Reise

Fahrrad Alpencross - Ronda Dolomiti

02.10.2012

Fahrrad Alpencross – Ronda Dolomiti

Einleitung:

„Komm schon! Soll ich dir Fahrrad- tragen helfen? Es sind nur noch 100 Höhenmeter und dann der Trail zum Rifugio Contrin!“ Mein Spezl steigt neben mir und versucht mich für die letzten Meter zu motivieren. Ich bin definitiv am Limit, die Beine übersäuert, der Hintern schmerzt und das Radl liegt schwer auf dem Rücken. Ich habe es mir aber selbst ausgesucht und bin mittendrin, in der „Ronda Grande Dolomiti“ und morgen ist erst Halbzeit!

Das Vorhaben „Alpencross“ war schon lange ein Thema zwischen meinem Spezl und mir und dieses Jahr haben wir uns endlich dazu entschlossen. In einer Fahrrad -Zeitschrift haben wir auch direkt das Richtige gefunden – eine Ronda Grande in den Dolomiten. Ich bin selbst ein großer Liebhaber dieser bleichen Berge (Monti ballidi) wie sie einst mal genannt wurden, und war sofort von der Route begeistert.

Geislerspitzen

Geislerspitzen

So bietet sie genug Varianten, viele Höhenmeter und etliche Highlights wie die Seiser Alm, die Rosszähne, Schlern, Rosengarten, Marmolada, Posso Pordoi, Drei Zinnen, Sennes Alp und Geislerspitzen. Zudem sind alle Übernachtungen abseits auf Hütten über 2000 m vorgesehen. Da es der erste Alpencross ist geben wir uns bei der Vorbereitung besonders viel Mühe und studieren mehrere Abende lang Landkarten und Packlisten – mit insgesamt 4 Einzelkarten (wer braucht schon GPS?) knapp 5 Kilo Gewicht pro Rucksack und weiteren 100 Kilo Motivation, Radhandschuhe und Helm am Körper, sind wir schließlich bereit.

1. Etappe (Lajen – Schlernhäuser: 47 km, 2000 Hm)

Am frühen Morgen um 6 Uhr fahren wir mit dem Auto aus München los. Startpunkt unserer Tour bildet das kleine Dorf Lajen (1100 m) das inmitten von Weingärten und Almwiesen auf einer Hochterrasse liegt. Unser Ziel sind die Schlernhäuser, von dort soll man angeblich einen traumhaften Blick auf den Rosengarten haben. Wir rollen gemütlich los, durchqueren das Grödnertal bis kurz vor St. Ulrich, von dort geht es steil hinauf zur Seiser Alm (Alpe di Siusi), der größten Hochalm Europas. Nach kurzer Zeit erreichen wir das Plateau und sehen vor uns den typischen Anblick auf den Schlern (2563 m).

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Rosengarten

Die Seiser Alm durchfahren wir rasch, der von Tourismus geprägte Ort wird uns zu stressig, daher geht es mit noch frischen Beinen weiter in Richtung Mahlknechtjoch (2204 m). Der knackige Anstieg lässt uns ziemlich pumpen doch der Blick auf die Rosszähne (ca. 2653 m) entlohnt uns völlig. Es folgt noch ein anstrengender Anstieg Richtung Schlern an der Tierser Alpl vorbei, den wir größtenteils tragend bewältigen.

Es ist nun 17 Uhr und auf uns wartet ein richtig schöner Belohnungstrail zu den Schlernhäusern. Zum Glück übernachten wir dort, weil der Trail ein Hochgenuss ist und erst als wir am Schlafplatz ankommen merken wir wie grandios sich um uns herum die Natur präsentiert. Wir haben Logenplätze auf den blühenden Rosengarten – gut das Laurin die Dämmerung vergessen hatte als er seinen Fluch aussprach!

2. Etappe (Schlernhäuser – Rifugio Contrin: 49 km, 1990 Hm)

Der nächste Tag fängt mit einem für uns technisch schweren Trail hinunter nach Tiers (1020 m) an. Der bekannte „Knüppelsteig“ (Prügelweg Nr. 1) ist knüppelhart! Im unteren Teil erwartet uns eine Schluchtdurchquerung über gereihte Holzbalken.

Bis dahin haben wir aber schon einige Teile vom Trail hinunter geschoben, da die Steinstufen einfach zu steil waren. Im Tiersertal angekommen stelle ich zu meinem erschrecken fest, dass ein Stein meinen Dämpferregler zerschlagen hat. Nach einer guten Stunde rumfummeln schaffen wir es den Dämpfer am Fahrrad zu schließen, ab jetzt habe ich ein vollgefedertes Hardtail. Die Strecke ist noch lang, daher geht es direkt weiter hoch zum Karer Pass (1745 m). Die wunderschöne Kulisse des Rosengartens motiviert und wir sind schnell oben. Wir wollen keine Zeit verlieren und geben weiter Gas Richtung Val di Fassa, der flotte Militärweg (Nr. 519) sichert das schnelle Vorankommen nach Moena (1184m). Durch das Fassatal wechseln wir uns im Windschattenfahren ab und biegen in Pozza di Fassa in das „Val San Nicolo“ ab. Hier beginnt nun der zweite lange Anstieg der an meine komplette Substanz geht! Zum Schluss müssen wir knapp eine Stunde lang tragen bis wir die Passhöhe auf 2340 Metern erreichen.

Pass San Nicolo

Pass San Nicolo

In meinen Gedanken esse ich schon ein großes Schnitzel und trinke ein kaltes Radler, zuvor müssen wir konzentriert bleiben, da noch ein schwerer Trail zum Rifugio Contrin (2016 m) auf uns wartet. Der macht aber Spass und trotz mancher schwieriger Stellen, können wir viel davon abfahren. Das Rifugio belohnt uns am Ende des Tages mit warmen Essen und einer warmen Dusche!

3. Etappe (Rifugio Contrin – Rifugio Valparola: 56 km, 2200 Hm)

Der Frühstückskaffee ist getrunken, nun geht’s erstmal auf teils sehr steiler Piste (Nr. 602) runter nach Canazei (1468m), wo wir die üblichen Einkäufe erledigen. Brotzeit, Getränke und ein Kuchen soll auch nicht fehlen. Vor uns baut sich die mächtige Sellagruppe auf, rechts davon präsentiert sich die Marmolada von ihrer schönsten Seite und im Rücken der Langkofel – diese prominenten Wegbegleiter motivieren! Zuerst geht es über einen Waldweg (Nr. 655), dann über die zahlreichen Straßenkehren hoch zum Passo Pordoi (2240 m) und weiter zum „Bindelweg“ (Nr. 601).

Touristengruppen insbesondere Motorradfahrer stauen sich auf dem Pass und weiter oben scheint es nicht besser zu werden. Wir genießen dafür umso mehr das Panorama und die Felsformationen der Sellagruppe und der Marmolada und radln runter nach Arabba (1505 m). Das nächste Ziel am heutigen Tag bildet das Rifugio Pralongia (2139 m), nachdem wir die nächsten Kilometer in der Karte geprüft haben geht’s dann auch direkt los. „Sollte der Weg nicht irgendwie breiter sein?“ Mein Spezl ist skeptisch ob wir richtig sind, ich zweifel mittlerweile auch schon. Der Weg ähnelt mehr einem schmalen Trail am Hang, mitten durch einen Wald (Nr.22 wahrscheinlich). Wir versuchen zu fahren aber mindestens 50 % schieben wir das Mountainbike hoch.

Langkofel

Langkofel bei bestem Wetter

Amerikanische Wanderer die uns begegnen motivieren uns zusätzlich „Respect guys!“ und nach knapp einer Stunde lichtet sich der Wald und man kann schon das Rifugio Pralongia sehen. Wir sind schon ziemlich geschafft, aber es ist gerade halb 5 und die Sonne strahlt uns an. Das Rifugio Valparola am Passo Falzarego (2105 m) ist nur eine Abfahrt und 600 Höhenmeter entfernt. Die Entscheidung kostet mich an dem späten Nachmittag viele Körner aber pünktlich zum Sonnenuntergang sind wir am Ziel. Das Rifugio ist zwar direkt an der Passstraße, doch Abends ist auch hier nichts mehr los und wir genießen das leckere Essen (es gibt sogar Salatbuffet) und das Doppelzimmer mit warmer Dusche!

4. Etappe (Rifugio Valparola – Rifugio Auronzo: 40 km, 1400 Hm)

Das Ziel am heutigen Tag sind die „Drei Zinnen“, ich wollte diese Felszacken schon mein ganzes Leben lang sehen und freue mich dementsprechend auf die Etappe. Wir entschließen uns die leichtere Variante über Cortina d’Ampezzo zu nehmen, da wir von den letzten Tagen ziemlich ausgelaugt sind. Die schwerere Variante würde über den „Col di Bos“ führen. Wir fahren aber mit Highspeed mit dem Fahrrad runter nach Cortina, dort wird wieder ein Supermarkt geplündert. Anschließend geht es weiter hoch über Waldwege (Nr. 209) und Straße zum Misurinasee (1760 m). Wir legen hier eine Pause ein, da die Zeit auf unserer Seite ist. Die Dolce Vita lassen wir uns am heutigen Tag auch nicht entgehen, es gibt Eis und natürlich springen wir anschließend in den See hinein.

Es soll ein Tag sein um die Muskeln und Knochen zu entspannen, denn die letzten zwei Tage werden noch anstrengend! Über die Mautstraße im „Val di Cadin di Longeres“ kämpfen wir uns bis zum Rifugio Auronzo (2320 m) hinauf. Ich bin am Anschlag, keiner hat mir gesagt das die Straße hier so verdammt steil sein wird. Der starke Geruch von Bremsgummi begleitet uns den ganzen Anstieg lang. Die Autofahrer haben Respekt vor der steilen Mautstraße und rollen mit geschätzten 10 km/h den Berg runter. Im Rifugio erwartet uns das volle Ausmaß des Massentourismus. Busladungen mit FlipFlop Touristen wandern den breiten Weg entlang der Drei Zinnen. Die Hütte ist voll und auf Massenabfertigung eingestellt. Einen Lagerplatz ergattern wir dennoch und der nächste Morgen soll uns positiv und negativ überraschen!

Knueppelsteig

Knueppelsteig

Auronzohütte am Morgen

Auronzohütte am Morgen

5. Etappe (Rifugio Auronzo – Rifugio Sennes: 40 km, 1300 Hm)

Getreu dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ sind wir ganz früh aufgestanden und wurden mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang belohnt. Die Wolken hingen noch in den Tälern und die Sicht war kristallklar. Die positive Überraschung wird durch das eher spärliche und penibel genau abgerechnete Frühstück getrübt – ein Grund die Hütte so schnell wie möglich zu verlassen. Ein anderer Grund ist die Militärpiste 102, diese führt herunter ins Valle della Rienza, leider ist hier gänzlich ein Fahrrad -verbot verhängt – verständlich da der Trail eng ist und die Drei Zinnen viele Wanderer anlocken. An dieser Stelle möchte ich aber darauf hinweisen, dass um 7 Uhr morgens wenig Wanderer unterwegs sind ;-) Der Trail bildet einen fantastischen Start in unseren Tag und wir sind nach 30 min „Schieben“ im Tal. Unser Ziel heute ist das Rifugio Sennes (2126 m) im Naturpark Fanes-Sennes-Prags.

Am Dürrensee (1403 m) vorbei geht es weiter Richtung Val Gotres, wo auf uns eine steile und steinige Auffahrt (Nr. 8) wartet. Ich quäle mich die Höhenmeter hoch, nach einer Weile öffnet sich der Wald auf ein schönes Hochplateau. Wir sind gut in der Zeit und gönnen uns eine ausgedehnte Brotzeit bevor wir die letzten Höhenmeter zum Rifugio Sennes (2110 m) hinter uns bringen. Das Rifugio bildet ein einladendes Kontrastprogramm zur letzten Übernachtung. Neben der geselligen
Hüttenatmosphäre, dem köstlichen Essen waren wir von der jungen Hüttenwirtin begeistert. Nach 5 Tagen in den selben Fahrrad -klamotten halten wir uns beim flirten aber vornehmlich zurück.

6. Etappe (Rifugio Sennes – Lajen: 76 km, 2100 Hm)

Letzter Tag, letzte Höhenmeter, das Frühstück war hervorragend, wir verabschieden uns vom Rifugio und starten in die letzte Etappe. Es geht Richtung St. Vigil (1200 m). Die Abfahrt (Nr. 7, 9) ist wenig spektakulär dafür steil und steinig. Ich bin froh das wir hier nicht hochfahren mussten. Über diverse Talstraßen fahren wir an St. Martin in Thurn (1127 m) vorbei, im Val di Longiarú bereiten wir uns so langsam auf die 1000 Hm Auffahrt (Nr. 9) zum Kreuzkofeljoch / Schlüterhütte (2340 m) vor. Hier lassen wir den schönen Ausblick auf uns wirken und werden ein wenig wehmütig das es bald vorbei ist. Wir genießen die lange Abfahrt (Nr. 35) zur Zanseralm um dann direkt wieder in einen Anstieg zu wechseln Richtung Broglessattel / Rifugio Brogles (2119 m) dabei sind die Geißlerspitzen ständige Weggefährten, die durch das langsam heranziehende Gewitter, bedrohlich auf uns herabschauen. Die Trails machen uns Spass auch wenn wir öfters mal schieben müssen.

Das Zwischenziel, die Heilig-Kreuz-Kapelle (2189 m) erreichen wir über einen landschaftlich beeindruckenden Höhenweg (Nr. 31), der einen Panoramablick ins Grödnertal bietet. Die Entscheidung hier unsere letzte Brotzeit um 5 Uhr Abends einzulegen ist goldrichtig. Insgeheim fangen wir an uns von den Dolomiten zu verabschieden – eine Abfahrt trennt uns vom Auto und damit auch dem Ende dieses Alpencross. Über den Tschatterlinsattel geht’s runter zur Ramitzler Schwaige (1810 m) und zurück nach Lajen. Im oberen Teil müssen wir viel schieben, die Steinplatten und Stufen sind deutlich zu steil, doch der Trail wird nach paar Höhenmetern fahrbar und wir rocken die letzten Meter der Tour.

Nun ist es vorbei, wir rollen in Lajen ein und würden am liebsten die nächsten Tage weiter mit dem Fahrrad die Alpen erkunden. Im Rucksack alles was wir brauchen, wir haben gelernt das es leicht ist auf Komfort und den Schnickschnack, der unseren Alltag begleitet, zu verzichten. Wir brauchen nur unser Fahrrad und die Berge – damit sind wir glücklich!

Fakten zur Tour:

6 Etappen, je nach Variante bis zu 12 500 Hm (bei uns 10990 Hm), 325 km (308 km). Höchster Punkt: Schlern, 2575 m.

Verwendete Karten:

Kompass Brixen Bressanone (Nr. 56 – 1:50000)
Kompass Bozen Bolzano (Nr. 54 – 1:50000)
Kompass Bruneck, Toblach (Nr. 57 – 1:50000)
Tabacoo Val di Fassa, Alta Badia (1:50000)

Ein Kommentar

  1. Wahnsinn, was manche Menschen sich vornehmen uns leisten können! Ich bin wirklich beeindruckt. Besonders von der Tour durch die Seiser Alm, ich kenne diese Gegend nur als Hobbywanderin und Ulauberin ( http://www.seiserhof.com ) und daher weiß ich wie steil es da zu geht. Respekt!

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