Alpin

Zweimal durch die Monte-Rosa-Ostwand mit Ski

24.04.2013

Zweimal durch die Monte-Rosa-Ostwand mit Ski

Die alpine Bibliothek meiner Eltern beinhaltet unter anderem ein Buch mit dem romantischen Titel „Hüttenzauber“, in dem verschiedene Hütten im Alpenraum beschrieben werden. So auch das Rifugio Zamboni-Zappa am Fuße der gewaltigen Monte-Rosa-Ostwand. Mit dabei ist ein Bild, das die Erstbefahrung der Ostwand mit Ski dokumentiert. Als kleiner Bub war dies für mich eine ganz andere Welt. Aber das Bild hat sich über die Jahre eingeprägt und formte sich zu einem Traum.

Viele Jahre später sitzen wir an einem Allgäuer Küchentisch und planen das Wochenende. Verschiedene Skiziele stehen im Raum bis die Entscheidung auf die Monte-Rosa-Ostwand fällt. Die ersten Zweifel an dieser Entscheidung kommen auf, als wir spätabends bei strömendem Regen am Comer See in einer Pizzaria sitzen. Irgendwann vor Mitternacht stehen wir am Liftparkplatz in Macugnaga mit einem Bier in der Hand – und es regnet noch immer. Abgesehen vom Bier, nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine der größten Wände der Alpen.

Monte Rosa Ostwand | am Wandfuß

Auch am nächsten Tag in der Früh zeigt sich das Wetter von seiner bedeckten Seite. Leise verflucht jeder den Wetterbericht. Doch bald schimmern rosa gefärbte Gipfel durch die Nebeldecke, die sich rasch auflöst und den Blick auf die gewaltige Wand freigibt. Sofort wird es hektisch. Jeder packt voll motiviert seinen Rucksack, um so schnell wie nur möglich los zu kommen.

Marinelli-Biwak | Mitternachtssnack

Trotz des verspäteten Starts sitzen wir zu Mittag vor dem Marinelli-Biwak, das auf ca. 800 Meter Wandhöhe liegt. Den Nachmittag über wollen wir gemütlich vor der Hütte in der Sonne liegen. Das geht die erste halbe Stunde gut, danach wird es neblig und kühl. Dafür passt das Animationsprogramm in Form von Lawinen, die ab dem späten Vormittag die Ostwand hinunter donnern. Beinahe spülen sie drei Skifahrer mit, die sich reichlich spät in der Abfahrt befinden. Für uns ist klar, dass wir spätestens um 8 Uhr vom Silbersattel abfahren wollten. Bis dorthin rechnen wir maximal vier Stunden plus Reserve. Also Wecker auf 2 Uhr und ab in die Schlafsäcke.

Ambiente Ostwand

Nach dem üblichen Mitternachtssnack geht es raus in die kühle Nacht. Vollkommene Stille. Es ist zwar noch nicht optimal durchgefroren, aber ein Großteil der Abstrahlung erfolgt noch. Beim Aufstieg durch das Marinelli-Couloir, entlang der geplanten Abfahrtslinie, erwarten uns kaum schwierige Passagen und mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir die oberen Hänge. Abgesehen von der zunehmenden Höhe in Kombination mit der fehlenden Akklimatisierung können wir den Aufstieg voll genießen – zumal uns die Dimensionen in dieser Wand fast erschlagen. Früher als Gedacht sitzen wir oben am Grat und genießen das Walliser Panorama.

Silbersattel

Alleine mach ich mich noch schnell auf den Weg zur Dufourspitze und bald darauf treffen wir uns wieder am Silbersattel. Ich versuche noch meinen Puls vom Gipfelsprint runterzubekommen, während Flo schon mit den Skiern scharrt. Vor uns liegt eine Abfahrt von über 3.500 Höhenmetern, die Großteils über ein Gelände verläuft, das kaum Fehler zulässt. Die ersten 100 Meter der Einfahrt gestalteten sich richtig unangenehm. Bis auf maximal zwei Meter ist der obere Teil blank. Danach wird der Schnee griffiger und die Schwünge zunehmend lockerer. Schnell gewöhnen wir uns an die Steilheit und es kommt immer mehr Sicherheit auf. Durch die labile Wetterlage bildet sich im mittleren Wanddrittel ein Wolkenband, das der Abfahrt doch wieder eine gewisse Würze verleiht.

Wandmitte | Einfahrt

Prinzipiell kann durch das zentrale Couloir direkt bis zum Wandfuß abgefahren werden. Da wir aber noch Material im Biwak deponiert haben, folgen wir unseren Aufstiegsspuren, sammeln alles ein und fahren vom Biwak entlang des Aufstiegs ins Tal.

Wandmitte | Finale

Am Wandfuß kommt schließlich eine große Gelassenheit auf – und Freude, dieses Abenteuer so gut überstanden zu haben. Auch wenn man meint, alles im Griff zu haben, können kleine Fehler schwerwiegende Folgen haben. Trotzdem nehmen wir dieses Risiko immer wieder in Kauf, weil das Erlebte alles andere überragt. Und, um Träume zu erfüllen.

2 Kommentare

  1. Echt stark! Ich war nur mal über den Normalweg auf Dufourspitze, Zumsteinspitze und Signalkuppe und hab von oben ‘reingeschaut. Beeindruckende Dimensionen, beeindruckende Wand, beeindruckende Tour.

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