Leidenschaft

Lenzspitze - solo - Eisklettern im Wallis

27.11.2012

Lenzspitze – solo – Eisklettern im Wallis

Solo Klettern

Lenzspitze solo – Du kannst starten, wann du willst, heimkehren, wann du willst, kannst so schnell gehen, wie du willst, oder so langsam, wie du willst. Du kannst schlafen, wann du willst, kannst essen, was du willst, sitzen, wann und wo du willst und rennen, wie du willst. Du musst aber leider ganz alleine mit deinem Plan zu Recht kommen, auch wenn du mal nicht willst.

Während ich mir so meine Gedanken mache über die Vor- und Nachteile des solo Eiskletterns, ist mir etwas unbehaglich zumute im Gastraum der Mischabelhütte. Es sind nicht sonderlich viele Leute da, aber alle die da sind, unterscheiden sich in drei Punkten von mir: Niemand ist alleine hier, keiner will irgendetwas anderes machen als den Normalweg aufs Nadelhorn und niemand hier wird gleich rausgehen, um in der Kälte sein Essen mit dem Wasser aus dem Sanitärtrakt auf dem Gaskocher zuzubereiten. Mache ich da was falsch?

Später, draußen, an meinem fundamentalen Steintresen auf den Stützmauern der Hütte, beim Einrühren der Tütensuppe wünsch ich mir jemanden, um alberne Gespräche zu führen. Dass ist üblich, so kann man gut die innere Spannung übertünchen. Aber keiner ist da, so bleibt mir nicht viel mehr übrig, als die Angst in mich rein zu fressen, weil ich ständig an meine Tour denken muss.

Meine Tour an der Lenzspitze

Die letzte Seilschaft war knapp 20 Stunden auf der Lenzspitze unterwegs, doppelt so lange, wie die durchschnittliche Zeit, sie hatten ihre Gründe, das Eis war mies, unten morsch, wie sie sagten und oben blank. Der Grat war verschneit und nicht genügend ausgeapert. Sie mussten alles sichern, erzählten sie mir, vom Einstieg an bis zum Ende des Grates auf das Nadelhorn. Für mich alleine auf der Lenzspitze sind das ziemlich düstere Aussichten.

im oberen Wandteil

Jetzt läuft es!

In meinem Kopf entwickelt sich die Vision eines höllischen Selbstfindungstrips. Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich hier nicht absteigen möchte, ohne einen Blick riskiert zu haben, ohne mal die Luft aus der Nähe geschnuppert zu haben. Der Abend ist lang, deshalb lese ich, um müde zu werden und um an andere Dinge zu denken: John Irvings „Unglaubliche Geschichte vom Wassertrinker“ lenkt mich ab und ich komme wieder etwas runter.

Es ist ein weiterer Tag vergangen und ich habe zum Akklimatisieren das Ullrichshorn bestiegen. Es ist sehr geeignet  als Vorbereitung für die Tour an der Lenzspitze mit der anhaltenden Gratkletterei in 4200 Meter Höhe. Die Stimmung am Abend ist Dieselbe, John Irving rettet mich. Es muss so gegen viertel nach vier sein, eine Stunde nach Aufbruch, ich wünsche Wolfram und seinem Kumpel viel Spaß, wir werden uns oben wieder sehen, haben wir uns ausgemacht. Die beiden sind gestern noch spät am Abend auf die Hütte gekommen und haben dasselbe Ziel wie ich, die Nordostwand an der Lenzspitze. Weil ich aber allein bin, werde ich ab hier schneller sein. Ich stehe heute gut unter Strom, perfekt um einzusteigen.

Eine halbe Stunde später befinde ich mich kurz unterhalb des Bergschrundes. In der Ferne sehe ich die beiden Nachfolger als winzige Lichtpunkte in meine Richtung folgen, das gibt ein bisschen Sicherheit, so hab ich das Gefühl, dass jemand in der Nähe ist.

Mir klingt es noch im Ohr „der Bergschrund war das Einzige, was gut ging“ hatten die 20-Stunden-Kandidaten von der Lenzspitze erzählt. Ihre alten Spuren kann ich noch schemenhaft erkennen, doch am Bergschrund angekommen trifft mich der Schlag und ein Schauer läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. Die Spuren enden an der schwarzen, gähnenden Gruft des Bergschrundes und erst drei Meter oberhalb gehen sie weiter, an der überhängenden Oberlippe. Mir ist natürlich sofort klar, dass hier vorgestern noch eine Schneebrücke existiert hat, die wahrscheinlich gestern der Schwerkraft folgend den Weg in die Tiefe angetreten hat. Ich muss mich jetzt also vorsichtig in meinem Stirnlampenlicht an der finsteren tiefen Spalte entlang tasten, um eine Stelle zu finden, an der sich das Eis von Ober- und Unterkante vielleicht mehr, als drei Meter annähert.

Etwa 20 Meter weiter rechts bildet die untere Kante einen kleinen, vereisten, aber unterhöhlten Schneepilz, dort stelle ich mich vorsichtig drauf. Der Blick an meinen Füßen und dem Schneepilz vorbei zeigt mir schwarze Leere. Der Vorteil von dieser ungemütlichen Stelle liegt aber in der Erreichbarkeit der Oberkante des Schrundes. Etwa in Schulterhöhe zieht sich die stark überhängende Wulst, wie eine Schaumzuckerrolle von links nach rechts.

„Die Mutigen leben vielleicht nicht am Längsten, aber die Ängstlichen leben nie“, denke ich mir und schwinge mein Petzl Eisgerät in das griffige Eis über mir. Der Startschuss ist gegeben, ich betrete einen neuen Raum, zurück geht es nicht mehr. „So, mein lieber Freund, jetzt musst du klettern, das hast du so gewollt“ höre ich mich sagen. Die Angst ist weggeblasen, die Konzentration auf 100 gedreht und ich weiß, dass ich das hier kann. Ein letzter Blick in die dämonenschwarze Spalte genau unter mir, dann warten etwa 15 Meter, 80 Grad steile Verschneidung, wobei die rechte Wand aus Eis besteht und die linke aus Schnee. Die Eisgeräte halten also nur rechts, deshalb muss ich einige Verrenkungen in Kauf nehmen, um mit meinem Gleichgewicht im Einklang zu bleiben.

Lenzspitze Nordostwand

zwei Bergsteiger im oberen Teil der Nordostwand an der Lenzspitze

Als es flacher wird schaue ich mich wieder um und aus irgendeinem Grund kann ich diese Situation anschlagmäßig genießen. Diese Wand steht hier rum und ich bin mittendrin und es gibt keinen Anlass, warum es anders sein sollte. Vor mir liegen nun knapp 500 Meter Firnwand mit 55 Grad Neigung. Ich schalte den Vorwärtsgang ein und suche mir meinen Weg dicht links der rechten Begrenzungsfelsen. Die Verhältnisse sind hier erstaunlich gut und in jedem Fall besser, als ich erwartet hatte. Erst mit zunehmender Höhe wird es dann blank. Die Schneeauflage auf dem harten Eis wird immer dünner, bis schließlich das blaue Eis zum Vorschein kommt. Hier haben die Waden nun gute Arbeit zu leisten, aber mich kann nichts mehr aufhalten, ich schwebe im Flow.

Im ersten Morgenlicht steige ich die letzten Meter auf dem Grat zum höchsten Punkt der Lenzspitze. Der Gipfel ist ein richtiger Gipfel, erschreckend steil geht es hier nach allen Seiten bergab. Alle markanten Viertausender der Westalpen kann ich nun sehen, Dom, Matterhorn, Weißhorn, Obergabelhorn, Zinalrothorn, und am Grand Combin vorbei in der Ferne der Mont Blanc. Sie kommen mir alle vertraut vor, zu jedem ist eine kleine und doch irgendwie wichtige Geschichte in meinem Kopf abgespeichert. Guten Morgen! Bereits 6:15 Uhr beginnt meine zweite Schicht. Von der Lenzspitze zieht sich der Hauptteil des Nadelgrates zum nur ein paar Meter höheren Nadelhorn. Dieser knappe Kilometer ist ein Prachtstück von einem alpinen Grat. Er trennt die beiden wichtigsten Täler im Wallis, das Mattertal und das Saastal bei einer atemberaubenden Ausgesetztheit. Das Panorama ist grandios, der Fels ist fest und die Gelegenheit, hier die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf die Wangen zu bekommen, macht mich regelrecht glücklich.

Die Bedingungen sind auch hier oben auf der Lenzspitze besser, als erwartet. Alle Grattürme sind genau auf meiner Seite weitestgehend schneefrei, während auf den Rückseiten, wo ich jeweils nur abseilen muss, die Platten mit Reif und dickem Eis verkrustet sind. Auch die schwierigen Kletterstellen überraschen mich mit einladenden Zügen, die mir ohne meine Steigeisen wie Öl runter gehen.

Geschafft

Halb Neun beginne ich das erlebte zu rekapitulieren, ich sitze auf dem Nadelhorn und fühle mich frei, vor mir liegt leichtes Gelände. Der zurückliegende Aufstieg bot, wie man so schön sagt, das ideale Verhältnis von Anforderungen und Fähigkeiten. Einen Tick schwerer und es wäre nicht gegangen, einen Tick leichter und es wäre zu einfach gewesen. Ich bin tatsächlich auch ein wenig dankbar, wem weiß ich nicht, aber dankbar für den perfekten Ablauf meiner Tour auf der Lenzspitze heute an diesem Tag. Irgendwo da draußen passieren im selben Moment ganz andere Dinge. Während ich eine volle Dosis Energie aus dem Universum sauge, stirbt ein Mensch, den ich zutiefst schätzen gelernt habe. Und zwei Tage später sehe ich ihn liegen, aufgebahrt und die Haut so weiß wie der Schnee oben auf der Lenzspitze.

Reinhardt mach´s gut!

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*