Alpin

Friends - kleine Freuden der mobilen Absicherung

11.09.2012

Friends – kleine Freuden der mobilen Absicherung

Die Bandbreite im Klettersport, wie ihn auch wir Freizeitkletterer betreiben, ist enorm. Von der Übungswelt Halle geht es zu noch dicht mit Bohrhaken abgesicherten Klettergärten, dann in alpine Sportkletterrouten und alpine Plaisirklettereien, weiter über sanierte, aber mehr Selbstabsicherung erfordernde Touren ferner hin zum umfassenden Abenteuer mit stilistisch-ethischen, absicherungstechnisch “moralischen” und nicht nur sportlichen Dimensionen…

Beispiel einer modernen Bohrhakenroute, wo jedoch mobile Absicherung möglich und sinnvoll ist: Via Romantica, Kopfkraxen, Wilder Kaiser. Hier gibt es auch mal ein paar Meter Luft für Friends im Riss bis zum ersten Haken über dem Stand (hier Beginn der zweiten Seillänge, Riss 40-50mm, passend z.B. Black Diamond Camalot Gr. 2, 37-64mm)

Da die Absicherung durch fixe Punkte wie Bohrhaken je nach Philosophie der Erschließer oder Erhalter in diesem Spektrum variiert ist also gute Vorbereitung in der Auswahl der Touren erforderlich. Am besten anhand aktueller Informationen über Zustand der Absicherungen aus neuerer Literatur, aus dem Freundeskreis oder über die zuständigen Vereine. Trotzdem – wissen tut man’s oft erst hinterher, wie “plaisir”eine Route war – gemessen an den Erwartungen. Besser also man geht mit Reserven und beherrscht mobile Absicherungstechnik, die auch mal über einen nicht gefundenen, entfernten, ausgebrochenen oder einfach zur Erschließungszeit noch “unnötig” gewesenen Haken hinweghilft. Konsens ist auch: Es gehört draußen ein bisschen Material zur Sicherheit an den Gurt.

Auch heutzutage lässt sich im breiten Riss kein Haken schlagen; wer nicht die Methode Holzkeil will, darf sich nun im Gegensatz zu 1925 (Erstbegehung durch Wiessner und Rossi) mit Friends zum ersten Haken über dem Stand vergnügen: Fleischbank SO-Wand, Wilder Kaiser. Passend hier Klemmgeräte mit Bandbreite 40mm-60mm.

Bekanntlich sind in den nördlichen Kalkalpen gerade die gemäßigt schweren Führen zwischen III und V (UIAA) traditionell eher spärlich mit fixen (Bohr-)Haken abgesichert. Denn als leichtere Anstiege führen sie meist durch hinreichend strukturierten Fels, so dass man mit Schlingen, Keilen und Friends gut zurecht kommt. Gerade also für den “alpinen Einstieg” schon sollte ein Bewusstsein für den Umgang mit mobiler Absicherung vorhanden sein. Ein Kurs bei Bergführern oder alpinen Vereinen empfiehlt sich klar, zudem das Lernen von erfahrenen Freunden.

Schlingen und Keile legen erscheint dabei als leicht. Gute Schlingen und gute Keile legen schon als schwieriger… Lernen sollte man es. So einfach und günstig die Mittel, so durchdacht mögen sie angebracht sein, damit nicht Seilzug sie davon lupft oder ein Sturz einfach nur in Schüben erfolgt. Gleiches gilt auch für Friends. Ein paar von ihnen sollten alpin zum Standardmaterial gehören, natürlich Gelände und Länge des Unterfangens angepasst.

Gute Tourenbeschriebe und Führer weisen darauf hin, welches Material, welche Größen bei Keilen und Friends sinnvoll im Gepäck sind – samt dem allfälligen Problem wie schlau man daraus wird, was z.B. ein Cam “Größe 4″ sein soll… siehe unten! Friends oder auch Cams (urspr. Camalot für zweiachsige Friends) oder die noch komplexeren LinkCams (Cams mit sequenzieller Segmentierung und enormer Bandbreite) erweitern den Spielraum auf Riss-artige Strukturen, wo Schlingen und Keile versagen. Sie sind zudem schnell gesetzt – erfahrungsgemäß rascher als ein passender und sodann stabiler Keil. Allerdings lernt man besser dazu, geeignet lange Runner oder Schlingen zwischen zu clippen, bevor es “fluppt” oder das schöne Metall per Seilbewegungen in teuer permanente Position gerüttelt wird…

Gerade in gemäßigten Schwierigkeiten kann es vorkommen, dass man eher der Nase, als einer Bohrhakenlinie nachlaufen muss – zwischendurch ein Friend vom Gurt und schon steht sich’s bequemer

Man übersehe nicht die Freuden daran, mit so einem cleveren Instrument sich (ohne Spuren zu hinterlassen!) Sicherheit schaffen zu können. Chapeau, Jardine! A Ray of genius. Die historisch oder auch technisch Interessierten mögen nachschmökern, wem wir dieses feine Material zu verdanken haben, siehe den verlinkten Bericht. Der Hinweis auf die Freude am mobilen Absichern ist sehr ernst gemeint – wer Routen geht, in denen ab und zu mal einer Sanduhr der Vorzug gegenüber blinkendem Haken gelassen wurde oder Köpfl Köpfchen fordernd, der erfährt und erlebt tiefer. Der Fels muss nämlich besser gelesen werden, nicht nur für Hand und Fuß, sondern auch für die Absicherung. Ein Grad niedriger mit mehr Erfolgen bei Findung und Handwerk kann ebenso schöne Erinnerungen schaffen wie ein Grad höher beim Sportklettern.

Sag mir, Freund, wie breit bist Du?

Standard-Probleme, wenn man sich endlich die schmucken Metalldinger zulegen möchte: Was ist das immer wieder zu lesende “Normalsortiment Keile und Friends”? Klare Antwort: Je nachdem. Wer im Yosemite Risse klettern geht, der mache sich darüber schlau, wer in Arco Sonnenplattentanz vorhat braucht vermutlich eher anderes Material. Typische Aussagen sind “naja, zwei, drei Friends Größe 0.5 bis 2″ oder auch “für die Schlüsselstelle einen Cam Größe 4″. Klingt fein, bringt so aber wenig. Angesichts der Komplexität eines Friends ist es nicht verwunderlich, dass Normierung auf eindimensionale Kenngrößen nicht ganz leicht ist.

Friends haben bei leicht unterschiedlichen Konstruktionen (v.a. einachsige, vs. hochwertigere und breiter einsetzbare zweiachsige oder sogar LinkCams) erheblich verschiedene Bandbreiten der Strukturen auf die sie angewendet werden können. Besser also man kennt die Breite eines fraglichen Risses oder die Kombination von Hersteller und Größenangabe…

“Friend Größe 4″ – kann je nach Hersteller recht verschiedene Klemmbereiche bedeuten! Friend-”Größen” sind nicht eindimensional oder auch normiert

Friend-Sortimente

Die zweiachsigen Systeme (z.B. DMM, Black Diamond) leisten etwas mehr Klemmbandbreite je Friend, indem sich die Segmente stärker überlappen können. Sie sind tendenziell auch preislich hochwertiger, vom Gewicht vernachlässigbar schwerer.

zwei Achsen vs. eine Achse – der Breitere Zweiachser (DMM Dragon Cam 6, 68-114 mm) macht sich auf Zug mit überlappenden Rotationsbereichen schmaler als der Einachsige (LACD Cam Gr. 4.5, 77-100 mm)

Somit sind Zweiachser als “die 2-3 Friends” für alle Fälle prädestiniert. Darüberhinaus lässt sich gut mit Einachsern ergänzen. LACD sticht dabei selbst unter den Einachsern preislich als günstigster Anbieter hervor und bietet insbesondere eine gute Chance, für Sondervorhaben günstig auch an große Freunde zu kommen. Wer sich für härtere Unterfangen, oder auch Reserven in Touren mit längeren, selbst abzusichernde Passagen ein ganzes Sortiment zulegen möchte, der achte darauf, dass sich die Anwendungsbandbreiten etwas überlappen, bzw. lasse häufig verwendete Größen auch mal doppelt am Gurt baumeln, damit nicht ein bereits angebrachter Friend weiter oben plötzlich fehlt.

Die Überlappung zwischen den Größen variiert auch je nach Hersteller (siehe Graphik und Datenblatt). Entscheidet man sich nicht für einen Hersteller allein, sondert mischt, so gibt es das manchen Kletterern wichtige Farbspiel: Denn wer auf den Komfort nicht verzichten möchte, in prekärer Wandlage bereits aus dem Augenwinkel am Gurt den rechten Friend finden zu können, der braucht beim Mix von Friends verschiedener Hersteller mehr Grips zur Erinnerung oder den so oft angemahnten wohlsortierten, aufgeräumten Gurt auch noch nachSeillänge 1. Man bemerke, dass sich die beiden Zweiachser DMM und Black Diamond ziemlich gut entsprechen, der Rest eher nicht.

aktuelle Farbschemata verschiedener Hersteller

Vom Klemmprinzip her ohnehin nahezu ident, kommen sich von der Bedienfreundlichkeit die Friends der meisten Hersteller nahe. Black Diamond Camalots und die Wild Country Helium Friends weisen eine vorteilhafte Schlaufe für den Daumen auf, welche ein rasches und sicheres Greifen und Platzieren deutlich unterstützt.

unterschiedliche Griffgeometrie – Plätze 1 bis 5 im Handling von links nach rechts: Black Diamond Camalot, Wild Country Helium, DMM, Climbing Technology Anchor Friend, LACD CAM

DMM sticht dafür etwas hervor mit der optional verlängerbaren Dyneema-Schlaufe am Klemmgerät, wodurch das Seil nach Clippen noch weniger am Klemmgerät arbeitet.

DMM Dragon Cam – der Drache lässt die Schlinge raus: Dyneema kann leicht verlängert werden

Am Rande

Wie könnte man die kleinen Helfer noch höher in den Himmel loben? Höchstens noch durch den Hinweis, dass das schöne, schneckenförmige Profil der Friendsegmente der Kreisresolvente folgt. Diese mathematische Schönheit hört, ganz flapsig gesprochen, auf die Parameterdarstellung x(t)=cos(t)+t*sin(t), y(t)=sin(t)-t*cos(t) bei Start zu t=0 in (x,y)=(1,0) und Initialsteigung gleich Null. Dieser Zusammenhang gründet darin, dass ja für viele verschiedene Rissbreiten konstante Klemmwirkung (über gleichen Klemmwinkel) erzielt werden soll – und die Kreisresolvente die schöne Eigenschaft aufweist, dass Kurventangente und Radialstrahl konstanten Winkel bilden.

die Kreisresolvente

Ein Kommentar

  1. Hallo!
    Guter Bericht und erwähnt mehrmals die Linkcams – aber leider habt ihr keine gestest (wie zB Omega Pacific). Schade eigentlich, denn was die Flexibilität anlangt, sind die Teile unschlagbar – nur leider etwas teuer…

    LG Mario

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