Leidenschaft

Leidenschaft & was vom Tage bleibt...

09.10.2012

Leidenschaft & was vom Tage bleibt…

Achtung: Der Autor dieses Beitrages ist freischaffender und freikletternder Künstler und besitzt als solcher auch den Mut zu großzügigen, kleingriffigen gedanklichen Quergängen samt weiten Analogie-Spreizschritten. Beschrieb der kreativen Route ohne Gewähr. Lektüre auf eigene Gefahr.

 

Im Wörtersturz – ein paar Blitzeinschläge Gedankenladung

Alpinismus ist mehr…

Irgendwann ist die kritische Masse alpiner Geschichte, Heroen-Erinnerungen und Positionspapiere alpiner Vereine gelesen, mit Interesse und Nachhall, und ich schreibe auf einen Zettel: Alpinismus muss mehr bedeuten als Bergsport.Dieser Spruch hängt seither als Keimzelle einer wachsenden Sammlung von alpinistisch wertvollen Zitaten und Bildern von Tourenzielen am Joch- und Türstockbalken der Wohnung.

Das Phänomen Alpinismus hat bekanntlich zahlreiche Facetten. Sport, Kultur, Natur, Wirtschaftliches; thematische wie jeweils auch historische Dimensionen. Wir haben dabei in der Hand, wie wir partizipieren, was wir aus unserer Zeit am Berg machen, was somit bleibt vom Tourentag.

Zu leicht dehnt sich ein Ressourcen- oder auch Leistungsdenken in quantifizierbaren Begriffen, vielleicht unbewußt, schleichend, jedenfalls unbillig auf unseren privaten Raum aus… Soundsoviele Stunden im Büro soundsoviele Aufgaben und Projekte abgehakt. In der Freizeit soundsoviele Höhenmeter pro Stunde, soundsoviele soundsoschwere Routen, onsight! Huch, schon Freitag, am Wochenende Tour – los, Fahrt, Tour, superschnell! – und zurück, in nur x Minuten durchgebrettert, moderater Stau! Yeah. Eine Berg-Dosis, Frischluftflucht-Konzentrat, inhaltsoptimierter Energieprügel, 80% der empfohlenen Vitalität-Alpin Tages-Portion!

Auf die übrigen 20% aber kommt es manchmal an.

Je aktiver man ist, desto mehr Möglichkeit besteht, sich seiner Wirksamkeit und damit Existenz zu versichern, mindestens punktuell. Viele von uns suchen aber noch mehr als die kurze Woge. Erfüllten Raum. Oder Raumzeit. Anker im Erlebnisuniversum.

Ich kenne keine exakten Begriffe dafür – wie die Kunst entzieht sich mir auch das tiefere Bergerleben der völligen, nüchternen Erklärbarkeit. Tiefgehende Näherungen, auch im Text, greifen oft auf Analogien zurück, auf Wortbilder. Umso bewusster man unterwegs ist, desto mehr Bilder bleiben vom Tourentage, langfristig. Bewusstsein braucht Raum. Raumzeit. Persönliche Entfaltung.

 

Was vom Tourentage bleibt – ein paar Anekdoten

Im Atelier stehe ich vor einem großen Tisch, darauf liegen lose ausgebreitet Bögen handgearbeiteten Papieres, die synthetische Landschaften zeigen, im Kopf wieder oder neu zusammengesetzter Wälder und Berge von Erinnerungen. Einige nehme ich in die Hand, erkenne im zunächst abstrakten Wirrwarr Gegenständliches, überlagert wie in Träumen, hochkomprimierte Erinnerungen. Ich entpacke einige, wickle sie aus in Worten:

 

Enzensperger Führe, Kleine Halt Westwand, Wilder Kaiser.

November 2011, blaue Luft, Kühle, Reif auf Stein und knisterndem, braunem Buchenblattboden auf dem Weg über das Stripsenjoch zur Totensesselschlucht. Heikler Einstieg, brüchige Schrofen, alles gangbar, wenig fest. Verhauer, retour, da viel zu schwere Variante, wo UIAA III-Gelände sein sollte. Route wieder gefunden, Weckruf an sich selbst. Finger klamm, Atemwolken. Queren zum Beginn der Enzensperger-Führe (III+, wildalpin), endlich solider Fels. Grasband am Beginn des oberen Drittels der 800 Meter abfallenden, geneigten, plattigen Westwand der kleinen Halt, da! Ich betrete das Band, Totenstille – Alleingang.

allein in der novemberlichen Kleinen Halt Westwand – Enzensbergerführe

In Wellen des Begreifens rauscht der Blick über die Kante, fällt 500 Meter zum Wandfuß. Wie vom großen Puppenspieler in der Wand ausgesetzt, abrupt aus einem Traum gerissen, laufe ich in paradoxer Zeitlupe, kaum schwerer als III+, aber ungemein luftig, an griffigen Kanten hoch, durch erfreulich schön zu kletternde Verschneidungen, in atemberaubenden, knapp fussbreit von Rissen durchzogenen Platten.

Mit dem Bewusstsein des möglichen Absturzes ist der Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als mit dem geplanten Notieren, welche vereinzelten, alten Schlaghaken, Rostgurken – teils noch von ersten Begehern – hier ihr museales Dasein fristen. Ich gehe häufiger solche “anachronistischen” Routen, interessiere mich für den Zustand ihrer Infrastruktur, wie man sich für den Zustand von antiken Statuen interessieren kann. Das Mitschreiben: Ich vergesse es schlicht.

Ehrfurchtsvoll lautloses Jauchzen am Gipfel, in jenem Schwebezustand größter Achtsamkeit wieder ins Tal. Keinen Menschen getroffen, Hans-Berger-Haus geschlossen. Blick zurück auf die Wand, flaches Licht, scharfe Kontraste. Statt sauberer Notiz von Metall im Fels male ich, allmählich realisierend, von welchem Schwebetrip ich zurück bin, doch halb noch in der Wand, gedankenverloren ein paar Kringel auf meinen knittrigen Handzettel, skizziere nur grob die Route, die Kontur der Westwand. Verrückt, dass durch diese Wandflucht so ein Weg führt…

Daheim klebe ich das Papier an mein Joch mit den Alpin-Zitaten. Ein Paar Tage später, abends, nehme ich es ab, gehe im Geiste erneut die Tour durch. Sofort bin ich mit allen Sinnen wieder in der Enzensperger!

Kleine Halt – Westwand und Enzensbergerführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Tiefblicke, Stille, Gedankenkreise, Luft unter den Sohlen, Luft in der Seele. Formen, gedämpfte Farben tauchen vor Augen wieder auf. Ich kritzele weiter auf dem Blatt. Auch dort, Blätter waren irgendwo… in meinem Kopf raschelt es… Eigentlich wollte ich ein sachliches Topo malen, Fakten; die Macht der Erinnerung ist stärker, hat mehr Facetten als das Schema F: In meinem Kopf baue ich eine Theaterkulisse nach, eine synthetische Landschaft.

Ich habe keine Fakten, keine Hakenzahlen in der Route eingesammelt, sie nicht abgehakt, ich habe die Kulisse mitgenommen, in Einzelteilen. Als Collage baue ich sie wieder auf. Ein Panoptikum, Kulisse aus surreal kombinierten Blickwinkeln einer Tour hängt nun in meinem Zimmer. Ein Buchenblattwald, nicht die vom Hans-Berger-Haus sichtbaren Nadelbäume, übergroß, weil übermächtig durch sein Rascheln, Reifknistern unter meinen im Geiste immer wieder zusteigenden Bergschuhen, wächst vor der kleinen Halt empor. Schwebt. Ein gestrichelter Weg durch eine Glätte.

 

Fränkische Schweiz, Röthelfels

Fränkische Schweiz. Sportkletterausflug: Röthelfels. Nur 1 Tag Zeit, d.h. früh raus, schnell hin. Fahrt: Aus’m Autofenster schon Interessantes zu sehen, Häuser etc. Aber Gedanken nach vorn, zügig, plangemäß zum Fels, zwei Routen aufwärmen. Wenig Haken, oha, Keile rein. Hoch, runter, nächste. Ok. Dann los, VII muss jetzt gehen. Nachher Angriff auf Grenze. Los, los, los! (Glosse.)

Zack – Schuss vor den Bug. Die ganze Gruppe kann mich beobachten, wie ich nach zwei Metern, weit unter dem ersten, fränkisch hohen Haken zum fünften Mal im Friend heikel sitzen muss, weil ich eine recht technisch zu kletternde Stelle nicht knacken kann. Ein Mädel aus unserer Gruppe macht es dann vor, mit Leichtigkeit, spielerisch, kann nebenbei noch munter die Details kommentieren. Mir fehlt die Leichtigkeit, der Kopf ist schwer vor Schwierigkeiten, vor Zielen, welche vor allem in römischen Ziffern gemessenen Wert zu haben scheinen. Ich versuche die Stelle erneut, blockiert, dann gebe ich auf, weil ich begreife, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt. Die Einstellung. Der Vormittag ist gelaufen.

Fränkische Schweiz, am Röthelfels; links Photographie, rechts eine Art Gedankenprotokoll, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Still, gedämpften Wesens, sichere ich die anderen, mir ist der Antrieb abrupt verpufft. Ich bin gar nicht da. Ich bin nicht Klettern in der Fränkischen Schweiz. Ich realisiere, mental beim simplen Sport und Leistungsdenken hängen geblieben zu sein. So begreife ich, als mir mit einem Mal Blätter die Sicht auf meine Kletterpartnerin kurz nehmen, im Wind und in der Sonne tanzend, lichtgrün, formenprächtig. Wie schön! Thou, nature! Der Fels als abstrakter Routenträger, schematisch gelesen wie die Topo-Skizze selbst verschwimmt nach diesem Lichtblitz kurz, kollabiert und taucht neu auf. Physisch. Löchrig, warm, gelblich, belebt. Mit Inseln. Mit Nischen. Mit Geruch und als Klangkörper.

Jetzt bin ich da. In einer neuen Region. In einer neuen Landschaft. Ich schaue mir die Felsen an und sehe eine schöne Linie. Ich klettere sie. Weil sie schön ist, der Fels, die Bewegungen. Flüssig geht es hinauf, geschwungen. Jetzt bin ich da. Ich habe vergessen wie schwer die Route war, irgend etwas Harmloses. Ich erinnere aber die Untergriffe, die löchrigen Platten oben. Ich erinnere, dass danach auch onsight wieder schwere Routen klappten.

Was zählt.

Aber vor allem erinnere ich diese Route ohne Erinnerung an die nominelle Schwierigkeit. Erinnere viele Quadratmeter Felstextur. Erinnere einen moosigen Stamm, auf dem ich sass und den anderen zusah, einen Heißluftballon über geschwungenen Waldhügeln im Abendlicht beim Schlendern zurück zum Auto. Keine Ahnung, wie lange wir zurück gebraucht haben, aber in Relation kann es nur kurz gewesen sein: Der Nachmittag kam mir vor wie zwei Wochen Urlaub.

Daheim kritzele ich noch neue Namen in Tickliste und ins Tourenbuch. Aber vor allem kritzele ich Kreise, skizziere Felslöcher, zeichne schwebende Blätter. Seit diesem Tag wächst parallel zum Tourenbuch, zunehmend wichtiger als die Liste der bewältigten Schwierigkeiten, ein Stapel von Zeichnungen, Collagen, skizzenhaften Toureneinträgen. Was vom Tag bleibt.

secundum naturam – der Natur gemäß… Links Photographie, rechts Ölfarbe und Ölkreide auf Leinwand, 100cm x 100cm

Was auch übrig blieb – ein Spruch, eine Pose, ein Bild. Meine Kletterpartnerin aus Innsbruck philosophiert über Ökologie und gesunde Ernährung. Der Natur müsse man folgen. Sie klettert los. In der Wand hängt sie auf einer Lochplatte, sucht nach Griffen, nach einer Lösung. Sie lehnt sich weit nach links, hängt schräg auf der Platte. Ja, so geht es! Fünf Punkte beziehen stabile Position – zwei Füße, in präzisem Antritt, zwei Hände, genau platzierte Finger – und der Kopf, Träger des bekanntlich wichtigsten Muskels beim Klettern: Des Gehirnes. (W. Güllich)

Dabei nehme ich wahr, dass meine liebe Naturfreundin fast ebensolche Stellung einnimmt, wie es ein paar Blätter und Zweige an einem nahen, kleinen Bäumchen vorzumachen scheinen. Man muss der Natur nur folgen…

 

Gardasee – Odyssey und Penelope ohne Odyssee

Gardasee (Nago), Odyssey, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Sportklettern in Nago, nahe Gardasee. Meine Kletter-partnerin kämpft sich noch am späten Nachmittag in der Odyssey ab, 35m 7b+. Einige Stürze, immer wieder federe ich ihr nach oben entgegen, feuere sie an, baue sie wieder auf. Der Kampf geht lange, der Ehrgeiz brennt, macht mir aber auch klar, dass es für mich heute wohl schon einen Tick zu schwer ist. Flug, Sprung, Zug. Hängen im Seil, auch ich schwebe ein wenig hin und her, hier an der Ecke des Weges, pendle, von Wind und Sonne umstrichen, und freue mich in Gedanken über den Fortschritt am anderen Seilende mit. Mir ist eher nach Mehrseillängentour morgen, nicht nach weiteren Schwierigkeiten-Extrema heute.

Wohin also morgen? Wir blättern abends den Führer durch, der Finger rastet ein, kurzer Check der Details – passt. Also morgen San Paolo Wand, die Penelope, 6b+, knapp 300m.

Es wird eine sehr schöne Tour, durch eine zwar sehr stark gegliederte Wand, von Plateau zu Plateau, mitunter durch typischen Bewuchs, wie auf Pfaden von einer Sportkletterroute zur nächsten. Aber dafür eben recht vielseitige Kletterei, im Fels lohnend. Beginnend schon mit einer phantastischen Verschneidung. Mit knifflig kleingriffigem, gelbem Wandl für die eine, Boulder-haftem Dachl mit weitem Zug für den anderen – Vorstiegsspannung trotz sehr guter Absicherung. Ein Lob der Penelope… Hm, wer war das noch? Wir entblößen wechselseitig unsere mythologische Unkenntnis, oben angekommen über das Tal die Blicke schweifen lassend. Ausrede Unterzucker möglich.

Sarchatal (San Paolo Wand), Penelope, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Abstieg auf waldigem Pfad. Wunderbares Wetter, sonnig, leichter Wind trägt uns. Überqueren der Sarche auf einer Steinbrücke, zur Erfrischung ins Nass. Auf der Brücke ein Feigenbaum. Runde Früchte, noch unreif, kleine Kugeln, im Schattenwurf Kreise. Kreise und Blätter. Nachhall: Ich denke an die Kleine Halt, an mein Bild der Enzenzperger. Echos – seitdem habe ich dauernd komische Routenbilder mit Blättern und Kreisen, gestrichelten Routen erstellt. Fruchtbar wirkt das Klettern. Die Feige wippt im Wind, als Allegorie der Fruchtbarkeit.

Daheim lesen wir nach: Odysseus und Penelope – Mann und Frau, getrennt durch 20 Jahre Odyssee!

Unsere Penelope musste nicht so lange warten. Aus dem Saatgut der tausend Möglichkeiten rund um Arco, seine Kreise im Fels zu ziehen, haben wir sie ohne Bewusstsein der historischen Verbindung herausgepickt. Direkt am Folgetag der Odyssey spannte sich die Brücke von Odysseus zu ihr, Penelope. Seltsame Verbindungen findet das vom Naturerlebnis beflügelte Hirn.

 

Untergriffe am Aggenstein

Bad Kissinger Hütte, Snoopy, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Allgäu. Plattige Mehrseillängen-Schleicherei am Aggenstein mit meinem Vater. Am Rückweg Kaffee auf der Bad Kissinger Hütte. Grauer, kompakter Felsblock über das Geländer im Blick… es reizt der Block zu sehr, doch noch ein wenig Sportkletterei dran zu hängen. Oder? Ja, ein geschwungener Riss springt ins Auge, zu verlockend, und VII- kann so schwer doch auch nicht sein. Zögernd aber stehen wir dann an den Blöcken am Einstieg – links, wie mein Vater meint, oder doch direkt? Zum zweiten Haken erscheint es heikel. Es muss aber direkt gehen, nur dann ist es schön!

An kleinen Dellen steige ich unter äußerst vorsichtiger Verlagerung des Gleichgewichtes unglaublich langsam an, schiebe mich höher, lasse eine Expresse einschnappen. Auf kleinen, oberflächlich sehr rauen Erhebungen Antritt nehmend schummle ich mich an der Schwerkraft vorbei zum ersten beruhigenden, ja belustigenden, da entlastenden Untergriff am geschwungenen Riss. Eine Expresse schnappt ein, ich grinse, tipple weiter, gelöster Stimmung.

“So wild war es ja dann do–” der nächste, vorab nicht kontrollierte Tritt bricht mir aus, ein paar kleine Steinchen purzeln meinem Vater entgegen und zu meiner eigenen Verwunderung hänge ich im nächsten bewussten Moment in Klimmzughaltung mit eingekrallt blockierten Armen, zum Platzen bereiten Unterarmvenen an zwei Untergriffen, Beine in der Luft, muss aber erst verstehen, dass ich nicht gefallen bin, bis es weitergehen kann.

Irgendwie war ich danach ziemlich rasch oben am Umlenker und sodann wieder am Wandfuß abgelassen. Im Adrenalinrausch war der Rest der kurzen Route, Untergriff um Untergriff, Schwinge um Schwinge nach oben, dann ganz leicht… Das erste Mal, dass mir im Fels ein Tritt ausgebrochen ist. Zum Glück nur beim Sportklettern und ohne Flug nach unten.

 

Wilde Leck Ostgrat – Berge, Kristalle und Meere

Im Dunkeln sind wir zugestiegen, dann im Funkeln, unterwegs zum Ostgrat der Wilden Leck. Aus der sternklaren Nacht tauchen Granitzackem im bald gleißenden Licht unter einem immer tiefer blau leuchtenden Himmel auf. Panoptikum rötlicher Felstöne. Mein Herz springt über vor Freude, ich muss mich zusammenreißen, im Ansteigen über große Blöcke nicht jeden Kristalleinschluss, jede Landkarte Flechtoniens einzeln zu loben. Die Worte gehen mir ohnehin aus.

Wilde Leck Ostgrat, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Endlich wird auch geklettert, leicht, aber eben alpin, wunderbar. Gute Seilschaft, alles läuft. Nur die Kristalleinschlüsse bremsen mich immer wieder. Einmal daumennagelgroß, feurig-orange eine Glitzer-Nuss mitten in rostbrauner, glatter Platte. Photographie, Sonnenkreise, Blendenflecke. Gletscherspalten, Zacken hier, Zacken dort. Feuerwerk azurblau, gletscherweiß, rot, braun, grün.

Zurückgekehrt sammle ich meine Farberinnerungen, lege Farbpaletten aus braunen Papieren an. Sehnsucht nach solchem Gestein, immer wieder, nach den Kristallen. So in Gedanken fällt mir ein alter Stempel auf dem Ateliertisch auf, ein Seerosenblütenrelief. Sein oberster Teil ähnelt kristallinen Zacken. Ich färbe nur Streifen des Stempels ein – und aus Seerosen werden Bergketten, Blockflanken, Kristalleinschlüsse. Irgendwie schwimmen die Gipfel ja auch oft wie die Blüten in einem Teich, neblig. Irgendwie waren die Berge ja mal nur Meeressediment.

 

Zillertal

Es muss wieder rotes Gestein unter die Finger kommen. Sportklettern im Zillertal, Ewige Jagdgründe. Leider ist viel zu viel los, die Toprouten sind dicht besetzt, ein bemützter, harter Mover neben dem anderen. Unglaublich. Aber wurscht. Wir haben unseren Spaß, amüsieren uns derweil am Einhorn, lassen unsere Zwerchfelle durchrütteln von durchaus verschiedenen, möglichen Lösungen, sich in einer Ecke unter einem gefühlten Dachüberhang zu verrenken.

Zillertal, Sportklettern am Einhorn; links Photographie, rechts Gedankenprotokoll, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

 

Wiessner-Rossi

Endlich gutes Wetter und ein Seilpartner, der auch Lust auf alpinere Unterfangen hat! Die Seilschaft funktioniert bestens, die Tour wird ein Genuss – Fleischbank Südostwand, die Wiessner-Rossi. Ein Alpin-Klassiker. Steil, speckig, viele alte Haken. Ein Wunschtraum, diese Route durch die augenscheinlich so glatte Wandflucht zu klettern. Feuerwerk der Eindrücke. Einige Photos kann ich unterwegs schießen, aber die Kletterei fordert doch so, dass wenig Muße bleibt, viel Aufwand zu betreiben. Wenn schon, denn schon – Knipserei nebenbei bringt ja auch wenig, ich vertröste mich auf Eindrücke aufnehmen, daheim die Erinnerungen zu Bildern collagieren. Ein ganzer Stapel wird es.

Wilder Kaiser, Fleischbank SO-Wand (Wiessner-Rossi), Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Die großzügigen Eindrücke der Wand – Platten, Senkrechte, Fluchten, ebenso wie die Details: Im oberen Drittel einer der schönsten Standplätze – kleine Ein-Mann-Nische mit einsam in der Senkrechten gedeihendem Blumenbüschel überm Standplatzring. Immer wieder teils belustigende, alte Rostgurken – sporadisch nur Bohrhaken, die Stände allerdings solide, saniert (DAV-Ringe).

Wilder Kaiser, Fleischbank SO-Wand (Wiessner-Rossi), Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Die klettertechnisch interessanten Stellen – der Quergang unten, frei mit ziemlich weiten Zügen, versteckten Tritten unter einem Bauch und hinter einer Rippe, die Moral von Vor- und Nachsteiger prüfend. Der Rossi-Überhang mit pumpigen Untergriffen, rutschigen Antritten. Oben ein wenig profilierter, glatter, knapp faustbreiter Riss, der vor hohem ersten Haken gerne 2 Friends schluckt.

Die Phantasie-Ausflüge zwischendurch – Schotterrasseln, 17 Gemsen flitzen aufgeschreckt durch die Steineren Rinne, weiter ihr Pfadnetzwerk austretend. Von meinem Standplatz (der schönen Nische) wirkt dieses Pfadnetz wie ein Kapillargerüst, wie Blattadern. Ähnlichkeit und Selbstähnlichkeit. Die Natur und ihre Prinzipien!

Die Farbspiele – Fels grau bis gelblich. Kleine Flechten. Grauer Boden in Karen. Leuchtender Himmel. Dunkle Felsrinnen der Westflanken in der Steinernen Rinne. Kontrast von Blau und Rot der Halbseile, blaues Himmelsseil, rotes Routenlinienseil. Rote Schuhe. Blauer Keil baumelt gerade in die Sicht. Rot-Blau-Fels, die Farben! Ein Fest der Sinne.

Mit dem Blick auf das schöne, bunte, moderne Material immer wieder der Gedanke – Wiessner und Rossi, Erstbegehung 1925!

 

Kopfkraxen-Romantik

Eine gute Freundin und Sportklettererin ist vom Alpintouren-Fieber gepackt worden. Die Tourenwünsche steigen in Seillängen gemessen an, auch Zustiege sind keine Hürde mehr. Phantastisch. Wir gehen die Via Romantica an. Sie führt über 450 Höhenmeter durch die Südwand der Kopfkraxen, Wilder Kaiser.

Wilder Kaiser, Kopfkraxen, Via Romantica, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Das Wetter ist doch einen Tick zweifelhafter als tags zuvor angekündigt. Immer wieder ziehen Wolken mitten durch die Wand. Die Farben zwischen Nebeln erscheinen bisweilen umso satter. Leuchtend gelb einige Felsausbrüche, nassgrün sporadische Botanik. Unvergesslich ein Blick aus der Route in eine Art hängenden Garten, westlich der Via Romantica. Unerwartete Blattformen stürzen sich eine feuchte Nische hinab, darüber, bedrohlicher Stern, lauert eine gelbe Wandausbruchsonne.

Die Kletterei in überraschend festem Fels ist schön, durchaus fordernd gleich zu Beginn, Kaltstart. Mobile Absicherung hat in dieser Route ebenso Platz wie Berechtigung. Den Erschließern sei Dank handelt es sich nicht um eine Bohrhakenleiter, wenngleich für alpine Verhältnisse gut abgesichert. Man siehe die Ernsthaftigkeitsbewertungen einschlägiger Führer zu Details.

Wilder Kaiser, Kopfkraxen, Via Romantica, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Klettertechnisch phantastisch erweist sich eine lange Spreizverschneidung im oberen Teil der Route. Ihre beiden Flanken neigen sich sanft einander zu, geschwungen sind die Linien, weich erscheinen einige vorsichtig ausgestreckte Fühler. Via Romantica. Ich gerate vollkommen in den sagenumwobenen flow, meine Kletterpartnerin macht sich vermutlich Sorgen ob meines Grinsen und meiner Lobpreisungen an die geschlängelte Linie, an der man sich hocharbeitet. Wobei zwischendurch sehr viel Luft zum Anbringen von Schlingen und Friends ist.

Vom Standpunkt der Vorstiegsmoral und Absicherungsverantwortung die Schlüssellänge. Umso besser merkt man sich die Details… Man fühlt geradezu nach. Hier die beiden Hände, weich um die Runde Kante, eingedreht, nach rechts orientiert, sachter Antritt auf Reibung, Hochschieben, Kante abtasten, ausspreizen, hochschieben, sofort wieder eindrehen, langer Arm, Schlinge legen, ausspreizen, ausstemmen, flache Hand gegen die Wand, Hände wieder um die Kante… flow. So im Rausch laufe ich glatt am Stand vorbei, darf also knapp vor Seilende selbst einen basteln. Auch so eine Erinnerung.

 

Totenkirchl Ostwand: Leuchs-Führe

Mit meinem Vater klettere ich eine Route in Seilschaft durch die Totenkirchl-Ostwand über dem Schneeloch. Endlich! Zum ersten Mal in dieser Ecke, die ich mir aus den Angaben in den Führern als so düster ausgemalt hatte. Viel besser allerdings als der “brüchig” verrufene Fels ist unsere Führe. Darf ich daraus extrapolieren auf die mich schon länger reizenden Wandteile nebenan? Darf ich schließen, dass ich mich die alte Leuchs-Führe durch die Ostwand doch allein trauen darf?

Wilder Kaiser, Totenkirchl-Ostwand, heikle Variante in der Leuchsführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Ein paar Tage später stehe ich drin. Mitten in der Wand. Gemäß Topo dritte Seillänge über dem Schneeloch. Der erste Stand war ca. drei Meter unter der Randkluft des noch immer starken Firnfeldes. Darüber aber inzwischen gut 70m freie Luft, durch die ich beim Blick auf die Zehen zwischen den Füßen bis zur Kluft hinabschaue. Wie bei allen Touren dieses Kalibers (III+) entscheidet die Felsqualität und das Bewusstsein dafür, ob mehr Wagnis oder Erlebnis.

Sturz wäre tödlich, Kletterschwierigkeiten sind aber gering. Also Ruhe bewahren, sauber antreten, den Fels fühlen, so intensiv wie sonst kaum. Nur bei bestem Selbstvertrauen. Dies aber ist da. Das Seil für Rückzug oder gegebenenfalls doch anstehende Selbstsicherung an unerwartet heikler Stelle bleibt im Rucksack.

Die logische Führe entlang Schwachstellen der Wand begeistert. Saniert sind die Stände mit je zwei Klebehaken, dazwischen aber ist nur so sporadisch Hakenmaterial, dass die Route wirklich aus dem Fels gelesen werden muss. Orientierung am Metall ist nicht möglich.

Wilder Kaiser, Totenkirchl-Ostwand, Schlupfkamin in der Leuchsführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Welch ein Genuss, somit. Welch eine Verantwortung aber auch. Tatsächlich wird die Führe nach dem steilen Anfang, indem sie leicht nach links (SW) zieht, weniger eindeutig, ich ahne bereits, da ich einen Stand längst hätte finden müssen, dass ich nicht die richtige Rinne angestiegen bin, sondern etwas zu früh. Mein Selbstvertrauen erlaubt aber den Weitergang, die Erkundung. Ich bin neugierig, retour ginge es, vorhin schon bin ich eine heikle, senkrechte Rippe (III) auch wieder zurück und war vollkommen ruhig geblieben.

Ich erreiche ein kleines Podest, an dem ich aus Distanz einen alten Schlaghaken erspäht hatte. Hinter dem leichten Absatz, am oberen Ende zweier ca. 50m tief abfallenden, nahezu senkrechten Rippen, am Fuß einer überhängenden, dunklen Wand, befindet sich ein Quergang zu einem kleinen Fenster im Fels. Kleine Tritte, teils gelblicher, nicht besonders zuverlässig wirkender Fels. Ich schätze die Passage auf IV+. Ernst, da luftig. So erlebe ich es auch. Verlockende, große Griffe sind instabil. Die guten Griffe, rettende, hinterschnittene Kanten finden sich endlich, dazwischen aber weite Distanz. Ich erreiche sie erst, indem ich mich maximal strecke, rechts letzten guten Griff umklammert, rechts letzten guten Tritt sauber belastend, mit der linken Seite mich ins Dunkel, ins Ungewisse sachte vortastend. Noch habe ich keine Gewissheit, dass ich die Leuchs-Führe wieder antreffe, dass ich nicht alles zurück muss! Retour wäre möglich, aber die Grenze dessen, was seilfrei und allein für mich selbst vertretbar ist…

Wilder Kaiser, Totenkirchl-Ostwand, Leuchs-Führe mit Variante, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Gerade so gelingt es mir mit meinem geliebten roten Rucksack am Rücken, durch das Fenster zu schlüpfen. Jenseits steige ich in einer Rinne knapp 10 Höhenmeter wieder ab, quere etwas heikel und erreiche die eigentliche Leuchs-Führe. Ein sanierter Stand gibt mir Sicherheit und nun ist auch der Weg wieder evident.

Fordernd bleibt er. Respektive wartet er nun mit seiner eigentlich spektakulärsten Passage auf. Auf einem niedrigen Band, direkt entlang schwarzer, überhängender Wand zieht die Führe gen Nordwesten wieder an. Mehr Exposition im III-er Gelände ist kaum vorstellbar. Griffarm, glatt bildet ein Schlupfkamin den Abschluss des Bandes, ein Bein hängt 300m frei über dem Schneeloch, das andere ist tief im Kamin verklemmt. Ich jauchze vor Freude, als ich durch bin.

Wunderschön ist das Finale, erst noch Rinnen und Verschneidung in bestem Fels, dann Ausstieg direkt von Osten her zum Gipfelkreuz, über die schön profilierten Wasserrillen. Die vorletzte Tour auf meiner Liste klassischer Kaiser-Anstiege im dritten Grad oder auch an der Grenze zwischen drittem und viertem Grad im Alleingang ist getan. Lange sitze ich am Gipfel, es ist noch früh, niemand sonst da.

Daheim gehe ich die Route in Gedanken durch, wieder und wieder. Ich drucke ein Wandbild aus, welches ich von der Fleischbank einmal aufgenommen hatte und ziehe mit roter Linie nach, welchen Weg ich gegangen bin: Mit der heiklen Variante am Felsfenster, samt Wiederabstieg zurück zur Leuchs-Führe ergibt sich das Profil eines säbelzahnbewehrten, gehörnten Viechs.

 

Bauernpredigtstuhl – das große Pluszeichen

Steigt man von der Wochenbrunner Alm über die Gaudeamushütte Richtung Ellmauer Tor auf, so ändert sich die Kulisse mehrmals eindrucksvoll. Indem man sich von einem Zwischenplateau zum nächsten begibt, verschiebt sich das optische Gewicht der umgebenden Felswände, treten neue Spitzen hervor, wachsen manche weiter, verlieren sich andere unter noch größeren grauen Eminenzen. Wie von Geisterhand umgeformt erscheinen die Berge, löst sich der Blick vom Weg und schweift umher.

Wilder Kaiser, Bauernpredigtstuhlansichten, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Wer war schon auf dem Weg ins Ellmauer Tor und stand nicht, wo der Anstieg kurz am östlichen Fuß der vorderen Karlspitze teils drahtseilversichert durch Felsstufen führt und sich sodann gen Westen wendet, kurz still und staunte über das wie aus dem Nichts gewachsene, spitzwinklige Dreieck im Osten? Wie riesige, zum Beten mit andachtsvoll gestreckten Fingern geschlossene Hände erscheint die Westwand des Bauernpredigtstuhl. Wie man es an seinen eigenen so gefalteten Händen sehen kann, da die Daumen das umfaltete Dunkel in zwei teilen – hell, mit zwei dunklen Flecken in der Mitte.

Ist es noch früh am Morgen, so dass die Wand, westseitig einstrahlungsarm und still daliegt, vielleicht noch im Gegenlicht der gerade die Rittlerkante überstreifenden Sonne – wie gespenstisch wirkt da diese eigentlich nicht allzu hohe Wand mit dem zyklopenhaften kleinen Fleck in der spitzen Stirn und dem dunkeln Wulst in der Mitte, aus dem zahnartige, graue Wasserstreifen über den gelblichen Auslauf hervorstechen!

Wilder Kaiser, Bauernpredigtstuhl, alte Westwandführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Ich will da rein: Bauernpredigtstuhl, alte Westwand. So geschieht’s. Erst mit meinem Spezl und häufigsten Alpinpartner – erprobte, bestens laufende Seilschaft. Spannend dennoch, wir wissen ja zuvor nicht, wie die Absicherung ist – sanierte Stände, wenige Bohrhaken zwischendurch, sonst alte Schlaghaken.

Doch die Absicherung macht uns keine Angst, wo überhaupt nötig, sind Keile und Friends leicht als Ersatz oder Ergänzung für die eine oder andere Rostgurke möglich. Wir sind begeistert. Unvergesslich bleibt uns der Quergang, mitten durch die Wand, sehr luftig. Zu Beginn kippt der Blick ordentlich in die Tiefe, doch der Antritt ist gut, leicht abschüssig. Aber hinreichend breit sind kleine Podeste zu treten. Einen Augenblick fasse ich Halt bei derart gutem Stand allein an einer drei-Finger-Schuppe, als lokal einzigem Angriffspunkt für die Hände. Lange bleibe ich so stehen, ohne Anstrengung, fasziniert vom Anblick meiner Lage.

Wilder Kaiser, Bauernpredigtstuhl, wichtige kleine Felsschuppe im Quergang der alten Westwandführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Begeisterung… sie ist so stark, dass ich die Tour ein paar Tage später direkt noch einmal angehe, mit meiner Kletterpartnerin aus Innsbruck. Unglaublich: Für die junge Tirolerin wird es die erste Tour im Wilden Kaiser überhaupt sein! Was für ein Einstand.

Wilder Kaiser, Bauernpredigtstuhl, Quergang in der alten Westwandführe, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Wir gehen unter der Woche, früh. Die Wand liegt gänzlich im Schatten, wir sind allein. So können wir uns den Luxus leisten, unglaublich langsam zu sein. Es ist ihr expliziter Wunsch, da ja zum ersten Mal hier. Mir kommt es ebenso zu Gute, da ich für Bilder, die ich bereits angefangen habe, ein paar Felsstrukturen noch detailierter studieren muss. Im Rausch der ersten Begehung war dann doch einiges wieder untergegangen. Anders heute. Kein Wetter, keine anderen Seilschaften geben Grund zur Eile. Normalerweise gehe ich zum Leidwesen mancher Partner gerne schnell, schon aus Sicherheitsgründen eben, schon aus Gewohnheit. Heute wird geschaut. Viel geschaut.

Im Quergang, der hinauf, dann horizontal, dann wieder hinab führt, eine volle Seillänge, sitzen wir uns, doch fast auf Augenhöhe, auf unseren Standplätzen einige Minuten lang wortlos grinsend gegenüber und schauen Wand, Felsstrukturen, orangene Flechten, Horizont und eben alles an, was das Gehirn als gerade wichtig erachtet. Ein Fest der Sinne. Besonders haben es mir die orangenen Flechten angetan, ihr schöner Kontrast zum gelblichen Fels.

Wilder Kaiser, Kreuz am Bauernpredigtstuhl, Collage und Zeichnung auf Papier, 30cm x 40cm

Viel zu schnell, trotz Entdeckung der Langsamkeit in noch unbekanntem Ausmaß, ist die Wand durchklettert. Lang sitzen wir am Gipfel, die frechen Dohlen spielen mit. Meine Gedanken kreisen um das schöne Kreuz. Es ist puristisch, geometrisch, minimalistisch. Sein vertikaler, tragender Balken ist am Sockel ungewöhnlich kurz, fast hat es auch eine horizontale Symmetrieachse. Es sieht schlicht aus wie ein großes Pluszeichen. Ein Symbol der Addition, des Wachstums. Derart will ich jeden Gipfel, jedes alpine Ziel verstanden wissen.

Was vom Tourentage bleibe – eine Ermunterung

Der Alpinismus, in seiner ihn vom bloßen Sport abhebenden Dimension, findet einerseits am Berg, andererseits aber auch im Kopf statt.

Früher oder später, ob in Tagträumen, kleinen aber feinen Zwischenzeilen des Tourenbuches oder der schlichten Erzählung – in Erlebnissen schlummernde Erinnerungen wollen emotional gar gekocht und geistig verdaut werden.

Dazu bedarf es eben geeigneten Raumes, Zeit und Mittel. Vielleicht sollte man doch einmal mehr einer Nacht auf einer Hütte am Berg den Vorzug geben, dafür einmal Autobahnraserei hin und her weniger. Vielleicht eher mal Biographie eines Anderl Heckmair als das 1000-ste Indie-Musik unterlegte 2min outdoor-action-Video auf Youtube mit Stroboskop-Schnitt. Lieber das tiefgründige Buch von Alexander Huber, als Speed-Filme. Vielleicht eher mal am Abend in Gedanken schwelgen, als direkt nach der Blitzdusche zum nächsten Freizeit-Termin zu eilen.

Womöglich bedarf es, da alpin als Label fast schon den Status von bio erreicht hat, der Vergegenwärtigung, dass auch alpine Verdauung Ressourcen und Mechanismen braucht, wie die Aufnahme einer Nahrung. Ob Bio-Kartoffel oder Alpin-Tour – wenn es bei Abfolge von fast-food bleibt, bringt outdoor auch weniger währende Nährstoffe für die Seele. Alpinismus muss aber mehr sein als kurzfristige Sättigung: Gehalt, Genuss und Leidenschaft!

Leidenschaft wurzelt im Erlebten, blüht selbst in der Gegenwart – gebärt aber in die Zukunft hinein. Darum geht es. Hans Kammerlander formuliert es spitzer: Ziele sind wichtiger als Erinnerungen. (bergundsteigen 1/09 S.4) Die richtigen Ziele gilt es zu finden. Dazu brauchen wir die Erinnerung, die Erfahrung und die Kontemplation, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, unsere Leidenschaft besser zu verstehen, unsere eigenen Ziele abzuleiten!

Allen viel Freude und gutes Erleben am Berg!

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