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Vier-Tagestour durch das wilde Jotunheimen

15.05.2013

Vier-Tagestour durch das wilde Jotunheimen

Jotunheimen ist das höchste Gebirge Norwegens und Skandinaviens und bedeutet übersetzt “Heim der Riesen”. Die Landschaft ist schroff und immer mal wieder liegen gewaltige Felsbrocken herum. Es sieht überall so aus, als hätten Riesen damit Fußball gespielt und dann die Felsen achtlos liegengelassen. Wahrscheinlich kommt der Name aber eher daher, dass man hier tatsächlich die höchsten Gipfel Norwegens findet. Insgesamt sind nämlich über 250 Gipfel höher als 1.900 Meter, 20 davon sogar über 2.300 Meter.

Joutenheimen ist das "Heim der Riesen". Norwegens höchste Gipfel sind durchweg hier zu finden.

Jotunheimen ist das “Heim der Riesen”. Norwegens höchste Gipfel sind durchweg hier zu finden.

Schon als mein Mann und ich 2011 das erste Mal in Jotunheimen Halt machten, um den Besseggengrat zu besteigen, hat uns diese einzigartige Landschaft in ihren Bann gezogen. Schnell entstand der Wunsch wiederzukommen und noch intensiver in diese geheimnisvolle Welt einzutauchen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns auch schon vorsichtig an eine Mehrtagestour herangetastet, denn wir verbrachten eine Nacht in der kuscheligen Torfinnsbu am See Bygdin. Dieses Mal wollten wir aber eindeutig „mehr“. Unsere Tour sollte sich über mindestens drei Tage erstrecken und uns quer durch Jotunheimen führen. Die “Infrastruktur” ist hervorragend ausgebaut , die Hütten liegen immer eine Tagesetappe auseinander. Da auch die Tage in Norwegen während der Sommermonate sehr lang sind, stellt so eine Unternehmung also überhaupt kein Problem dar.

Für die Vorbereitung und Durchführung dienten uns als erster Ideengeber der Wanderführer “Norwegen Süd“ aus dem Rother Verlag und als absolut empfehlenswertes Hilfsmittel die wirklich guten Karten “Jotunheimen Aust“ und “Jotunheimen Vest“ aus dem Turkart-Verlag. In diesen topografischen Karten sind nicht nur die Sommer- und Winterwege sondern auch Hinweise zu saisonalen Brücken und den TNT-Hütten enthalten. Ebenfalls sehr praktisch ist, dass auch noch eine ungefähre Zeitangabe für die verschiedenen Wegvarianten genannt wird.

Wir entschieden uns schließlich für die Tour von Gjendebu über Leirvassbu nach Spiterstulen und dann über Glitterheim zurück nach Gjendesheim.

1. Etappe Gjendebu – Leirvassbu / 18 km

Um den Ausgangspunkt der Tour, die Hütte Gjendebu, zu erreichen, kann man ab Gjendesheim am See Gjende entlangwandern oder man nimmt die Fähre. Die Fähre legt mehrmals täglich in Gjendebu ab und man sollte rechtzeitig vor Ort sein, da der Andrang groß sein kann. Wir entschieden uns trotzdem für die bequemere Variante, die Fahrt mit der Fähre. Um stressfrei und pünktlich zum Fähranleger zu kommen, übernachten wir in der Gjendesheim, wo wir abends noch ein hervorragendes Drei-Gänge-Menü genossen. Satt und zufrieden bezogen wir dann unser Vier-Bett-Zimmer, das wir mit einem freundlichen norwegischen Ehepaar mittleren Alters teilten.

Norwegen aus dem Bilderbuch: Die Gletscher haben der Landschaft in Jotunheimen einen ganz eigenen Schliff verliehen.

Norwegen aus dem Bilderbuch: Die Gletscher haben der Landschaft in Jotunheimen einen ganz eigenen Schliff verliehen.

Nach einer ruhigen Nacht und einem reichhaltigen Frühstück mit Müsli, Käsebroten und Waffeln machten wir uns auf den Weg zum Bootssteg. Trotz der frühen Stunde standen schon viele Leute an, was uns aber nicht daran hinderte, eine Sitzplatz auf der Fähre zu ergattern. Nach einer guten Stunde Fahrt kamen wir am Ausgangspunkt der ersten Etappe an. Es ging erst ein kurzes Stück am See entlang und schon bald lagen Gjendebu und der Rest der Zivilisation hinter uns. Der Weg verlief anfangs meist flach, dann ging es eine Zeit lang steiler nach oben. Nach dem ersten längeren Aufstieg machten wir eine kurze Pause. Aus den tiefen unserer Trekkingrucksäcke zauberten wir einen Laib Brot und norwegischen Käse. Gestärkt galt es nun, ein paar Schneefelder zu überqueren und kleinere und größere Rinnsale zu überspringen.

Nach ungefähr der Hälfte des Weges erreichten wir den See Langvatnet. Zugegeben, es ist tatsächlich sehr romantisch an einem Seeufer entlang zuwandern. Das einzige Problem dabei ist, dass es kein Ende zu nehmen scheint. Auch wurde der Weg zunehmend steiniger und steiler. Ein letztes größeres Schneefeld überquerend lag nach etwa 6,5 Stunden schließlich das Berghotel Leirvassbu vor uns, das wir nach weiteren 30 Minuten freudig erreichten. Wie sich schnell herausstellte, war diese Herberge vor einigen Jahren der Drehort eines Horrorfilms gewesen. Filmplakate und Storyboards im Aufenthaltsraum sind immer noch stille Zeugen dieses Ereignisses. Trotzdem schliefen wir nach einer Portion Waffeln und einem guten Abendessen tief und fest.

2. Etappe Leirvassbu -Spiterstulen / 13 km

Das Frühstück in Leirvassbu war nicht ganz so gut wie am Tag zuvor, trotzdem brachen wir zufrieden und satt auf. Dabei sollte natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass man sich auf wahrscheinlich jeder Hütte für ein paar extra Kronen ein Lunchpaket schnüren kann. Die Mitnahme eines platzraubenden Brotlaibs ist somit wirklich überflüssig. Nach einem kurzen Stück am See Leirvatnet und ein paar Höhenmeter erreichten wir das Tal Visdalen. Gemächlich ging es hier einen Fluss entlang, den man auch immer wieder mal überwinden musste. Das war eigentlich auch schon die einzige Schwierigkeit dabei, wenn man es denn überhaupt so nennen möchte. Leider war es den ganzen Tag über bewölkt und es wehte teilweise ein recht eisiges Lüftchen. Das nächste Etappenziel, das Berghotel Spiterstulen, war dann auch recht schnell erreicht. Laut Wanderführer hätten wir fünf Stunden brauchen sollen, wir schafften es in knapp vier Stunden, was der Kartenangabe entspricht. Diese sportliche Leistung belohnten wir mit einer Dose Bier für ach Euro in der Hotellounge. Witzigerweise trafen wir dort das norwegische Ehepaar wieder, mit dem wir in unserer  ersten Hüttennacht das Zimmer teilten. Von diesen netten Leutchen erfuhren wir, dass Norweger auch im Winter zelten. Das Problem dabei wäre wohl nur, auf dem Schnee einen ebenen Platz für das Zelt zu finden. Na dann :-).

3. Etappe Spiterstulen – Glitterheim / 16 km

Den Löwenanteil der Höhenmeter in Etappe 3 hatten wir gleich zu Beginn absolviert.

Den Löwenanteil der Höhenmeter in Etappe 3 hatten wir gleich zu Beginn absolviert.

Dass Spiterstulen eher ein Hotel als eine gemütliche Berghütte ist, merkten mein Mann und ich beim Frühstück. So einen Ansturm auf das Büfett erwartet man eigentlich eher auf Mallorca. So schauten wir, dass wir schnell zu Müsli, Käse und Brot kamen und packten danach wieder unser Rucksäcke. Schon am Vorabend hatten wir beschlossen, den Gletscher Glittertind auszulassen. Obwohl wir relativ trittfest und erfahren sind, erschien uns diese Tour aufgrund der vielen Restschneefelder und des relativ trüben Wetters als zu gefährlich.

Endlose Geröllfelder so weit das Auge reicht - oder die Nebelwand.

Endlose Geröllfelder so weit das Auge reicht – oder die Nebelwand.

Der Beginn unseres neuen Wandertages war trotzdem steil genug, denn den Löwenanteil an Höhenmetern hatten wir bereits zu Beginn zu bewältigen. Oben angelangt begannen die Geröllfelder, die im Laufe des Tages immer ausgedehnter werden sollten und deren Ausmaß man leider aufgrund des Nebels auch nur erahnen aber nicht sehen konnte. Für mich war dies der schlimmste Abschnitt unserer Mehrtagestour, zeitweise war ich der Verzweiflung nahe. Was mich ein bisschen aufheiterte, war die große Rentierherde, die unseren Weg kreuzte. Es war beeindruckend, auch wenn die Herde nicht zum Greifen nahe war.

Nach schier endlosem Klettern über Gesteinsbrocken und Stapfen durch Schneefelder erreichten wir nach sieben Stunden endlich Glitterheim. Eigentlich hätten wir hierher nur fünf Stunden brauchen sollen. Aber egal, die gemütliche, nun im schönsten Sonnenschein liegende Hütte zu Füßen des Glittertind entschädigte uns für die Strapazen. Besonders meine Füße waren froh, endlich die dicken Bergstiefel los zu sein.

4. Etappe Glitterheim – Gjendesheim / 23 km

Die Nacht verbrachten wir in einer relativ gemütlichen Schlafkoje – jedoch mit mindesten zwei schnarchenden Nachbarn. Nach einem reichhaltigem Frühstück waren wir bereit für den Endspurt. Auch diese Etappe begann mit einem steilen Aufstieg, den wir trotz des anstrengenden Vortages schnell bewältigten. Das nächste Wegstück führte uns über eine Hochebene an das Ufer des Russvatnet, das wir dann mehrere Stunden entlangwanderen sollten.

Wo geht's lang? Die Infrastruktur in Jotunheimen ist hervorragend.

Wo geht’s lang? Die Infrastruktur in Jotunheimen ist hervorragend.

Mein Mann motivierte mich immer wieder mit der Aussicht auf eine Portion Waffeln mit Sahne in Gjendesheim. Die Strecke war relativ beliebt, denn außer vielen weißen Schafen kamen uns zahlreiche Wanderer entgegen. Und wenn man keine Schafe sehen konnte, war das Gebimmel ihrer Glöckchen zu hören :-). Am Ende des Sees angekommen, ging es zunächst wieder etliche Höhenmeter nach oben. Unzählige Schafe später hatten wir dann den höchsten Punkt der Etappe erreicht und es ging nur noch abwärts. Und wie es abwärts ging! Nach einiger Zeit war mir wieder klar, warum ich lieber aufwärts gehe! Ein Abstieg von etwa 1.000 Höhenmetern mit müden Beinen sind schon eine Ansage – zumal es auch immer wieder nach oben ging. Nach etwa sieben Stunden Wanderung erreichten wir endlich Gjendesheim, den Startpunkt unserer Wandertour! Bei einem Kaffee und Waffeln genossen wir den herrlichen Ausblick auf den See Gjende und den Besseggen.

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