Reise

Gudauri - Freeride- und Skitour-Eldorado im Kaukasus

15.10.2012

Gudauri – Freeride- und Skitour-Eldorado im Kaukasus

Wer kennt das nicht: Es ist Anfang September, die Tage werden kürzer und bei der täglichen Lektüre des Bergwetterberichts fallen immer öfter Begriffe wie Schneefallgrenze, Frost und Schneehöhe. Erfahrungsgemäß ist das die Zeit, zu der sich beim Mittagessen im Bergzeit-Brotzeitraum und abends in der Kneipe die Gespräche immer öfter um aktuelle Skitourenski oder die Vor- und Nachteile der neusten Freeride-Ski der großen Marken wie Scott, K2 und Salomon drehen. Erfahrungsgemäß ist das aber auch die Zeit, in der man so langsam planen sollte, wie man die ersten Urlaubstage des kommenden Jahres am besten anlegt, mit möglichst wenig Risiko und möglichst hoher Pulverschnee-Rendite. Unser Freeride-Trip in den Iran vom Mai 2011 war uns noch gut in Erinnerung und die Möglichkeit, mit einem Satz in eine fremde Kultur und hüfttiefen Powder einzutauchen erschien zu verlockend. Umso erfreuter war ich, als mein Freund Jo (der Fotograf der Bilder dieses Beitrags) mich Anrief und von einer Fernseh-Doku über ein ihm und mir bis dato ganz unbekanntes Freeride-Gebiet berichtete. Gudauri, ein Ort im Norden von Tiflis, der Hauptstadt von Georgien, am Fuße des Großen Kaukasus verspricht unendliche Hänge, einsame Gipfel über der 3000m-Grenze und Tiefschnee satt! Und so nahm die Dinge wieder Ihren Lauf…

Abgelegene Gemütlichkeit – Das Skigebiet Gudauri

Der Blick von unserer Ferienwohnung aufs Skigebiet Gudauri nach einer schneereichen Nacht...Voll wirds in Gudauri nur am Wochenende

Der Blick von unserer Ferienwohnung aufs Skigebiet Gudauri nach einer schneereichen Nacht…Voll wirds in Gudauri nur am Wochenende

Das Skigebiet Gudauri liegt an der nördlichen Grenze Georgiens, ca. eine Stunde von Tiflis entfernt in den Bergen des Großen Kaukasus. Die Berge Gudauris sind so abgelegen, dass wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, dort ein Skigebiet aufzubauen, führte die 218 lm lange Georgische Heerstraße nicht direkt über den Kreuzpass (2382 ü.N.) nach Russland. An die Passstraße und die Serpentinen hoch zum Kreuzpass gelegen schmiegt sich nun der weitläufige Skiort, der neben einem knappen Dutzend Hotels auch aus einigen Appartment-Häusern besteht, deren Wohnungen teilweise wohlhabenden Georgiern oder Russen gehört, die aber auch teilweise komplett oder nur in der Abwesenheit der Besitzer an Touristen vermietet werden. Auf der Webseite von Gudauri Travel kann man sich eine gute Übersicht über die Ferienwohnungen, Hotels und Appartments in Gudauri verschaffen. Wir hatten zu siebt eine Ferienwohnung, eine sehr schöne und relativ luxuriöses Penthouse im siebten und obersten Stockwerk des höchsten Appartmentgebäude Gudauris mit wunderbarem Blick über das komplette Skigebiet.

Das Skigebiet selbst besteht aus einem weitläufigem Areal, welches am nördlichen Ende durch die drei Gipfel des Skigebiet, den Mount Bidara (3174 m.N.), den Mount Sadzele (3268 m.N.) und den Mount Kudebi (3007 m.N) und am südlichen Ende durch den Ort Gudauri begrenz wird. Im Westen des Gebirgstocks mit den 3 Bergen verläuft die Heerstraße über den Kreuzpass. Das Skiegebiet bestand im Winter 2011 aus insgesamt 4 relativ langen und nicht wirklich schnellen Sesselliften, welche alle 3 Gipfel erschließen. Da der unterste Lift vom fast unerkennbaren “Zentrum” Gudauris bis an die nördlichsten Hütten reicht, ist es während der Lift-Betriebszeiten möglich, sich mit Ski, Snowboard und Lift durch die meisten Teile des Orts zu bewegen. Die Betriebszeiten der Lifte sind für europäische Verhältnisse sehr gemütlich, nur selten laufen die Lifte vor 10.00 morgens, was angesichts der fragwürdigen Bierqualität auch seine Vorteile hat. Vor allem ermöglicht es Frühaufstehern mit Tourenski, bereits auf den Gipfeln zu stehen, bevor die ersten Freerider und Liftfahrer hochliften. Ein einmaliges aber anstrengedes Erlebnis, nach einer schneereichen Nacht auf dem Sadzele zu stehen und in die warme, aufgehende Sonne zu gleiten. Die Liftpreise sind mehr als moderat, wir haben rund 80 € pro Person und Woche gezahlt.

Freeride-Hänge vom Feinsten – Die Westhänge Gudauris

2000 Meter breit und 1000 Meter tief - und erst 3 Spuren drin!

2000 Meter breit und 1000 Meter tief – und erst 3 Spuren drin!

Die Lifte und Pisten befinden sich alle an den relativ flachen Südhängen des Gebirgsmassivs. Die wenigen Pisten erstrecken sich dabei aber über ein sehr breites Gebiet, d.h. zwischen den Pisten gibt’s nach Neuschneefällen mehr als genug Platz für einen Tag Freeridevergnügen. Nach einem Tag ist das Skigebiet selbst aber auch schon einigermaßen verpurt – auch wenn man Gudauri nicht mit vielen Locals teilen muss, die meisten die dort sind wissen weichen Tiefschnee zu schätzen. Mindestens einen Tag brauchen die wunderbar steilen und breiten Hänge des ausladenden, langen Grates, der sich westlich des Kudebi entlang und über der Kreuzpassstraße erstreckt, um sicher zu werden. Denn hier ist steiles Gelände angesagt, mit Neigungen um die 40°, steilen Couloirs bis 60° und einer Höhendifferenz von ca. 1400 Höhenmetern zwischen Grat und Kreuzpassstraße ist hier der Ort, der Gudauri als Freeridesport bekannt macht. Die Hänge, in ca. einer Stunde vom Mount Kudebi über eine Abfahrt von ca. 200 Höhenmetern und einen anschließenden Aufstieg zu Fuß über einen steilen, in der Regel abgewehten Kamm erreichbar, erstrecken sich dabei über eine Breite von geschätzen 6-8 Kilometern oder mehr und bedeuten unendliches Freeridegelände.

Yeeha! Euphorie nach fast 1000hm Freeride-Vergnügen

Yeeha! Euphorie nach fast 1000hm Freeride-Vergnügen

Viele Leute verirren sich nicht hierher, und auch als wir dort waren, 4 Tage nach den letzten Neuschneefällen, war der zentrale Hang mit einer breite von über einem Kilometer gerade mal von einer Hand voll Spuren eingefahren. Wahnsinn! Mit der Abfahrt runter zum Kreuzpass über eine unendliche, homogene Schneefläche perfekter, gleichmäßiger Neigung hat uns knapp eine Stunde lang mit Adrenalin vollgepumpt. Unten angekommen, wartet man, wen man nicht im Vorraus ein Shuttle nach Gudauri organisiert hat, am besten auf einen der häufig passierenden Trucks, die Güter zwischen Russland und Georgien transportieren. Die LKW-Fahrer, urige Einheimische, freuen sich, ausgeflippte Touristen in bunten Freeride-Anzügen und leuchtenden Augen einzuladen und eine gute halbe Stunde zurück nach Gudauri zu transportieren.

Die Täler im Norden – per Ski und Snowboard von Georgien in Richtung Russland

Steiler als es aussieht - Nach Neuschnee besser zwei Tage warten!

Steiler als es aussieht – Nach Neuschnee besser zwei Tage warten!

Nach Norden fallen die Berge Gudauris nicht mehr ganz so steil und gleichmäßig ab. Tiefe und lange Täler schneiden sich kilometertief ein und lassen die Berge auf einer Länge von über 10 Kilometern nach Norden auslaufen. Hier hält sich der Powder ganz besonders lange, und hier findet man , wenn auch nicht die steilsten, aber dafür die längsten Freerideabfahrten, die von Gudauri einfach per Lift erreichbar sind. Ca. 10 Minuten vom Sadzele-Lift muss man flach queren, um in den Einstieg zum Ersten der weitläufigen, ausladenden Täler zu gelangen. Nach einer kurzen Passage, die aufgrund der Kammnähe und Steilheit etwas Umsicht erfordert, ist man in dem tiefen Tal, in dem sich die Freeride-Abfahrt nun über mehr als 10 Kilometer ausdehen wird. Eine traumhafte, unwirkliche und unglaublich einsame Landschaft, in die man sich hier begibt.

Auch wenn die Ideallinie hier relativ flach und selbst nicht lawinengefährdet ist, sollte man hier nur bei absolut sicheren Bedinungen unterwegs sein. Die Hänge nördlich und teilweise auch südlich des Tals sind extrem steil und exponiert, am Ende geht die Abfahrt über zahlreiche Lawinenkegel. Und wer will schon am Ende einer stundenlangen Traumabfahrt im Tiefschnee versinken? Auch hier bildet das Ende der Abfahrt die Ankunft an der Heerstraße, jetzt aber schon wieder auf der anderen Seite, wo sich die Hänge nach Russland neigen. Eine wunderbare Stelle, um zurück ins Tal zu blicken, man kann fast die gesamt Abfahrt einsehen, an der Straße den Daumen rauszuhalten und zu hoffen, früh genug in Gudauri anzukommen, um nochmal einen Lift und eine weitere Abfahrt im grenzenlosen Powderparadies Gudauris zu erwischen….

Tourismus und Reiseplanung – Tiflis und Georgien

Blick über Tiflis - Georgien

Blick über Tiflis – Georgien

Die Anreise nach Georgien ist extrem unkompliziert, von München gibt es Direktflüge nach Tiflis, etwas günstiger sind Flüge mit Zwischenstopp z.B. in Istanbul. Für deutsche Staatsbürger ist kein Visum erforderlich, die Einreise ist komplett unkompliziert. Idealerweise hat man mit dem Vermieter des Appartments oder des Hotels einen Transfer verabredet, es fahren zwar auch Busse, aber ein arrangierter Transfer hat in der Regel genug Platz für Skiequipment und die ganze Mannschaft, kostet auch nicht die Welt und holt Euch auch gerne nachts um 3 Uhr am Flughafen ab, so dass ihr morgens direkt in Euer Bett in Gudauri oder in den Tiefschnee fallen könnt. Außerdem kann man mit dem Fahrer einen Zwischenhalt in einem der 24-h-Supermärkte Gudauris vereinbaren, hier kann man Vorräte für die ganze Woche einkaufen. In Gudauri selbst gibt es zwar auch 3 kleine Lebensmittelgeschäfte, die Auswahl und die Preise sind direkt in Tiflis jedoch wesentlich besser. Abgesehen davon hat Gudauri einige sehr schöne Restaurants, in denen man sehr gut und urig essen kann und sehr freundlich und gastfreundlich behandelt wird.

Georgien ist sicher kein Land, in das man sich als Tourist all zu häufig verirrt. Darum bietet es sich definitiv an, im Anschluss an den Skiurlaub noch 1-2 Tage in der Hauptstadt Georgiens, in Tiflis (lokal ausgesprochen Tibilisi), zu verbringen. Die schöne, kleine Hauptstadt an der Grenze zwischen Morgen- und Abendland ist ein Schmelztiegel christilicher und muslimischer Kultur, wunderschöne Moscheen und große orthodoxe Kirschen stehen hier direkt nebeneinander. Außerdem hat Tiflis noch ein gemütliches aber vielseitiges Nachtleben und tolle, hunderte Jahre alte Thermalbäder zu bieten. Ein Besuch im Bäderviertel, mit seinen ehemals 65, heute noch 7, teils über 700 Jahre alten Badestädten mit einer Wassertemperatur zwischen 37°C und 47°C in Verbindung mit einer traditionellen, georgischen Bade- und Massagezeremonie sollte doch jeden Skimuskel wieder fitt für eine weitere Runde Powderspaß und Gudauri machen…

Danke an Johannes Frey für die Bilder. Ein Jahr zuvor war Valentin zum Snowboarden im Iran. Den Bericht dazu gibts hier.

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