Reise

Trekking in Tasmanien: Begegnung mit dem Tod

24.08.2012

Trekking in Tasmanien: Begegnung mit dem Tod

Tasmanien! Die kleine Insel unterhalb des australischen Festlands schien für mich als Trekking Ziel lange Zeit völlig unerreichbar. So weit weg! Umso euphorischer war ich, als ich während meiner mehrmonatigen Reise durch Ozeanien doch plötzlich in Hobart, der kleinen, quirligen Hauptstadt ankam. Allein mit meinem kleinen Mietwagen stand ich da und war so voller Vorfreude, dass es mir zu aufwändig erschien, noch einen Trekkingpartner zu suchen. In den Alpen war ich bereits oft allein unterwegs gewesen – was sollte schon passieren?

Die Route: Cape Pillar Track, Tasmanien

Die Route: Cape Pillar Track, Tasmanien

Mir war mehrmals der Cape Pillar Track an der Ostküste Tasmaniens empfohlen worden. Innerhalb von drei Tagen führt er von der berühmten Felsklippe Cape Hauy über den knapp 500 Meter hohen Mt. Fortescue und weiter zum Cape Pillar mit der berühmten „Blade“, einem schmalen Felsgrat, der steil aufragt und unvermittelt ins Meer stürzt. Anschließend geht es auf flachem Terrain wieder zurück in die Zivilisation. Hätte ich geahnt, was genau auf mich zukommen würde, wäre ich womöglich nie aufgebrochen.

„In Tasmanien gibt es drei Schlangenarten. Alle sind tödlich giftig“, wurde mir gesagt

Mt. Fortescue, Tasmanien. Blick auf Cape Pillar

Mt. Fortescue, Tasmanien. Blick auf Cape Pillar

Während meiner Reise von Perth nach Melbourne hatten mich die Leute immer wieder vor den giftigen Schlangen gewarnt. Ich solle unbedingt immer Gamaschen tragen, denn alle drei Arten könnten auch Menschen töten, wurde ich belehrt. Mit Gamaschen an den Beinen und Gepäck für drei Tage startete ich Richtung Cape Hauy. Anfangs ging es durch lichte Eukalyptuswälder, sogar Menschen begegneten mir noch. Nachdem ich jedoch Richtung Mt. Fortescue abgebogen war, wurde es schlagartig völlig einsam. Der Wald wurde dichter, ich musste mich zunehmend durch dichtes Geäst kämpfen und unter zahlreichen Bäumen hindurchkriechen. Es war schrecklich schwül. Den Gedanken, dass ich die orangenen Wegmarkierungen übersehen und mich verirren könnte, versuchte ich zu verdrängen. Nach mehreren fordernden Stunden kam ich endlich auf dem Mt. Fortescue an konnte durch ein kleines Waldfenster aufs Meer blicken. Wie schön es doch war! Die Sonne schien, das Meer lag ruhig da, rundherum waren ungewohnte Klänge zu hören. Nach einer ausgiebigen Rast machte ich mich an den Abstieg, der wegen dem schlammigen Boden und schwer erkennbarem Weg nicht minder anstrengend war. Natürlich passierte das Unvermeidliche: Ich verlief mich, merkte es Gott sei Dank nach wenigen Minuten. Für einen kurzen Moment kroch die Angst in mir hoch. Sich hier zu verlaufen könnte böse Folgen haben, war ich doch bereits einen Tagesmarsch von der Zivilisation getrennt.

Schneller als erwartet erreichte ich den „Campground“, der nur daran erkennbar war, dass das Areal eine halbwegs ebene Fläche bot, die gerade für mein Zelt reichte. Ich baute alles auf, wusch mich und schlüpfte noch bei Tageslicht ins Zelt. Ich versuchte nicht daran zu denken, was nun alles auf Augenhöhe an mir vorbeikriechen könnte.

Trekking durch störrisches Gestrüpp, tiefe Seen und zahllose Spinnennetze

Die einzige Orientierungshilfe sind die orangenen Dreiecke. Fortescue, Tasmanien

Die einzige Orientierungshilfe sind die orangenen Dreiecke. Fortescue, Tasmanien

Der nächste Tag begann ebenso mühsam wie er aufgehört hatte. Inzwischen war es weniger Geäst als dichtes, mannshohes Gras, durch das ich mich kämpfte. Ich hatte mir vom Zeltplatz einen Wanderstock mitgenommen, den ich bald nur noch den „Web-Collector“ nannte, denn ich hielt ihn schützend vor mich, um nicht ständig die Spinnennetze im Gesicht hängen zu haben. Wie froh war ich, dass die Netze wenigstens nicht bewohnt waren. Halleluja!

Völlig unvermittelt stand ich nach einigen Stunden auf einer Ebene. Ich konnte sogar das Meer sehen! Und den Himmel! Ich war endlos glücklich. Kurz darauf wich aber die weite Steinfläche extrem dichtem, störrischem Gestrüpp. Durch die Regenfälle der vergangenen Tage waren die Wege teilweise kniehohe Seen. No way…. No way!Ich kämpfte mich durch das Gestrüpp, musste mich teilweise mit vollem Gewicht gegen die störrischen Äste lehnen, um irgendwie doch hindurchzukommen.

Endlich! Hurricane Heath, Cape Pillar Track. Tasmanien

Endlich! Hurricane Heath, Cape Pillar Track. Tasmanien

Völlig entnervt stand ich plötzlich wieder auf einer Anhöhe – und endlich war sie sichtbar. Die Tasman Island. Land in Sicht!! Endlich! Auf dem steinernen Meer legte ich meine Ausrüstung zum Trocknen aus. Was für eine Wohltat, die nasse Hose unter den Gamaschen zu trocknen… Ich baute das Zelt auf, wunderte mich nur einen kurzen Moment, weshalb meine Hose eigentlich immer noch an meinem Bein klebte, sie müsste doch schon längst trocken sein…  Erst einige Zeit später schaute ich kurz an mir hinunter – und musste schlucken. Heftig schlucken. Mein ganzes Hosenbein war ab dem Knie getränkt mit Blut. Es troff so stark aus meiner Kniekehle, dass ich nicht erkennen konnte, ob es ein (Blutegel) oder zwei Löcher (Schlange) waren. Oh shit… Die Australier hatten mir erzählt, dass die Schlangenbisse innerhalb von vier Stunden tödlich sein würden – bis zur nächsten Zivilisation war es ein voller Tagesmarsch.

Ich suchte nach Anzeichen von Gift in mir

Blick zurück Richtung Cape Hauy und Mt. Fortescue. The Blade, Cape Pillar Track, Tasmanien

Blick zurück Richtung Cape Hauy und Mt. Fortescue. The Blade, Cape Pillar Track, Tasmanien

Ich beobachtete meinen Körper und suchte nach irgendwelchen Anzeichen von Gift in mir. Nichts… Naja, wenn ich schon sterbe, dann kann ich das ja wenigstens am Ziel dieses Tracks machen. Keine Lüge, genau das habe ich tatsächlich gedacht. Jetzt im Nachhinein glaube ich, dass mein Unterbewusstsein überzeugt davon war, dass es kein Schlangenbiss gewesen sein konnte, dafür hatte es zu stark geblutet. Ich lief mit leichtem Gepäck die letzten eineinhalb Stunden zur Blade, wo ich mich immer noch gut fühlte. Das beruhigte mich. Ich genoss diese exponierte Felsnadel, machte viele Fotos und wanderte zurück zu meinem Zelt. Alles in Ordnung, ich lebe. Direkt nach dem atemberaubenden Sonnenuntergang legte ich mich ins Zelt zum schlafen. Ich wollte am nächsten Morgen mit dem ersten Tageslicht aufbrechen um so schnell wie möglich wieder zurück unter Menschen zu kommen.

Geschafft. Überlebt! Entspannen am Strand.

Geschafft. Überlebt! Entspannen am Strand.

Um fünf Uhr morgens joggte ich zurück, passierte den ungut klingenden „Snake Hill“ und war in der Hälfte der angegebenen Zeit zurück am Campingplatz. Menschen. Mein Auto. Ein Bier. Eine Dusche… Den restlichen Tag verbrachte ich am Strand und war glücklich. Glücklich, am Leben zu sein. Glücklich, zurück zu sein. Aber auch glücklich über diese eindrückliche, wichtige Erfahrung, denn seitdem kann ich darauf vertrauen, dass ich auch in gefährlichen Situationen ruhig und beherrscht bleibe. Eine Tugend, die mir nicht nur in der Bergwelt zugutekommt.

 

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