Reise

Fahrradweltreise Teil 1: Von Freiburg ans Nordkap

31.01.2013

Fahrradweltreise Teil 1: Von Freiburg ans Nordkap

Mein Leben passt auf ein Fahrrad. Fünf, sechs kleine Taschen – kein Platz für tickende Uhren, drängende Terminkalender oder Dinge auf denen die Staubschicht wächst, Tag für Tag. Dafür unendlich Platz für Träume, Erfahrungen, Abenteuer. Mitte April fällt die Wohnungstür zum letzten Mal ins Schloss, auf meine Reifen wartet nichts weiter als die Welt.

Fahrradweltreise Teil 1: Deutschland bis Nordkapp

Rapsalle, irgendwo in Deutschland

Entlang kleiner und großer Flüsse quer durch das vertraute Deutschland, von Südwest nach Nordost beginnt meine Fahrradweltreise. Schnee im Schwarzwald, lautes Vogelgezwitscher im Thüringer Wald, wunderschöne Städte, einsame Radwege, ein exklusiver Sonnenaufgang an den Kreidefelsen auf Rügen. Kurzer Abstecher nach Bornholm, an Schwedens Küste bis Göteborg. Seen statt Rapsfelder, Birken und Fichten statt Mischwald, Schotter statt Asphalt. Schwedens Hinterland lockt den Fahrradreisenden mit Einsamkeit und wunderschönen Strecken durchs Fjell. Zwischendurch werden Rad- gegen Wanderschuhe getauscht, ein Naturschutzgebiet wartet auf Erkundung. Mitten drin eine Gruppe mit schwerbeladenen Kanus, haufenweise Leckereien und ein Koch an Board: Ein “Outdoor Gourmet Kochbuch” wird produziert. Meine lüsternen Blicke werden mit einer Einladung quittiert – Drei-Gänge-Menü auf Sterneniveau vom Lagerfeuer. Die nächste Straße: 25 Kilometer. Der nächste Supermarkt: 50 Kilometer.

Fahrradweltreise: Etappe 1, Nordkapp

Norwegen ist Fahrradfreundlich

Die Freiheit auf dem Trekkingrad

Steinkjer, Norwegische Küste. Hier beginnt eine der Traumstraßen Europas, die RV 17. Der “Kystriksveien” schlängelt sich mithilfe von Fähren und Tunnel 650 Kilometer an der Küste entlang bis Bodø. Die Landschaft wird spektakulärer, Tag für Tag, Meter für Meter. Die Augen hängen am Meer, Fjord und an Bergen – an gletschergehobelten Monumenten natürlicher Schönheit, bis eine Bodenwelle den Blick für einen kurzen Moment zurück zur Straße schlägt. Abends steht das Zelt vor einer Bühne aus Meer und Fels auf der Wolken und Sonne ein verrücktes Schauspiel in unendlichen Akten aufführt. Spielpause 3 Minuten: Sonnenuntergang 01:08 Uhr. Sonnenaufgang 01:11 Uhr, Logenplatz.

Wer von Bodø die Fähre zu den Lofoten nimmt wird weiter belohnt. Auf schmalen Straßen an schroffer Küste geben sich Wohnmobile die Seitenspiegel in die Hand. Fangfrischer Fisch in jedem noch so kleinen Hafennest. Steile Berge versprechen grandiose Aussicht – und halten ihr Versprechen, jedes Mal. Die Windrichtung wechselt alle paar Minuten – schiebt von hinten, drückt von der Seite, schüttet einen steilen Anstieg vor mir auf. Tag und Nacht wechseln gar nicht mehr. Zwei, drei Grad steht die Sonne um “Mitternacht“ noch über dem Horizont. Unglaubliches Licht, stundenlang.

Fahrradweltreise, Etappe 1, ans Nordkapp

Lichtspektakel oder endloser Sonnenuntergang

Norwegisches Wetter ab kurz vor Tromsø. Irgendwann versagt die beste Membran Ihren Dienst. Nass bis auf die Haut teile ich mit zwei Radreisenden das Leid. Wir haben uns unterwegs getroffen und beschlossen gemeinsam weiter zu radeln. Zusammen lachen wir den Regen aus, tauschen die besten Strategien für ein trockenes Zelt. Eine Hütte auf dem Campingplatz in Tromsø bringt die ehrsehnte Geborgenheit. Duschen, waschen, Füße hochlegen. Zwei Tage voll Stories, Anekdoten, Tipps, Zukunftsträume und Späße. Liebste Beschäftigung neben Quatschen: Essen. Wir verbringen mehr Zeit damit als mit schlafen: Radfahren macht unglaublich hungrig!

Das Nordkap ist mehr als ein fotogenes Motiv

Irgendwann muss ich zurück auf die Straße, setze meine Fahrradweltreise fort. Das Wetter bleibt nordisch: acht, neun, selten mehr als zehn Grad, kein Tag ohne Wind, Regen, Wolken. Doch die Sonne bricht sich immer wieder Ihren Weg durch die Wolken. Mal kurz mal lang, mal schüchtern, mal selbstbewusst. Abwechslungsreich ist auch die Straße: flach, steil, breit, schmal, kurvig, gerade, mit Schlaglöcher oder ohne. Zwischendurch Tunnel – auch mal mit ein paar Rentieren mitten drin. Der längste und steilste – sieben Kilometer lang, 212 Meter tief – führt unter einem Fjord zur Nordkap-Insel. Ziemlich in der Mitte fallen Licht und Belüftung aus: schummrige Notbeleuchtung, keine Autos, klaustrophobische Stille. Nur mein Keuchen hallt von den Wänden. Die Erklärung erhalte ich am Ausgang: Tunnelsperrung wegen Wartungsarbeiten an der Beleuchtung. Auf Radler wird nicht gewartet, die sind zu lahm. Immerhin: keine zu eng überholenden Autos in der Röhre. Danach: Anstieg auf 300 Meter, Abfahrt auf null, Anstieg auf 300 Meter. Dort: “die nördlichste Ecke, wo wir ordentlich Platz für einen richtig großen Parkplatz hatten” – so die nüchterne Einschätzung eines Norwegers in Sachen Nordkap.

Nordkaptaufe, Norwegen

Nordkaptaufe, Norwegen

Eigentlich hat er Recht. Mautstation vorm Parkplatz, Besucherzentrum mit weitläufigem Souvenirshop, Restaurant, Multivisionsshow, das Nordkapzertifikat mit eigenem Namen und ein Glas Champagner für 50 Euro – dabei ist das Kap nicht mal das nördlichste Ende des europäischen Festlandes. Das ist einen Fjord weiter. Trotzdem hat er Unrecht. Nach 5.608 Kilometern mit dem Fahrrad ist der Globus auf der Klippe mehr als nur ein nettes, fotogenes Motiv. Das Ende der Straße ist mehr als nur eine Sackgasse. Der arabische Kaffee, den ich mit einem israelischen Radler draußen unterm Restaurant koche, viel mehr als ein Gläschen überteuertes Blubberwässerchen. Das sagenumwobene Nordkap hat mich. Irgendwie. Und der Zauber, die Erinnerung, das Gefühl bleibt. Keiner kann es mir mehr nehmen. Das macht das Weiterfahren einfach und selbstverständlich – weiter in Richtung Russland.

3 Kommentare

  1. Hallo, sehr schön. Das ist der Stoff aus dem die Träume sind. Mann (Frau auch) muss es nur TUN. Etwas telegrammig, aber klar bei der Intensität lässt sich mit 1, 2 oder 3tausemd Zeichen nur schwer das ganze Glück und Ausmaß des tatsächlich Erlebten hier abbilden. Chapeau, freu mich auf teil2 & more. Gruesse udo (gerne per Email zu kontaktieren, weil das Thema einfach nach Austausch “schreit” :-)

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