Alpin

By fair means: Eine lange Radtour ins Karwendel

09.04.2013

By fair means: Eine lange Radtour ins Karwendel

Ich bin nervös, kann nur schwer einschlafen. Nervös vor lauter Vorfreude, denn bald geht es endlich einmal wieder los – von Königsdorf Richtung Süden. Mein Ziel: Zum Sonnenaufgang den Gipfel der Westlichen Ödkarspitze im Karwendel erreichen, An- und Rückfahrt mit dem Rad.

Karwendel by fair means: Im Fahren schieße ich ein Bild des Treibhaus-Biergartens.

Lichter in der Nacht: Im Fahren schieße ich ein Bild des Treibhaus-Biergartens.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht klingelt mich das Handy nach drei Stunden Dösen endlich aus den warmen Federn, mit einem Sprung bin ich auf den Beinen. Ich mache die Tour nicht das erste Mal, trotzdem bin ich innerlich ein wenig unruhig. Wird alles gut gehen? Werde ich Pannen haben? Spielt das Wetter mit? Und vor allem: Schaffe ich das überhaupt?

Am Abend vorher habe ich mein Rad im Keller bereits vorbereitet. Ich fülle nur schnell die Flaschen auf und checke meinen Proviant, den ich in einer Ortlieb-Tasche verstaut habe. Nach einem kräftigen Mitternachts-Kaffee sitze ich um halb ein Uhr nachts fest im Sattel. Der Mond scheint silbrig, und eigentlich brauche ich kein Licht. Es kann getrost ausgeschaltet bleiben. Ich schlage in die alte Tölzer Straße ein und fahre über Kreuth Richtung Isartal. Mein alter Schulweg, ich kenne jede Kurve, jedes Schlagloch, jede Unebenheit. Ich kann die Route fast blind fahren. Es ist Mahd und duftet nach frisch gemähtem Gras. Was ist das nur für eine großartige Stimmung. Es wirkt geradezu magisch, sich zu dieser Stunde durch die voralpine Hügellandschaft zu bewegen. Bis zum Pub “Treibhaus” begegnet mir kein einziges Auto, im Fahren schieße ich ein verwackeltes Foto von den Lichterketten über dem Biergarten.

Karwendel by fair means: Nass und kalt ist es im Radweg-Tunnel zum Sylvenstein.

Nass und kalt ist es im Radweg-Tunnel zum Sylvenstein.

Um nach Fischbach zu kommen, nehme ich die Route über Wackersberg und lasse Tölz links liegen. Das Rad läuft wie geschmiert, technisch überlasse ich heute nichts dem Zufall. Vorne habe ich einen Slick montiert, hinten etwas grobstolligeres, damit ich später den Anstieg zum Karwendelhaus gut hinter mich bringen kann. Bei einer meiner letzten Touren ins Karwendel hatte ich zwei Slicks montiert und war prompt bei der Abfahrt weg geschmiert. Die Wirtin der Larchetalm musste damals ihren Verbandskasten plündern. Das soll mir heute nicht passieren!

Zauberhafte Stimmung im Voralpenland

Langsam komme ich in Fahrt, die Berge locken mich an, jede Müdigkeit ist wie weggeblasen! Es zieht mich Richtung Sylvenstein, Rißtal und Karwendelhaus, als ob es dort heute etwas umsonst geben würde. Mit jedem Atemzug genieße ich das Unterwegs-sein. Das ist für mich die Idealform des Sports, es gibt nichts Erfüllenderes als so eine in sich geschlossene Tour, bei der man keinen Verbrennungsmotor bemühen muss. Es ist nur ein Gedanke da: noch in der Morgenkühle auf einem hohen Karwendelgipfel stehen.

Schließlich biege ich in Wegscheid links ab und fahre über Fleck auf den Radweg zum Sylvensteinspeicher. Im kurzen Tunnel, der mich zur Dammkrone leitet, ist es eiskalt und nass – dahinter empfängt mich jedoch ein warmer Lufthauch. Es ist nun ungefähr 2 Uhr nachts, 35 Kilometer liegen bereits hinter mir. Im Sylvensteinspeicher spiegelt sich der Mond geradezu märchenhaft. Keine Wolke am Himmel. Ein Schluck aus der Flasche und einen Jauchzer später sitze ich wieder auf dem Rad. Die Beine sind in Form, ich fliege förmlich an Fall vorbei und steuere das Rißbachtal an. Die deutsche Alpenstraße ist heute Nacht ein einziger riesiger Radweg. Nach Vorderriss wird es erfahrungsgemäß steiler, mein Respekt vor der Route wächst. Nur nicht zuviel wollen, immer schön auf den Körper hören. Die Karwendel-Magie hat mich bereits voll erfasst, wie ein Wächter steht der Vorderskopf vor den höheren Karwendel-Gipfeln und lässt mich gnädig passieren. Allein die Vorstellung, dass ich bald von oben auf all die Berge um mich herum herab blicken werde, gibt mir Kraft. Ich bin eins mit der Bewegung, mit dem Takt, den die Kurbelumdrehungen vorgeben. Bis Hinterriss läuft alles wie von alleine – ich achte nur mehr auf den Rhythmus der Beine, auf den Lichtkegel meiner inzwischen eingeschalteten Fahrradlampe und auf Asian Dub Foundation, die aus meinen Ohrhörern wummern: “Truth hides, under fallen Rocks and Stones….”.

Karwendel by fair means: Um fünf herrscht noch Ruhe am Karwendelhaus.

Nix los: Um fünf herrscht noch Ruhe am Karwendelhaus.

Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten im Straßengraben, der sich träge nähert. Was zum Geier ist das? Ein Hirsch!!! Kurz vor der Brücke zwischen Hinterriss und der Mautstelle schreitet der König des Waldes majestätisch vor mir über die Fahrbahn. Um ein Haar wäre ich ihm in die Flanke gefahren! Von einem mickrigen Radfahrer wie mir lässt er sich jedenfalls nicht im geringsten schocken. Verdattert radle ich weiter, zu gefangen bin ich in der Bewegung, in der Nacht, in diesem Sporterlebnis. Diese “Begegnung der dritten Art” wird mir sicher niemand glauben!

Nach 60 Kilometern: Runter vom Asphalt

Schließlich ist der erste Zielpunkt der Tour erreicht, nach gut 60 Kilometern Radelei komme ich an der Abzweigung des Johannestals vom Rißbachtal an. Jetzt wird es ernst! Es ist knapp drei Uhr morgens und ich rechne mir gute Chancen aus, die Ödkarspitzen zum – oder gar vor dem – Sonnenaufgang zu erreichen. Von hier sind es doch “nur” noch 1700 Höhenmeter?! Nach kurzem Zucker-Input und Pinkelpause gebe ich so gut es geht Gas. Die ganze Woche über habe ich mich schon psychisch auf die Tour vorbereitet, daher bin ich mental voll auf der Höhe. Die ersten steileren Passagen entlang des Johannestals sind wie erwartet ausgewaschen und bieten den Reifen nur wenig Griff. Man muss behände die richtige Route wählen. Nachdem die ersten steilen Stellen und der zum Teil stark erodierte Wegabschnitt oberhalb der Klamm bewältigt sind, komme ich in einen Mantra-ähnlichen Takt und erreiche gegen viertel vor vier nach der Schwarzlackenhütte den Kleinen Ahornboden. Da ist doch rechts der Brunnen – also schnell die Flüssigkeitsreserven auffüllen! Auf dem Kleinen Ahornboden habe ich die 1400 Meter-Marke geknackt und befinde mich damit bereits mehr als halb so hoch wie die Gipfel, auf denen ich später stehen werde.

Karwendel by fair means: Kurz vor dem Gipfel der Westlichen Ödkarspitze: Sonne.

Kurz vor dem Gipfel der Westlichen Ödkarspitze: Sonne.

Jetzt wird es erfahrungsgemäß grobkörnig: Der Ziehweg rauf zum Hohljoch hat durch seinen sich eng ans Gelände anschmiegenden Routenverlauf und durch seine Ausgewaschenheit einen sehr rauen Charakter. Daran hat sich in Jahrzehnten nichts geändert und das ist auch gut so. Man fühlt hier förmlich die Wildheit des Gebirges. Schier endlos zieht sich der letzte Abschnitt des Wegs zum Hohljoch und Richtung Karwendelhaus in die Länge. Doch ich bin zufrieden, gegen 5 Uhr morgens erreiche ich die Schutzhütte, wo außer einer brennenden Nachtlampe keine Anzeichen von menschlichen Aktivitäten zu sehen sind. Es ist mucksmäuschenstill.

Hinauf Richtung Gipfel

Jetzt müssen sich die Beine umgewöhnen. Ich stopfe ein paar Müsliriegel und einen leichten Fleecepulli in den Minirucksack, den ich für den Gipfelaufstieg dabei habe, schlüpfe aus den Rad- in die leichten Laufschuhe und nehme bei beginnender Dämmerung den Weg ins Schlauchkar in Angriff. Wie Skulpturen stehen die Lawinenverbauungen im Morgenlicht, Stirnlampe brauche ich keine mehr. Die Beine sind wieder voll da. Das sollte eigentlich machbar sein, mit dem Sonnenaufgang. Bald bin ich an der Abzweigung des Brendelsteigs angelangt und nehme noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Später, an den Quellen rechts des Weges, fülle ich nochmals auf. Keine Ahnung, wie viele Liter ich in dieser Nacht schon rausgeschwitzt habe…

Über mir die steile Nordwand der Ödkarspitzen und einige Altschneefelder querend, erreiche ich den Anfang der Seilversicherungen, die mich auf den Nordwestrücken der Westlichen Ödkarspitze bringen. Endlich kann ich die Arme ein wenig einsetzen und die Beine etwas entspannen. Langsam aber sicher wird es nun hell, der Uhrzeiger rückt vor. Schließlich komme ich auf dem Gratrücken an, auf dem sich der Weg Richtung Pleisenhütte vom Anstieg zu den Ödkarspitzen trennt. Die etwas ausgesetzte Querung hinüber in die oberen Ausläufer des Marxenkars ist unproblematisch, bald schnaufe ich die harmlosen Kehren auf der schotterigen Westabdachung der Westlichen Ödkarspitze hinauf.

Karwendel by fair means: An den Ödkarspitzen liegt noch ein wenig Schnee.

An den Ödkarspitzen liegt noch ein wenig Schnee.

Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich Richtung Gipfel, als ich schließlich gegen 6:20 Uhr die Westliche Ödkarspitze erreiche. Es ist atemberaubend schön und rührend zugleich. Geschafft! Sechs Stunden habe ich für den “Aufstieg” von Königsdorf auf einen der höchsten Karwendelgipfel benötigt. Ich gönne mir einen Müsliriegel und mehrere tiefe Züge aus der Trinkflasche. Das ist schon die halbe Miete, ich freue mich riesig! Es ist unbeschreiblich, wie gerne ich auf diese Art im Karwendel unterwegs bin. Die Liebe zu diesem Nordtiroler Gebirgszug ist ein Stück Lebensinhalt geworden – spätestens, seit ich mit 13 Jahren das erste Mal mit meiner Schwester eine Bike&Hike-Tour auf die Birkkarspitze gemacht habe.

Ein gutes Stück des Wegs liegt jedoch noch vor mir, und ich will auch die Birkkarspitze noch früh erreichen, ehe die ersten Gipfel-Aspiranten vom Karwendelhaus ankommen und es unruhig wird. Der Weg hinüber zur Östlichen Ödkarspitze ist zwar noch von Schneeflecken bedeckt,  die kurzen seilversicherten Stellen sind aber nicht weiter tragisch. Ich bin berauscht von der Stimmung!

Karwendel by fair means: Im Schlauchkar begegnen mir erste Gipfel-Aspiranten.

Im Schlauchkar begegnen mir erste Gipfel-Aspiranten.

Beim Abstieg in den Schlauchkarsattel ist ein wenig Fingerspitzengefühl angesagt, wie auch beim Gegenanstieg auf die Birkkarspitze, deren Gipfel ich gegen 7:30 Uhr erreiche. Oben treffe ich einen sympathischen Weitwanderer, der mit seiner Mamiya-Mittelformatkamera hochkonzentriert Bilder aufnimmt. Er ist auf der Strecke München-Venedig unterwegs und extra früh aufgebrochen, um zeitig auf dem höchsten Karwendelgipfel anzukommen. Nach einer viertel Stunde zieht es mich wieder Richtung Rad und ich nehme flugs den Abstieg durch das Schlauchkar unter die Sohlen. Im Steilstück unterhalb der obersten Kar-Wanne kommen mir die ersten Bergsteiger vom Karwendelhaus entgegen. Was ist das für eine Gaudi, durch den weichen Schlauchkar-Schotter abzufahren! Juchheee!

Um kurz vor neun bin ich schließlich wieder am Karwendelhaus, wo reges Treiben herrscht. Erst einmal umziehen und stärken heißt die Devise! Vor allem der Wasserhahn am Hütteneingang bekommt von mir mehrmals Besuch. Ich muss meine Wasserreserven erneut auffüllen und die Salzkruste weg waschen.

Jetzt noch nach Hause

Servus, Karwendelhaus! Ich lasse mich das Karwendeltal in Richtung Scharnitz hinausrollen. So eine Gaudi! Die Höhenmeter verflüchtigen sich unter den Pneus und vor meinem inneren Auge taucht langsam der Supermarkt in Scharnitz auf. Unzählige Radler kommen mir entgegen, das Wetter ist heute einfach großartig. Ich mache kurz Halt, um die Stimmung am Karwendelbach zu genießen, doch dann zieht es mich massiv Richtung “Frühstück”. Selten haben ein paar Landjäger, Semmeln und Cola so gut geschmeckt. Es ist 10 Uhr und jetzt schon ziemlich heiß. Ich habe mir einen der knalligsten Julitage überhaupt ausgesucht. Langsam merke ich darüber hinaus, dass ich heute schon was in den Haxen habe. Aber es hilft ja nix, weiter geht’s! Die Runde will beendet werden, ich gebe nicht klein bei.

Karwendel by fair means:  In Gedanken bin ich schon im nächsten Supermarkt.

Blick zurück: In Gedanken bin ich schon im nächsten Supermarkt.

Über den Rad- und Wanderweg geht es nach Mittenwald und Krün, in Wallgau beschließe ich, ein Bad im Walchensee einzubauen. Ich habe heute keine Lust auf Kesselberg und noch mehr nervige Auto-Massen auf der B11. Daher biege ich nach Einsiedl rechts ab, um mich hinter Altlach ins kühle Nass zu stürzen. Wie gut das tut! Es ist inzwischen schon fast unerträglich heiß geworden und ich denke an die Tour de France-Fahrer, die sich heute – ob nun gedopt oder nicht – auch durch die Hitze quälen müssen.

Nun gut, auch ich  will meine Tour zu Ende führen und so schwinge ich meinen Hintern ein weiteres Mal in den Sattel. In Jachenau-Ort erwischt mich langsam der Hunger-Ast, zudem tut sich ein Problem auf: Bei all der Berg-Faszination habe ich völlig vergessen, die Wasservorräte am Walchensee wieder aufzufüllen. Ich sitze auf dem Trockenen und auch die Jachen ist staubtrocken. Der Jachenauer Dorfladen hat Mittagspause und ich bin von einem Moment auf den anderen halb am Verdursten. Notgedrungen klingele ich bei einer netten Frau, die mir meine Flaschen mit einem Lächeln auffüllt. Dann lege mich kurz in den Schatten und nuckle genüsslich vor mich hin.

Finale mit Cola

Die Jachenau zieht sich gefühlt eeeeewig in die Länge, bis ich endlich in Wegscheid nach Norden umschwenke und mich bis zum Edeka an der westlichen Isarseite in Lenggries durchkämpfe. Wo ist die Cola? Wo ist die Schokolade? Auf der Zuckersuche torkele ich durch die Regalreihen. Selten habe ich 1,5 Liter des pappsüßen Gebräus dermaßen in mich hinein gegossen wie jetzt.

Karwendel by fair means: Nach 13 Stunden Sport bin ich wieder zu Hause.

Finale: Nach 13 Stunden Sport bin ich wieder zu Hause.

Wieder auf dem Rad, geht es um einiges beschwingter weiter  – Koffein sei Dank. Es macht sich außerdem positiv bemerkbar, dass es nun Isar-abwärts geht und ich nicht mehr so viel Kraft benötige wie auf dem Hinweg. Ich kurbel also tapfer über Arzbach gen Tölz, zirkele durch den Kreisverkehr und wähne mich bereits nahe am Ziel. Jetzt gilt es nur noch einige Hügel zwischen Isar-Stausee und Rothenrain zu bewältigen und überglücklich erreiche ich nach rund 13 Stunden sportlicher Betätigung gegen halb zwei das in der Hitze schmachtende Königsdorf. Der Tacho zeigt knapp 170 Kilometer an, die Strecke ab Walchensee über die B11 wäre auch nicht viel kürzer gewesen. Ab unter die Dusche und Mittagsschlaf machen. Ich bin glücklich.

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