Testberichte

Laufen mit Vibram FiveFingers

24.01.2013

Laufen mit Vibram FiveFingers

“Experts say that to get the best from a workout, we should kick off our shoes”, schrieb Sophie Morris in The Independent vom 10. Januar 2012. Als meine Füße im wahrsten Sinn des Wortes durchgetreten waren, entdeckte ich “Natural Running” für mich. Die Schuhe ganz weggekickt habe ich nicht. Aber fast.

Der Weg zu den Vibram FiveFingers

Mitte der Achtziger-Jahre erfasste mich das Jogging-Fieber. Einige Zeit trabte ich in Hallensportschuhen mehr schlecht als recht durch die Lande, bevor ich mich dem Fachhandel anvertraute, um mir “richtige” Laufschuhe zu gönnen. Der Sportartikel-Verkäufer begutachtete meine Füße und empfahl mir Schuhe mit Pronationsstütze gegen das Nach-Innen-Knicken – ich sei ein starker Überpronierer – und den Gang zum Orthopäden. Zugegeben, schon in jungen Jahren waren meine Füße zur täglichen Fußgymnastik verdammt gewesen, weil die Längs- und Querwölbung so gar nicht der Norm entsprochen hatte. Der Orthopäde jedenfalls befand kurz und bündig: Knick-Senk-Spreizfuß. Einlagen dringend notwendig. Ab zum Orthopädieschuhmacher.

Auf dicken Sohlen – ist Dämpfung alles?

Dicke Sohlen: Adidas Supernova TR

Dicke Sohlen: Adidas Supernova TR

Fortan joggten meine Knick-Senk-Spreizfüße auf dicken, gut gedämpften Kissen pronations- und einlagengestützt sehr schwerfällig über ihre Ferse abrollend. Der Rest von mir kam hinter den Füßen her, als wollte er bald absitzen. Das Laufen bereitete mir immer weniger Freude, und wenn ich mein Spiegelbild in Glasfronten sah, wie es sich dahinschleppte, schämte ich mich für meinen Laufstil.

Alsbald gingen meine Füße auch im Alltag auf orthopädischen Einlagen, reagierten sie doch auf jeden Lauf, auf längeren Wanderungen und vor allem auf Stadtbummel mit erheblichen Schmerzen vor allem an der Sohle. Ihr Längs- und Quergewölbe sackte immer stärker Richtung Erdmittelpunkt. Der Plattfuß war nicht mehr weit. Diffuse Rücken- und Knieprobleme hielten Einzug, und die gesamte Beinmuskulatur wurde für Zerrungen immer anfälliger. Die Ärzteschaft wusste keinen anderen Rat als diesen: “Hier haben Sie ein Rezept für neue Einlagen.”

Von der ersten Annäherung an das Barfußlaufen…

In die Jahre gekommen: "Winter"-Nike Free 3.0 mit flexibler Sohle und geringer Dämpfung

In die Jahre gekommen: “Winter”-Nike Free 3.0 mit flexibler Sohle und geringer Dämpfung

Nun schien guter Rat teuer zu sein – doch in diesem Fall war er kostenlos. Im Bekanntenkreis tummelten sich Gleichgesinnte, die jedoch nicht nur aus Spaß liefen und die ihre Füße nicht länger in Laufschuhe mit dicken, weichen Sohlen, sondern in solche mit relativ dünnen und flexiblen steckten. Ihr Name: Nike Free. Die Schuhe entwickelte der US-amerikanische Sportartikelanbieter, damit der Läufer “von den Vorzügen des Barfusslaufens profitieren” könne, “ohne barfuss laufen zu müssen.” [1]

Meine Knick-Senk-Spreizfüße liefen im Sommer 2009 erstmals in grau-gelben, dann, im Winter, in wärmeren schwarz-weißen Nike Free 3.0. Zuerst unter erheblichem Muskelkater, bald aber mit großer Freude und zunehmender Leichtigkeit.

Die Zehenballen trugen mehr und mehr die Hauptlast, die Fersen atmeten unter der Minderbelastung auf. Die Glasfronten berichteten mir eine deutliche optische Besserung: Meine Gestalt streckte sich gen Himmel und lief nicht mehr so weit hinter den Füßen her.

… zum Beginn einer großen Liebe

Wie barfuß: Vibram FiveFingers KSO

Wie barfuß: Vibram FiveFingers KSO

Inzwischen hatte ich das Barfußlaufen auf Rasen für mich entdeckt. Als einst auf starke Dämpf- und Stützelemente Schwörende dachte ich nach etlichen Sportplatzrunden darüber nach, ob ich meine Feld-Wald-Wiesen-Laufeinheiten denn ohne Schuhe bewältigen könnte. Ich begann zu überlegen, wie ich meine Zivilisations-Fußsohlen effektiv vor Glasscherben und Steinchen schützen könnte – und entdeckte die Vibram FiveFingers.

Lange überlegte ich, ob ich mir eine Vibram-Sohle mit so wenig Stoff dran für so viel Geld zulegen sollte, sprang schließlich über den Schatten des mahnenden Geldbeutels und bin nun seit etwas mehr als einem Jahr stolze Besitzerin der Vibram FiveFingers KSO.

Im Spätherbst 2011 begann ich, mich ganz langsam an das Laufen mit den Handschuhen für die Füße heranzutasten, zog die originellen und aufsehenerregenden Schwarzen zum Spazierengehen an, bis ich mich schließlich an eine halbstündige Laufeinheit wagte.

Laufen mit den FiveFingers – ein Erfahrungsbericht

Heute laufe ich drei- bis fünfmal die Woche acht bis 15 Kilometer. Feld-Wald-Wiese ist mein Terrain. Die Nike Free ziehe nur noch an, wenn Asphalt eindeutig die Strecke dominiert oder Minusgrade Frostbeulen versprechen.

Das Laufen mit den “FünfFingern” ist ein ganz anderes als mit den Nike Free und nicht zu vergleichen mit dem Laufen in Schuhen mit Stütz- und Dämpfelementen. Automatisch laufe ich auf dem Mittelfuß und, wenn ich das Tempo forciere, auf dem Vorfuß. Setze ich mit der Ferse auf – was mir anfangs vor allem am Ende des Laufes passierte, wenn ich müde war – setzt sich der Stoß je nach Körperspannung auf äußerst unangenehme Weise fort bis in die oberen Halswirbel.

Die Knick-Senk-Spreizfüße sind Geschichte. Das Quergewölbe ist wieder gut sichtbar, das Längsgewölbe ebenso, und die Fußschmerzen, an denen ich einst litt, sind verschwunden. Knie und Rücken sind wieder fit. Mein Laufstil ist noch nicht perfekt, aber auf einem guten Weg. Ich laufe lockerer, gestreckt und mit hoher Hüfte, sagt mir das Spiegelbild. Würde ich die Laufzeiten messen – was ich nicht mache, denn ich bin eine reine Spaßläuferin, die sich am Laufen in der Natur erfreut –, so glaube ich, dass ich ausdauernder und auch schneller geworden bin.

Anfangs hatte ich Probleme bei längerem Lauf auf trockenen Böden. Steine stachen mir schmerzhaft in die Fußsohlen, Bodenunebenheiten verbogen mir die Füße, der Aufprall war fast so heftig wie auf Asphalt. Mittlerweile laufe ich auf allen Böden ohne Probleme – wenn nicht gerade ein gemeiner spitzer Stein aus dem Boden ragt und ich diesen mit voller Wucht beim Fußaufsatz treffe – , nicht jedoch auf Asphalt; dies nicht der Schmerzen wegen, sondern weil der Spaßfaktor sehr gering ist.

Weiche, lehmige Pfade und grüne Wiesen: Lieblingsterrain der FiveFingers

Weiche, lehmige Pfade und grüne Wiesen: Lieblingsterrain der FiveFingers

Die FiveFingers sind nicht für das Laufen auf Asphalt gemacht. Wenn der Boden aufgeweicht ist, wenn Schlammlöcher und Wasserpfützen die Wege zieren, spielen die Vibrams ihre Klasse voll aus. Die Füße sind zwar nach kürzester Zeit nass und werden bei niedrigen Außentemperaturen durchaus kühl bis kalt, aber das mindert das Laufvergnügen nicht; ich laufe auch gerne auf Schnee oder im Schneematsch. Ins Rutschen oder Straucheln komme ich nur selten einmal, obwohl meine KSO keinerlei Profil haben und glatt sind wie eine Fußsohle. So uneben der Untergrund auch ist, Umknicken kenne ich nicht mehr. Meine Koordination hat sich wohl stark verbessert. Zudem saugen sich die Zehenschuhe nicht mit Wasser voll, bis sie schwer wie Blei sind, und sie sammeln auch keinen Lehm unter der Sohle an bis hin zum Plateau. Sie werden lediglich, wie die Füße im übrigen auch, sehr schmutzig. Nach dem Laufen reinige ich sie im Wasserbad und wasche sie ab und an in der Waschmaschine.

Zum Erfolgsgeheimnis der FiveFingers

Was die Wissenschaft sagt…

Wissenschaftler von der University of Virgina untersuchten im Jahre 2009 “The Effect of Running Shoes on Lower Extremity Joint Torques”. Sie ließen 68 gesunde Sportler auf einem Laufband mit Laufschuhen und barfuß laufen und fanden heraus: “Increased joint torques at the hip, knee, and ankle were observed with running shoes compared with running barefoot. Disproportionately large increases were observed in the hip internal rotation torque and in the knee flexion and knee varus torques. An average 54% increase in the hip internal rotation torque, a 36% increase in knee flexion torque, and a 38% increase in knee varus torque were measured when running in running shoes compared with barefoot.” [2] Die Belastung des Hüftgelenkes beim Laufen in Laufschuhen also war im Schnitt um 54 Prozent, die der Knie zwischen 36 und 38 Prozent höher als beim Barfußlauf.

… und was ins zwinkernde Auge sticht

Original und Kopie? Fußsohle eines Igels und eines Igels und Laufsohle der Vibram FiveFingers KSO

Original und Kopie? Fußsohle eines Igels und Laufsohle der Vibram FiveFingers KSO

Nun ist die Sohle der Barfußlaufschuhe – mit einiger Phantasie und bei näherer Betrachtung – derjenigen eines Igels nicht unähnlich. Igel zählen zu den erdgeschichtlich ältesten noch existierenden wild lebenden Säugetierarten. Was sich vom Paläozän bis heute erhalten hat und Nacht für Nacht auf seinen Streifzügen, so klein er auch ist, bis zu zwei Kilometer in beachtlichem Tempo zurücklegen kann, ist ein Erfolgsmodell. So falsch dürfte also die These, dass der Mensch künftig “artgerecht” laufend eine Vielzahl an orthopädischer Probleme in den Griff bekommen könnte, nicht sein.

 


Zitierte Literatur

[1] inside.nike.com. (2011, 1. März). Die Entwicklung des Nike Free. Aus http://inside.nike.com/blogs/nikerunning_news-de_DE/2011/03/01/die-entwicklung-des-nike-free
[2] Kerrigan, C. et al. (2009). The Effect of Running Shoes on Lower Extremity Joint Torques. PM&R, Vol. 1, Iss. 12, 1059-1063 [electronic source], from http://www.nmtmidwest.com/running_shoes_vs_barefoot.pdf

Sonstige Literatur

Howell, D. L. (2010). The Barefoot Book: 50 Great Reasons to Kick Off Your Shoes. Alameda: Hunter House.
Morris, S. (2012, 10 January). Work out and bare your soles. The Independent, from http://www.independent.co.uk/life-style/health-and-families/work-out-and-bare-your-soles-6287391.html

2 Kommentare

  1. Liest sich alles ganz prima. Was aber ist mit Personen, die Einlagen tragen müssen. Geht damit nicht der ganze Effekt verloren? Würde bedeuten die Schuhe wären für mich ungeeignet.

    • Hallo! Wie ich im Text detailliert ausgeführt habe, war ich wegen meiner Knick-Senk-Spreizfüße ebenfalls Einlagenträgerin und litt unter diversen Problemen an Rücken, Knien und Füßen. Seit ich ausschließlich mit den FiveFingers und auch barfuß laufe (mittlerweile sogar den ganzen Winter durch), habe ich keine Knick-Senk-Spreizfüße und keinerlei Probleme mehr. Also brauche ich auch keine Einlagen – und hätte nie welche gebraucht. Einlagen sollen Füße mit schwacher Muskulatur und eingefallenem Fußgewölbe stützen, tragen aber gerade hierdurch zur weiteren Schwächung bei, bis der Senkfuß vollends platt ist. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Stärke die Fußmuskulatur, und der Fuß wird fit und gesund. Aber weil das Geschäft mit den Einlagen ein sehr lukratives ist…

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