Leidenschaft

Anleitung Tape Teil II: Tapen der Finger beim Klettern

24.09.2012

Anleitung Tape Teil II: Tapen der Finger beim Klettern

Nun der zweite Teil unserer Bergzeit Tape Serie. Am Felsen oder in der Halle kann man hin und wieder wirklich Skurriles beobachten und manchmal gehören abenteuerliche Tapeverbände an den Händen der Kletterer dazu. Manch einer taped seine Finger so, dass komplett keine Haut mehr zu sehen ist oder an Stellen wo Tape wirklich nichts zu suchen hat. Tape sollte in erster Linie vernünftig und in einem gesunden Rahmen eingesetzt werden, da sonst mehr Schaden als Nutzen entstehen kann. Richtig Tapen beim Klettern kann viele unnütze und unschöne Situationen beim Klettern vermeiden!

Tape dient in erster Linie dazu, die sogenannten passiven Strukturen zu stärken und zu unterstützen. Die passiven Strukturen dienen der Übertragung der Muskelkraft (aktive Strukturen: Muskeln). Diese Unterstützung funktioniert nur, wenn punktueller Druck aufgebaut und an anderer Stelle entlastet werden kann. Binde- und Fettgewebe müssen ausweichen können  (Weichteilfenster), damit die Unterstützung funktionieren kann! Beim Klettern und Bouldern werden therapeutisches und prophylaktisches Tapen unterschieden: Das prophylaktische Tapen haben wir bereits in der Anleitung Tape Teil I: Handtapen beim Rissklettern – Leidenschaft | Bergzeit Blog beschrieben. Das therapeutische Tapen wird bei Überlastungssyndromen und bei einer Wiederaufnahme des Klettersports oder des Boulderns nach einer vorangegangenen Verletzung eingesetzt.

Hier gilt es ein paar Grundregeln des Therapeutischen Tapens zu beachten:

  • Die Tapebreite sollte dem Finger entsprechen und darf nicht zu dick gewählt sein.
  • Tape nicht von der Rolle auf bzw. um die Finger ziehen: Hier entsteht zu viel Spannung, die Durchblutung ist eingeschränk und es können Hautrisse entstehen.
  • nicht zu fest um den Finder tapen, da sonst die Durchblutung eingeschränkt ist und die Farbe des Fingers unschön auf Kletterphotos wirken kann.
  • Berücksichtigung der Funktionsstellung des jeweiligen Fingers beim Tapen.
  • die Haut sollte möglichst fettfrei und trocken sein. Nicht vor dem Tapen rasieren (Infektionsgefahr).
  • Tapen kann und soll unterstützen, ist aber in keinem Fall ein Ersatz für eine ärztliche und fachmännische Diagnose bzw. Behandlung.

Wie schon angedeutet wurde, sollte man Tapen nicht als Ersatz für eine ärztliche bzw. fachärztliche Behandlung bei mehrtägigen Schmerzen, Funktionsverlust des Fingers usw. betrachten, denn entgegen der Einstellung mancher Kletterer und Boulderer spart man sich weder Zeit noch schiebt man eine Verletzung auf. Der Rat “einfach drüberklettern – wird schon” ist ungefähr genauso sinnvoll wie der Versuch Schmerzen zu ignorieren. Nur ein Facharzt kann mittels bildgebender Technik (Sonographie, MRT) wirklich feststellen was den Schmerz oder den Funktionsverlust verursacht und eine richtige Behandlung einleiten!

Tapen Fingermittelgelenk

Tapen: Kapselzerrung, Kapselentzündung, Beugesehnenzerrung, Lumbrikalissehnenverletzung.

Anzeichen: U.a. schmerzendes und geschwollenes Gelenk, Schmerzen bei Längszug, streckseitige Schmerzen bei Gelenkerguss. In hängender Fingerposition (weniger in aufgestellter) Schmerzen durch Beugesehnenzerrung.

Anleitung: Angefangen wird an der Fingerbasis, es folgt eine Umwicklung in der Nähe des Handgelenks und eine möglichst handinnenseitige Kreuzung bei einer gleichzeitigen 30 – 40° Beugung des jeweiligen Fingers. Weiter geht es um die Mittelphalanx und zurück als Achter wiederum handflächenseits das Mittelgelenk bei einer 30-40° Beugung kreuzend. Eine freie Bewegung sollte so noch möglich sein und eine komplette Streckung merklich einschränken. So werden Beugesehne und Kapsel entlastet. Achtung: Zu dicke Tapestreifen bringen nicht den richtigen Druck an den gewünschten Stellen und führen zu nichts! An den Abbildungen kann man gut sehen wie es richtig gemacht wird und wie der Tapeverband aussehen soll.

Fingermittelgelenk - Schritt 1

Fingermittelgelenk – Schritt 1

Fingermittelgelenk - Schritt 2

Fingermittelgelenk – Schritt 2

Fingermittelgelenk - Schritt 3

Fingermittelgelenk – Schritt 3

Fingermittelgelenk - Schritt 4

Fingermittelgelenk – Schritt 4

Fingermittelgelenk - Schritt 5

Fingermittelgelenk – Schritt 5

Fingerendgelenk

Tapen: Kapselverletzung, Kapselentzündung.

Anzeichen: U.a. Kapselzerrung, Kapselentzündung, Beugesehnenzerrung, Lumbrikalissehnenverletzung.

Anleitung: Hier ist es relativ einfach: Aus Platzgründen ist hier ein einfaches Tapen am sinnvollsten! Einfach zirkulär um das Gelenk mit ungefähr eineinhalb Windungen locker tapen.

Fingerendgelenk Tape

Fingerendgelenk Tape

Fingergrundgelenk

Tapen: Kapselverletzung, Kapselzerrung, Verletzung der streckseitigen Bänder zwischen den Grundgelenken der Finger, Verletzung der Strecksehnen.

Anzeichen: U.a. Schmerzen streckseitig zwischen den Fingerknöchelchen, Schwellungen, Kapselzerrung, Kapselentzündung, Beugesehnenzerrung, Lumbrikalissehnenverletzung.

Anleitung: Hier ist ein bißchen Geschicklichkeit gefragt: Am besten legt man das Tape vor dem Klettern an, damit der Klebstoff des Tapes auf fettfeier und trockener Haut halten kann. Das Fingergrundgelenk sollte beim Anbringen leicht (15 – 20°) gebeugt sein. Streckseitig sollte einer der beiden Zügelstreifen vor und der andere hinter dem Köpfchen kreuzen.

Fingergrundgelenk - Schritt 1

Fingergrundgelenk – Schritt 1

Fingergrundgelenk - Schritt 2

Fingergrundgelenk – Schritt 2

Buddy Tape

Tapen: Seitband- und (schwere) Kapselverletzung

Anzeichen: Schmerzen bei seitlicher Belastung des Gelenks im Gelenk, Kapselverletzung, Seitbandruptur, Seitbandkomplettruptur (knöcherner Ausriss des Bandes) Hier bei Verdacht unbedingt Arzt aufsuchen!

Anleitung: Der Buddy, also der gesunde Finger, neben dem Verletzten stützt denselbigen.

Buddy Tape

Buddy Tape

 Ringbandverletzung

Tapen: Ringbandverletzung (Zerrung, Riss), Sehnenscheidentzündung. Die Ringbänder oder das Ringband ist verletzt, traumatisiert, angerissen oder gar durchgerissen: Eine Entlastung und Stütze muss her, damit auftretende Belastungen, die vor allem im aufgestellten Zustand der Finger an Leisten oder kleineren Griffen am größten sind, abgefangen werden können. Nach einem Ringbandriss fehlt diese Fixierung und bei einer entsprechenden Belastung bzw. Beugung des Fingers entfernt sich die Sehne vom Knochen (Bowstring = Bogensehneneffekt). Das Phänomen des Bogenseheneneffekts tritt direkt am Gelenk handinnenseits auf!

Anzeichen: Druckschmerz handflächenseits vor allem an der Fingerbasis, spürbare Reibung oder gar Reibegeräusche. Ringbandriss: es knallt oder schnalzt wenn es passiert!

Anleitung: Das Kompetenzdoktorenpaar Schöffl hat eine wirksame und erprobte Tapemethode entwickelt: Das H-Tape oder das Isa-Tape (nach der Erfinderin Isabell Schöffl) sorgt für die richtige Entlastung beim Ringbandriss. Am stärksten werden die zwei Ringbänder beansprucht, die die Sehne vor und hinter dem Fingermittelgelenk am Knochen halten.

Ein ca. 1,5 cm breites Tape mit einer Länge von circa 10 cm wird von beiden Enden her mittig eingerissen. Die Mitte bildet ein Steg von ungefähr 1 cm Breite. Jeweils links und rechts bleiben ca. 0,75 cm starke Zügel auf jeder Seite des Stegs. Zwei dieser Zügel werden unter dem entsprechenden Gelenk auf der Seite des Fingeransatzes durchgeführt und stramm festgetaped. Anschließend wird das Gelenk gebeugt und die beiden verbleibenden Zügel über dem Gelenk ebenso stramm festgetaped. Bei dieser Art von Tape sollte auf das enge Anliegen des Tapes geachtet werden. Strammer Sitz des Tapes ist von Vorteil! Hierbei kann die Durchblutung im Finger eingeschränkt werden, es kann zu einer kurzen Minderdurchblutung kommen und der Finger läuft bläulich an. Jedoch spätestens nach den ersten 10 Griffen wird das Tape gedehnt und die Blutzirkulation funktioniert wieder uneingeschränkt! Das Tape sollte wegen der kurzzeitig eingeschränkten Durchblutung erst kurz vor dem Klettern angelegt werden. Um den Tapeverband zu sichern kann eine Acht bzw. ein schmaler Tapestreifen darüber geklebt werden. Diese neue Methode hat sich bewährt und wurde bereits mehrfach getestet!

Isa Tape - Ringbandverletzung - Schritt 1

Isa Tape – Ringbandverletzung – Schritt 1

Isa Tape - Ringbandverletzung - Schritt 2

Isa Tape – Ringbandverletzung – Schritt 2

Was bleibt noch zu sagen: Passt auf Eure Finger auf! Aufwärmen! Sehnen, Bänder und Knorpel sind weitaus schlechter durchblutet als die Muskulatur, die damit in Verbindung steht. Diese Teile brauchen entschieden länger zum Aufwärmen und am Beginn einer Kletterkarriere auch sehr viel länger, um sich an die neuen Belastungen für den Bewegungsapparat anzupassen. Bei einer Kletter- oder Bouldersession ist es deshalb sehr wichtig, die Finger gut aufgewärmt zu wissen, bevor man diese starken Belastungen aussetzt. Leichtes und lockeres Klettern und Bouldern oder vorheriges Aufwärmen mit Knete (optimal im Auto) helfen hier wirklich weiter – übrigens auch gegenüber Aggressionen im Stau! Auch nach längerer Pause ist ein wiederholtes kurzes Aufwärmen sehr zu empfehlen.

Bilder / Infos: Priv. Doz. Dr. Volker Schöffl, Dr. rer. biol. hum. Dr. med. Isabelle Schöffl

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