Reise

La Palma mit dem Mountainbike: der Süden

20.02.2013

La Palma mit dem Mountainbike: der Süden

Die Reifen meines Mountainbikes suchen nach Halt im losen Lavasand. Ich rutsche, oder besser gesagt, ich surfe um jede Kurve. Ständig habe ich das Gefühl die Kontrolle zu verlieren, doch genau in diesem Moment bekommen die Reifen wieder Grip und steuern mich gezielt in die Richtung, in die ich will. Es dauert nur kurze Zeit und ich habe mich auf dieses Gefühl eingestellt. Jedes Lenkmanöver erwarte ich mit großer Vorfreude, denn solch einen Untergrund kenne ich in diesem Ausmaß noch nicht. “Sandsurf” nennt man diesen Spaß und ich kann kaum genug bekommen!

Der Süden von La Palma

Sandsurf. Biken auf Lavasand

Sandsurf.  Biken auf  Lavasand.

Ich bin im Süden der Kanareninsel La Palma angekommen. Am Vortag im trubeligen Los Llanos eingetroffen, sitze ich heute endlich auf dem Bike. Ich bin bei Siggi im “El Porvenir”. Einem gemütlichen Hostel mit eigener Bikewerkstatt und Mountainbikeverleih.

Lavasand und Ziegenkäse

Der Süden zeigt sich schon in den ersten Tagen wie geschaffen für Mountainbiker. Etwas wärmer als der Norden und durch die auslaufenden Vulkanfelder bis ans Meer auch deutlich flacher. Anders als z.B. auf Teneriffa wirkt die Gegend hier trotz Vulkanlandschaft nicht trostlos. Denn auch hier sind große Teile La Palmas mit Wald bedeckt. Wie ich merke ist der Süden deutlich dichter besiedelt als der Norden. Touristenmassen sucht man dennoch vergebens.

Mein Sandsurf wird zum Rausch. Ich fiebere jeder Kurve entgegen, als plötzlich Stufen aus Lavagestein meine volle Konzentration fordern. Mehrmals setzt mein größtes Kettenblatt auf. Meine Gabel leistet Schwerstarbeit und ich muss mich richtig konzentrieren um die perfekte Linie zu wählen. Alternativ hätte noch eine andere, leichtere Strecke gefahren werden können. Ich fühlte mich aber ausgeruht. Jetzt spüre ich die Folgen der Streckenwahl in den schmerzenden Unterarmen. Je weiter wir in Richtung Südspitze der Insel fahren, desto heftiger wird der Weg. Gegen Ende kann ich das Meer sehen und der Trail spuckt uns am heutigen Zielort, Fuencaliente, wieder aus.

Kaffee, süße Kondensmilch und Likör...ein Barraquito

Süße Kondensmilch, Kaffee, Milchschaum und Likör: ein Barraquito.

Als Belohnung dürfen meine Bremsscheiben abkühlen und ich genieße einheimischen Ziegenkäse, einen Barraquito und ein frisches Dorada, das typisch malzige, kanarische Bier.

Trubel und Trails

Wieder in der Unterkunft freue ich mich schon auf die nächsten Tage. Schließlich bleibt noch mehr als eine Woche Zeit,  um die Trails der Umgebung kennenzulernen. Aber erst steht der verdiente Feierabend an! Gastronomisch vermisst man in Los Llanos nichts. Von einfachen Eckkneipen, die “bocadillos con queso y jamon” (meist getoastetes Brötchen/Brot mit Käse und Schinken) servieren über einheimische Restaurants, die “atun con patatas” (Tunfisch mit Kartoffeln) reichen. Die Insulaner mussten früh lernen, aus sehr wenig etwas Geschmackvolles zu machen. Darum ist die Küche La Palmas einfach aber trotzdem sehr gut. Nach dem Essen geht es in das “Utopia”. Hier treffen sich Einheimische und Mountainbiker der Umgebung. Fast schon trubelig geht es hier zu. Ein schönes Gefühl, nach den sehr ruhigen Tagen im Norden. Diese Abfolge wird in den nächsten Tagen zu einem festen Bestandteil: Adrenalin, Genuss, Entspannung!

Es geht weiter!

Wetterscheide, zwei Klimazonen treffen aufeinander.

Wetterscheide auf La Palma: zwei Klimazonen treffen aufeinander.

Die folgenden Tage sind mit Touren gespickt, welche so abwechslungsreich sind, dass ich teilweise mehrere Klima- und Vegetationszonen an einem Tag durchfahre. Von hochalpinen Pfaden fahre ich durch üppige Pinienwälder, tropische Urwälder, mediterrane Steppen, karge Landschaften mit  Ginstergewächsen und wüstenähnliche Lavafelder die ans Meer führen. Landschaftlich hat diese Insel alles, was man sich als Sportler wünscht! Und es gibt zum Glück KEINE ausgedehnten weißen Sandstrände mit vermieteten Liegestühlen und Bettenburgen im Nacken. Baden kann man an kleinen Stränden mit feinem schwarzem Lavasand natürlich trotzdem bestens!

Und schon wieder verfliegen die Tage! Ein ganz großes Highlight der Insel steht noch auf meinem Programm! Der 2426 Höhenmeter lange Downhill vom Roque de los Muchachos direkt ans Meer! Der höchste Berg La Palmas und eine der atemberaubendsten Abfahrten, die man in Europa fahren kann. Ich werde alleine fahren, darum packe ich am Abend sehr genau meinen Rucksack, checke mein Bike und lege mir alles zurecht. Wenn unterwegs etwas schiefgeht, dann bin ich auf mich alleine gestellt. Als der nächste Morgen anbricht, begrüßen mich ein blauer Himmel und Frühlingstemperaturen. Beste Voraussetzungen! Mein Shuttle bringt mich auf den Berg. Etwa drei Stunden habe ich für die Abfahrt eingerechnet, mit Pausen! Jetzt kann es beginnen. In meinen Fingern kribbelt es, meine Beine fühlen sich schwach an. Doch es geht los, es gibt kein Zurück mehr!

Kurz vorm Gipfel: Der Blick vom Roque rüber nach Teneriffa

Kurz vorm Gipfel: Der Blick vom Roque rüber nach Teneriffa.

Ich kenne mittlerweile das Terrain hier oben. Hochalpin, teilweise ausgesetzt mit großen Steinstufen und Geröll. Auf den ersten zwei Kilometern reichen sich Bergauf- und Bergabpassagen die Hand. Gut zum Aufwärmen und genau das Richtige für mich, denn den Adrenalinüberschuss kann ich so verpulvern. In den ersten 15 Minuten treffe ich nur ein lustiges Holländerpaar, welches mir beim Spitzkehrensurfen zuschaut. Danach folgen zwei rote Engländer, die nicht glauben wollen, was man mit einem Mountainbike alles fahren kann. Und dann bin ich alleine. Ich muss höllisch aufpassen. Die sehr hohen Steinstufen lassen mein Kettenblatt oft aufsetzen. Stellenweise sind so fiese und steile Spitzkehren mit Stufen im Gelände, dass ich zweimal einen Anlauf starten muss, um eine Passage zu meistern. Ab 2000 Meter über dem Meer tauche ich dann wieder in den Pinienwald ein. Es wird extrem flowig. Meine Finger schmerzen, aber Nichts kann das dicke Grinsen aus meinem Gesicht vertreiben. Kleine natürliche Kicker und ein handtuchbreiter Weg. Das Leben kann so schön sein. Zwischendurch muss ich anhalten. Die Aussicht lässt mich Pläne schmieden. Doch Lotto spielen?! Millionär werden und hier ein Haus kaufen?! Ich überlege es mir! Der Fahrtwind tut gut und lässt mich fast abschalten. Dann bricht es wieder über mich und mein Bike herein: Stufen, Wurzeln und Kurven, die ich nicht einsehen kann. Alle erwische ich sofort perfekt und kann den Trail mit viel Flow fahren. Schier unendlich zieht sich dieser Weg. Der Wahnsinn!

Dann ändert sich das Geräusch meiner Bremsen, in langsamen Passagen kann ich sie sogar riechen. Aber alles hält, nur meine Konzentration und meine Unterarme lassen nach. Plötzlich sind wieder ein paar Wanderer verdutzt am Wegesrand, der Wald lichtet sich und ich stehe am Mirador del Time. Von diesem Aussichtspunkt kann ich direkt nach Los Llanos schauen. Meine Arme signalisieren mir, dass sie locker zehn Minuten Pause brauchen. Also setze ich mich in die Sonne und schaue auf den Höhenmesser: noch knapp 600 Meter über dem Meer?! Also habe ich schon dreiviertel der Strecke gemacht. Gut 75 Minuten habe ich gebraucht. Ich kann kaum glauben, was ich bisher auf dieser Strecke erlebt habe. Wie in einem Daumenkino reihen sich die Bilder in meinen Kopf aneinander. Wahnsinn, dieser Trail gehört schon jetzt zu den Besten Strecken, die ich seit meiner Gründung von BunnyHop Tours gefahren bin.

Kein Flow zu finden!

Kein Flow zu finden!

Doch es geht weiter. Nach nur wenigen Metern muss ich schlucken: Was ist mit dem Weg passiert? Kein Flow! Ein Monster aus Stein verschlingt mich. Tiefe Rinnen, hohe Absätze und wildes Gelände sind jetzt der krasse Gegensatz zur letzten halben Stunde. Die Ideallinie? Es gibt keine Linie! Der Trail fängt an, so richtig Spaß zu machen. Ich muss meinen Schwerpunkt so oft über dem Bike verändern, dass die Beine schmerzen. Aber der Spaß lässt mich an ein Aufhören gar nicht erst denken. Nach etwa zehn Minuten ist der schwerste Teil vorbei. Jetzt folgen kleinere und schnellere Wege die gen Meer führen.

Das Ziel ist nur noch "wenige" Serpentinen entfernt

Das Ziel ist nur noch “wenige” Serpentinen entfernt.

Und dann ist er da. Fast jede Bikezeitschrift hat ihn schon gezeigt! Ein Serpentinen-Trail, der mit Blick auf den schwarzen Lavastrand nach Tazacorte führt. Hier lasse ich noch einmal die Eindrücke auf mich wirken. Die Aussicht auf ein “kühles Blondes” an der Promenade lässt mich meine schmerzenden Arme vergessen. Die letzten Höhenmeter genieße ich vollends und bin glücklich, dass ich diese Abfahrt heil überstanden habe. Nach etwa zwei Stunden reine Fahrtzeit freue ich mich jetzt auf den Atlantik. Größer könnten die Gegensätze kaum sein. Als die Sonne das Meerwasser auf meiner Haut wieder trocknet, steht mein Entschluss fest! NOCHMAL und das hoffentlich sehr bald!

Zeit nehmen am Strand und genießen

Zeit nehmen am Strand und genießen.

Und schon ist das Ende meines Mountainbike-Trips auf La Palma nah. Zwar ist der letzte Tag noch nicht gekommen, aber Eins steht bereits fest: La Palma kommt ganz sicher mit zwei bis drei Touren in mein Programm.

Ausklang auf  ”Schusters Rappen”

Am letzten Tag tausche ich mein Mountainbike gegen “Schusters Rappen“. Eine Wanderung mit Freunden steht an. Wandern ist zugegeben nicht meine Passion, es muss mir schon etwas geboten werden. Das wissen alle und mir wird viel versprochen! Mein guter Freund, der schon mehrere Monate auf der Insel lebt, hat einen Geheimtipp. Ich fahre also mit einem Mietauto in den Norden. Schon wieder diese engen Kurven, das Übelkeitsgefühl wenn man nicht dauernd die Straße im Blick hat und rund eine Stunde Fahrzeit für kaum 50 Kilometer. Am Mittag bin ich endlich angekommen. Schnell noch Sachen packen, einen Kaffee trinken, plaudern und schon ist es Nachmittag. Eigentlich sehr passend, denn wir wollen über Nacht am Meer schlafen, in einer Höhle.

Als wir an der Steilküste ankommen, geht die Sonne unter. Wir müssen uns beeilen um Feuerholz, Proviant und uns selbst, noch bevor es komplett dunkel ist, etwa 150 Tiefenmeter weiter nach unten zu bringen. Der Weg ist steil und gefährlich. Ein falscher Schritt und mein schwerer Rucksack lässt mich kopfüber auf den vollen Korb mit Holz fallen. Alles nur eine Armlänge vom Abgrund entfernt. Nach 30 Minuten sind wir am Meer angekommen und ein unglaubliches Spektakel überrascht uns. Die Wellen des Atlantik brechen auf die Steilküste, donnern ohrenbetäubend auf die Felsen. Manchmal kann man die Erschütterungen sogar im Boden spüren. Ich komme mir in unserer Höhle, in der wir die Nacht verbringen werden, etwas unsicher vor. Uns schützt eine kleine Einbuchtung in die die Wellen nicht mit voller Wucht hereinbrechen können. Trotzdem habe ich große Zweifel, ob wir über Nacht nicht samt Isomatten und Schlafsack ins Meer gespült werden. Oft lässt die Brandung die Wellen nur wenige Meter vor uns stoppen.

Es wird gemütlich

Es wird gemütlich.

Viel Wein, das prasselnde Lagerfeuer, die Würstchen und die gute Gesellschaft lassen kein schlechtes Gefühl zu. Die Nacht wird kurz, der Morgen am Meer aber umso schöner. Ein toller Kontrast zu den adrenalinreichen und anstrengenden Tagen zuvor und ein perfekter Abschied von La Palma! Wehmut und die Gewissheit, bald wieder auf der Insel zu sein begleitet mich auf dem Weg zum Flughafen. Wir sehen uns La Palma!

Wir sehen uns wieder!

Wir sehen uns wieder!

Mountainbiken auf La Palma: Survival-Guide

  • Die Kanaren sind nicht Italien, d.h.:
    • Der Kaffee ist meist schlecht
    • Die Pizza ist meist mittelmäßig
  • Die Autofahrer nehmen Rücksicht
  • Zwischen 13 und 17 Uhr sind viele Geschäfte geschlossen, dafür ist meist auch Sonntags geöffnet.
  • Aufpassen mit offenem Feuer, die Wälder sind oft sehr trocken.
  • Ist das Wetter an einem Ort schlecht, kann zwei Barrancos weiter die Sonne scheinen.
  • Es gibt nur ein großes All-Inclusive Hotel, viel mehr Flair haben die vielen Pensionen. Unser Tipp ist ein familiäres Hostel mit Selbstversorgung und sehr viel Liebe zum Detail: „El Porvenir“ in Los Llanos.
  • Lebensmittel sind oft um 30 Prozent günstiger als in Deutschland, die Selbstverpflegung lohnt sich.
  • Steht ein Mülleimer neben der Toilette, so heißt das oft: Klopapier NICHT in die Toilette werfen! Die Kanalisation ist noch oft nicht darauf ausgerichtet.
  • Kartenempfehlung: freytag & berndt
  • Autos mieten ist günstig. Ca. 20 Euro pro Tag sind keine Seltenheit. Tipp: “Auto Soyka” in Los Llanos.
  • Flüge gibt es oft für 99 Euro One-Way. Das Bike kostet nochmal 50 Euro.
  • Genug Wasser mitnehmen! Brunnen an den Wegen sind die absolute Ausnahme.
  • Einen Guide für La Palma nehmen. Diese Investition lohnt sich absolut!

 

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