Reise

 FROM SEA TO SUMMIT - Skitouren in den Lyngen Alps

02.11.2012

FROM SEA TO SUMMIT – Skitouren in den Lyngen Alps

Los gehts!

Endlich. Das lange Warten, das ständige Checken des Wetterberichtes, das Hoffen auf Besserung hat ein Ende. Zu fünft geht es zum Münchner Flughafen. In Mitteleuropa hat der Sommer Einzug gehalten. 25° für einen Tag Anfang April ist eindeutig zu viel für uns. Wolkenloser Himmel über Europa – mit einer Ausnahme: Die Lyngen Alps in Nordnorwegen. Das Wetterradar zeigt seit Wochen Niederschläge bei Temperaturen um oder leicht über Null Grad. Auch unser Skipper in Tromsö bestätigt das Wetter: ein Jahrhundertwinter mit – selbst für norwegische Verhältnisse –  weit überdurchschnittlichen Schneemengen. Nach dem schneearmen Winter in unseren Gefilden ein versöhnlicher Saisonabschluss. Ob unser Plan allerdings aufgeht, bleibt fraglich. Wir, das sind vier ORTOVOX Freeski-Mountaineering Athleten und der Fotograf Klaus Fengler haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, den 100 Kilometer langen, sehr alpinen Teil der nördlichen Lyngen Alps in sechs Tagen von Süd nach Nord zu durchqueren – allerdings nicht auf gewöhnlichen An- und Abstiegen, sondern mit möglichst vielen, möglichst steilen Rinnen und ausgesetzten Wänden. Sechs lange Tourentage, begleitet von einem Segelschiff, das die Nächte als schwimmendes Hotel versüßen soll.

Schon altbekannte Gesichter am Flughafen beweisen, dass Norwegen voll im Trend liegt. Auch vier Bergführerfreunde aus Oberbayern haben ein Schiff gechartert und möchten ihren Gästen die Lyngen Alps näher bringen. Lyngen bietet Platz für alle. Einsamkeit ist dennoch garantiert – auch wenn in den Fjorden immer mal wieder Boote kreuzen – die wenigsten davon bringen Skitouristen an die traumhaften Skigipfel der alpin anmutenden Alpen.

Skitour auf den Russelvfellet

Lyngenalps – Skitour auf den Russelvfellet

Die Lyngen Alps

Die Lyngen Alps gehören zum nördlichsten, was das norwegische Festland zu bieten hat. Einige Schiffsstunden weiter Richtung Nordpol liegt nur noch Bear Island, dahinter Spitzbergen. Eine gewisse Ähnlichkeit zu unseren mitteleuropäischen Alpen ist definitiv vorhanden: Eine Mischung aus Kitzbühler Alpen und dem Wilden Kaiser, die Täler gefüllt mit zig Kubikliter Wasser – willkommen in Nordnorwegen! Auch das Klima und die Vegetation lassen sich mit unserem Hochgebirge vergleichen. Der warme Golfstrom verhindert ein zufrieren der Fjorde und ermöglicht zumindest an den Küsten einen dünnen Vegetationsgürtel aus Birken und Hein, der jedoch den Skitouristen kein Hindernis darstellt. Hat man die Vegetation einmal hinter sich gelassen, tun sich endlose Skihänge auf, die nichts vermissen lassen. Anfänger, aber auch Steilwandprofis finden die perfekte Spielwiese. Sanfte, homogene Hänge und rassige Steilhänge stehen häufig unweit voneinander entfernt. Insgesamt bieten die Lyngen Alps knapp 60 Gipfel über 1000 Meter, wobei die höchste Spitze, der Jiehkkevarri, 1834 Meter misst. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Ski meist schon am Strand angezogen werden und die Spurenanlage häufig selbst organisiert werden muss.
Die höher gelegenen Regionen der Lyngen sind teils vergletschert, erfordern aber nur bei ungünstigen Verhältnissen komplette Gletscherausrüstung. Der durchschnittliche norwegische Winter ist sehr schneereich und bedeckt Spaltenzonen mit einer dicken Schneeschicht. Lediglich früh oder später in der Saison ist in den Lyngen Alps größere Vorsicht geboten.

Skitouren Lyngenalps - Boots Check In

Lyngenalps – Boots Check In

Endlich in Norwegen

Unser Air Baltic Flieger startet pünktlich, auch das Übergepäck und die Skiausrüstungen gehen schnell durch – wenn Fliegen doch nur immer so reibungslos verlaufen würde! Zwei Stunden, nachdem der Flieger Münchner Boden verlassen hat, kommt die Steppe Rigas ins Sichtfeld. Kurz vor 22Uhr fährt unser Flieger ein zweites Mal die Räder aus –  diesmal in Tromsö. Schon der Anflug über die Lyngen Alps hat Lust auf mehr gemacht. Schnee bis an die Küste herab – und davon nicht wenig. Bereits von oben haben wir erste Einblicke in die steilen Rinnen erhalten, die wir uns für die nächsten Tage vorgenommen haben. Als auch unser Gepäck vollständig ankommt sind wir endgültig optimistisch gestimmt, dass wir eine geniale Woche vor uns haben. Am Flughafen warten Ivar und sein Sohn Espen auf uns. Die beiden werden unsere kleine Gruppe die nächsten Tage durch die Fjorde skippern und uns die besten Gipfel Lyngens zeigen.
Der Empfang ist norwegisch herzlich. In perfektem Englisch bekommen wir alles Notwendige für die erste Nacht mit auf den Weg: Eine Fahrt zum Hotel, alles Wissenswerte für den morgigen Tag und die Empfehlungen für die beste Bar der Stadt.

Der Blick aus dem Hotelzimmer am nächsten morgen verheißt nichts Gutes, genauso wenig wie der Blick in die Tromsöer Tageszeitung – Schneeregen und nur verhaltene Besserung in den nächsten Tagen. Zumindest machen wir uns Hoffnung, dass sich in den höheren Regionen gerade der Pulver nur so auftürmt. Nachdem wir die Wasserdichtigkeit der ORTOVOX Hardshell Kollektion den gesamt Vormittag auf die Probe gestellt haben, sind zumindest die Vorräte für die Woche aufgefüllt und wir warten auf ein Wiedersehen mit unserem Skipper Ivar. Kurz darauf sitzen wir in seinem Kleinbus auf dem Weg nach Lyngenseidet und lauschen gespannt den Berichten über kuriose italienische Tourengruppen, Briten die Dank Alkohol kaum Gipfel gesehen haben und jeder Menge Seemannsgarn. Fasziniert von der Schönheit der norwegischen Natur, streift unser Blick immer wieder durch die beschlagenen Autoscheiben hinaus in die Fjordlandschaft, aus der steile Bergflanken erwachsen und im Nebel verschwinden.

Es ist bereits 21Uhr und noch immer nicht dunkel als wir den kleinen Fischerort Lyngenseidet erreichen. Mitte April dürfen wir uns über 16 Stunden Tageslicht freuen – nur vier Wochen später verschwindet die Sonne dann gar nicht mehr, was die Norweger für die lichtlosen Tage im Hochwinter entschädigt.
Der Schneeregen hat sich inzwischen in dichtes Schneetreiben gewandelt und dann liegt es vor uns: Unser schwimmendes Hotel. Beim erst Blickkontak mit der „Fri Flyt“ stellen wir uns schnell die Frage, wie sieben Mann und eine Frau hier Platz finden sollen. Doch die erübrigt sich schnell, nachdem das Innenleben mit 4 Doppelkabinen, zwei Bädern und einen geräumigen Gemeinschafsraum inklusive Küche geräumiger ist, als es der äußere Anschein vermittelt hatte. Nachdem die üppige Ausrüstung verstaut ist und beim Kochen nicht nur Wärme in unsere Mägen kommt, fühlen wir uns direkt heimisch. Organisation wird in dem 14 Meter langen Einmaster groß geschrieben, predigt Ivar bei seiner Kurzeinführung in die Spielregeln. Die Ski bleiben gut verzurrt an Deck, die Tourenschuhe in den Staukisten und unter Deck herrscht Ordnung. Die Wichtigkeit des Gesagten wurde uns in den Folgetagen bewusst: Chaos bringt Zeitverlust!
Unser erster Abend bringt neben jeder Menge Arctic Beer auch unseren Bergführer Paul mit sich. Paul zeigte sich auf Grund der Wetter und Lawinenverhältnissen und unserem ungewöhnlich Plan, die Lyngen Alps auf möglichst steilen Wegen zu durchqueren, extremst besorgt. Nach langen Diskussionen und ewigem Kartenstudium, vertrauen wir dem jungen Bergführer und entschließen uns dazu, uns am ersten Tag selber ein Bild der Bedingungen zu machen.

Skitour auf den Tafeltinden 1395 m

Skitour auf den Tafeltinden 1395 m

Die Lyngen Alps

In den Lyngen Alps kann man nicht auf den Luxus eines Lawinenlageberichtes zurück greifen. Lawinenkundiges Beurteilungsvermögen und das Wissen über Niederschläge, Temperaturen und Windrichtungen der vergangenen Tage ist unumgänglich. Das Wetter ist gezeichnet von viel Wind und regelmäßigen Niederschlägen. Die Tiefs treffen mit voller Kraft auf die exponierten Gipfel der Lyngen Alps und setzen sich häufig über Tage fest. Einen stabilen Wetterzeitraum gibt es kaum, am ehesten im Frühjahr. Die Schneebedingungen sind in der Regel von März bis Mitte Mai als günstig einzustufen. Besonders im März und April kann man mit einer geschlossenen Schneedecke bis an die Küste rechnen, häufig sogar als Pulverschnee. Mitte April bis Mitte Mai werden die Tage deutlich länger, der Schnee zieht sich von den Küsten zurück und man findet klassische Frühjahrsbedingungen vor, mit traumhaften Firnabfahrten.

Der erste Tourentag

Der erste Skitouren-Morgen in Lyngenseidet erwartet uns mit herrlichen Sonnenstrahlen. Die Motivation ist immens, als wir durch die weitläufigen Birkenwälder zum Rundtinden aufsteigen. Schnell wird der Blick freier und atemberaubender. Es ist ein einmaliges Erlebnis die Faszination aus Bergen und Meer zu genießen. Der harte Kontrast zwischen den schwarz wirkenden Fjorden und den daraus erwachsenen schneebedeckt Gipfeln ist an Schönheit kaum zu überbieten. Die Landschaft nimmt kein Ende – unendlich viel Wasser, Berge und Schnee, keine Menschenseele weit und breit. Gesprochen wird praktisch nicht. Jeder genießt das fantastische Erlebnis für sich selbst. Drei Stunden später haben wir die 1000 Höhenmeter hinter uns gebracht. Der anfangs windverblasene Schnee hat sich in Pulver verwandet, allerdings mit einem extrem schlechten Schichtaufbau. Pauls’ Warnungen vom Vorabend waren also nicht unbegründet. So verzichten wir also auf die steile Flanke des Kjostindare und lassen es stattdessen in dem weitläufigen Gelände einfach laufen. Wie Wechselhaft die Bedingungen in Norwegen sein können, beweist direkt dieser erste Tag. Stiegen wir noch bei schönstem Sonnenschein zum Gipfel auf, so kommen wir im Schneegestöber wieder auf unserem schwimmenden Hotel an. Drei von vier Athleten bevorzugen die gemütliche Dusche im Warmen, Jogy entscheidet sich für den 3° kalten Lyngen Fjord.

Der Lyngen Fjrd liegt geschützt auf der Ostseite der Lyngen Alps. Bedingt durch den warmen Golfstrom sinkt die Temperatur selten unter Null, was ihn den gesamten Winter hindurch eisfrei hält. Segeln ist somit 365 Tage im Jahr möglich. Auch wir versuchen unser Glück und übernehmen das Steuer. Auch wenn dieses nicht ganz so direkt anspricht, wie beim Autofahren, kommen wir wohlbehalten im Koppangen an, wo wir die Nacht verbringen.

Skitour auf den Tafeltinden 1395 m

Skitour auf den Tafeltinden 1395 m

Auf den Tafeltinden

Am nächsten Morgen kommt zum erst Mal unserer kleines Beiboot, das Dinghy zum Einsatz. Das kleine, motorbetriebene Schlauchboot, erlaubt es uns, auch an kleinen Buchten an Land zu gehen, was praktisch in den gesamten Lyngen Alps der Fall ist. Von Strupen steigen wir heute auf den Tafeltinden, den wohl klassischsten Skiberg der nördlichen Gebirgskette. 1400 Höhenmeter, gespickt mit einigen Streckenmetern über die weitgezogene Gletscherfläche des Strupbreen, fordert der Gipfel vor allem die Ausdauer. Belohnt werden wir mit einem unglaublichen Blick. Von hier oben erscheinen die Lyngen Alps wahrlich wie ein im Meer versunkenes Gebirge. Die Abfahrt bietet auch am zweiten Tag völlig andere Schneeverhältnisse, wie am Nachbarberg. In den oberen Regionen den eisigsten Schnee, den unsere Kanten je gesehen haben, weiter unten Faulschnee, bei dem nur Bigturns wie auf Schienen bis an den Strand von Koppangen führen.

Wind und Wetter

Die nächsten Tage bringen jede Menge Abwechslung. In erster Linie ändert sich Wetter und Schnee täglich – was für uns immer wieder eine neue Herausforderung bei der Tourenauswahl mit sich bringt. Unser ursprüngliches Ziel, die Insel komplett zu durchqueren, haben wir inzwischen begraben, trotzdem möchten wir nach wie vor steile Rinnen fahren. Der Synbakktinden erscheint hierfür als prädestiniert. Mit dem Fernglas erspähen wir vom Boot aus eine schöne Rinne, die trotz Regen und Nebel als sicher erscheint. Bei starkem Wellgang kämpfen wir uns einen vom Meerwasser unterspülten Lawinenhang hoch. Im Faulschnee brechen wir immer wieder ein. Der Dauerregen lässt die Stimmung weiter sinken. Die Rinne, die vom Boot noch so vielversprechend aussah erweist sich als zu gefährlich. Große Schneemäuler sind Zeichen genug, den Rest des Tages auf unserem Segelschiff zu verbringen. Dort angekommen blicken wir nach ausgiebiger, heißer Dusche zurück auf die Rinne, die wir uns hoch gekämpft hatten.

Skitouren Lyngenalps

Skitour auf den Storgalten und ueˆber den Gammvikblaisen Gletscher nach Straumen.

Der Hang den wir gequert hatten, hat sich auf einer Breite von 200 Meter gelöst und hat unsere Spur, die wir noch vor nicht allzu langer Zeit angelegt hatten, komplett verschüttet.
Nicht weniger spannend geht es am Folgetag zu. Die Temperaturen sind über Nacht stark gefallen und die sulzigen Hänge haben sich über Nacht in wahre Eispisten verwandelt. Leicht geschwächt von den intensiven Vortagen, möchten wir heute den Gebirgszug an der schmalsten Stelle, die knapp 10 Kilometer misst, von West nach Ost überschreiten. Mit Pickel und Steigeisen bewaffnet, arbeiten wir uns den Ostgrat des Kalddalstinden hoch, mit dem Ziel die 400 Meter hohe und 50° steile Westflanke zu befahren. Bei feinsten Sonnenschein, aber starken Wind, haben wir große Probleme uns auf den Beinen zu halten und noch größere Probleme, Felle und die Wechselklamotten festzuhalten. Die ersten Schwünge in der angefirnten Wand fühlen sich gut an. Sanftes Cruisen bis zu der Stelle, an der die größten Steilheiten warten. Genau hier verwandelt sich der Firn in blankes Eis. Unsere Stahlkanten versuchen sich fest zu beißen, die Nerven sind zum zerreißen gespannt, genauso wie unsere vor wenigen Sekunden noch so entspannte Oberschenkelmuskulatur. Aus sanften Schwüngen ist inzwischen hartes Umspringen geworden, ohne Bedacht auf die B-Note. Das Tagesziel, den heißen Whirlpool erreichen ohne Verluste – allerdings mit Auswirkungen auf die Folgetage:
Wir beschränken uns auf Genussskitouren. Und die gibt es in den Lyngen Alps zu hauf. Sanfte Anstieg, die ein unvergleichliches Panorama bieten, Abfahren auf denen man den Ski hindernislos laufen lassen kann und Steilheiten die beruhigt als sicher eingestuft werden können.

Fazit:

Unser ambitioniertes Ziel, die Lyngen Alps von Süd nach Nord zu durchqueren konnten wir nicht verwirklichen, trotzdem wurden unsere Erwartungen übertroffen. Nordnorwegen ist für uns zu einem der schönsten Flecken der Erde geworden, mit einer Gipfeldichte die Lust macht auf mehr, mit Norwegern deren Herzlichkeit wir lieben gelernt haben und nicht zu letzt mit frischen Köstlichkeiten aus den Tiefen des Lyngen Fjordes.

Ein Kommentar

  1. Gibt’s was schöneres? Ich kann nur hoffen, daß nun nicht das ganze Partyvolk, welches die bayerischen und österreichischen Pisten blockiert, nun nach Norwegen abwandert :D Genug geniale Skigebiete gibt es ja.

    Mein Tipp: Narvik am Bleisfjord, absolut genial!

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