Testberichte

Im Test: Kletterschuhe Millet Myo

21.09.2012

Im Test: Kletterschuhe Millet Myo

Millet ist nicht die bekannteste Marke in Sachen Kletterschuhe. Nach den überraschend positiven Erfahrungen im Test mit Millet Yalla war ich sehr neugierig darauf was die Kletterschuhe Millet Myo auf dem Kasten hat. Fällt er genau so aus, lässt er sich beim Testen ähnlich klettern, wo liegt genau der Unterschied zwischen den beiden Modellen – das waren nur einige Fragen, die mich beschäftigt haben. Grund genug diese Kletterschuhe genauer anzuschauen, zu klettern und durchzutesten.

Optik, Verarbeitung der Kletterschuhe Millet Myo

Bunt, schrill und auffällig

Millet Myo unterscheidet sich in Sachen Aussehen kaum von seinem Zwillingsbruder Yalla. Beide bedienen sich der gleichen Farbpalette, welche durch die warmen und herzhaften Töne viel Licht ins Dunkle bringt. Im Gegensatz zum Yalla kann Myo zusätzlich mit knalligem Rot auftrumpfen und wirkt dadurch noch einen Tick schriller. Alles in einem sieht dieser Kletterschuh interessant und auffällig aus – ein echter Südländer eben. Die schwarzen Velcros bringen dabei klare Konturen rein und bilden gleichzeitig eine Plattform für andere Design Details. Durch das rote Gummigeflecht auf der Oberseite wirkt Myo ein Stück dynamischer und angriffslustiger aus, als der Yalla. Er bleibt jedoch trotzdem bodenständig und hebt nicht in den Weltraum ab. Die Verarbeitung ist genau so ordentlich, wie ich sie auch schon bei Yalla vorgefunden habe. Die chinesischen Hände sind echt geschickt und so sieht man nirgends schlecht verklebte oder vernähte Teile. Die Kletterschuhe Millet Myo wirken im Test wie aus einem Guss. Vom Klettverschluss bis zur Anziehschlaufe sieht alles qualitativ hochwertig aus. Der wichtigste Part am Kletterschuh – die Sohle und ihre Kanten sind tadellos geklebt und geschliffen. Dieser in Frankreich designter Kletterschuh ist auf den ersten Blick nicht der filigranste, dafür weist er eine gesunde Mischung aus Stabilität und Robustheit auf.

Konstruktion

Myo ist hoch geschnitten

Die Franzosen halten sich bei der Produktbeschreibung sehr zurück. So erfährt man lediglich nur, dass die Kletterschuhe Millet Myo mit einer weicheren Zwischensole ausgestattet sind und ansonsten ein Kletterschuh mit dem Auftrag Bouldern und Sportklettern sind. Beim ersten Hinsehen entdeckt man die Unterschiede bis auf klare äußerliche Merkmale wie: drei Velcros, Styr-Up-Gummierung am Oberschuh, nicht. Erst beim Tasten und Biegen merkt man, das die Sohle tatsächlich etwas weicher ist. Die Leistenform ist ebenfalls unterschiedlich. Millet Myo ist ein kleines bisschen schmaler und auch etwas spitzer geschnitten. Die Zehenbox dieser Kletterschuhe ist einen Tick flacher, der Downturn und die Vorspannung ein wenig größer. Die massiv vorgespannte Ferse wird durch zwei getrennte, andersfarbige Spanngummis erzeugt. Das bringt nicht nur einen farblichen Effekt in die Optik, sondern bietet vor allem die Möglichkeit die Richtung des Spannungsaufbaus unterschiedlich zu gestalten. Dadurch wirkt die Kraft nach vorne unterschiedlich auf den inneren und äußeren Seiten und ermöglich so eine Dosierung und Differenzierung bei ihrer Umsetzung. Die Styr-Up Gummifläche soll vermutlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Gut aussehen und Stabilität und Formbeständigkeit des Oberschuhs garantieren.

Velcros geht gut und leicht zu

Deren Verlauf über die Zehenbox strafft diesen Bereich und schützt das Kunstleder so zusätzlich zum Innenfutter vor dem Ausweiten. Die gut 4mm dicke, aus dem 4 Points Grip bestehende Sohle wirkt erst wie aus einem Stück. Erst auf dem zweiten Blick sieht man, dass sie an der Ferse ausläuft und die Fersengummierung durch ein extra Stück Gummi kreiert wird. Die Lasereinfräsungen im relativ dicken Randgummi und in der Sohle sorgen für den unverwechselnde Sohlenoptik dieses Millet Kletterschuhs. Das Randgummi ist am großen Zeh hochgezogen und schützt so den Bereich über den großen Zeh vor Abrieb und hilft etwas beim Hackeln. Die Velcros werden nicht wie mittlerweile über in extra aufgenähten Ösen umgelenkt, sondern laufen durch das Obermaterial. Das bietet die Möglichkeit den Schaft des Kletterschuhs sehr gut an den Fußrist anzupassen. Das geht beim Zumachen in einem Zug. Nur beim Aufmachen kostet das Lockern der Velcros immer etwas Zeit, da das obere sehr weit oben sitzt und zum bequemen An- und Ausziehen aus der Lasche gezogen werden muss. Sind die Velcros erst mal alle locker, bietet die halbseitig angenähte Zunge dann viel Platz für den Einstieg und polstert den Fuß beim Verschließen wieder gut ab. Die Anziehschlaufen wirken zwar etwas schmal, entpuppen sich aber als zugfest und als eine verlässliche Hilfe beim An- und Ausziehen. Insgesamt würde ich seine Konstruktion als leistungsorientiert und allroundtauglich bezeichnen.

Passform und Größe

Myo in Straßenschuhgröße

Das Beste an diesen Kletterschuhen sind seine Leisten. Wie schon beim Yalla der Fall war, fällt Millet Myo im Test ebenfalls ziemlich breit aus. Er ist zwar etwas schmaler und etwas weniger asymmetrisch geschnitten aber er verlangt einiges an Fußvolumen. Ein kräftiger Fuß ist daher fast schon eine zwingende Voraussetzung für dieses Modell. Der Schnitt der Zehenbox ist wie schon oben erwähnt etwas spitzer, deshalb sollten Kletterer mit der ägyptischen Zehenform glücklich werden. Aber auch der längere römische zweite Zeh hat wie auch in meinem Fall ausreichend Platz. Obwohl ich über einen sehr hohen Spann verfüge, muss ich die Velcros ziemlich straff ziehen, um den Myo an meinen Fuß anzupassen. Die Ferse sitzt in meinem Fall nahezu perfekt. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder mit zu tiefen und zu breiten Fersenformen zu kämpfen gehabt, doch beim Myo stimmt die Form einfach. Der Heelcup ist nicht zu breit nicht zu schmal und zu alldem auch noch bequem. Die Fersengummierung verteilt den Druck wirklich sehr gut auf den gesamten hinteren Bereich. Schmerzen an der Achillessehne hat man bei diesem Modell, im Gegensatz zu vielen anderen Performance Kletterschuhen nicht.

Myo ist etwas schmaler als Yalla

Der Komfort hängt bei diesem Modell sehr stark von der Größenwahl ab. Ich empfehle in diesem Fall dringlich sich an der Straßenschuhgröße zu orientieren. Bereits eine halbe Größe kleiner kann für den einen oder anderen nicht ganz so leistungsorientierten Kletterer schon zu klein sein. Leider ist Myo nicht der anschmiegsamster Kletterschuh der Welt. Das Material ist recht unnachgiebig und das Innenfutter nicht wirklich kuschelig. Doch in der Straßenschuhgröße (in meinem Fall EU 43) ist Myo nach einer Woche Klettern sehr gut erträglich und wird mit der Zeit noch bequemer. Eine große Dehnung sollte beim Millet Myo nicht erwarten, das Kunstleder ist wirklich formstabil und lässt sich selbst mit einem Wasserbad nicht wirklich weiten. Durch etwas weniger aufgestellte Zehen ist der Druck auf die Knöchel nicht ganz so stark und so kann man den Kletterschuhen Millet Myo bereits nach dem kurzen Einklettern über längeren Zeitraum anbehalten. Gerade durch den soften Druck auf die Achillessehne leidet man selbst im Neuzustand in griffigen Platten Routen nicht so stark. Eine echte Seltenheit bei solch einem auf die Performance ausgerichteten Kletterschuh. Durch den recht hohen Schnitt kann Myo dem einem oder anderen im Bereich des Sprunggelenks drücken oder reiben. An dieser Stelle habe ich bei Kletterschuhen keine Probleme, wer jedoch entsprechende Erfahrungen gesammelt hat, sollte hier aufpassen.

 

Performance der Kletterschuhe Millet Myo im Test

Die Sohle bietet ordentliche Unterstützung

Laut Herstellerbeschreibung ist der Millet Myo natürlich der wahr gewordene Traum eines jeden Sportkletterers oder Boulderers. Nüchtern betrachtet ist Millet Myo etwas weicher und erweißt sich im Test als in etwa genau so präzise wie die Version mit der Schnürung. Der im Vergleich zum Lace Up etwas stärkere Downturn ist eine echte Hilfe im Überhang oder, wenn es darum geht Tritte außerhalb der Körpermitte zu belasten. Wie auch beim Yalla gilt bei ihm: Bleib nicht so lange auf einem Tritt stehen, sondern klettere zügig weiter. Diese Empfehlung basiert auf meinen gemachten Erfahrungen mit dem 4 Pointe Grip Gummi. Es hat eine gute Reibung, wenn man nicht allzu lange stehen bleibt. Die Kantenstabilität ist ziemlich gut und überzeugte mich vor allem auf kleinen scharfen Tritten. Dabei ist es egal, mit welchem Teil der Sohlenkante man steht. Überall hat man ein sicheres und gutes Gefühl, ohne jedoch all zuviel von der Trittoberfläche zu spüren. Nach einigen Hunderten Klettermetern wird die Sohle etwas weicher und sensibler ohne dabei viel an an Unterstützung zu verlieren. Eine Tatsache, welche auf die Rechnung der Zwischensohle geht. Für reine Reibungsaktionen ist die Sohle jedoch zu hart konzipiert – da hilft auch kein Hook Effect. Man sollte sich also auf den Kernauftrag des Myo besinnen: steiles Gelände in allen seinen Formen.

Hooks wären noch besser wenn die Gummierung griffiger wäre

Das Hooken ist dank der supergeformten Ferse sehr in Ordnung. Das Legen von Hooks ist so präzise und sauber möglich, wie mit einem Blackwing. Die schmale Lippe der Ferse ist da wirklich hervorragend auf Leisten und Kanten. Beim Hooken auf Reibung fehlt leider jegliche Gummierung auf der Außenseite der Ferse. Insgesamt wäre eine mit 4 Points Grip voll gummierte Ferse ein wirklicher Gewinn für dieses Modell. Denn das Halten von Hooks könnte ruhig etwas einfacher und weniger nervenaufreibender sein. Setzen und Halten von Toe-Hooks ist bei diesem Kletterschuh gut möglich. Dafür sorgt vor allem die flachere Zehenbox, welche ein Anheben der Zehen erlaubt. Die rotte Styr-Up Gummierung am Obermaterial erweist sich als wenig hilfreich beim Toe-Hooken. Für eine gute Unterstützung geht sich nicht tief genug zu den Zehen runter. Das hochgezogene Randgummi ist somit die letzte Bastion beim Toe-Hooken und leistet da, nach einer Eingewöhnungsphase, eine wirklich gute Arbeit. Die Leistungen in diesem Bereich sollten jedoch nicht überbewertet werden, letzten Endes bleibt es eine Sache der Körperspannung.

Insgesamt weist Millet Myo eine ausgeglichene Performance in allen Bereich auf. Gerade im leicht überhängenden Gelände, wenn es darum geht, die kleinen Tritte sauber zu treffen und zu belasten, überzeugte er mich am meisten. Doch auch seine gut portionierte Steifheit erfreute mich in der einen oder anderen Platte. Es geht nichts über einwenig Unterstützung für die Zehen, wenn man mit dem ganzen Körpergewicht eine Mulde über Kreuz belasten muss … Somit muss ich dem Hersteller zustimmen: Sowohl beim Routenklettern als auch beim Bouldern funktioniert Myo gut am Fuß und bringt einen sicher zum Top.

Haltbarkeit

Der Sohlenverschleiß ist vertretbar

Trotz aller meiner Vorurteile gegenüber Made in China Produkten kann ich in diesem Zusammenhang nicht negatives berichten. Das Obermaterial mit allen Verbindungen offenbarte keine Schwachstellen. Das Sohlengummi verschleißt nicht viel schneller als bei anderen Kletterschuhen. Die Velcros bleiben so bissig, wie sie vom ersten Tag an waren und reißen auch nicht durch die Reibung in den Ösen. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist Formstabilität des Myo. Durch die langfristig stabile Zwischensohle und das feste Obermaterial muss man keine Angst vor dem Ausleiern haben. Der damit normalerweise verbundener Performanceverlust bleibt einem ebenfalls erspart. Millet Myo bleibt somit ein verlässlicher Kletterschuh für die gesamte Klettersaison.

Fazit des Tests

Ein Schuh für breite Füße – keine Frage

Millet Myo bietet allen Kletterern, die bis jetzt auf der Suche nach einem breiteren Kletterschuh mit einer schmaleren Ferse waren, einen bis dato einmaligen Leisten. Neben der entsprechenden Passform bekommt man einen ziemlich vielseitigen Kletterschuh mit einer guten Mischung aus Unterstützung und Präzision. In Sachen Komfort sollte Millet zwar etwas mehr an der Abstimmung der Materialien arbeiten, insgesamt jedoch ist Myo ein wirklicher Lichtblick in Sachen Leistenentwicklung.

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