Testberichte

Kletterschuhe Lowa Falco Lacing und Velcro im Test

11.06.2013

Kletterschuhe Lowa Falco Lacing und Velcro im Test

Grün wie die Hoffnung und Blau wie die Ferne: Endlich sind sie da – die Lowa Kletterschuhe, entwickelt und entworfen in good old Germany! Schon immer habe ich mich gefragt, warum deutsche Bergschuhhersteller sich nicht an die Thematik Kletterschuhe wagen. Denn das Know-how für die Fertigung eines hochwertigen Produkts wäre vorhanden. Die Erfahrung bei der Herstellung von Bergschuhen und Trekkingstiefeln muss man doch verwenden können, um die besten Kletterschuhe der Welt zu bauen? Lowa wagt nun endlich den Sprung in das stark besetzte Feld der Kletterschuhfirmen und bringt gleich fünf neue Modelle auf den Markt. Zum Zerreißen gespannt öffne ich die Kartons der beiden Komfort-Performance Lowa-Kletterschuhe: den Falco Lacing und Velcro. Gespannt, ob die beiden Modelle noch mehr unterscheidet als die Farbe und die Art des Verschlusses, machte ich mich an das Testen.

Optik, Verarbeitung

Beide sind identisch aufgebaut

Beide sind identisch aufgebaut.

n den Farben des Meeres erscheinen die beiden Kletterschuhe dem interessierten Kaufaspiranten und stellen ihn vor die persönliche Entscheidung nach seiner Lieblingsfarbe. Beide Lowa Falco Modelle sind ganz ansehnlich, was mich persönlich positiv überrascht hat. Die Aufmachung ist nicht ganz so konservativ, wie ich das vermutet hätte, sondern farbenfroh und modern. Während der Schnürer von seinem Obermaterial her äußerlich wie ein Leder-Kletterschuh wirkt, fällt der Velcro sofort durch sein synthetisches Material auf. Auf mich persönlich macht der Falco Lacing einen etwas traditionelleren Eindruck, was mit Sicherheit an der Optik der Schnürung liegt. Die Velcro-Variante macht dagegen einen deutlich sportlicheren Eindruck und wirkt dynamischer, obwohl der Leisten derselbe ist. Es ist immer wieder beindruckend, wie kleine Details die Gestalt eines Objekts verändern. Insgesamt wirken beide Kletterschuhe positiv und einladend auf mich, eine Verbindung zu ihrem Namen empfinde ich jedoch keine.

Die Verarbeitung erfüllt meine Erwartung an das Produkt einer deutschen Firma. Bei beinden Modellen wurde gewissenhaft gearbeitet. Selbst wenn man sich auf kleine Details wie Übergänge zwischen Gummiteilen, Nahtabschlüsse und Innenlebensbefestigung konzentriert, entdeckt man keine Schwächen. Besonders gut gefällt mir die Qualität des Schaftes, welche wirklich keine Wünsche offen lässt. Lediglich am Gummi zweifle ich ein wenig, habe ich doch in der Vergangenheit immer wieder Schwächen bei hauseigenen Gummimischungen erlebt. Der Schliff der Kanten ist ungeachtet meiner Skepsis ohne jegliche Zweifel sehr gut, was eines der wichtigsten Kriterien der Verarbeitung darstellt und den positiven Gesamteindruck abrundet.

Konstruktion Lowa Falco Lacing & Velcro

Der Lacing wirkt zwar etwas spitzer, fühlt sich am Fuß aber gleich an.

Der Lacing wirkt zwar etwas spitzer, fühlt sich am Fuß aber gleich an.

Dieser Bereich ist der Spannendste an neuen Kletterschuhen. Was hat der Hersteller sicheinfallen lassen, um den berühmten Spagat zwischen Performance und Komfort hinzukriegen? Wird die Sohle das nötige Maß an Präzision aufbringen und was verrät uns der Schnitt über die Passform für verschiedene Fußtypen? Bei der Lowa-Falco-Reihe gibt der Hersteller an, mit einem Orthopäden zusammen die Leisten entwickelt zu haben und verspricht so den natürlichen, physiologischen Komfort. Dieser Orthopäde ist kein geringerer als Volker Schöffl – der Kletterarzt aus Franken! Im Endeffekt sind die Kletterschuhe der Falco-Serie sehr stark am Komfort orientiert. Das sieht man sofort an der nicht ganz so hohen Zehenbox und einer sehr moderaten Vorspannung. Die weichen und geschmeidigen Materialien sind ein weiteres Indiz für die Absicht von Lowa einen Komfort-Kletterschuh zu bauen.

Beide Modelle haben eine angenehme und atmungsaktive Zunge sowie ein Innenfutter aus antibakteriellem Material namens “BioAktive”. Beide  Modelle sind aus perforiertem Mikrofaser-Obermaterial gefertigt, das atmungsaktiv und für das Fußklima optimal sein soll. In Sachen Spannungsaufbau bedienen sich sowohl Velcro als auch Falco Lacing des guten alten Slingshot-Gummizugs an der Ferse.  Dieser fällt beim Velcro jedoch merklich straffer aus, was den Fuß noch etwas mehr nach vorne katapultiert. Die Ferse an sich ist schmal und ganz vernünftig gummiert. Leider nicht vollständig, aber für ein Komfort-Modell absolut ausreichend.

Die Sohle ist durchgehend und nahezu gänzlich ohne Downturn. Sie besteht aus einer mittelharten Lowa-Gummimischung, welche einen geringen Abrieb aufweisen soll. Die Sohle ist hart, vermutlich hat Lowa in allen Falco’s eine Zwischensohle eingebaut. Das Randgummi ist zur besseren Anpassung an den Fuß perforiert. Den größten Unterschied stellen die Verschlusssysteme dar. Während der Falco Lacing auf eine Schnellschnürung mit Schlaufen und gleitfähigen Schnürsenkeln setzt., trumpft  der Velcro mit drei gut haftenden Klettverschlüssen auf. Diese sind zwar schmal, lassen den Kletterschuh jedoch gut an den Fuß anpassen. Insgesamt ist die Konstruktion auf Komfort ausgerichtet, ohne dabei eine ordentliche Performance aus den Augen zu verlieren.

Passform und Größe der Lowa Falco Modelle

Da wo bei Lowa Komfort drauf steht, da ist auch Komfort drin. Ich war sehr überrascht, als ich die beiden Falcos das erste Mal anzog. Noch nie habe ich mich in einem Kletterschuh im Neuzustand so gut und wohl gefühlt. Beide Falco-Modelle sind sehr geschmeidig und tun, wenn sie doch irgendwo drücken sollten, max. zehn Sekunden weh. Danach gibt das Material nach (im Sinne einer Anpassung an den Fuß) und man hat eine einmalige Passform. Zwar neigen beide unter Hitze und Schweiß dazu etwas weiter und lockerer zu werden, doch von einer richtigen Dehnung würde ich nicht sprechen. Synthetik sei dank, bleibt die Form im Groben erhalten. Sehr interessant ist der gemütliche Sitz der Zehenbox, welcher selbst bei einer kleiner gewählten Schuhgröße und aufgestellten Zehen gegeben bleibt. Dies zieht sich durch den gesamten Kletterschuh (egal ob Velcro oder Lacing) und mündet in der hervorragenden Ferse. Hervorragend deshalb, weil sie einfach gut sitzt, ohne große Lufträume aufzuweisen und dabei kaum Druck auf die empfindlichen Stellen an der Achillessehne verursacht. So soll das sein – sehr gut gemacht Lowa!

Der optisch sichtbare Downturn ist real fast nicht da

Der optisch sichtbare Downturn ist real fast nicht da.

Wenn ich die Passform beschreiben sollte, würde ich Begriffe wie physiologisch, angenehm, gemütlich, mittelbreit und einfach passend verwenden. Lowa hat es wirklich geschafft ein Paar Kletterschuhe zu produzieren, die ihrem Werbeslogan gerecht werden. Ohne jegliche Einschränkungen kann ich die Erfüllung des Werbeversprechens des Herstellers bestätigen. Diesen hohen Anspruch gleich beim ersten Kletterschuh so gut umzusetzen verdient wirklich einer Anerkennung. Vom Prinzip her stellen beide Falco Modelle die Zehen leicht auf, fassen sie vorne zusammen ohne sie zusammenzudrücken und bündeln so ganz anatomisch die Kraft in der Spitze. Überraschenderweise konnte ich keinen nennenswerten Unterschied zwischen dem Velcro und dem Lacing finden. Evtl. ist der Schnürer etwas ägyptischer geschnitten, aber in Sachen Volumen, Breite und Asymmetrie usw. sind sie wirklich identisch. Das ist zwar etwas ungewöhnlich, aber der Unterschied besteht lediglich im Verschlusssystem und bleibt somit Geschmacksache bei der Kaufentscheidung. Als Anfänger oder Komfort-orientierter Kletterer wird man hier mit fast jedem Zehen- und Fußtyp glücklich. Etwas problematisch könnte es für ganz schmale und schlanke Füße werden. Da würde ich zum Lacing greifen, weil dieses Modell eine etwas bessere Regulierung der internen Volumen ermöglicht.

Die Performance der Ferse ist sehr ordentlich

Die Performance der Ferse ist sehr ordentlich

Bei der Größenwahl kann ich sehr ans Herz legen, sich an der Straßenschuhgröße zu orientieren und sich dann langsam nach halben Größen runter zu probieren. Bei der Straßenschuhgröße von 43 EU habe ich mich für die 42,5 EU entschieden und muss sagen, dass ich diese Entscheidung noch nicht bereut habe. Die 43 ist zu groß, das ist dann bei beiden Modellen so eine Art ewig bequemer Hausschuh. 42,5 EU ist da schon sportlicher, aber eben ohne jeglichen unangenehmen Druck. Aus Neugierde habe ich beide Modelle mal für gut 20 Minuten am Fuß gelassen (beim Bouldern und in den Pausen), mit dem Ergebnis, dass ich auch nach dieser Zeit kein Verlangen danach hatte, ihn auszuziehen. Ein wirklich bemerkenswertes Resultat, welches sicher nicht nur durch die Größenwahl bestimmt wird. Von Minute zu Minute werden diese Kletterschuhe immer bequemer und man hofft dann nur, dass sie sich nicht weiten. Für mehr Performance würde ich den Falco (Lacing/VCS) evtl. sogar noch eine ½ Größe kleiner kaufen. So erfüllt er alle Kriterien, um neben den Routen im oberen siebten Grad auch für das Alpine geeignet zu sein. Alles in allem lohnt sich das Downsizing aber nicht. Einfach die lockere Größenvariante wählen und etwas Zehenkraft antrainieren. Den einmaligen Komfort der Falco Serie sollte man so wie er ist genießen.

Performance – wie klettern sich Lowa Falcos

Wie bereits erwähnt, nehmen sich beide Modelle im normalen Einsatz nichts. Sowohl Lacing als auch der Velcro sind mittelharte Kletterschuhe, die von ihrer Geometrie her unpräziser aussehen, als sie tatsächlich sind. In der Tat war die Präzision der Spitze sehr überraschend für mich. Bei Kletterschuhen aus der Ecke “Anfänger” kenne ich solch eine präzise Leistung bisher nicht. Die Sohle ist für mein Dafürhalten eher weich für einen Einstiegsmodell. Da man am Anfang seiner Kletterkarriere die Kletterschuhe eher größer kauft, werden sie in der Regel sehr hart fabriziert. Dadurch erfährt man die nötige Unterstützung der noch zu schwachen Fußmuskulatur. Lowas Falcos sind da anders. Sie sind nicht bretthart aber auch nicht weich. Die Spitze ist etwas stabiler und im weiteren Verlauf wird die Sohle nachgiebiger. Das hat eine Reihe von Vorteilen, die auch für die Anfänger von unschätzbaren Wert sind. Vorteil Nummer eins ist die Sensibilität – die Kletterschuhe sind ungewohnt und überraschend gefühlvoll im Bereich unter dem großen Zeh. Natürlich kommen sie nicht an Performancemodelle mit Boulderausrichtung ran, aber man bekommt eine sehr ordentliche Rückmeldung über die Beschaffenheit des Tritts.

Ein weiterer Vorteil ist die Biegsamkeit der nicht ganz so brettharten Sohle. Dadurch kann man leichter und schneller lernen, wie man richtig auf Reibung  ansteigt. Diese essenzielle Technik ist in sehr steifen Kletterschuhen etwas schwieriger anzuwenden. Der dritte Vorteil ist das Training der Fußmuskulatur. Wenn man ewig in sehr steifen Kletterschuhen mit viel Unterstützung klettert, fordert es die Muskeln nicht so wie das Klettern mit einem weichen Kletterschuh. Die Falcos sind da aus meiner Sicht ein sehr gelungener Kompromiss und im Komfort/Anfänger-Bereich ein seltenes Gut.

Das Gummi namens Lowa Climb ist sehr klebrig, was man bereits nach dem ersten Anziehen merkt, denn der gesamte Dreck vom Boden ist sofort an der Sohle dran. Leider neigt das Gummi auf kleinen Tritten zu kriechen, wenn man diese länger belastet. Das ist sehr Schade, denn mit dem XSGrip-Gummi hätte man eine vollwertige Gummimischung parat mit der keine Wünsche offen bleiben. Man kann natürlich darüber streiten, ob es in einem Einsteiger-Kletterschuh Sinn macht. Ich finde, dass man Kantenstabilität und Haftung in jedem Kletterschuh braucht, mit dem man von Anfang an seine Tritttechnik sauber ausprägen möchte.

Beim Hooken mit der Ferse wurde ich durch die angenehm sitzende Lowa-Ferse wiederum positiv überrascht. Die Hooks lassen sich gut platzieren und auch ordentlich belasten. Für das “Hard Core Hooking” taugen aber beide Modelle nichts. Durch die kaum vorhandene Vorspannung der Ferse bleibt der Falco selbst beim Lacing-Modell leider nicht zu 100% fest am Fuß. Achtung, das ist meckern auf hohem Niveau! Im siebten Grad kann man ausreichend gut und stabil hooken, das ist sicher. Beim Toe-Hooken sind die Leistungen beider Falcos natürlich nicht mit einem Solution zu vergleichen. Für einen Kletterschuh dieser Ausrichtung ist die Performance dennoch sehr solide. Bei größeren Flächen kann man die perforierte Gummierung über dem großen Zeh gut nutzen, um mit den Zehen zu hackeln. Da das Material sehr weich ist, kann man die Zehen gut anheben und so diesen Effekt zusätzlich unterstützen. Alles in allem ist die Performance gut.

Haltbarkeit

Der limitierende Faktor

Der limitierende Faktor: Die Sohle Lowa Climb.

Bereits die kurzen Erfahrungswerte zeigen, das die Lowa Climb verhältnismäßig schnell verschleißt. Die Kante an der Spitze wird von Boulder zu Boulder runder, ob die Entwicklung irgendwann stagniert wird die Zukunft zeigen. Sollte die Sohle vorzeitig ableben, kann man die beiden Falcos ohne Probleme neu besohlen lassen. Beide Kletterschuhe sind so gut und qualitativ hochwertig verarbeitet, dass sie ohne Weiteres auch eine zweite Sohle überleben werden. Insgesamt ist die Haltbarkeit nicht im Bereich des Unzerstörbaren, weist jedoch durchaus Langlebigkeitstendenzen auf.

Empfehlung/Einsatzbereich

Man kann diesen Kletterschuh de facto überall einsetzen. Durch die nicht ganz so steife Sohle finde ich ihn im Sandstein und im Granit sehr angebracht. Am Plastik rockt er alle mal. Im speckigen Kalk wünschte ich mir bereits das eine oder andere Mal die XS-Grip-Gummisohle herbei. Diese Aussage ist jedoch an einen bestimmten Schwierigkeitsgrad gekoppelt. In einfacheren Routen und auch beim Bouldern bewähren sich beide Modelle hervorragend. Daher meine persönliche Empfehlung, die Falco-Kletterschuhe als ersten Kletterschuh einzusetzen. Einen Einsatz als Alpinpatschen ist aus meiner Sicht ebenfalls sinnvoll. Die beinden Lowa Falco sind Allrounder mit großem Plus an Komfort.

Das Randgummi mit den Löchern trägt zum Komfort bei.

Das Randgummi mit den Löchern trägt zum Komfort bei.

Fazit zum Lowa Falco

Egal zu welchem Falco-Kletterschuh von Lowa man greift, man bekommt das Gleiche: bequemer Sitz, ordentliche Performance mit bemerkenswerter Sensibilität und einen fairen Preis. Der einzige Unterschied zwischen den beiden getesteten Modellen scheint tatsächlich die Verschlussart zu sein. Alles andere ist identisch. Beide Modelle sind für mich bereits jetzt der Inbegriff eines bequemen Einsteiger-Kletterschuhs.

 

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