Testberichte

Smartphone-Apps vs. GPS: Was leisten OsmAnd und Co.?

11.01.2013

Smartphone-Apps vs. GPS: Was leisten OsmAnd und Co.?

Der Gedanke klingt verlockend: Mit einer Gratis-App das Smartphone aufrüsten und es so zu einem GPS-Gerät machen. Doch was leisten die Apps im Outdoor-Einsatz? Welche sind die besten? Worauf sollten Smartphone-Nutzer achten? Bergzeit hat sich auf Spurensuche begeben. Zwei Trekking-Touren im Odenwald und in der Rhön zeigten Möglichkeiten und Grenzen.

Sowohl für iPhones als auch für Android-Geräte gibt es mittlerweile eine große Zahl an Apps, die Outdoorern Hilfe bei Navigation und Ortung versprechen. Voraussetzung für die Nutzung von Tracking- und Navigations-Apps ist, dass das Smartphone einen eingebauten GPS-Empfänger hat – fast alle aktuellen Geräte bieten dies.

Was, wenn mal keine Markierung zur Orientierung vorhanden ist?

Was, wenn mal keine Markierung zur Orientierung vorhanden ist?

Orux Maps, OsmAnd und Locus Free im Praxistest
Getestet wurden drei Produkte, die sich speziell an die Outdoor-Community richten: Orux Maps, OsmAnd und Locus Free. Alle drei sind kostenlos und sowohl für Android- als auch Apple-Produkte verfügbar. Nicht berücksichtigt wurden Apps die vorwiegend Wege aufzeichnen (“Tracking”) und diese statistisch auswerten (Streckenlänge, Geschwindigkeit, Höhenprofil als Diagramm …)  – also Tools wie das besonders bei Läufern beliebte Runtastic.

Sowohl von Orux Maps als auch von OsmAnd gibt es eine kostenpflichtige “Donationware”: Wer will, kann die Entwickler finanziell etwas unterstützen. Von Locus Free findet sich zudem eine kostenpflichtige Version. Alle drei Software-Produkte beherrschen auch das oben schon beschriebene Tracking, also das Aufzeichnen der Wegstrecke. Bei Locus Free müssen die Anwender mit Bannereinblendungen leben, die beiden anderen Apps sind werbefrei.

Die Basics: Wie funktioniert Outdoornavigation mit einem elektronischen Helfer?
Wer noch nie etwas mit GPS-Systemen für Outdoor-Anwendungen zu tun hatte, wird schnell merken, dass sich die Orientierung mit den Apps grundlegend von Auto-Navigationssytemen unterscheidet. Mit GPS-Geräten – ob Apps auf dem Smartphone oder einem Produkt von Garmin & Co. – lassen sich unter anderem folgende Herausforderungen lösen:

  • Wo bin ich? Ein blinkender Punkt auf dem Display zeigt den aktuellen Standort.
  • In welcher Richtung ist mein Ziel? Wie weit ist es noch bis dahin? Ein Pfeil zeigt – wie ein Kompass –  Richtung und  Entfernung.
  • Bin ich noch auf meinem Weg?  Die Route – zum Beispiel eine aus dem Internet geladene GPX-Datei – liegt als gezeichnete Linie über der Karte.  Der Punkt für den aktuellen Standort blinkt.
  • Wie komme ich nach xy? OsmAnd errechnet nach wenigen Fingertipps auf einer Vektorkarte den kürzesten Weg zu einem Punkt, der auf dem Display angetippt wurde.
App-Test im Odenwald.

App-Test im Odenwald.

Digitale Karten aus dem Netz
Basis für die Orientierung ist natürlich eine digitale Karte – entweder eine jeweils aus dem Internet nachzuladende Online-Karte oder eine auf dem Gerät hinterlegte Offline-Map. Aus dem Netz-Projekt “Open Street Map”, eine Art Wikipedia für Landkarten, sind mittlerweile unzählige Varianten an kostenlosen Karten entstanden, die sich bequem downloaden und auf der SD-Karte des Smartphones installieren lassen. Ein aktuelle Karte für ganz Deutschland mit zahlreichen Zoomstufen, die auch kleinste Details zeigt, ist rund 1,1 GB groß und passt somit bequem auf die Speicher der meisten aktuellen Smartphones. Das Charmante an dieser Lösung: Die Karte ist offline, also ohne Internetverbindung, verfügbar und wird automatisch nachgeführt, wenn der Benutzer seine Position ändert. Weder für eine Positionsbestimmung, noch um einen Weg aus dem Netz nachzuwandern, ist somit unterwegs eine Internet-Verbindung erforderlich (also für das Nachladen weiterer Kartenelemente).  GPS-”Empfang” vom Satelliten zum Smartphone als “Basisstation” funktioniert wie im Auto ohne Internet. Der Vorteil ist offensichtlich: Die landschaftlich reizvollsten Gegenden bieten in der Regel eine ultra-langsame oder gar keine Verbindung. Auch im Ausland ist es nicht notwendig teure Verbindungsgebühren zu bezahlen. Seit wenigen Monaten gibt es auch Vektorkarten kostenlos im Internet zum Download – der riesigen Heerschaar begeisterter OSM-Enthusiasten sei Dank – und damit wird es noch interessanter: Vektorkarten gestatten es, anders als Rasterkarten, sich den kürzesten Weg etwa zu einer Burg oder zum Parkplatz ermitteln und anzeigen zu lassen.

In OSM-Vektorkarten lässt sich ähnlich detailliert wie in Google Maps zoomen. Die OSM-Daten bieten aber einen Riesenvorteil: Während in den Karten des amerikanischen Suchmaschinen-Riesen die Wege im Wald nur äußerst spärlich erfasst sind, liefern OSM-Karten – zumindest für weite Teile Deutschlands – nahezu alle Wanderwege! Der genaue Grad der Übereinstimmung lässt sich natürlich nur vor Ort feststellen …

Das Test-Gerät: HTC Desire S mit Android
Doch nun genug der Vorrede, ran ans Projekt: Download und Installation der Apps auf dem Test-Gerät (HTC Desire S mit Android) aus dem Google-Play-Store klappen bei allen drei Apps in wenigen Minuten problemlos.

Was folgte, waren lange Experimente mit den drei genannten Apps: Mir persönlich gefällt OsmAnd mit Abstand am besten. Das hat einen einfachen Grund: Bedienung und Menüführung sind sehr intuitiv und erschließen sich ohne lange zu überlegen auch dann, wenn man die App längere Zeit nicht genutzt hat. Orux Maps ist mir persönlich zu umständlich konzipiert, bei Locus Free nerven mich die Werbebanner.

Ein kleiner Hinweis für alle, die glauben, eine Smartphone-App sei keine richtige Software: Im Netz findet sich für Orux Maps eine Anleitung als PDF-Datei mit über 70 Seiten – eine wirklich Aufgabe also, für Menschen, die sonst keine Ziele haben.

Erster Test: Positonsbestimmung 
Zurück zur Praxis: Alle drei Apps überzeugen durch eine schnelle und sehr ordentliche Positionsbestimmung. (Achtung: Im Keller findet auch das beste GPS-Gerät der Welt keinen Satelliten!) Die Genauigkeit war teilweise verblüffend – bei einem Versuch lag der angezeigte weniger als fünf Meter vom tatsächlichen Aufenthaltsort entfernt, im Schnitt betrug die Abweichung maximal 50 Meter. Sowohl Orux Maps als auch OsmAnd und Locus Free lösen diese Aufgabe zufriedenstellend bis hervorragend. Wer sich also unterwegs verlaufen hat, für den sind die Apps zur Positionsbestimmung eine echte Hilfe. Zwischenfazit: Eine solche App gehört auf das Smartphone jedes Outdoorers.

OsmAnd: Einfach und intuitiv

OsmAnd: Einfach und intuitiv

Praxis-Einsatz im Odendwald
Beim ersten Einsatz mit Freunden auf einer langen Trekking-Tour im Odenwald sorgte das Gerät gleich für Unmut: Es war dem ortskundigen Ehepaar, das dort seit Jahren joggt, hoffnungslos überlegen. Nach einer Essenspause ging es darum, den kürzesten Weg zurück zum Parkplatz zu finden. OsmAnd half deutlich besser als erwartet: Ein kleiner Tipp auf den Smartphone-Bildschirm markierte das Ziel. Nach zwei weiteren Tastenbefehlen wurde innerhalb weniger Sekunden ein Weg vorgeschlagen. Doch war das die kürzeste Strecke? War sie überhaupt richtig? Auf dem Weg zum Parkplatz gab es Diskussionen und das fast zu erwartende Naserümpfen über den elektronischen Helfer in der Hosentasche. Kurz vor dem Ziel folgte dann das zerknirschte Eingeständnis des Smartphone-Kritikers. OsmAnd hatte wohl recht gehabt. O-Ton: “Zu viele Köche verderben den Brei.”

Rhön-Tour: Härtetest bei Schnee, Nebel und eisigem Wind
Was lag also näher, als eine Rhön-Tour zur Wasserkuppe mit Unterstützung von OsmAnd zu planen? Das Setting war schon um Einiges anspruchsvoller: Ich kannte mich in der Rhön nicht aus. Eine Route als GPX-Datei von Gersfeld über das Rote Moor zur Wasserkuppe (950 Meter hoch) mit rund 22 Kilometern war schnell im Netz gefunden und in OsmAnd geladen.

Mit einem Fingertipp dsa Ziel markieren ...

Mit einem Fingertipp das Ziel markieren …

Eisiger Wind, permanenter Schneefall, Nebel und damit Feuchtigkeit in der Luft und Schneeverwehungen begleiteten uns dann auf der Tour. Die äußeren Bedingungen waren also für ein normales Smartphone miserabel, doch OsmAnd lieferte zunächst wiederum gute Arbeit. Wir – drei Trekking-Enthusiasten – machten uns auf dem Weg von Gersfeld aus und wanderten die Route aus dem Netz nach. Neben der Beschilderung und einer wasserfesten Karte, gab es also immer wieder den prüfenden Blick auf das Smartphone. Blinkte der Punkt zur Positionsbestimmung noch auf der Linie der heruntergeladenen Tour? Schnell wurde klar, dass es in der Rhön – vorsichtig formuliert  – anders als im Odenwald noch erheblichen Bedarf bei der systematischen Auszeichnung von Wanderwegen gibt: Große Lücken, unklare Wegeführung, urplötzlich völlig neu auftauchende Markierungen machten uns die Orientierung nicht gerade einfach. Auch die Wanderkarte im Maßstab 1:35.000 war im fremden Terrain nicht unbedingt und immer hilfreich, da auch hier Farben und Formen munter gemischt und undeutlich angeordnet waren.Schnell wurde überdeutlich, wie sinnvoll ein elektronisches Gerät zur Orientierung ist. Ohne GPS-Gerät hätten wir alle 300 Meter überlegen müssen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. So macht – zumindest mir – Trekking keinen Spaß.

... und schon errechnet die App die schnellste Route.

… und schon errechnet die App die schnellste Route.

Schon nach kurzer Zeit trat zudem ein, was zu befürchten war: Der Ladezustand des Akkus sank rapide. Jetzt war klar, das ein GPS-Gerät wie das eTrex 20 oder das Dakota 20 von Garmin eine meiner nächsten Anschaffungen sein wird. Bislang habe ich Touren immer mit Landkarten, Tourentipps aus dem Netz und (machmal) einem Kurvenmesser geplant. Die Gratis-Apps haben mich aber auf den Geschmack gebracht, was elektronische Unterstützung auch beim Trekking leisten kann.

Nach der halben Strecke war dann endgültig Schluss mit lustig. Die Smartphone-Batterie machte schlapp – auch ein Anruf wäre also nicht mehr möglich gewesen. Was noch viel schwerer wiegt: Ich habe zukünftig keine Lust, mein für knapp 400 Euro angeschafftes Gerät permanent heftigen Witterungsverhältnissen auszusetzen, für die es nicht geschaffen ist.

Für hochwertige GPS-Geräte sprechen also einige Argumente:

  • Seien wir mal ehrlich: Bei eisigem Wind und Schnee macht es einem richtigen Outdoorer doch erst Spaß, nach draußen zu gehen. Genau dafür sind normale Smartphones aber völlig ungeeignet. Entweder man hat die Dinger dann in der Tasche (dann verliert man schnall den GPS-Kontakt) oder man trägt sie außen (dann fürchtet man schnell die verheerenden Einflüsse der Feuchtigkeit auf die sensible Elektronik eines bis zu 650 Euro teuren Geräts). Auch die Idee, einen Ersatzakku mitzunehmen, erledigt sich da schnell von selbst.
  • Zudem ist das Handling ziemlich umständlich. Ständiges Aus- und Einpacken macht nicht so wirklich Spaß. Professionelle GPS-Geräte bieten ja häufiger Karabinerhaken, mit denen sie sich mit dem Kopf nach unten an der linken Rucksack-Halterung befestigen lassen. So sind sie immer außen und die Vorraussetzungen für den GPS-Empfang optimal. Mit der linken Hand lassen sie sich bequem nach oben drehen. Völlig unkompliziert besteht die Möglichkeit, so den aktuellen Standort zu prüfen.
  • Da ich auch als Tourenradfahrer unterwegs bin: Ich möchte mein Smartphone selbst im besten Lenkradhalter nicht permanenter Erschütterung aussetzen.

Übrigens: Den Rückweg von der Wasserkuppe nach Gersfeld haben wir dann mit der Karte ermittelt, manchmal geraten (“Einfach nur geradeaus bergab”) und bei Einheimischen erfragt.

Fazit: Bedingt einsatztauglich
Die drei Tools leisten wirklich sehr ordentliche Arbeit, vor allem was die Positionsbestimmung betrifft. Langfristig dürften nach meiner Einschätzung aber richtige GPS-Geräte, z. B. von Garmin oder Takwak, die Nase um Längen (!) voraus haben. Diese Geräte sind robuster, wassergeschützt und bieten eine Betriebsdauer, die deutlich über der von Smartphones liegt. Navi-Apps sind – wie oben beschrieben – wahre Stromfresser und ich möchte im Fall der Fälle (Erste Hilfe, Bus- & Bahnsuche, dringender Anruf …) nicht mit leerem Akku irgendwo im wahrsten Sinne des Wortes im Wald stehen.

Das Alles soll aber die verblüffende Leistungsfähigkeit der Apps nicht schmälern. Sie gehören, wie oben bereits erwähnt, als ergänzende Maßnahme auf das Smartphone jedes Outdoorers. Für Sonntagsspaziergänger sind sie zudem erste Wahl. Aber das sind wir doch nicht wirklich, oder?

Ein Kommentar

  1. Ich nutze, für kürzere Abenteuer, ein Android Phone mit der App “ViewRanger”.

    In ViewRanger kann man relativ kostengünstig ordentliche topographische Karten (TK50 und TK25 für D, Swissmap und einige europäische Länder mehr) kaufen – oder natürlich die gängigen kostenlosen Karten nutzen.

    Die Funktion “BuddyBeacon” schickt in konfigurierbaren Intervallen ein Beacon, also die aktuelle Position, welche sich dann über die Homepage oder Mashup Tools wie http://www.shareyouradventure.com anzeigen lassen.

    Als Akku-Ergänzung hat sich bei mir ein günstiger Akkupack (10€) bezahlt gemacht. Mit 4 Akkus bzw. Batterien kann man das Smartphone wieder aufladen (1 bis 1,5 komplette Aufladungen).

    Bei Touren, bei denen es wirklich auf Navigation ankommt, ist mein altes Garmin eTrex Legend HCx dabei, ergänzt mit Papierkarten und Kompass und genug Reservebatterien.

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