Reise

Weltreise mit Fahrrad und Hunden - Teil 2: Georgien

14.03.2011

Weltreise mit Fahrrad und Hunden – Teil 2: Georgien

Michael und Sybille Fleischmann sind seit Juni 2010 unterwegs, um per Fahrrad ferne Länder zu bereisen. Ihr Ziel: Einmal um die Welt! Mit dabei: Rhodesian Ridgeback Rüde „Gomolf“ und Mischlingshündin „Diu“.


„Hier sieht es aus wie in Nepal“, bemerkte Michael als wir auf einer kurvigen Straße durch Georgien radelten. Er hat recht. Die Straße folgt einem Flusstal und windet sich malerisch entlang der bewaldeten Berghänge. Auch wenn wir kleine Dörfer passierten, fühlten wir uns an das Land im Himalaya erinnert. Die Menschen betrachteten uns mit neugierigen und schüchternen Blicken. Spielende Kinder, freilaufende Hühner, Kühe und Ziegen prägen das Straßenbild. Unsere Verpflegung kauften wir in winzigen Läden, mit spärlicher Auswahl, doch Grundnahrungsmittel wie Brot, Käse und Eier fanden wir überall. Bald jedoch bestätigte sich eine Befürchtung, die wir hegten seit uns ein paar Menschen erstaunt gefragt hatten, was denn unser Hunde essen: Es gibt kein Hundefutter in diesem Land. Wofür auch? Die wenigen Straßenhunde ernähren sich von den Abfällen der Menschen. Als unsere Vorräte für Gomolf und Diu aufgebraucht waren, mussten wir improvisieren. Wir fütterten sie mit gekochtem Hühnerfleisch, Eiern, Brot, Kartoffeln, Hackfleisch und dergleichen. Das bedeutete extra Arbeit für uns, doch unsere beiden Hunde mussten viel laufen und waren abends genauso hungrig wie wir.
Wir hatten von Rumänien aus keine Schiffsverbindung über das Schwarze Meer finden können, sind dann aber etwas weiter südlich in Bulgarien fündig geworden. Ein rostiges Fährschiff namens ‘Sevastopol’ brachte uns von Varna (BG) nach Batumi, Georgien. Das ist eines der bergigsten Länder Vorderasiens. Auf dem Weg gen Osten mussten wir zahlreiche Höhenmeter überwinden, die Straße wand sich in Serpentinen die Berge hinauf und auf der anderen Seite wieder herunter – und das viele Male. Landschaftlich ein Traum, zum Fahrradfahren sehr anstrengend. Abends waren wir oft schon sehr erschöpft, mussten aber noch einige Kilometer zurücklegen, bevor wir einen passablen Schlafplatz gefunden hatten. Ein wenig abseits der Straße sollte es sein und vor allem möglichst flach. Das war hier in den Bergen schwer zu finden. Oft gelang es uns nur ganz knapp vor Einbruch der Dunkelheit das Zelt aufzuschlagen.
Eines Morgens standen wir auf und blickten in einen strahlend blauen Himmel. Die Sonnenstrahlen wärmten so sehr, dass wir mit dem Gedanken spielten, die langen Hosen und Jacken wieder gegen Shorts und T-Shirts zu tauschen. In der letzten Woche war es trüb und regnerisch gewesen, um so dankbarer waren wir für diesen klaren Tag. Vor uns lag eine Herausforderung: Eine Passstraße, die uns von 300 auf 2500 Höhenmeter bringen würde. Etwa siebzig Kilometer bergauf fahren – das sind mehrere Tagesetappen für uns. Als wir etwa eine Stunde auf passablem Straßenbelag gefahren waren, verschwand der Teer langsam aber sicher und es ging in eine unbefestigte Piste mit tiefen Schlaglöchern über. Auch das noch! Wir hatten etwa drei Wochen für Georgien einkalkuliert, wie sollten wir so unseren Zeitplan einhalten? Als wir gerade ein wenig verzweifelten, stoppte ein großer russischer LKW neben uns, der Fahrer wollte wissen wo wir hin möchten. Tatsächlich fuhr er in dieselbe Richtung und so fanden wir uns kurz darauf auf der Ladefläche des uralten Gefährtes wieder – zusammen mit unseren Fahrrädern, Gepäcktaschen und den Hunden, denn das Fahrerhaus war schon voll. So schraubten wir uns die Serpentinen sehr zügig nach oben, die grösste Anstrengung bestand darin, bei der wackeligen Fahrt nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Unsere Fahrräder und Anhänger rutschten von einer Seite zur anderen und wir fragten uns, was schädlicher für das Material ist: Selbst fahren oder transportiert werden? Jedenfalls sparten wir eine Menge Kraft und waren dem Fahrer überaus dankbar. Leider lag auf halbem Weg sein Dorf, dort setzte er uns ab. Als wir gerade unsere Gefährte wieder startklar machten, blieb ein Kleintransporter stehen und deutete mit ein paar Gesten auf sein leeres Fahrzeug: Er würde uns das restliche Stück mit nach oben nehmen! Wir wollten zwar im Dorf noch etwas fürs Abendessen einkaufen, verwarfen den Plan aber wegen dieser Mitfahrgelegenheit. So saßen wir bald im warmen Fahrerhaus, und näherten uns weiter dem Gipfel. Nach zehn Minuten Fahrt auf nicht vorhandener Straße begann es zu regnen und wir hofften, dass es noch eine Weile dauern würde bis wir da sind. Nach weiteren zehn Minuten hatte sich der Regen in Schnee umgewandelt und wir wünschten uns beide, das Auto niemals verlassen zu müssen. Doch das Unvermeidbare kam schneller als uns lieb war und so standen wir schon bald mit unseren Siebensachen im nebligen Schneegestöber auf 2500 Höhenmetern. So schnell wir konnten zogen wir alles an, was wir dabei hatten und machten uns an die Abfahrt. Von Straßenbelag fehlte jede Spur. Der nasse Schnee verwandelte alles in eine glitschige Piste, die wir möglichst schnell hinter uns bringen wollten. Die Straße war so schlecht dass wir ständig mit angezogenen Bremsen fahren mussten. Gleichzeitig versuchten wir, den schlimmsten Löchern im Boden auszuweichen. Nach einer halben Stunde waren unsere Finger kalt, die Zehen taub und die Kleidung durchnässt. Bald mussten wir einsehen, dass die Abfahrt heute nicht mehr zu schaffen war und begannen, nach einem Zeltplatz Ausschau zu halten. Vergeblich suchten wir nach irgendeiner Art von Dach, bis wir schließlich auf einer Wiese abseits der Straße hielten.

Das Zelt bei Schneeregen aufzubauen ist nicht schön, doch zum Glück geht es schnell. Wir haben ein hochwertiges Viermann-Tunnelzelt mit zwei Eingängen, das uns und den Hunden sehr viel Platz bietet. Binnen zehn Minuten ist es aufgebaut, die Matten und Schlafsäcke ausgebreitet und die wichtigsten Sachen verstaut. Zum Glück ist es innen trocken. Selbst wenn wir es in strömendem Regen aufstellen müssen, kann kein Wasser ins Innenzelt eindringen – der Tunnelzelt-Technik sei Dank.
Während ich unsere Taschen nach Lebensmitteln durchsuche, baut Michael unseren Benzinkocher auf. Leider ist meine Ausbeute sehr bescheiden: Eine halbe Packung Nudeln und eine kleine Dose passierte Tomaten. Wir haben beide ein großes, grummelndes Loch im Bauch – das wird uns kaum befriedigen. „Mach’ den Kocher noch einmal aus“, sage ich zu meinem Mann, „ich versuche etwas zu Essen zu bekommen. Und Wasser brauchen wir auch noch.“ – „Ist gut, aber der Kocher bleibt an. Das ist jetzt unsere Zeltheizung“, sagt er.
Ich ziehe los, der Regen hat etwas nachgelassen. Es waren ein paar Häuser in der Nähe und ich fragte die Menschen dort um Hilfe. Ein Geschäft gab es hier nicht doch eine alte Frau gab mir zwei Brote und ein großes Stück Käse. Geld wollte sie aber keines annehmen, so konnte ich mich nur ausgiebig bedanken.
Als ich zurückkam trocknete Michael gerade unsere Socken auf dem Campingkocher. Es war bereits gemütlich warm im Zelt und die Hunde lagen still und regungslos. Natürlich war es eng und alles ein wenig feucht, dennoch der beste und heimeligste Platz den wir uns hätten wünschen können. Unser Abendessen war schnell gekocht: Nudeln mit Tomaten-Käse Sauce, dazu etwas Brot. Glücklich, noch etwas in den Bauch bekommen zu haben, krochen wir schon bald in unsere Schlafsäcke und warteten darauf, dass endlich unsere Füße warm wurden. Begleitet vom Prasseln des Regens schliefen wir langsam ein. Am nächsten Morgen hatte der Regen weitesgehend aufgehört – Gott sei Dank!

Nach zwei Wochen in Georgien hatten wir die Hauptstadt Tiflis erreicht. Hier beantragten wir die Visa für die nächsten beiden Länder: Azerbaijan und Kazachstan. Es kostete uns zweihundert Euro und zehn Tage Wartezeit in der Großstadt. Nach unserer ersten Kälteerfahrung fürchteten wir uns etwas vor dem, was nun vor uns lag: Der Winter. Trotzdem waren wir froh, wieder unterwegs zu sein.

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