Leidenschaft

Khan Tengri - Tien Shan - Kirgistan

27.01.2013

Khan Tengri – Tien Shan – Kirgistan

Die uns am Khan Tengri umgebende Kulisse zeichnet sich so klar ab, wie lange nicht mehr. Die kalte Luft frisst jeden Rest von Dunst und Wolken aus der Landschaft der letzten Tage. Der riesige Gletscher breitet sich um uns aus, wie ein gigantischer See aus Eis. Die steil und abstoßend aufragenden Sechs- und Siebentausender stehen in ihrer ganzen majestätischen Wucht um uns aufgereiht und scheinen unerreichbar, wie die Sonne selbst. Die unendliche Kraft, die sie ausstrahlen, verkehrt unsere eigene Kraft ins Lächerliche – ins völlig Unbedeutende. Im Wesentlichen herrscht Stille. Nur unterbrochen von den gelegentlichen Geräuschen fallender Steine. Diese lösen sich in der Nähe oder weiter entfernt aus den Wänden und fallen in die Tiefe.

Enilchek- Gletscher

Enilchek- Gletscher

Im Basislager am Khan Tengri

In solch eine Landschaft, wie hier am Khan Tengri, geht man ein. Man ist nicht einfach dort. Man ist Bestandteil des Ganzen und vom Gefühl her ein kurz aufblitzender Funke. Eine belanglose Sequenz in der Unendlichkeit dieser Welt. Dennoch ist man ein Teil des Ganzen, einfach weil man nur mit der gesamten Umgebung leben kann. Wir können uns nicht aussuchen, ob es regnet, schneit, oder die Sonne scheint. Wir können uns auch nicht ins Auto setzen und einfach davon fahren. Noch nicht mal der Helikopter kann uns holen, wenn die Bedingungen dieser Umgebung es nicht zulassen. Wir sind also mitten drin und reagieren wie Bestandteile auf die Veränderungen um uns herum.

Weil wir spüren, dass wir mit unserer Anwesenheit ein kleines Stück dieser Unendlichkeit kosten können, sind wir hier. Es ist paradox, je größer die Macht der Umgebung ist, also die Gefahr und die Unerreichbarkeit der Gipfel, desto kleiner werden wir selbst – und, das ist das Interessante, desto stärker leben wir. Es ist, als würde die gesamte eigene Lebensenergie auf ein Minimum zusammengepresst. Die Möglichkeit zu scheitern – oder zu sterben – schafft eine potenzielle Verkürzung des eigenen Lebens. Sie verdichtet die vorhandene Lebensenergie scheinbar auf den aktuellen Moment.

Vielleicht ist das ein Grund, auf Berge zu steigen? Wir steigen auf die Berge, aber wir können nicht sagen warum wir es tun. Wir sehen vielmehr, dass wir nichts wissen. Wir spüren nur, dass uns etwas zieht, dass uns etwas leitet. Das ist womöglich die Welt selbst, deren unentrinnbare Teile wir sind. Und wenn das so ist, gibt es eigentlich keinen Grund, solche Fragen zu beantworten. Für wen denn? Und was ändert sich, wenn wir eine Antwort hätten? Antworten entzaubern nur.

Basislager am Khan Tengri

Basislager am Khan Tengri

Atemberaubend!

Unsere Rucksäcke sind nun fertig gepackt. Wir sitzen in der Abendsonne auf den Moränen des Basislagers am Khan Tengri auf dem 70 Kilometer langen Enilchekgletscher in Kirgistan und spielen Karten. In schier greifbarer Nähe streckt sich die Nordwand des Pik Pobeda dreieinhalbtausend Meter vom Gletscher zum Welten entfernten Gipfel. Direkt vor uns liegen die Abbrüche von Pik Maxim Gorki und Chapajev. Daneben, leicht verdeckt, ragt die perfekte Marmorpyramide des Khan Tengri in den schwarzblauen Himmel. Wie ein von Göttern errichtetes Monument beherrscht er die gigantische Kulisse. Die Rucksäcke sind gepackt, um hoffentlich dort oben anzukommen. Nach einem ersten Versuch in den vergangenen Tagen wollen wir heut Nacht zum letzten Mal aufsteigen. Das Basislager ist inzwischen fast leer und am Berg ist niemand mehr unterwegs. Der Herbst kündigt sich an, es fällt häufiger Schnee und die Temperaturen sinken. Das Wetter zeigt sich im Moment noch einmal von seiner besten Seite. Für Paul, Basti, Knox und mich geht die Zeit hier oben zu Ende. Wir haben dienlich unsere Kartierungsarbeiten für ein Projekt der Technischen Universität Dresden in der Umgebung abgeschlossen, um uns nun zum feierlichen Ende mit diesem Gipfel zu verabschieden.

Es wäre ein gelungener Abschluss, nach nun fast drei Monaten im Hochgebirge. Erst hatte ich mich mit anderen Freunden sechs Wochen in den peruanischen Anden herumgeschlagen, um dann, nach einem einzigen Tag zu Hause direkt nach Kirgistan weiterzufliegen. Kurzum meine Lungen sind in Hochform. Aber, die Seele sehnt sich langsam aber bestimmt nach einer Phase der Ruhe – und vor allem der Sicherheit. Auch aus diesem Grunde hat die Situation etwas Feierliches, es wird nämlich keinen weiteren Aufstieg zum Khan Tengri mehr geben.

Pik Diki und Khan Tengri

Pik Diki und Khan Tengri

Der zweite Aufbruch zum Khan Tengri

Um die exorbitanten Gefahren des Südaufstieges auf den Khan Tengri soweit es geht zu vermeiden, brechen wir mitten in der Nacht auf. Dann hält sich der Eisschlag noch in Grenzen. Hier in diesem schmalen Seitental sammelt sich das Eis von allen Seiten. Die Seracs hängen überall und so weit oben, dass man sie kaum sehen kann. Was man aber sehr gut sehen kann, sind die Trümmer, die über Kilometer überall verteilt liegen. Das Eis zerschlägt schon Hunderte Meter bevor es den Gletscher erreicht und überschwemmt so das ganze Tal mit tonnenschweren Eisbrocken. Wehe dem, der hier zur falschen Zeit am Khan Tengri unterwegs ist! Gelegentlich sind die Lawinen so groß, dass sie über mehrere Kilometer auf den Hauptgletscher ziehen und dann auch schon mal ganze Zeltlager wegspülen. Wir beeilen uns.

Khan Tengri - Gipfel

Khan Tengri – Gipfel (Foto: Alexander Krushkin)

Am nächsten Tag erreichen wir die Schneehöhle am Sattel zwischen Khan Tengri und Chapajev. Einen Tag später stehen zumindest zwei von uns auf dem schönsten Gipfel des Tien Shan. Es ist so kalt, dass wir keine Pause machen können und so kalt, dass Basti mit steifgefrorenen Füßen beim Aufstieg auf halber Grathöhe gerade noch rechtzeitig vor Erfrierungen den Abstieg hinbekommt. Knox wartet von vornherein in der Schneehöhle auf uns. Wenn die Umstände schwierig werden, ist schnell jeder allein.

Zurück in der Schneehöhle glauben wir uns in Sicherheit. Von jetzt an geht es bergab! In Wirklichkeit hat der Berg noch alle seine Fangarme bereit, um uns in Sekundenschnelle ins Jenseits zu schicken. Aber was ist der Tod? Nichts was je über den Zustand des Totseins gesagt wurde hat irgendwelche Beweise zur Grundlage, weil niemand schon einmal tot war. Es ist also müßig darüber zu philosophieren! Was wir aber sicher sagen können ist, dass der Tod immer die Beziehungen zu den lebenden Menschen beendet. Der Tod stellt also das Ende des Lebens dar, welches wir kennen.

Schneehöhle am Khan Tengri

Schneehöhle am Khan Tengri (Foto: Sebastian Wolf)

Die Gefahr lauert bis zum letzten Meter

Obwohl wir noch kraftlos und müde sind, beginnen wir schon bald nach Mitternacht in der engen Schneehöhle auf knapp 6000 Metern am Khan Tengri unsere Sachen zu packen. Es muss sein, das enge Gletschertal ist zu gefährlich. Die Bilder der Eistrümmer sitzen gut im Kopf und erst wenn wir dort durch sind, können wir sagen, dass wir es geschafft haben. Die klammen Schlafsäcke verschwinden in den Rucksäcken. Der Kocher, die leeren Tüten von der Trockennahrung und die wenigen persönlichen Dinge werden dazu gepackt, dann treten wir nach draußen in die schneidende Kälte dieser Mondlandschaft.

Auch wenn es anstrengt, Absteigen ist immer leicht. Man spürt, wie es wärmer wird. Spürt, wie der Sauerstoffgehalt zunimmt, die Welt lebensfreundlicher wird und die Menschen näher kommen. Absteigen ist der Weg zurück ins Leben. An Fixseilen rutschen wir durch die Nacht, durch die Bruchzonen des Gletschers. Als es hell wird sind wir am unteren Ende des Trümmerfeldes, welches uns solchen Respekt eingeflößt hat. Es wird allerhöchste Zeit für eine Pause. Die letzte Anspannung hat uns verlassen, denn wir sind in Sicherheit. Das Gefühl ist herrlich. Der Tag bricht an, wir kommen langsam zu Bewusstsein. Der Gipfel ist in der Hosentasche und ein Stück davon im Herzen. Jetzt sind wir fast im Basislager, wo wir schlafen können und essen und trinken, bis der Helikopter uns holt.

Die Lawine

Wir sitzen auf unseren Rucksäcken in der Morgensonne am Fuß des Khan Tengri und blinzeln steil nach oben an die Wände des Chapajev, wo sich genau in diesem Moment eine Eislawine löst. Im Erleben ist es ein langer Weg – vom Staunen übers Zweifeln zum blanken Entsetzen. Eine unendlich scheinende Hilflosigkeit zuckt wie ein beißender Schmerz durchs Gehirn. Die ganze Nacktheit der eigenen jämmerlichen Existenz wird in Sekundenbruchteilen klar. Und der Wert, den man dieser Existenz innewohnen glaubte, ist schlicht weg nicht mehr ersichtlich, alles war eine große Lüge.

So ist es also, dem Tod ins Auge zu sehen. Ein Trost bleibt, die Erkenntnis über die Härte der Welt. Für ein paar Sekunden liegt uns die Weltseele offen zu Füßen, welch ein grausig-schönes Geschenk! Was ist also der Tod? Diese Frage bleibt noch offen. Aber was ist das Sterben? Ein Stück zur Antwort auf diese Frage wurde uns heute klar: Es ist, den Tod unausweichlich auf sich zukommen zu sehen und die damit verbundene Einsicht, dass die Welt sich genau so weiterdrehen wird, wie bisher. Die Welt schert sich einen Dreck darum, was mich bewegt. Die Verantwortung für mein Leben trage ich – und zwar ganz alleine.

Basislager am Khan Tengri

Basislager am Khan Tengri

Aber so schnell geben wir uns nicht geschlagen, wir rennen aus Leibeskräften den Gletscher hinunter, während Paul brüllt, wir sollen in eine Spalte springen. Es kommt zum Glück keine Spalte. Dafür aber endlich das Nachlassen der donnernden Massen und kurz darauf die Eisstaubwolke, die uns mit Wucht überwalzt und uns als Schneemänner zurücklässt. Die Lawine war über uns zum Liegen gekommen.

Wir sind kaum noch in der Lage, bergauf zurück zu unseren Rucksäcken zu laufen. Das Adrenalin hat unsere letzten Reserven freigesetzt. Oben angekommen wartet Basti, der sich hinter einen Block gekauert hatte, um aus der Nähe das Schauspiel am Khan Tengri zu erleben. Ein paar Eisbrocken rollten direkt an ihm vorbei. Wir alle sind also noch da und jedem von uns bleibt eine Erinnerung, die eigentlich eine Vorschau ist. Und es bleibt Stoff zum Grübeln. Was ist der Tod?

Sokrates sagt: “Eins von beiden ist das Totsein: Entweder soviel als nichts sein, noch irgendeine Empfindung von irgendetwas haben, wenn man tot ist; oder, wie auch gesagt wird, es ist eine Versetzung und ein Umzug der Seele von hinnen an einen anderen Ort. Und ist es nun gar keine Empfindung, sondern wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende auch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod ein wunderbarer Gewinn. … Ist aber der Tod wiederum wie eine Auswanderung von innen an einen anderen Ort und ist das wahr, was gesagt wird, dass dort alle Verstorbenen sind, was für ein größeres Gut könnte es wohl geben als dieses?”

Aber Fragen genügen, Antworten entzaubern nur.

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*