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Hochtour zum Nadelhorn im Wallis

10.02.2013

Hochtour zum Nadelhorn im Wallis

Hinter den sieben Bergen versteckt in einem Tal, dass sich zwischen den hohen 4000er des Wallis einschneidet, liegt ein kleiner Ort. Weltbekannt wurde er als “die Perle der Alpen” und ist heutzutage ein beliebtes Ausflugsziel. Die Rede ist von Saas Fee, das auf einen kleinen Hochplateau liegt – von einer traumhaften Kulisse umgeben. Von dort kann man im Spätsommer viele spannende und abwechslungsreiche Hochtouren unternehmen. Ich bin regelmäßig im Saas Tal, da es mich immer wieder auf die hohen Berge dieser Region zieht. Da ich meistens alleine in der Gegend unterwegs bin und großen Respekt vor Gletscher und Co. habe, gehe ich meine Hochtouren mit einem Bergführer, der das Gebiet gut kennt.

Ich stehe an der Mischabelhütte - mein Nachtlager für die Hochtour

Ich stehe an der Mischabelhütte – mein Nachtlager für die Hochtour.

Dieses mal habe ich mir das Nadelhorn (4327 m) ausgesucht. Es gehört zur Mischabelkette und zählt zu den leichteren Hochtouren. Seine berühmten Nachbaren sind die Lenzspitze (4294 m) und der Dom (4545 m), die ebenfalls eine Tour wert sind. Insbesondere die Lenzspitze mit ihrer perfekten Nordwand und der möglichen Verbindung zum Nadelhorn als Abstiegsweg ist spannend!

Ich besteige das Nadelhorn über den Normalweg. Dieser führt mich von Saas Fee über die Mischabelhütte, den Hohbalmgletscher weiter über das Windjoch (der Name ist Programm) direkt hoch am Nordostgrat zum Gipfel. Die Hochtour ist auf zwei Tage ausgelegt, so dass eine Übernachtung in der Mischabelhütte (3329 m) notwendig ist. Trotz des schönen Wetters ist für die Tage eine Störung angekündigt, die mir ein wenig Sorgen macht. Im Bergsteigerbüro wird aber grünes Licht gegeben, sofern die Welt nicht untergehen soll, findet die Tour statt – okay…

Tag 1: Der lange Weg zur Mischabelhütte

Ich starte mein “Abenteuer Hochtour” in Saas Fee (ca. 1800 m) und mache mich am Vormittag auf zur Mischabelhütte. Im Gepäck meine komplette Hochtourenausrüstung. Vor mir liegen 1500 Höhenmeter Aufstieg, die über die Hannig-Seilbahn abgekürzt werden können. Ich entscheide mich aber für den kompletten Zustieg und laufe vom Dorfplatz nördlich durch kleine Gassen steil hinauf. An einem Restaurant vorbei geht es zuerst in ein kleinen Wald gefolgt von einem steilen Wiesenstück. Irgendwann stößt die Abkürzung von der Hannig-Seilbahn dazu und es geht weiter über einen Grasrücken Richtung Distelhorn. Über die Südwestseite des Horns steige ich weiter hinauf auf ca. 2700 m. Ab hier beginnt der leichte Klettersteig zur Mischabelhütte.

Sonnenaufgang am Nadelhorn Nordost Grat

Sonnenaufgang am Nadelhorn Nordost Grat.

Vor kurzem habe ich in einem Hochtour-Führer gelesen, dass es auch einen alten Weg unterhalb des Grats gibt, konnte ihn aber nicht finden. Der Klettersteig ist mittlerweile der einzige Weg zur Hütte. Er ist zwar mit einer Bewertung “A/B” nicht schwer, erlaubt aber viele Tiefblicke entlang des Grats und ist somit ein kleines Highlight. Viele Drahtsicherungen und Stifte sind verbaut – eine Leiter erleichtert eine steile Stufe. Es sind sehr viele Leute unterwegs. Mich macht es nervös, dass einige Familien komplett ungesichert (auch die Kinder) diesen Weg begehen. Um mich an die Höhe zu gewöhnen, steige ich entspannt hinauf, gönne mir zwei Brotzeiten und genieße die schöne Aussicht. Weiter oben kann man schon die Mischabelhütte unwirklich auf einem Felsvorsprung sehen. Anscheinend können rund 130 Leute in der Hütte übernachten. In diesem Moment kann ich mir das nicht ganz vorstellen.

Am Nachmittag erreiche auch ich die Hütte. Der Platz ist sehr begrenzt umso mehr verwundert die extrem ausgesetzte Lage. Wenn man sich in diesem Augenblick umschaut wird man von einer wirklich einmaligen Kulisse aus Gletschern, 4000ern und Tiefblicken ins Tal begrüßt. Es ist ein schönes Gefühl hier zu sein. Alle um mich herum sind mit den Vorbereitungen für die nächsten Tage und Hochtouren beschäftigt. Einige sitzen am Eingang und entspannen in der Sonne, andere besprechen den morgigen Tag. Nur wenige Bergsteiger sind nur bis zur Hütte gestiegen. Die Meisten haben höhere Ziele vor sich. Ich checke erst einmal ein und reserviere mir direkt ein Lagerplatz. Die Zeit ist auf meiner Seite, daher entspanne ich in der Stube bei einer Spezi und schaue mir den Wetterbericht und den morgigen Aufstieg zum Nadelhorn an. Meine Vermutung bestätigt sich leider: in der Nacht soll eine Störung durch das Saas Tal ziehen  - das macht den Aufstieg leider riskant. Ich bin gespannt was mein Bergführer zur Situation sagen wird. Den treffe ich aber erst am Abend, daher mache ich mich ans Umpacken des Hochtouren-Equipments.

Am Abend treffe ich mich mit dem zweiten Nadelhorn-Aspiranten und unserem Bergführer für die Hochtour. Er ist guter Dinge das morgen alles klappen wird, warnt uns aber, dass es keine Genusstour werden könnte. Der Startschuss fällt um 5:00 Uhr.

Tag 2: Gipfeltag am Nadelhorn

Schlafen? Mal ehrlich, wer schläft schon in solchen Hütten zwischen Schnarchern und Schuhgeruch gut? Um 1:00 Uhr werde ich plötzlich von einem lauten Knall geweckt. Ah, das wird wohl die angekündigte Störung sein! In dieser Höhe ist ein Gewitter ein eigenwilliges Erlebnis. Ich habe selten so einen kräftigen Sturm erlebt und beginne langsam zu zweifeln, ob die Hütte so etwas aushält. Die Wände knartschen und zumindest aus dem Augenwickel habe ich das Gefühl, dass sie sich auch leicht bewegen. Alle paar Minuten leuchtet es durchs Fenster, wenn wieder irgendwo ein Blitz einschlägt. Ich kann mir die Tour morgen gar nicht vorstellen und schlafe für einige Minuten ein. 2:30 Uhr – unverändert. Es stürmt und donnert um die Wette. 3:45 Uhr mein Wecker reißt mich aus dem Schlaf – draußen herrscht scheinbar absolute Stille. Ich kann es kaum glauben und freue mich riesig, dass es gleich losgehen wird. Alle um mich herum sind gerade dabei sich fertig zu machen.

Blick vom Nadelhorn Nordost Grat.

Blick vom Nadelhorn Nordost Grat.

Im Kopf gehe ich noch meine Checkliste für die Hochtour durch: Steigeisen eingestellt, alle Kleidungsschichten in richtiger Reihenfolge an, alles Notwendige im Rucksack? Vom Hüttenwirt gibt’s noch einen warmen Tee in die Flasche und auf geht’s!

Kurz nach 5:00 Uhr geht es los! Draußen ist es angenehm, das Unwetter scheint verflogen zu sein. Unser Bergführer meint nur trocken: “Freut euch nicht zu früh, oben geht’s noch richtig ab!” Es ist trotzdem ein tolles Gefühl! Weiter oben sind schon einige aufgebrochen und man sieht in der absoluten Dunkelheit einzelne Stirnlampen funkeln. Wir folgen dem Grat und kraxeln im angenehmen Rhythmus hinauf in Richtung Schwarzhorn. Es sind neben uns ziemlich viele Leute unterwegs. Sie haben aber die Lenzspitze als Ziel und werden sich bald von uns verabschieden.

Der Grat ist leicht zugeschneit und erfordert viel Trittsicherheit. Nach knapp 45 Minuten erreichen wir den Rand des Hohbalmgletschers und schnallen uns die Steigeisen an. Hier ist es schon windiger und ich entscheide mich meine Hardshelljacke anzuziehen. Wir seilen uns an, holen den Eispickel heraus und starten in die Dunkelheit. Die Stirnlampen leuchten uns den Weg durch die Gletscherwüste. Mit jeder Minute wird es ungemütlicher. Leichter Schneefall setzt ein und der Wind nimmt deutlich zu. Der Gletscher ist nicht steil und nur mit wenigen Spalten versehen. Trotzdem ist die Situation ungemütlich. Der Wind wird immer mehr zu einem Sturm. Oft müssen wir den Pickel in den Schnee rammen und uns ducken damit es uns nicht wegweht. Das Eis der Gletscheroberfläche peitscht in unsere Gesichter und ich bin absolut glücklich gut eingepackt zu sein. Im Lichtkegel der Stirnlampe sieht man deutlich wie stürmisch es ist – es fühlt sich alles sehr extrem an.

Pause am Abstieg von der Nadelhorn Hochtour

Pause am Abstieg von der Nadelhorn Hochtour.

Wir kämpfen uns aber tapfer über den Gletscher und steigen steil ein in den Zustieg zum Windjoch. Vor uns geht gerade die Sonne auf und verdrängt die Dunkelheit. Der Sturm tobt weiter, sodass wir am Windjoch nur eine ganz kurze Pause zum Essen und Trinken einlegen können. Ich versuche ein schnelles Foto zu schießen bevor es direkt in den Nordost Grat des Nadelhorns geht. Dieser fällt südwärts, teilweise über Wächten steil ab, so dass man  Abstand halten sollte. Wir kämpfen uns Schritt für Schritt hinauf, die Sonne und der blaue Himmel trügen über den sehr starken Wind hinweg. Zusätzlich wird nun ab 4000 Metern die Luft merklich dünner.

Mit einem konstant schnellen Gehrhythmus und wenig Pausen schaffen wir aber den Grat und stehen kurz vor den letzten Metern zum Gipfel. Vor uns liegt eine kurze Kletterei. Um im verschneiten Zweiergelände nicht wegzurutschen muss ich mich in dieser Höhe sehr anstrengen und konzentrieren. Der Gipfel bietet sehr wenig Platz, so dass wir nur kurz dort verweilen. Die Aussicht ist aber der absolute Hammer: freier Blick aufs Matterhorn, den Dom und alle anderen 4000er um uns herum. Die nächste Gruppe drängt schon auf den Gipfel, so dass wir uns direkt in den Abstieg begeben.

Der Abstieg nach der Hochtour ins Tal

Ich bin sichtlich geschafft und jeder Schritt hinab macht mir deutlich Mühe. Die Beine sind schon sehr schwer und übersäuern leicht. Ich muss aufpassen, mit den Steigeisen sauber zu treten. Zurück am Windjoch können wir endlich ein wenig verschnaufen, da nun der Wind merklich abgenommen hat. Die Zeit reicht zum kurzen Plausch, zum Snack und ein paar ruhigen Minuten. Ich kann die Stimmung in dieser Kulisse genießen mit dem Wissen, dass wir die Schwierigkeiten hinter uns haben. Beim Abstieg über den Gletscher können wir einigen Bergsteigern in der Nordwand der Lenzspitze zuschauen. Nach weiteren 45 Minuten ist die Mischabelhütte endlich erreicht. Hier mache ich noch eine längere Pause. Es ist gerade mal morgen, so dass ich noch den ganzen Tag für den Abstieg habe. Das schöne an solchen Hochtouren ist, dass man noch den ganzen Tag zur Verfügung hat, da man schon in den Morgenstunden am Gipfel ist.

Im Klettersteig Richtung Saas Fee treffe ich auf viele Bergsteiger die ähnliche Ziele haben wie ich. Mit jedem Höhenmeter komme ich meiner warmen Dusche näher. Um 16:00 Uhr schließlich erreiche ich den Talort. Ganz deutlich merke ich die 2600 Höhenmeter Abstieg in meinen Beinen. In einem Restaurant gönne ich mir ein leckeres Eis und einen Kaffee. Die Hochtour war von der Route und dem technischen Anspruch leicht, aber durch das schwierige Wetter war es entsprechend aufregend und auch herausfordernd. In zwei Tagen steht nun die nächste Hochtour auf dem Programm, so bin ich gespannt was der Alphubel (4206 m) für mich bereit hält!

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