Outdoor

Mit dem Mountainbike über die Alpen

19.09.2012

Mit dem Mountainbike über die Alpen

Mountainbiken ist im Winter nicht jedermanns Sache. Aber, irgendwann im Januar oder Februar ist es dann ohne Mountainbike nicht mehr auszuhalten. Die Sehnsucht wird immer größer, wenn auch bei diesem Temperaturen mit reichlich Funktionsunterwäsche. Mit dieser Hausrunde auf dem begibt sich unser Mountainbike Blogger Thomas auf eine etwas andere Tour, eigentlich begibt er sich auf eine Zeitreise…

Alpencross mit dem Mountainbike

“Mit nordöstlicher Strömung gelangt weiterhin kalte, vorübergehend aber etwas feuchtere Luft nach Deutschland. Dabei sorgt ein Ostseetief besonders in der Osthälfte Deutschlands für leichte Schneefälle. GLÄTTE: vorübergehend gefrierender Sprühregen und somit Glatteis im Norden und Nordosten! STRENGER FROST“ : ein Zitat des Deutschen Wetterdienstes am 9 Februar 2012.

Biken an der Donau

Mit dem Mountainbike an der Donau

Diese Wetteraussichten passen gar nicht zu meinen Vorhaben, am Wochenende, nach langen Wochen der Mountainbike-Abstinenz, endlich wieder einmal mit dem Mountainbike unterwegs zu sein. Aber, was ist stärker? Das frostige Wetter, oder mein Wille, zumindest eine Stunde im Sattel meines Bikes zu verbringen. Ich bin stärker, ich will biken.

Bei – 8° C geht es los. Eingepackt in mehrere Lagen Funktionsunterwäsche rolle ich langsam aus „meinem kleinen Dorf“ in Niederbayern. Berge in dem Sinn gibt es hier nicht. Egal. Über verlassene Wege mache ich mich auf Richtung Donau. Die Natur hier draußen liegt ruhig vor mir. Eine erhabene Ruhe herrscht über Allem. Felder, Wiesen und Wege sind ganz sanft überzuckert mit Schnee. Nur das Knirschen meiner Reifen durchbricht diese intensive Stille.

Beim lockeren Treten der Pedale wird mir langsam warm. Erinnerungen an meinen Alpencross des vergangenen Jahres schießen mir durch den Kopf. War nicht das lockere Treten am ersten Tag meiner Alpenüberquerung ähnlich wie hier? Hörte sich das Knirschen meiner Stollen, damals im Schotter, nicht genau so an?

Holzsteg nach dem Fernpass Richtung Süden

Holzsteg nach dem Fernpass Richtung Süden

Ging es nach dem Fernpass, zwischen Nassereith und Tarrenz nicht auch so locker dahin? Auf einer Zeitreise erlebe ich die fantastischen Eindrücke des letzten Sommers. Inmitten dieser eisigen, recht flachen Landschaft spiele ich in meinem Kopf einen Film ab.
Am zweiten Tag meines 2011er Alpencross ging es von Sölden im Ötztal über das Niederjoch nach Naturns im Vinschgau. Ich genoss es, über steile Serpentinen Höhe zu gewinnen. Die gegenüberliegenden Berge boten mir dafür angenehmen Schatten. Ab 1570 Meter Höhe tauchte dann die Sonne die Landschaft um mich herum in ein warmes, klares Licht. Schotter knirschte unter den Reifen meines Bikes, ich hörte mein Atmen und spürte mein Herz schlagen. Der Alpencross hatte begonnen.
Die Landschaft um mich herum öffnete sich, Blicke auf das unter mir liegende Sölden wurden frei, aus dem breiten Forstweg wurde ab der Leiteralm ein schmaler Bergauftrail, Hochsölden auf 2080 Meter Höhe war nicht mehr weit entfernt.

Auf einem schmalen Weg gingt es über Hochsölden weiter zur Ötztaler Gletscherstraße. Erst parallel dazu, ab der Rettenbachalm (2150 m) auf Asphalt dahin.

Mountainbike-Alm Leiteralm

Leiteralm oberhalb von Sölden

Auf der Ötztaler Gletscherstraße sah ich coole Steinböcke am Straßenrand liegen. Sie ließen sich die Sonne auf den Pelz brennen und vom Verkehr der vorbeidonnernden Autos und Motorräder nicht beirren. Das konnte ich auch…
Es war eine Gruppe von Mountainbikern, die mich nach meinem kurzen Stop nach oben zog. Steinbock ist Steinbock, Mountainbiker ist Mountainbiker.

Am Schifahrerkiosk des Tiefenbachferner belohnte ich mich für die bisherigen Strapazen. Apfelstrudel und Cola gaben mir die Kalorien, die ich für meinen weiteren Trip noch brauchte. Ich machte ein paar Fotos in dieser einzigartigen Landschaft aus Eis und Fels. Mit dem Rosi-Mittermeier-Tunnel, dem höchstgelegenen Straßentunnel der Alpen,f ich dann die Straßenverbindung von Tiefenbachgletscher und Rettenbachgletscher. In dieser eiskalten, schlecht beleuchteten Röhre ging es weiter bergauf.Mein Mountainbike und ich machten weitere 200 Höhenmeter auf einer Strecke von 1,8 Kilometer.
“Sieht er mich, sieht er mich?”, dachte ich immer dann, wenn von hinten ein Auto mit lautem Getöse an mir vorbepfeifte.
“Er hat mich gesehn.”, passt.

Der Venter Höhenweg

Das Highlight des Tages.
Der Venter Höhenweg mit dem Mountainbike.


Kurz nach dem südlichen Tunnelausgang auf 2829 Meter Höhe kam das Highlight des Tages. Der Venter Höhenweg wurde gebiket. Naja. Zum Teil. Es waren dann doch größere Teile, die ich mein Radl schieben musste. Der Venter Höhenweg war sehr schmal, mit Steinen verblockt, die so groß waren wie Autoreifen. Teilweise war der Weg etwas ausgesetzt. Nur hin und wieder erlaubte es mir meine Fahrtechnik, dass ich mich auf dem Bike fortbewegte. Weil der Weg so schmal war, dass ich keinen Platz hatte, um mein Mountainbike vernünftig neben mir schieben zu können, rammte ich mir gefühlte 1000 mal das Pedal in meine rechte Wade.
Da blieb mir nix anderes übrig als mir jedes mal selber zu gratulieren.

Der Weg war anstrengend. Im Sattel genau so wie beim Schieben. Die spektakuläre Landschaft, das überwältigende Panorama und auch der immer wieder begeisternde Wegverlauf ließen das aber leicht ertragen. Der Venter Höhenweg wurde seinem Namen mehr als gerecht. Er zog sich sehr lange oben am Hang dahin, ohne wirklich Höhe zu verlieren. Erst als mein Übernachtungsort, das Bergsteigerdorf Vent, im Tal zu sehen war, ließ der imposante Höhenweg Gnade walten.
Ich rollte ganz langsam ins Tal.
Auch auf meiner Winterrunde auf dem Mountainbike rolle ich mittlerweile mehr als dass ich fahre. Allmählich machen sich meine Beine bemerkbar. Wie die Jahre davor bin ich auch im letzten Jahr, nach meinem Alpencross, in ein Mountainbike-mäßiges Motivationsloch gefallen. Der Saisonhöhepunkt war erreicht, die Trainingsrunden und Tagestouren wurden immer weniger. Jetzt spüre ich die Auswirkungen. Die Kraft in meinen Beinen ist nicht mehr so da, das Treten und Ziehen der Pedale geht nicht mehr so selbstverständlich. Auch mein Hintern und meine Schultern fangen an, weh zu tun. Die Kälte kriecht langsam an meinen Füßen hoch. Die Neoprenüberschuhe verweigern nach und nach ihre Wirkung. Mich friert in meine Zehen.

Mit Gedanken an die einmaligen Erlebnisse Ende August 2011 fange ich meine Schmerzen auf. Auf dem Mountainbike sitzend schwelge ich in Erinnerungen an die Überquerung des Alpenhauptkammes am Similaunjoch in 3017 Meter Höhe. Vor der Similaunhütte hatte ich vor knapp einem halben Jahr auch Eis unter meinen Füßen.

 

Vom Similaungletscher (Links (3599 Meter)) ging es hinunter zum Vernagtstausee.(Rechts)


Circa 400 Meter musste ich auf dem Gletscher vor der Similaunhütte mein Bike über „ewiges Eis“ schieben. Naja, ewig ist relativ… Jedenfalls kam damals nach ausgiebiger Rast auf der Similaunhütte, am Fuße des 3599 Meter hohen Similaun, ein weiteres Highlight meines 2011er Alpencross.
Ich verließ das Niederjoch. Weit unter mit glitzerte der Vernagt-Stausee. Es war noch ein langer Weg bis dahin. Die ersten 200 Höhenmeter war für mich an ein Fahren überhaupt nicht zu denken. Ich trug mein Bike über steile Felsstufen bergab. Erst weiter unten konnte ich mein Radl wieder für den Zweck nutzen, für den es geschaffen wurde. Mit voll ausgefahrener Federung und versenktem Sattel lenkte ich meinen Drahtesel über einen schmalen, wilden Trail. Die Federung hatte einiges zu schlucken.

Kurz vor dem Stausee wurde die Landschaft wieder so grün wie der Stausee von oben schon zu sehen war. Familien flanierten über die Staumauer.
Die Zivilisation hatte mich wieder.
Auf der rechten Seite des Schnalstales führte ein enger, teilweise ausgesetzter Waldtrail nach unten. Erst Richtung Unsere Frau, dann nach Schnals.

Auch hier fand ich meinen Spaß, bikte über Wurzeln und Steine, surfte über den Trail.
Irgendwann nahm ich dann doch die Schnalstalstraße, schoß mit 65 km/h weiter nach unten. Ich dachte mir bläst jemand mit einem Föhn heiße Luft ins Gesicht wie ich kurz vor Naturns zum Stehen kam…
Jetzt ist es auch mit dem Frieren wieder vorbei. Der imaginäre Föhn hat mich gewärmt. Ich stelle mein Mountainbike in der Garage ab, gehe ins Haus, bin zufrieden. Meine Frau Sabine fragt mich: „Wo bist du denn gewesen, mitm Bike?“ Ich antworte: „Auf Alpencross.“

Thomas Krenn, Februar 2012


Ein Kommentar

  1. Hallo Thomas!

    Netter Artikel der Lust auf eine Alpenüberquerung macht. Wirst du 2014 wieder was anbieten? Falls ja schreib mir doch mal, welche Touren du leiten wirst. Ich hätte wieder mal Lust über die Alpen zu radeln.

    lg,
    Rainer.

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