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Mein erster Klettersteig am Grünstein – auch 74-Jährige schaffen das!

16.04.2013

Mein erster Klettersteig am Grünstein – auch 74-Jährige schaffen das!

Die Gelegenheit, meinen ersten Klettersteig in Begleitung eines Bergführers begehen zu können, konnte ich nicht ausschlagen. Jetzt steh ich da – etwa acht Meter hoch über dem Boden in der leichteren Variante (Isidor) des Grünstein-Klettersteiges unweit von Schönau am Königssee im Berchtesgadener Land – und habe „Schwammerl in den Knien”. Mit zittrigen Beinen frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Egal, runter ist sowieso keine Option mehr, schließlich ist der Bergführer schon voraus gestiegen und wartet,  dass ich ihm folge. Das Seil, das er „als doppelten Boden” zusätzlich zu meinem Klettersteigset an meinem Gurt befestigt hat, stützt meine Psyche ungemein – einfach nur, weil es da ist.

Gebraucht wird es übrigens den ganzen Vormittag nicht. Denn: irgendwann macht es im Kopf „Klick” und dann sogar enormen Spaß, sich die richtigen Tritte und Griffe am Fels zu suchen. „Jeder kann einen leichten Klettersteig gehen,” ist sich mein Führer sicher. „Eine gewisse Grundkondition, Koordination und Schwindelfreiheit sind allerdings Voraussetzung”. Schwindelig kann einem schon Mal werden, wenn man kurz den Ausblick Richtung Königssee genießt. Der ansonsten sehr „grüne” Klettersteig führt mit einer kurzen Seilbrücke über eine Mini-Schlucht und teils über Eisentritte steil bergan. Auch ein paar erdige Passagen sind zu überwinden.

Am Einstieg zum Klettersteig kann man sich genau darüber informieren, auf welche Strecke man sich einlässt.

Am Einstieg zum Klettersteig kann man sich genau darüber informieren, auf welche Strecke man sich einlässt.

Ratsch, ratsch, ratsch – allmählich geht einem das abwechselnde Aus- und Einhaken der Sicherungskarabiner in das Stahlseil am Fels in Fleisch und Blut über. Wie von alleine finden die Füße jetzt ihren Stand. Auf unserem Weg nach oben überholen wir einen älteren Herrn, der mit seinem Guide gerade Pause macht. Gezwungenermaßen quasi: „Ich hatte ja keine Vorstellung davon, dass der Klettersteig so lang ist. Mein Bergführer hat mich aber sehr motiviert, der macht das super,” erzählt der 74-Jährige (!), den es schon länger Hoch hinaus zieht und der heute, genau wie ich, seinen ersten Klettersteig bestreitet. „Respekt”, denk ich mir und bin froh, selbst schon erste Erfahrungen in der Kletterhalle gesammelt zu haben. Immer höher geht es die „Via Ferrata”, wie Klettersteige auch genannt werden, hinauf und ich merke, dass ich mich endlich richtig eingefunden habe.

Klettern hoch über dem Königssee

Fast zu schnell ist auf einmal der Klettersteig vorbei. “Geschafft” denke ich und atme lautstark durch. Dann sehe ich, dass das anstrengendste Stück – der sich ziehende Aufstieg über einen schmalen Bergsteig in praller Sonne – doch noch vor mir liegt. Entlohnt werde ich mit atemberaubenden Ausblicken auf den Watzmann, der wie zum Greifen nahe scheint und sich heute ausnahmsweise nicht hinter Wolken verbirgt.

Der sehr „grüne” Klettersteig bietet auch durchaus felsige, steile Passagen, die nicht immer so schön mit Stahlstufen versichert sind wie hier.

Der sehr „grüne” Klettersteig bietet auch durchaus felsige, steile Passagen, die nicht immer so schön mit Stahlstufen versichert sind wie hier.

Endlich sind wir am Gipfel, Brotzeit und Gipfelbier in der Grünstein-Hütte sind redlich verdient. Als wir uns nach einer langen Pause gerade verabschieden wollen, treffen wir wieder auf den 74-Jährigen. Er berichtet erschöpft über kleine Blessuren wie Blasen an den Händen, einer Schürfwunde am Schienbein und prophezeit sich selbst einen Muskelkater. Aber Spaß hat’s trotz der Anstrengung schon gemacht, oder? „Ja!”, so antwortet der fitte Mittsiebziger voller Inbrunst. „Das Schönste war, über die Schwierigkeit wegzukommen. Schwer ist nur der Anfang, am Schluss hat es viel Spaß gemacht. Auch, weil man den Königssee mal aus einer anderen Perspektive sehen konnte.”

Allein in einen Klettersteig – das würde er allerdings doch keinem raten, der unerfahren ist. Unsere Bergführer nicken zustimmend und ergänzen noch, wie dumm und unverantwortlich es sei, ohne die richtige Ausrüstung (Klettersteigset, Helm) einen Kettersteig zu begehen. Auch sei es wichtig, das Wetter gut zu beobachten. Wie wichtig, zeigt ein Pressebericht der Bergwacht eine Woche nach meiner Tour: Eine Gruppe holländischer Soldaten wurde im Grünstein-Klettersteig von einem Gewitter überrascht  und glatt vom Blitz getroffen. Das Stahlseil wirkte ähnlich wie ein Blitzableiter. Gott sei Dank ist keinem etwas schwerwiegendes passiert.

Alarmierend sind übrigens die Unfallzahlen beim Klettersteiggehen. So zeigt eine Statistik des Alpenvereins eine Verdreifachung der Meldequote seit 2002. Dabei machen so genannte „Blockierungen” den Hauptanteil aus – also Notsituationen, in denen die Betroffenen nicht mehr vor und nicht mehr zurück können und deshalb gerettet werden müssen.  Eine ehrliche Selbsteinschätzung und die entsprechende Auswahl der Tourenziele seien daher besonders wichtig, raten die Experten.

Erste Erfahrungen im Klettersteig sammelt man am besten bei Einsteigerkursen des DAV oder mit ausgebildeten Bergführern, zum Beispiel unter  www.outdoor-club.de. In Berchtesgaden gibt es zudem die erste Salewa Klettersteigschule  www.klettersteigschule.de . Bergführer kann man unter www.berchtesgadener-bergfuehrer.de finden.

Info: Der Grünstein-Klettersteig in Schönau am Königsee ist in der Saison 2013 seit dem 15. April geöffnet. Mehr unter www.klettersteig-gruenstein.de.

Ziemlich voll kann es in der Isidor-Variante des Grünstein-Klettersteigs werden.

Ziemlich voll kann es in der Isidor-Variante des Grünstein-Klettersteigs
werden.

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