rissen sowie Komfort durch nicht aufgestellte Zehen. Aus meiner Sicht geben die VCS den perfekten Einstiegskletterschuh ab. Auch als zweiter Kletterschuh, wenn es anspruchsvoller und kniffliger werden soll, sind sie sehr sinnvoll und empfehlenswert. Bitte nicht von der breiten Passform abschrecken lassen und trotzdem dem Quadrat aus dem Wilden Westen eine Chance geben. Aus meiner Sicht bietet dieser Kletterschuh alles, was man abseits von Überhängen braucht und lässt auch bei Kletterern alter Schule keine Wünsche offen. Es ist nicht so einfach einen Kletterschuh zu kreieren, welcher die Ansprüche der Anfänger und Fortgeschrittener gleichermaßen befriedigt. Der Firma Five Ten ist es mit dieser Modellreihe offensichtlich gelungen.

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