Testberichte

Im Test: Kletterschuhe Scarpa Boostic

24.08.2012

Im Test: Kletterschuhe Scarpa Boostic

Der Scarpa Booster und der Scarpa Stix “waren” toll: präzise, stabil und dynamisch beim Ziehen mit dem Fuß. Leider hatten diese Kletterschuhe im Test einen Nachteil – die unausgewogene Passform. Scarpa folgte scheinbar dem Feedback der Kletterer und erschuf ein neues Modell mit dem Namen Boostic. Der Neuzugang sollte die beiden angesprochenen Modelle mit einander perfekt verbinden und so ein noch besserer Kletterschuh werden. Die Wahrheit ist jedoch etwas komplexer, da dieser Scarpa Boostic einige Details von unterschiedlichen Scarpa Modellen vereint. Aber lest den Test einfach selbst!

Optik, Verarbeitung

Blau, grün, rot, weiß, schwarz – BUNT ist der Boostic

Die Kletterschuhe Scarpa Boostic ist mehr oder weniger ein bunter Hund. Sein Schaft ist in die Farben grün, blau, rot und weiß gefärbt, die horizontal zu einander verlaufen und so fast eine Regenbogen Optik erzeugen. Die Zehnbox wäre gänzlich weiß, wenn sie sich nicht unter dem vielem Gummi verstecken würde. Insgesamt gefällt mir die Farbpalette ganz gut, wobei ich mir sicher bin, dass eine Farbe auch gereicht hätte. Der vermittelte Eindruck des Designs ist weniger aggressiv, aber dennoch sehr sportlich und modern. Die Details sind wirklich auf das notwendigste begrenzt und unterstreichen die gesamte Optik. Einzig die Spinnweben am oberen Velcro kann ich in keine Relation zu diesem Kletterschuh setzen. Die Optik ist im Großen und Ganzen gut gelungen.

Alles top verarbeitet!

Die Verarbeitung erweist sich im Test als echt der Wahnsinn. Ich weiß nicht wie die das machen! Man sieht einfach keinen einzigen Kleberand am Leder oder andere Schwächen. Mein Boostic ist perfekt verarbeitet – wirklich beeindruckend. Es gibt nichts zu bemängelnd sondern nur zu bestaunen, wenn man diesen Kletterschuh in den Händen hält. Unglaublich wie fein die vielen Teile des Schuh´s mit einander verbunden werden. Würde mich interessieren wie lange die Italiener für so ein Paar brauchen!

Konstruktion des Scarpa Boostic

Das “Wie” beim Kreieren und Herstellen eines Kletterschuh´s hat meiner Ansicht nach den größten Einfluss auf seine spätere Performance. Scarpa macht sich erfahrungsgemäß sehr viele Gedanken in diesem Bereich, welche sich nicht nur auf die physikalisch optimalste Kraftübertragung beschränken, sondern sich sehr stark am Menschen orientieren. Auch beim Boostic wurden meiner Meinung nach wieder neue Akzente im Bereich Konstruktiongesetzt. Äußerlich ist dieser Kletterschuh von seinem Aufbau her nichts wirklich neues. Eine durchgehende, recht feste und stabile Sohle aus 3,5mm XS-Edge Gummi, wird auf ein Schaft aus Lorica (vorderer Zehenbereich und Ferse) und Leder (Mittelfußbereich und Innensohle) geklebt. Dieser Schaft ist ganz grob gesagt wie ein Slipper aufgebaut und wird mit zwei gegenläufigen Velcros am Fuß fixiert. Dies funktioniert im Test übrigens sehr gut.

So flach ist die Zehenbox nicht. Gerade außen hätte sie höher sein können

Die Zehenbox ist über dem großen Zeh gänzlich mit einem weichen und klebrigen Gummi versehen. Die übrigen Zehen werden mit einem streifenförmigen Ausläufer des Randgummis bedeckt, welches deutlich reibungsarmer ist. Dieser Streifen soll Lorica vor Abrieb schützen und wahrscheinlich die Dehnung in die Breite minimieren. Die Ferse ist ebenfalls mit einem reibungsstarken Gummi an der Außenseite versehen. Bis auf eine kleine Aussparung betrifft es die gesamte Außenseite. Die Ferse an sich ist im Vergleich zum Scarpa Instinct noch ein Stück schmaler und schlanker geworden. Das Material der Zugschlaufen hat sich im Vergleich zu früheren Modellen etwas geändert, bleibt jedoch hoch funktionell. Soviel zum Äußeren. Im Inneren verbergen sich jedoch noch viele Details, wie: unterschiedlich harte Bereiche des Randgummi´s und der Sohlenfläche. Die aktive Mittelsohle und die Erhebung in der Sohle, welche den großen Zeh unter Belastung unterstützt. Insgesamt ist der Scarpa Boostic ein sehr aufwendig hergestellter Kletterschuh mit vielen interessanten und einzigartigen Details, welche still und heimlich ihren Dienst am Tritt verrichten.

Passform und Größe

Die Form ist nicht extrem aber sportlich kurvig

Dieser Bereich ist auch nach ausführelichem testen irgendwie schwierig zu charakterisieren. Fakt ist, das Boostic, weder mit der Passformdes Stix noch mit Booster zu tun hat. Der Leisten ist etwas ganz eigenes und völlig autonomes. Wenn ich Boostic mit einem vorhandenen Scarpa Kletterschuh vergleichen müsste, dann würde ich mich für Instinct S entscheiden. Die Form ist ähnlich nur ist die Zehenbox ein kleines bisschen flacher. Das Volumen ist in etwa gleich und die Größe fällt auch ähnlich aus. Obwohl ich der Meinung bin, dass Boostic 1/4 Größe kleiner als Instinct S ausfällt. Die 41,5 EU ist für meinen Fuß die absolute Minimalgröße. Kleiner geht es nicht! Ich bezweifle jedoch ob die 42 EU optimal wäre, denn mein großer Zeh wird bei 41,5 EU schon nicht gänzlich aufgestellt. Ich vermute bei 42 EU hätte ich Probleme vorne Anschluss zu finden. Der Schuh wirkt kurz und man glaubt nicht, dass man da sein Fuß reinbekommt, aber wenn man drin ist gibt der Boostic interessanter Weise in alle Richtungen einen mm nach und man fühlt nicht die erwarteten Schmerzen. Scarpa Boostic ist somit raus aus dem Karton ein bequemer und anschmiegsamer Kletterschuh mit einer vorgeformten Zehenbox und flexibel anpassbaren mittleren Bereich.

Boostic ist eher tief geschnitten

Universal würde ich die Passform nicht beschreiben, denn je breiter der Fuß, desto unangenehmer wird der Boostic. Hat man lange Zehen sollte man evtl. zu einer größeren Größe greifen. Viel Dehnung findet beim Boostic nicht statt. Maximal 1/4 Größe kann man dem künstlichen Fußkompressor Lorica meiner Erfahrung nach abringen, dann ist Schluss. Es lohnt sich also nicht die gute, alte Dehnreserve einzukalkulieren und sich unnötig zu quälen. Wirklich flach und entspannt ist die Zehenbox im Test nicht. Alle meine kleinen Zehen sind maximal aufgestellt und bekommen ordentlich Druck vom Gummiband oben drüber, was insgesamt auch die größte Passformproblematik für mich darstellt. Für einen so eng anliegenden Kletterschuh ist Boostic an und für sich dennoch außerordentlich komfortabel. Man kann von Anfang an 5-10 min am Stück in ihm aushalten ohne in Tränen auszubrechen. Bei ständiger Nutzung weitet er sich kaum und schrumpft auch nicht in die ursprüngliche Größe zurück, so dass man einen formbeständigen und komfortablen Kletterschuh behält.

Performance

Die durchgehende Sohle bringt mehr Stabilität, beeinträchtigt die Bewegungsfreiheit jedoch minimal

Ich liebte das Treten mit dem Stix und mochte den Scarpa Booster ebenfalls sehr, wobei er für mich nicht an Stix heran reichte. Boostic klettert sich weder wie der eine noch wie der andere, sondern eher wie der Instinct. Dabei ist er für mich präziser und feinfülliger als dieser mittlerweile beliebter Schnürer. Das kann an der schmaleren Passform, der etwas steiler zulaufenden Spitze oder dem aktiven Zwischensohlenaufbau liegen. Fakt bleibt, dass Boostic ein wirklich präzises Antreten mit der Spitze erlaubt. Man sucht ungewollt immer wieder die Spitze weil sie sich so gnadenlos genau platzieren lässt. Das Belasten von Tritten benötigt beim Testen etwas Spannung im Fuß, ohne dieser biegt sich der Schuh durch und man hat nicht das Gefühlsuper sicher zu stehen. Bringt man diese aber auf, dann ist die Tritt-Sohle Verbindung exzellent.

Auf kleinen Leisten geht Boostic, mit etwas Fußschmalz, voll ab!

Das Feedback an das Gehirn ist ebenfalls gut, was sicher an unterschiedlich harten Bereichen der Sohle liegt. Ganz so feinfühlig wie ein weicher Slipper ist dieser Velcro zwar nicht, für ein unterstützenden Kletterschuh ist das Gefühl jedoch mehr als ausreichend. Das XS-Edge Gummi ist recht kantenstabil, was man gut auf kleinsten Tritten feststellen kann. Für mich ein gutes Gummi, welches auch gut reibt und definitiv nicht rutschig ist, wenn man es einigermaßen sauber hält. Jedenfalls waren die Reibungstritte bis jetzt nie ein Problem. Ich bin mit dem Boostic nun mittlerweile am Fels und in der Halle intensiv geklettert und, muss sagen, dass ich nie abrutschte oder das Gefühl hatte keinen Halt zu finden. Steht der Fuß ausnahmsweise nicht sofort, findet man dank des Gefühls die beste Position recht schnell und behält diese ohne viel Mühe bis zum Verlassen des Tritts. Das Ziehen mit dem Fuß geht trotz der durchgehenden Sohle ebenfalls gut. Nicht so gut wie mit einem speziellen Boulderschuh, aber völlig ausreichend um in 45° Überhängen zu bouldern oder sich in Traversen über speckige Tritte seitlich drüber zu ziehen. Insgesamt weist Boostic ein, in allen Bereichen ausgewogenes Trittverhalten auf, welches nicht nur für ein sicheres Gefühl sorgt sondern auch viel Spaß macht.

Die Ferse ist super zum hooken

Das Hooken ist simple und macht ebenfalls Laune. Die schmale aber nicht zu schmale Ferse lässt sich überall gut platzieren und dank des klebrigen Gummi´s gut belasten. Boostic klebt wirklich gut an den Hooks und macht das Leben so einfacher. Ein Abrutschen kommt zwar immer wieder vor, wenn man nicht genug Körperspannung aufbringt, aber da kann ja der Kletterschuh nichts dafür.

Hackeln mit dem Zeh geht trotz minimaler Größe super!

Das Toe-Hooken ist dank der Minimalgröße nicht ganz so geil aber dennoch irgendwie klasse. Die Gummierung über dem großen Zeh bietet viel Reibung und lässt sich auch dank der flacheren Zehenbox etwas besser “bedienen”, was insgesamt gute bis sehr gute Leistungen von Anfang an ermöglicht. Mit der Zeit und längerem Testen werden die Toe-Hooks immer einfacher zu halten. Entweder liegt es an der Gewöhnung oder an der flexibler werdenden Zehenbox und somit besseren Kraftübertragung auf das Gummi.

Alles in einem ist die Performance schwierig in ein passendes Satz zu giessen. Das Wort Allrounder wird zwar den Leistungen eines Boostic nicht wirklich gerecht, charakterisiert ihn aber dennoch am besten.

Haltbarkeit

Ferse ist sehr funktionell und robust gummiert

Die Sohle aus XS Edge hält leider nicht unendlich, vor allem dann nicht, wenn man im Langzeittest an besandeten Kletterhallen Wänden unterwegs ist. Nichts desto trotz finde ich das Verhältnis Reibung und Verschleiß gut. Dank der Ultra präzisen Spitze verschleißt diese durch den permanenten Gebrauch direkt vorne auch am schnellsten . Eine Wiederbesohlung macht bei solch einem hochwertigen Kletterschuh auf jeden Fall Sinn. Es stellt sich nur die Frage nach, dem geeigneten Schuhmacher. Ich bezweifle, das es in Deutschland einen gibt, der die Original Verhältnisse von Kantensteifigkeit, Sensibilität und Präzision wieder herstellen kann. Die Boostic Sohle ist eben sehr aufwendig hergestellt worden, so dass ein gescheiter Wiederaufbau fast einer Neukonstruktion ähnelt würde. Die Passform und der Komfort gehen jedoch mit Sicherheit nicht verloren. Andere Gummiteile, wie die Gummierungen der Zehenbox und der Ferse, lösen sich Gott sei Dank nicht ab. Das liegt an der Machart, welche die kritischen Zonen, an denen oft hohe Kräfte wirken, geschickt unter anderen Gummiteilen versteckt hält. Ich persönlich glaube nicht daran, dass diese Ferse und die Zehenbox jemals Probleme mit Ablösungen bekommen. Aber eigentlich kann man alles zerstören. Was ich etwas kritischer sehe, sind die beiden Klettverschlüße. Bereits beim Booster und Feroce traten mit der Zeit Probleme mit der Verschlusskraft dieser Teile auf. Rein subjektiv hat sich daran auch beim Boostic nichts geändert. Man braucht wenig Kraft, um die Klettverschlüße zu öffnen. Kommt mit der Zeit Chalck, Dreck und mechanischer Verschleiß dazu, sehe ich die Problematik des selbstständigen Öffnen´s auch bei diesem Modell. Leider. Hoffentlich täusche ich mich.

Empfehlung/Einsatzbereich

flach, gemütlich, aggressiv am Tritt – was will man mehr?

Mittlerweile habe ich den Kletterschuh Scarpa Boostic überall ausprobiert und getestet, bis auf den alpinen Einsatz. Egal ob am Fels oder in der Halle schlug sich Boostic wirklich hervorragend. Ich hatte keine Probleme Tritte zu treffen und sie mit vollem Gewicht zu belasten. Will man auf dem Boostic 80 kg auf etwas sehr kleinem wegstehen muss man jedoch seine Fußmuskeln schon etwas bemühen. Nicht so stark wie bei einem Slipper aber passiv Stehen ist hier mich angesagt. In Dächern des Boulderraums bewährte sich dieser Kletterschuh ebenfalls auch wenn man deutlich mehr Spannung gebraucht hat um die Tritte halten zu können. Dank seiner Hookeigenschaften und der ausgewogenen Tritt-Performance ist Boostic ein Allrounder der je nach Größenwahl in jeder Spielart des Klettern´s zu hause ist. Ab dem 8tem UIAA Grad macht er am meisten Sinn und ist da sein Geld definitiv wert.

Test-Fazit zu den Scarpa Boostic Kletterschuhen

Ein Pärchen für alle Fälle

Es zeigt sich immer wieder, dass Scarpa bei ihren Produktbeschreibungen weniger Selbstbeweihräucherung betreibt, sondern mehr auf Realität und Tatsachen setzt. Scarpa Boostic ist zwar präzise und stabil auf der Spitze aber auch genügend sensibel, was ihm nahezu jedes Gelände öffnet. Er ist zwar keine Neuerfindung der Präzision, aber die Kombination aus dieser, dem Komfort und dem bombigen Halt machen ihn einzigartig. Waren Scarpa Kletterschuhe bis jetzt sehr breit, ist Boostic nun eine Abhilfe für alle schmalfüßigen Kletterer. Ein Versuch lohnt sich alle mal. Der hohe Preis ist natürlich ein nicht von der Hand zu weisender Gegenargument. Doch wenn man diesen Kletterschuh in der Hand hält, will man ihn anziehen. Hat man ihn an, möchte man ihn anklettern. Hat man ihn geklettert, nimmt man ihn mit. Ganz einfach ist das.

 

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